Der Implantatprothetiker als Architekt

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Von der Planung der Behandlungsabläufe bis hin zur Ästhetik und Zahntechnik

Wie bereits im Klappentext des vorliegenden Werks erwähnt, gibt es eine Fülle an Büchern, die die chirurgischen Aspekte der Implantologie ausführlich beleuchten. Schwer zu finden dagegen ist ein umfassendes, aktuelles Werk über die sich aus der Implantation fast immer ergebende prothetische Rehabilitation des Gebisses.

Ich würde mich selbst als fortgeschrittenen Anfänger in der Implantatprothetik bezeichnen und war auf der Suche nach einem Buch, das es mir ermöglicht, mein Wissen in der prothetischen Versorgung von Implantaten fundiert und vor allem wissenschaftlich untermauert zu erweitern. Es sammelten sich Fälle bzw. Versorgungssituationen, in denen ich nach vorhersehbaren Konzepten suchte und mich mit meinem Repertoire nicht in der Lage sah, eine zufriedenstellende, das heißt funktionell erprobte und ästhetisch ansprechende Versorgung zu erzielen, ohne das Schicksal des Patienten oder mein eigenes zur sehr herauszufordern.

Wie oft stolpert eine Therapie von Kompromiss zu Kompromiss, wenn Prothetiker und Chirurg oder Prothetiker und Zahntechniker nicht ausreichend miteinander kommunizieren? Die sich möglicherweise daraus ergebenden Konsequenzen kann man sich übrigens im Kapitel „Prothetische Komplikationen“ zu Gemüte führen.

Neben der zeitintensiven Recherche nach möglichen Therapiekonzepten bei Google oder anderen, besser geeigneten, nur leider auch kostenpflichtigen medizinischen Datenbanken bleibt natürlich der fachliche Austausch mit Kollegen, der die Fülle möglicher Therapiekonzepte noch einmal um ein Vielfaches erweitert. Deren interne Evidenz nach dem Motto „Ich würde das so machen, klappt eigentlich immer gut!“, funktioniert nicht immer in der Hand des Ungeübten.

So legte ich meinen Fokus zunächst wieder auf Lehrbuchklassiker, die jeder schon aus seiner Studienzeit kennen dürfte. Problem bei den besagten Werken ist, dass die Abhandlung der Implantatprothetik zu kurz kommt, weil selbstverständlich die prothetischen Grundlagen vermittelt werden. Die Implantologie-Lehrbücher wiederum widmen nach erfolgreicher Implantation mit allen notwendigen Schritten der Implantatbett-Konditionierung der Komponente der Suprakonstruktion allenfalls ein stiefmütterliches Kapitel, obwohl ja gerade diese den krönenden Abschluss des oft aufwendigen Therapiezyklus bildet und keineswegs als trivial anzusehen ist. So ist sie doch das für den Patienten einzig sichtbare Resultat, an dem er uns letztlich misst.

So führt das Werk von Stefan Wolfart vor Augen, wie wichtig es ist, die Scheuklappen abzunehmen, und generiert mit dem Leser ein synoptisches Behandlungskonzept, das patientenindividuell die funktionelle und ästhetische Rehabilitation des Gebisses in den Mittelpunkt stellt. Ganz im Sinne des „Backward Planning“ bestimmt das Ziel den Weg. So sammelt das Buch mich nach einer kurzen Einleitung ein, in der noch einmal die Basics zur präprothetischen Patientenanalyse aufgefrischt werden können (Ästhetikanalyse, Indikationsklassen, Implantatformen).

Nach der Erschaffung eines individuellen Patienten(-Risiko-)profils, zusammengesetzt aus Erkenntnissen der Anamnese sowie allen möglichen psychosozialen Faktoren, werden indikationsbezogene, das patienteneigene Profil berücksichtigende Behandlungskonzepte zur Verfügung gestellt – alles sehr anschaulich und ideal zum Nachschlagen mit Entscheidungsbäumen visualisiert.

Sehr gut hat mir gefallen, dass die Problematiken, z.B. mit Bisphosphonattherapie assoziierter Indikationseinschränkungen sowie der Umgang mit prognostisch fragwürdigen Zähnen, beleuchtet werden. In Anbetracht der demografischen Entwicklung unserer Bevölkerung hin zu einem höheren Anteil älterer und kompromittierter, doch nicht weniger anspruchsvoller Patienten werden diese Aspekte zweifellos immer wichtiger.

Mit den Erkenntnissen des ersten Blocks im Hinterkopf stürzte ich mich geradezu auf die nächsten Seiten, die praxisnah mit vielen, didaktisch clever gewählten Bildserien und Übersichtstabellen zum Workflow das klinische Vorgehen erklären – wieder sehr ausführlich, ohne auszuufern, auf alle möglichen Aspekte eingehend, sodass es sich für den einen als nützliche Wiederholung liest und dem anderen eventuell hilft, mögliche Lücken zu schließen.

Es mag trivial erscheinen, aber hier seien beispielhaft die prägnanten Kapitel zu Kieferrelationsbestimmung, Modellmontage und Okklusionskonzepten genannt, die der heutigen Forderung nach funktionell tadellosem Zahnersatz gerecht zu werden helfen. Die vielen wertvollen praktischen Kniffe und Tipps, so einfach sie sind, können einen extremen Mehrwert bedeuten, z.B. die Abformung und Übertragung des mühevoll ausgeformten Emergenzprofils auf die Modellsituation oder die kleine, aber feine Frage nach der Entscheidung „verschraubter oder zementierter festsitzender Zahnersatz“?

Möglichkeiten, aber auch Grenzen des digitalen Workflows werden dabei stets berücksichtigt, und für Interessierte ist dem Thema „optische intraorale Abformung“ ein eigenes Kapitel gewidmet, das die verschiedenen technischen Felder beleuchtet, die zu den bereits vorhandenen Möglichkeiten führen bzw. aufzeigt, welche diese limitieren.

Das nötige Handwerkszeug im Gepäck darf man sich nun auf anhand von realen klinischen Patientensituationen vorgestellte Versorgungskonzepte freuen, die mit hochwertigen und sehr anschaulichen Fotostrecken untermalt sind und einem ggf. aus der Lektüre der vorangestellten Kapitel teilweise, nun aber noch ausführlicher und step by step, bekannt vorkommen dürften. So rundet das Buch die zuvor vermittelten Inhalte gelungen in der praxisnahen Anwendung ab.

Hochinteressant und wegen der vielen Abbildungen auch greifbar ist der letzte Abschnitt, der die komplexe Anfertigung einer Suprakonstruktion aus dem Blickwinkel des Zahntechnikers beleuchtet, wirklich lesenswert und Verständnis schaffend für die Problematiken, die sich eventuell im Fertigungsprozess ergeben können.

Durchgehend werden die vorgestellten Konzepte mit Verweisen auf fundierte wissenschaftliche Studien und weiterführende Literatur untermauert. Nicht erprobte oder innovative Konzepte sind klar als solche gekennzeichnet, der Leser wird aber nicht mit dem Verweis auf die fehlende Evidenz allein gelassen. Faktisch belegte Alternativvorschläge und Prognosen zu möglichen Entwicklungen in der Zukunft werden dargestellt, sodass er selbst entscheiden kann, auf welchen Weg er sich begeben möchte.

Ich kann somit die aus dem Buch gewonnenen Erkenntnisse mit gutem Gewissen einsetzen und dem Patienten eine nicht nur praxistaugliche, sondern auch wissenschaftlich gestützte Therapie ermöglichen, Stichwort Therapiesicherheit.

Zu empfehlen ist das Werk gleichermaßen als Kompendium für ganz junge Kollegen ohne weit über das Studium

hinausreichende Vorkenntnisse wie auch für Fortgeschrittene, die sich in komplexere implantatprothetische Fälle einarbeiten möchten. Und ich bin überzeugt, dass auch „alte Hasen“ ein solides Werk zum Nachschlagen oder Auffrischen des bereits vorhandenen Wissens in den Händen halten. Denn die Lektüre muss selbstredend nicht in der didaktisch naheliegenden Form von vorne bis hinten stattfinden, sondern ist dank der übersichtlichen Strukturierung und des Stichwortverzeichnisses auch autonom und themenbezogen möglich.

Gut vorstellbar, dass es bald aus keiner Bibliothek eines engagierten Implantologen oder Prothetikers mehr wegzudenken ist. Diese Qualität hat ihren Preis, doch die 289 Euro sind wirklich gut investiert.

Fabian Knüver

Stefan Wolfart, 1. Auflage 2014, Quintessence Publishing, 728 Seiten, 2.163 Abbildungen, Hardcover, ISBN 978–3–86867–232–9, 289,00 Euro

 

 

 


(Stand: 27.02.2019)

Die beiden Ausgaben der Kongresszeitung SPECTATOR CONGRESS zur DGI-Jahrestagung 2019 bietet einen umfassenden Ausblick auf das Implantologie-Event in Hamburg.

1. Ausgabe (September 2019)
2. Ausgabe (November 2019)

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