Nervläsionen

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PD Dr. mult. Peer W. Kämmerer

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Bei iatrogenen Verletzungen des Nervus trigeminus handelt es sich um unangenehme Komplikationen im Rahmen eines zahnärztlichen Eingriffs. Eine frühzeitige Planung der weiteren Therapie ist entscheidend. Daher werden in dem vorliegenden Beitrag die derzeitigen Therapiemöglichkeiten herausgearbeitet und dargestellt.

EINLEITUNG

Verletzungen von peripheren Ästen des Nervus trigeminus (Nervus lingualis und/oder Nervus trigeminus) stellen mitunter die problematischsten Komplikationen im Rahmen invasiver zahnärztlicher Eingriffe mit potenziellen medizinrechtlichen Implikationen dar. Eine Therapie sollte frühzeitig erfolgen, wobei in der spärlich vorhandenen Literatur zum Teil von unbefriedigenden Zeitintervallen von mehr als 12 Monaten zwischen Verletzung und Reparaturversuch berichtet wird. Dieses Phänomen beruht möglicherweise darauf, dass in der Mehrheit der Fälle eine Besserung von selbst auftritt. Tatsächlich sind die Folgen einer fehlgeschlagenen Genesung für den betroffenen Patienten zu gravierend, um nicht in allen Fällen die potenziellen Optionen zur Rekonstitution auszuschöpfen.

HINTERGRUND UND FRAGESTELLUNG

Der Nervus trigeminus, der fünfte Hirnnerv, stellt den größten peripher-sensorischen Nerv des Körpers dar und versorgt sensibel das Gesicht, die Augen, den Mund und den Skalp über seine 3 peripheren Äste (Nn. ophthalmicus, maxillaris, mandibularis). Ebenso innerviert er die Kaumuskulatur. Periphere Schädigungen des Nervus trigeminus können bei vielen invasiven zahnärztlichen oder zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen auftreten (Abb. 1) [8]. Von iatrogenen Schäden nach invasiven zahnärztlichen Eingriffen sind vor allem der Nervus lingualis (lose im Weichgewebe im lingualen Unterkieferseitenzahngebiet) und der Nervus alveolaris inferior (in seinem knöchernen Kanal bzw. vor seinem Eintritt in das Foramen ovale) betroffen.

Die Prävalenz einer temporären Nervschädigung des Nervus lingualis und/oder des Nervus alveolaris inferior nach Osteotomie von retinierten Weisheitszähnen liegt, je nach Studie, zwischen 0,3 und 13 % [9]. Permanente Schäden (> 3–6 Monate) sind seltener; so wird derzeit davon ausgegangen, dass beispielsweise die Leitungsanästhesie des Nervus alveolaris inferior eine permanente Nervschädigung in 0,0001–0,001 % aller Fälle zur Folge hat [7].

Beeinträchtigungen der Nervfunktion persistieren mit höherer Wahrscheinlichkeit, wenn es sich um schwere Nervschädigungen gehandelt hat, der Patient bereits älter ist, ein längeres Zeitintervall zwischen dem Schaden und der Behandlung liegt sowie wenn der Schaden weiter proximal am Hauptnerv zu liegen kommt [14]. Ist ein Nervschaden aufgetreten, leiden die meisten Patienten oft trotz Anästhesie/Hypästhesie/Parästhesie im Versorgungsbereich an zusätzlichen neuropathischen Schmerzen, Dysästhesien, Allodynien und Hyperalgesien [14]. Daraus resultieren nicht selten eine reduzierte Lebensqualität, psychische Beschwerden und soziale Behinderungen [10]. Das veränderte Gefühl in der orofazialen Region kann das Sprechen, Essen, Küssen, Rasieren, Schminken, Zähneputzen und Trinken, in der Tat fast jede soziale Interaktion, beeinträchtigen (Abb. 2) [17] .

Da es sich bei den zahnärztlichen Eingriffen oft um elektive Prozeduren handelt und die Patienten von der Behandlung funktionelle und/oder ästhetische Verbesserungen erwarten, fällt es ihnen schwer, mit solchen Folgen umzugehen [14], insbesondere in Fällen unzureichender präoperativer Aufklärung. Zur genauen Beurteilung dieser Verletzungen reicht eine lediglich mechano-sensorische Evaluation nicht aus. Vielmehr sollten, analog zu den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization [WHO]), die Ausprägungen der Nervverletzungen holistisch in Bezug auf Beeinträchtigungen, Aktivitätseinschränkungen und weitere Restriktionen untersucht werden [14].

Insgesamt existiert nur eine sehr begrenzte Zahl hochwertiger Studien, die die Auswirkungen von Behandlungsverzögerungen sowie die Ergebnisse rein beratender, medikamentöser und chirurgischer Therapien bei Verletzungen von peripheren Ästen des N. trigeminus untersuchten.

GRUNDLAGEN DER THERAPIE

Bei der Behandlung traumatischer Verletzungen von peripheren Nerven handelt es sich um eine komplexe Herausforderung, die alle Aspekte der inhärenten Behinderung berücksichtigen sollte. Erste Priorität hat eine gemeinsam mit dem Patienten erarbeitete ehrliche Aussage, inwiefern eine dauerhafte Schädigung zu erwarten ist. Damit wird dem Patienten ein realistisches Fundament angeboten, aufgrund dessen dieser über zukünftige Behandlungen entscheiden kann. Anschließend sollte sowohl die Schmerzeinstellung als auch die Rehabilitation so schnell wie möglich eingeleitet werden [14], wobei sich diese an Ursache und Ausmaß, an den Symptomen und selbstverständlich der Wahl des Patienten orientieren.

Im Allgemeinen gilt für Läsionen der humanen peripheren sensorischen Nerven der Goldstandard, den Nerv so schnell wie möglich nach einer Verletzung zu reparieren [3]. So sollten alle entstandenen Nervschäden innerhalb der ersten 24 Stunden postoperativ identifiziert werden. Zu den wichtigsten Managementstrategien gehören Beratung und Beruhigung, Medikation (Antiepileptika/Antidepressiva; topische Applikation von 5%igem Lidocain) und Operation (Exploration mit oder ohne Dekompression oder auch direkte Anastomose).

BERATUNG UND BERUHIGUNG

Eine solche Beratung umfasst, dass der von dem Patienten konsultierte Arzt nach objektiver Bestätigung der Nervverletzung beim Patienten realistische Erwartungen erzeugt. Insbesondere bei permanentem Schaden sollte Erwähnung finden, dass die Nervfunktion eventuell nie wieder vollständig hergestellt werden wird. Dennoch ist auch keine weitere Verschlechterung zu befürchten, und dem Patienten kann beispielweise eine logopädische oder eine verhaltenstherapeutische Therapie angeraten werden.

MEDIKATION

Für die initiale Behandlung von Hypästhesie und Parästhesie kommen – zum Beispiel bei Verdacht auf ein Hämatom in Nervnähe, das den Nerv temporär komprimiert – orale Kortikosteroide in den ersten 10 Tagen zum Einsatz [11]. Bei Patienten mit neuralgischen Schmerzen kann die Anwendung von 5%igem Lidocain-Pflastern in dem entsprechenden Bereich – allein oder in Kombination mit anderen Therapieformen – hilfreich sein [14]. Weiterhin hat sich bei posttraumatischer Neuropathie die systemische Anwendung von Antidepressiva (z.B. Amitriptylin) und Antikonvulsivsa (z.B. Carbamazepin, Gabapentin, Pregabalin) als erfolgversprechend gezeigt [4, 6]. Allerdings haben die besagten Medikamente eine Reihe teils schwerwiegender Nebenwirkungen, die ihren Dauereinsatz stark limitieren.

OPERATION

Kompressionen des Nervkanals, beispielsweise nach Weisheitszahnentfernung, durch zahnärztliche Implantate oder auch durch eine endodontische Behandlung, stellen iatrogene Nervverletzungen dar, die innerhalb der ersten 24–30 Stunden behoben werden sollten [14]. Ansonsten ist die Zeit bis zur chirurgischen Therapie ein kontrovers diskutiertes Thema mit unterschiedlichen Ergebnissen. Bei längerer Dauer ebenso wie bei Schädigungen durch die Applikation von Lokalanästhesie oder durch traumatische Kausa, ist die vorerst konservative Behandlung mit einer potenziell folgenden chirurgischen Therapie das Mittel der Wahl. Eine Übersicht der vorgeschlagenen Therapiemodalitäten findet sich in Tabelle 1.

Von manchen Autoren wird ein explorativer chirurgischer Eingriff nach 3–6 Monaten ohne Verbesserung der Nervfunktion empfohlen [14–16], während andere erst nach > 9 Monaten [2] oder mehr als einem Jahr [12] über ein signifikant höheres Risiko einer ausbleibenden Rekonstitution berichteten.

Leider gibt es keine Möglichkeit, Nerven nach außen wirksam darzustellen; daher ist eine explorative Operation erforderlich, und die Behandlungsentscheidung muss getroffen werden, während sich der Patient auf dem Operationstisch befindet [9]. Es gibt eine Reihe von Methoden, um Nervschäden zu reparieren. So kann je nach Bedarf gewählt werden zwischen externer Dekompression des N. alveolaris inferior (Abb. 3) [1] , direkten Nervnähten [5] und der Rekonstruktion mit autologen Transplantaten (Nerven [N. suralis/N. aurikularis magnus] oder Venen) [5, 13]. Weitere Möglichkeiten bestehen in der Anwendung von allogenen Manschetten um den beschädigten Nerv sowie in der großflächigen Freilegung, Mobilisation (Abb. 4) und Readaptation der Nerven.

SCHLUSSFOLGERUNG

Viele Verletzungen können durch eine optimierte Patientenauswahl, Planung und Durchführung von zahnärztlichen Eingriffen vermieden werden. Das Patientenmanagement kann oft durch adäquate Aufklärung auf der Grundlage einer Risikobewertung und einer verbesserten postoperativen Versorgung mit frühzeitiger Überweisung bei Nervverletzungen verbessert werden. Sollte eine sofortige Intervention nicht notwendig sein (Tab. 1), wird angeraten, mindestens 70–90 Tage auf eine Spontanheilung zu warten, bis eine chirurgische Intervention unternommen wird (Tab. 1). Liegt zu diesem Zeitpunkt eine Verbesserung der Nervfunktion vor, sind weitere 6 Monate Nachbeobachtung indiziert.?

 

Interessenkonflikt: Der Autor, PD Dr. mult. Peer W. Kämmerer, gibt an, dass im Zusammenhang mit diesem Beitrag kein Interessenkonflikt besteht (ausführliche Offenlegung siehe Seite 78).

 

Literatur

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Bagheri SC, Meyer RA, Khan HA, Kuhmichel A, Steed MB: Retrospective review of microsurgical repair of 222 lingual nerve injuries. J Oral Maxillofac Surg 2010; 68: 715–723

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(Stand: 05.03.2018)

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