Verschraubt versus zementiert

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Unterschiedliche Gesichtspunkte bei der Entscheidung für oder gegen das entsprechende Befestigungsverfahren der Suprakonstruktionen

Dr. Alexander Müller-Busch, Dr. Frederic Kauffmann

Warum Sie diesen Beitrag lesen sollten?

Verschraubt oder zementiert? Diese Frage möchten die Autoren nicht nur aus parodontologischer Sicht beleuchten. Auch Patient, Zahntechniker und Behandler müssen bei der Auswahl der Versorgung mit einbezogen werden. Was es zu beachten gibt und welche Vor- und Nachteile die jeweilige Versorgungsform bietet, ist Thema dieses Artikels.

EINLEITUNG

Sowohl die Verwendung von als auch die Patientennachfrage nach dentalen Implantaten stiegen in den letzten Jahren stark an. Heutzutage haben sich Implantate längst als Standardverfahren etabliert. Mit ihnen können sowohl einzelne fehlende Zähne ersetzt als auch schwierige prothetische Situationen gelöst werden. So können dentale Implantate als Verankerungselemente für festsitzenden und herausnehmbaren Zahnersatz verwendet werden. Aus diesen Gründen schätzen sowohl Behandler als auch Patient ihren Wert und die Möglichkeit implantologischer Therapieverfahren. Besonders wegen der Aussicht, auch in Freiendsituationen wieder „feste Zähne“ zu haben, beschäftigen sich Patienten mit dem Thema Implantate. Dabei gilt es grundsätzlich zwischen zwei Verankerungsarten zu unterscheiden. Die Suprakonstruktionen können entweder als zementiert oder verschraubt verankert werden. Die Entscheidung für oder gegen das eine oder andere Verfahren muss aus unterschiedlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Reinigungsbedarf, parodontale Gesundheit und Ästhetik seien hier nur als Beispiele für die Entscheidungsmatrix genannt. Unterschiede, Vor- und Nachteile sowie mögliche Risiken für Patient und Behandler sind in Tabelle 1 gegenübergestellt.

VERSCHRAUBTE IMPLANTATLÖSUNGEN

Zu den wohl größten Vorteilen verschraubter Suprakonstruktionen gehört die Abnehmbarkeit der prothetischen Versorgung. Durch die Verschraubung kann eine dauerhafte und sichere Befestigung der Prothetik bei gleichzeitiger Möglichkeit der Wiedergewinnung der Suprakonstruktion im

Komplikationsfall erreicht werden [10]. So kann beispielsweise bei Keramikfrakturen oder bei entzündlichen periimplantären Geschehen die Versorgung abgenommen und unter Sicht gereinigt werden. Diese Möglichkeit ist besonders bei großen Rekonstruktionen von Vorteil.

Ein weiterer Vorteil von verschraubten Versorgungen liegt in der Abwesenheit von Zementfugen. Mit dem Verzicht auf Zemente jeglicher Art wird das Risiko einer Zementitis umgangen. Es wird beschrieben, dass durch zementierte Versorgungen mehr biologische Komplikationen entstehen [10, 11]. Ebenso scheint sich dieses Risiko mit zunehmender Rekonstruktionsgröße stärker negativ auszuwirken. Linkevicius et al. zeigten, dass zementierte Suprakonstruktionen eine deutlich höhere Prävalenz von Periimplantitiden als verschraubte Suprakonstruktionen aufwiesen [8, 9]. Darüber hinaus wurden in dieser Studie Patienten in 2 Gruppen unterteilt. In der einen Gruppe befanden sich Patienten mit parodontaler Vorgeschichte, wohingegen die andere Gruppe aus Patienten bestand, die noch nie von Parodontopathien betroffen waren.

Die Ergebnisse zeigten, dass ein subgingivaler Zementrest bei Patienten, trotz einer behandelten Parodontitis, in 100 % der Fälle zu einer periimplantären Infektion führte, wohingegen dies nur bei 8 % der Patienten ohne parodontale Vorerkrankung beobachtet werden konnte. Patienten mit einer behandelten Parodontitis entwickelten in 45 % der Fälle auch dann eine Entzündung, wenn kein Zementrest vorhanden war. In der Gruppe der parodontal gesunden Patienten lag der Wert bei 9 % und damit in der gleichen Größenordnung wie in der gesunden Gruppe mit Zementrest. Somit muss bei parodontal vorerkrankten Patienten nicht nur der eventuelle Zement, sondern auch die Zementfuge als möglicher Auslöser periimplantärer Entzündungen betrachtet und untersucht werden. Ergänzend muss aber erwähnt werden, dass in dieser Studie Standardabutments verwendet wurden und die Zementfuge deshalb mitunter sehr tief subgingival zu liegen kam [8, 10].

Einer der größten Nachteile verschraubter Restaurationen besteht in der Bedingung einer achsengerechten Implantatposition. Im Frontzahngebiet ist zumindest ein vestibulär gelegener Schraubenkanal nicht akzeptabel. Auch im Seitenzahnbereich muss der Schraubenschacht mit seinen umliegenden Materialstärken beachtet werden, da sonst bei groben Abweichungen eine funktionelle Gestaltung der prothetischen Versorgung nicht gewährleistet werden kann [10]. Auch aus diesem Grund ist die Prävalenz technischer Komplikationen größer als bei zementierten Suprakonstruktionen [11, 14]. Darüber hinaus seien die meist höheren Kosten aufgrund der technisch schwierigeren Herstellung als Nachteil gegenüber der verschraubten Versorgung zu nennen.

All diese Erkenntnisse sollten mit in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Es lohnt sich also eine differenzierte Betrachtung der Frage des Zementierens oder des Verschraubens, was nachfolgend geschehen soll.

ZEMENTIERTE VERSORGUNGEN

Die Vorteile zementierter Versorgungen sind nicht von der Hand zu weisen. Die bessere Ästhetik, die durch die Vermeidung einer oral oder okklusal liegenden Schraubenkanalöffnung erzielt werden kann, ist für manchen Behandler Grund genug, sich nur auf zementierte Lösungen zu beschränken. Dank der Abwesenheit eines Schraubenkanals können schlanker gestaltete Kronen angefertigt werden.

Der größte Kritikpunkt am Zementieren sind die nicht – oder nur sehr schwer vollständig – entfernbaren Zementreste [8, 9, 11]. Dieser Nachteil lässt sich auch durch gewissenhaftes Reinigen nur reduzieren. Als hilfreich haben sich moderne 3D-gefertigte individuelle Abutments gezeigt. Damit kann der Kronenrand so gelegt werden, dass nicht nur die Position der Zementüberschüsse möglichst weit weg vom Knochen ist, sondern diese auch deutlich besser zu erreichen sind. Auch das Emergenzprofil wird positiv beeinflusst. Der Zementspalt jedoch bleibt. Der Vorteil in der Verwendung individualisierter Abutments besteht neben geringeren Kosten im Vergleich zu verschraubten Lösungen darin, dass das mit dem Weichgewebe in Kontakt stehende Abutment nicht zwangsläufig entfernt werden muss. Dies könnte sich positiv auf die Weichgewebsheilung und den Verbund zwischen Abutment und Weichgewebe auswirken. Die „One abutment one time“-Konzepte verfolgen diese Idee. Neben den leicht positiven Ergebnissen mit geringerem Knochenverlust ist eine Überlegenheit im Vergleich zum Standardverfahren nicht zu erkennen [1, 3, 4]. Die größten Vorteile von zementierten Suprakonstruktionen beruhen auf der Flexibilität. Der Behandler kann jede erdenkliche Zahnersatzversorgung durch Zementieren eingliedern. Auch Brückenkonstruktionen, die je nach verwendetem Implantatsystem aufgrund der Innenverbindung nicht garantiert spannungsfrei einsetzbar sind, oder Hybridversorgungen auf Zähnen und Implantaten stellen keine größeren Probleme dar.

Im Hinblick auf einteilige Implantatsysteme ist das Zementieren ohne Frage der verschraubten Lösung überlegen. Gleichzeitig zeigt sich in diesen Fällen auch der größte Nachteil. Diese Versorgungen sind nicht ohne das Risiko, diese zu zerstören, abnehmbar. Im Hinblick auf eine langzeitstabile Weichgewebssituation sind neben der Fragestellung, ob zementiert oder verschraubt, auch andere Faktoren ausschlaggebend. Durch die Möglichkeit, neben Zirkon auch auf andere Materialien zurückzugreifen, zeigt sich, dass sich noch weitere Faktoren positiv auf das Weichgewebe auswirken. Auch das Emergenzprofil hat zusätzlichen Einfluss auf die Stabilität des umliegenden Gewebes [2, 13, 15].

DISKUSSION

Die Frage, ob verschraubt oder zementiert besser ist, kann aufgrund der vielen Faktoren nicht ganz klar beantwortet werden. Auch die Studienlage ist nicht ganz eindeutig, wenngleich Metaanalysen zeigen, dass zementierte Versorgungen eher biologische und verschraubte Versorgungen eher technische Komplikationen nach sich ziehen. Aufgrund der höheren Wahrscheinlichkeit für vermehrten Knochenverlust bei zementierten Versorgungen versuchen sich die Autoren speziell beim PA-Patienten nach Möglichkeit auf verschraubte Lösungen zu beschränken. Zementierte Suprakonstruktionen aber generell nicht zu verwenden, kann auch zu unnötigen Kompromissen führen. Aus parodontaler Sicht ist neben der Entfernung der Zementüberschüsse ein regelmäßiger Recall am wichtigsten. Auch eine ausreichende Menge an keratinisierter Mukosa hilft nicht nur dem Behandler bei der Aufrechterhaltung der periimplantären Gesundheit. Dies hilft sowohl dem Behandler während des Recalls als auch dem Patienten selbst bei der täglichen Reinigung [6, 7]. Damit die Implantate reinigungsfähig sind, sollte auch der Zahnersatz so gestaltet sein, dass er vom Patienten selbst gereinigt und gepflegt werden kann [5, 12]. Die Situation ist für den Zahntechniker nicht immer einfach im Labor nachzuempfinden. Eine Notiz oder Zeichnung, wie der Zahnersatz im Sonderfall zu gestalten ist, hilft Missverständnissen und Komplikationen vorzubeugen. Der Behandler sollte darauf achten, die Patienten mit Implantaten ausreichend darüber zu informieren, wie Implantate gepflegt werden, und ihnen dies regelmäßig demonstrieren.

FAZIT FÜR DEN PRAKTIKER

Die erhöhte Schwierigkeit, Zementreste sicher zu entfernen, ist der größte Vorteil von verschraubten Konstruktionen. Auch wenn die korrekte Positionierung der Implantate für eine verschraubte Suprakonstruktion schwieriger ist, ist die nachfolgende Versorgung einfacher und im Falle von Komplikationen besser zu handhaben. Der Langzeiterfolg einer Implantatversorgung hängt maßgeblich auch von einer regelmäßig stattfindenden Prophylaxe ab. Dann wird eine Mukositits oder Periimplantitis frühzeitig erkannt und kann zielführend therapiert werden.

Interessenkonflikte: Der Autor Dr. Alexander Müller-Busch hat keine Interessenkonflikte. Der Autor Dr. Frederic Kauffmann gibt folgende finanzielle Aktivität außerhalb der Tätigkeit bei der ZZI an: Beschäftigungsverhältnis Universitätsklinikum Würzburg, Honorar für Vortäge von den Firmen Straumann, Regedent und Geistlich.

Literatur

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Abb. 1–4: Frederic Kauffmann

Abb. 5–7: Alexander Müller-Busch

Abb. 8: Frederic Kauffmann

Abb. 9–10: Frederic Kauffmann

 

 

 


(Stand: 27.02.2019)

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