„back to the roots“

6. Gemeinschaftstagung von SGI, DGI und ÖGI

PDF

Anlässlich der 6. Dreiländertagung versammelten sich die Fachgesellschaften der schweizerischen, deutschen und österreichischen Gesellschaft für Implantologie vom 29. November bis
1. Dezember 2012 im erst kürzlich renovierten und neu eröffneten Kursaal in Bern.

 

Nationale und internationale Sprecher referierten zu Themen rund um die Möglichkeiten von Zahnerhalt und implantologischen Konzepten unter dem Motto „back to the roots“. Im Mittelpunkt der Vorträge standen die individuelle Patientenbehandlung und die Errungenschaften der letzten Jahren mit Blick auf zukünftige Entwicklungen und Behandlungskonzepte. Die Inhalte der Vorträge reichten vom Zahnerhalt in Bezug auf parodontologische Therapien über die konventionelle und chirurgische Endodontologie bis hin zu den implantologischen Themenbereichen der Augmentation, Weichgewebschirurgie und der prothetischen Behandlungsmöglichkeiten.

Der Schwerpunkt der Workshops lag ebenfalls auf den Technologien rund um das Hart- und Weichgewebsmanagement. In den sogenannten „focussed sessions“ am letzten Tag wurden beispielsweise die neuesten Guidelines der Pharmakotherapie und Besonderheiten in der zahnmedizinischen Anatomie behandelt. In einer weiteren „focussed session“ wurde auch auf die neuen Technologien bezüglich Keramiken, Membranen, die Digitale Volumentomographie und den Einsatz des Lasers eingegangen.

Die Implant expo in den Ausstellungsräumen des Kursaals fand großen Anklang bei den Kongressbesuchern. Die umfangreiche Ausstellung gab den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich über die neuesten Entwicklungen und Produkte der Industrie zu informieren und ins Gespräch zu kommen.

Eine vorhersehbare
therapeutische Disziplin

In seiner Eingangsrede hielt Dr. Claude Andreoni (Zürich), Präsident der SGI, fest, dass sich die Implantologie in den letzten Jahrzehnten zu einer vorhersehbaren therapeutischen Disziplin innerhalb der Zahnheilkunde entwickelt hat. Der Implantologe könne heute auf viele evidenzbasierte Protokolle zurückgreifen und trage auch eine hohe Verantwortung, diese Erfolgsgeschichte fortzusetzen. Weiterhin betonte er, dass der Weg zu den heutigen Konzepten von vielen „euphorischen Behandlungsstrategien“ begleitet war, die nicht immer zu befriedigenden Ergebnissen, weder für die behandelnden Ärzte noch für die Patienten, geführt hätten. Der nunmehr evidenzbasierte Status quo sollte aber nicht dazu verleiten, sich neuen Entwicklungen zu verschließen. Im Sinne des Mottos „back to the roots“ sollten Entwicklungen kritisch beleuchtet werden, um sich nicht durch falsche Versprechungen oder finanzielle Motivation zu unsicheren Behandlungskonzepten hinreißen zu lassen. Im Vordergrund muss auch in Zukunft das Bestreben sein, mit konsolidierten Fakten einen nachhaltigen Gewinn für den behandelnden Arzt und die Patienten zu erzielen.

Lange Tradition

Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden (Kassel), zu diesem Zeitpunkt noch der Präsident der DGI, blickte in seiner Begrüßung auf die mittlerweile langjährige Tradition der Gemeinschaftstagungen zurück. Weiters hob er die Bedeutung des Kongressthemas, im Sinne der Ethik und Glaubwürdigkeit den Fokus auf den Zahnerhalt zu legen, hervor. Prof. Dr. Dr. Werner Zechner, Präsident der ÖGI, gab in der Begrüßung seine unmittelbare Erfahrung mit einer „SOP“ (Standard Operation Procedure) in der Luftfahrt an das Publikum weiter. Seine Anreise aus Wien fand an diesem Tag unter erschwerten Bedingungen statt, da die Maschine in Bern keine Landeerlaubnis erhielt. Prof. Zechner wies auf das abwechslungsreiche Kongressprogramm hin und bedankte sich bei den Organisatoren für die intensiven Vorbereitungen sowie bei den Industriepartnern für deren Unterstützung.

Dr. Rino Burkhardt (Zürich) vom wissenschaftlichen Komitee der SGI gab einen kurzen Einblick in die Kongressorganisation und betonte die Wichtigkeit, von Anfang an ein kompaktes und übersichtliches Vortragsprogramm zu erstellen. Die maximale Anzahl von 1.300 Teilnehmern zeige, dass man das Ziel des Kongressprogramms „weniger ist mehr“ erreicht habe. Die Eröffnung schloss mit der Ehrung der Tagungspreisträger 2011 in Dresden, der Überreichung der ZZI-Jahresbestpreise 2011 der DGI-Mitgliedszeitschrift ZZI in den Kategorien „beste experimentelle Arbeit“ an PD Dr. Matthias Karl, Erlangen, und „beste klinische Arbeit“ an Dr. Sandy Cepa, Freiburg, sowie der Begrüßung von Zahnarzt Matthias Weidmann aus Friedberg (Hessen), dem 7.777. Mitglied der DGI, durch Prof. Terheyden.

In der mitreißenden Eröffnungsrede, gehalten von dem Produzenten und Künstler Christian Gantsch, entführte dieser die Anwesenden in die Welt des Orchesters. Was man als Außenstehender beim Besuch eines Konzerts als angenehmes „Gesamtkonzept“ empfindet, ist harte Arbeit für alle Beteiligten, und die Parallelen zu einer erfolgreichen Unternehmensführung schienen für den Zuhörer verblüffend. So sei es die zentrale Aufgabe eines Dirigenten, strategisch zu handeln, um das Wechselspiel der Kompetenzen zu „moderieren“.

Die Aufgaben im Orchester seien wie in einem Unternehmen klar verteilt, die Mitverantwortung und die Flexibilität des Einzelnen seien unabdingbar, um zu einem harmonischen Ergebnis zu kommen. Nicht nur die Spitzenleistung eines Individuums stehe im Vordergrund, sondern auch die Fähigkeit, miteinander zu arbeiten. „Aufeinander hören und miteinander handeln“ war eine Aussage von Christian Gantsch, die zeigen sollte, dass der Respekt innerhalb eines Personenkreises obligatorisch ist. Mit Musikbeispielen untermalte er aktiv seine Beschreibungen und führte sehr plastisch das Leben in einer „Orchesterstruktur“ aus.

Zahnerhalt ist oberstes Ziel

In der ersten Vortragsreihe am Donnerstagvormittag ging Dr. Burkhardt der Frage nach, wie viel ein Zahn noch wert ist. Sein Vortrag war geprägt von interessanten Statistiken und Feldstudien, die einen Einblick in die Behandlungsentscheidungen gaben. Es wurde klar, dass trotz aller Technologie der Erhalt der Zahnsubstanz oberstes Behandlungsziel sein und bleiben muss.

Prof. Dr. Dr. Ingrid Grunert (Innsbruck) referierte über den Einfluss der Restdentinstärke bei Stiftaufbauten. Die Trendwende der letzten Jahre zeige, dass Stiftaufbauten hauptsächlich bei reduzierter Zahnhartsubstanz zum Einsatz kämen. Sie zeigte, dass der Einsatz von Stiftaufbauten nach wie vor seine Berechtigung hat, die Summation vieler Risikofaktoren jedoch zu einem Misserfolg führen kann.

In seinem Vortrag über das reduzierte Parodont und über Furkationsprobleme beschäftigte sich Prof. Dr. Hannes Wachtel (München) mit der Frage, bei welchem Patienten und zu welchem Zeitpunkt Behandlungsentscheidungen getroffen werden sollten. Anhand einer „timeline“ brachte er dem Publikum seine Überlegungen zur Behandlungsentscheidung näher. PD Dr. Matthias Zehnder (Zürich) ging in seiner Präsentation über die ortho- und retrograde Endodontie auf den Status quo der modernen Endodontie ein. Der erste Kongresstag schloss mit einem Vortrag von Prof. Dr. Andreas Fillipi (Basel) über Zahntransplantationen. Er behandelte die Zahntransplantation im Milchzahn- und bleibenden Gebiss anhand von Fällen, einer systematischen Einteilung und basierend auf den biologischen Möglichkeiten.

Brisante Themen

Der zweite Vortragstag griff brisante Themen aus dem Bereich der Parodontologie und Implantologie auf und durchleuchtete diese kritisch. So referierte Prof. Dr. Andrea Mombelli (Genf) über den parodontalen Risikopatien-ten und die implantologische Versorgung, die bei den entsprechenden Patienten auch in komplexen Situationen möglich ist. Ganz klar betonte er, dass die abgeschlossene Parodontalbehandlung und die engmaschige Nachsorge die unabdingbaren Voraussetzungen für den Erfolg der Implantatbehandlung bei parodontal vorgeschädigten Patienten sind.

Im Vortrag über die Ästhetik ging Dr. Rudolf Fürhauser (Wien) auf die Überlegungen des Prothetikers ein, um in Zusammenarbeit mit dem Implantologen ein optimales Behandlungsergebnis für den Patienten zu erzielen. Prof. Dr. Christoph Hämmerle (Zürich) veranschaulichte in seinem Vortrag die zunehmende Evidenz der kurzen Implantate und deren Bedeutung als minimal-invasives chirurgisches Vorgehen. Zum Thema der Sofort- und Frühbelastung referierte Prof. Dr. Dr. Daniel Buser (Bern), basierend auf den Konsensusberichten, Publikationen und Erfahrungen der letzen Jahre und gab einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.

Ein Vortrag etwas anderer Art bildete den Abschluss des Vormittags. Prof Dr. Giovanni Maio (Freiburg) ging auf die ethische Verantwortung des Zahnarztes im Spannungsfeld zwischen Patientenwünschen und den eigenen Interessen im Arbeitsalltag ein.

Der Freitagnachmittag wurde von Prof. Zechner mit seinem Vortrag über die geführte Implantatchirurgie eröffnet. Die Entwicklung der Technologien auf diesem Gebiet, so Prof. Zechner, zeigten heute eine bessere Präzision, deren Einsatz erfordere aber nach wie vor eine genaue Patientenselektion. Trotz Fortschritt dieser Technik sei ein hohes Ausbildungsniveau des Chirurgen erforderlich, um beim Auftreten von technischen Komplikationen eingreifen zu können.

Wissenschaft verpackt
als Kabarett

Gäbe es einen Preis für den besten kabarettistischen Auftritt, ohne die Inhalte des Vortragsthemas zu vernachlässigen, wäre dieser ganz klar an Prof. Dr. Ralf Kohal (Freiburg) über seine Ausführungen zum Thema „Keramikimplantate“ gegangen. Mit viel Humor gab er in seinem Vortrag ein Update zu den Kosten und Indikationen. Prof. Dr. Jürgen Becker (Düsseldorf) folgte mit seinen Ausführungen über die wissenschaftliche und klinische Entwicklung des Platform Switching und dessen Möglichkeiten, den perkrestalen Knochen zu erhalten.

Kühler Knochen: Welche Vorteile die Piezochirurgie im klinischen Alltag spielen kann, veranschaulichte Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz (Wiesbaden) mit präklinischen und klinischen Arbeiten. So zeigte er, dass die Kühlung des Knochens zu hervorragenden histologischen Ergebnissen führt und so eine thermische Schädigung des Knochens vermieden werden kann.

„focussed sessions“

Fokus-Sitzung Pharmakotherapie: Der letzte Kongresstag war geprägt von den „focussed sessions“. So widmeten sich PD Dr. Dr. Dominik Ettlin (Zürich) im Vortragsblock der Pharmakotherapie den Analgetika und ihren Wirkungsmechanismen bei oralchirurgischen Eingriffen. Der verantwortungsvolle Umgang und der richtige Einsatz der Antibiotikatherapie wurden von Prof. Dr. Dr. Bilal Al Nawas (Mainz) ausführlich besprochen. In einem weiteren Vortrag wurde das spannende Thema der Bisphoshonattherapie in Zusammenhang mit enossalen Implantaten anhand der rezenten Literatur beleuchtet. In seinem Vortrag zum Thema Antikoagulantien gab Dr. Carlos Madrid (Lausanne) einen Überblick über bestehende und neue Medikamente auf diesem Gebiet und deren Bedeutung bei oralchirurgischen Eingriffen.

Fokus-Sitzung Technologie: In der Session über die neuen Technologien referierte Prof. Dr. Matthias Kern (Kiel) über die Einsatzmöglichkeiten und Materialunterschiede der vollkeramischen implantatgetragenen Rekonstruktionen. Zum Thema „Membranen“ zeigte PD Dr. Dr. Daniel Rothamel (Köln) die unterschiedlichen Zusammensetzungen, Eigenschaften und deren Einsatzgebiete auf. Die Digitale Volumentomographie als diagnostisches Verfahren hinsichtlich der Identifizierung anatomischer Strukturen und deren Einsatzmöglichkeit bei der Implantatplanung wurden von PD Dr. Michael Bornstein (Bern) behandelt; nicht nur die Möglichkeiten des DVT, sondern auch die Limitationen und das Thema Strahlenschutz waren Inhalt dieses Vortrags. Basierend auf der verfügbaren Evidenz sprach Prof. Dr. Frank Schwarz (Düsseldorf) über die Anwendung des Lasers
im klinischen Einsatzbereich der Implantologie.

Fokus-Sitzung Anatomie: Einen weiteren Schwerpunkt der „focussed sessions“ stellten die anatomischen Besonderheiten dar. Prof. Dr. Thomas von Arx (Bern) referierte über die anatomischen Strukturen in der anterioren Maxilla. Zwar sei diese Struktur immer klinisch bedeutsam gewesen, so Prof. von Arx, doch erst die Diagnostik im Zeitalter der dreidimensionalen Darstellung habe zu einem besseren Verständnis geführt und erlebe derzeit ein Revival. Die Vielfalt an anatomischen Besonderheiten des Sinus maxillaris und deren physiologische und therapeutische Bedeutung behandelte Prof. Dr. Dr. Georg Watzek (Wien) in seinem Vortrag. An diesem Vormittag wurde von Prof. Dr. Dr. Johannes Kleinheinz (Münster) auch die Blutversorgung als kritischer Punkt in der Planung von oralchirurgischen Eingriffen beleuchtet. In seiner Präsentation über die Mandibula ging Prof. Dr. Dr. Norbert Jakse (Graz) auf die anatomischen Strukturen und deren Bedeutung bei chirurgischen Eingriffen ein.

Innovationen und
Perspektiven

Die letzte Session des Kongresses war geprägt von den Innovationen und zukünftigen Perspektiven in Forschung und Klinik. PD Dr. Irena Seiler (Zürich) leitete als Moderatorin und erste Vortragende mit ihren Überlegungen zum Thema „Wohin geht die Entwicklung der Zukunft?“ die Sitzung ein. Prof. em. Isao Ishikawa (Tokio) präsentierte seine In-Vitro- und präklinischen Ergebnisse zur Stammzellforschung und wies auf die Durchführung eines klinisches Projekts zum Thema Parodontalregeneration mit „cell sheets“ hin. Prof. Dr. Martin Lorenzoni (Graz) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der Problematik der Rezessionen und den mikrochirurgischen und prothetischen Lösungsmöglichkeiten dieser Fälle. Der Einsatz von schonenden Augmentationstechniken und Biomaterialien und die Zusammenarbeit mit dem Team standen im Vordergrund des Referats von Prof. Terheyden. Der provokanten Frage, ob die Sinusbodenelevation in Zukunft auch ohne Augmentation auskommen werde, ging Dr. med. dent. Bjarni Elvar Pjetursson (Reykjavik) in seinem Vortrag nach. Prof. Dr. em. Niklaus P. Lang (Hongkong) sprach über die Zuverlässigkeit von prognostischen Indikatoren für periimplantäre Erkrankungen und zeigte deren bisherige Entwicklungen und limitierte Aussagekraft auf. Den Abschluss des Nachmittags gestaltete PD Dr. Konrad Hille (Offenburg) mit seinem Vortrag über die Osteo-Odonto-Keratoprothese. Diese Form der „Augenprothese“ beinhaltet einen Zahn mit umgebenden Knochen und wird seit 18 Jahren sehr erfolgreich im klinischen Alltag angewandt. Die Tagung schloss mit der Preisverleihung des Research Award.

Voneinander lernen
und profitieren

Die Gemeinschaftstagung der implantologischen Fachgesellschaften aus der Schweiz, Deutschland und Österreich war nicht nur eine länderübergreifende Veranstaltung, sondern auch eine Veranstaltung, die zeigte, dass die verschiedenen zahnmedizinischen Fachrichtungen bisher und auch in Zukunft voneinander profitieren können. Als implantologische Tagung unter dem Motto „back to the roots“ reichte das Vortragsspektrum über die klassischen implantologischen Fragestellungen hinaus und zeigte, wie viele Möglichkeiten es gibt, das gemeinsame Ziel einer erfolgreichen Patientenbehandlung zu erreichen.

Dr. Ulrike Kuchler, Bern


(Stand: 05.03.2013)

DGI Nachrichten aktuell

In Memoriam an Karl-Ludwig Ackermann. Ein Nachruf von Prof. Dr. Günter Dhom und Gedenken an einen ganz „Großen“ der Zahnmedizin. 

zum Nachruf an Dr. Ackermann

Aktuelle Ausgabe 3/2020

Im Fokus

  • Kippkonus-Abutment
  • Statine und Bisphosphonate
  • Teleskopierende Hypridbrücke

FORTBILDUNGSANGEBOTE DGI

Die DGI bietet ein umfassendes und überregionales Fortbildungsangebot an. 

WERDEN SIE AUTOR

Sie haben ein spannendes Thema aus dem Bereich der Implantologie und würden gerne einen Artikel dazu in der ZZI veröffentlichen? Dann nutzen Sie unseren Editorial Manager und reichen Sie ihr Manuskript direkt bei uns ein.

Manuskript einreichen