„Digiloge“ Workflows

DOI: 10.3238/ZZI.2020.0048−0052

PDF

Schlüsselwörter: Abformung Intraoralscanner Pro-Arch-Konzept Sofortversorgung digitaler Workflow intraorale digitale Abformung

Einleitung: Das digitale intraorale Scannen wird als moderne Alternative zu den konventionellen Abformmethoden nur von 15 % der Zahnärzte genutzt. Dabei hat sich gezeigt, dass mithilfe der digitalen Technik die Arbeitsabläufe in der Implantologie effizienter gestaltet werden können.

Falldarstellungen: Ein Patient mit den verbliebenen Zähnen 11 und 12 im Oberkiefer soll neu versorgt werden. Ein Konzept der Sofortversorgung wird mit 4 Implantaten nach digilogem Workflow durchgeführt.

<strong/>

Zitierweise: Beck-Mußotter J: „Digiloge“ Workflows. Zahnärztl Implantol 2020; 36: 48−52

DOI.org/10.3238/ZZI.2020.0048−0052

Schlüsselwörter: Abformung; digitaler Workflow; intraorale digitale Abformung; Intraoralscanner; Pro-Arch-Konzept; Sofortversorgung

hintergrund

Die meisten Zahnärzte nutzen in der Tat das analoge Verfahren der Abformung als Arbeitsgrundlage und verzichten häufig auf die Chance, die das digitale intraorale Scannen mit sich bringt. Laut Erhebungen nutzen nur 15 % die moderne Alternative, während sich die übrigen Zahnärzte für die konventionelle Abformmethode entscheiden. Im Vergleich dazu stehen Dentallabore dem digitalen Workflow wesentlich offener gegenüber: Bereits 3 von 4 Laboren in Deutschland setzen auf die digitale Technik [9].

Effiziente Arbeitsabläufe

Gerade in der Implantologie liefert eine präoperative, lichtoptische und berührungsfreie Abformung mit anschließender dreidimensionaler Behandlungsplanung erfahrungsgemäß eine gute Ausgangssituation für eine sichere und präzise Patientenversorgung. Intraoperative Scans bleiben wegen Blutungen und intraoperativer Parameter schwierig, weswegen wir im vorliegenden Artikel zeigen wollen, wie digitale und analoge Verfahren im Sinne „digiloger“ Workflows sinnvolle Möglichkeiten für die Praxis bieten.

Kritiker mögen die anfänglich hohen Investitionskosten für ein digitales System monieren. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich mit der modernen Alternative Kosten einsparen lassen – etwa in pun­kto Chair­time, beim Materialeinsatz oder Versand. Außerdem können mithilfe der digitalen Technik Arbeitsabläufe effizienter gestaltet werden und die Kommunikation mit dem Labor wird digitalisiert und vereinfacht. Weiterhin lassen sich die Behandlungszeiten verkürzen, denn mit digitaler Unterstützung gelingt die Abformung nicht nur präzise, sondern auch mit einem geringeren Zeitaufwand. Darüber hinaus entfallen Nebenwirkungen der konventionellen Methode wie Würgereiz oder Einschränkungen des Geschmackssinns, wofür jeder Patient dankbar ist. Studien bescheinigen der modernen Technik zudem ein Plus an Kommunikation zwischen Patient, Zahnarzt und Zahntechniker, was der Autor nach seinen Erfahrungen bestätigen kann [12].

Standardisierung

Ein weiterer Vorteil des Einsatzes digitaler Verfahren, wie sie ein Intraoralscanner bietet, ist u.a. die Standardisierung von Arbeitsprozessen, was nachweislich Auswirkungen auf die Effizienz der Abläufe im Praxisbetrieb hat. Und sollte einmal eine Reproduktion nötig sein, ist der Aufwand um einiges geringer als bei der konventionellen Methode der Abformung. Auch ein anteiliges Scannen ist möglich – so muss nicht noch einmal der gesamte Abformungsprozess gestartet werden.

Dank der Echtzeitdarstellung ist es schon während des Scanvorgangs möglich, einen Blick auf die jeweilige Situation zu werfen. So können zum einen Stitchingprobleme minimiert werden und zum anderen kann der Patient dank intraoperativer Scans direkt nach Implantatinsertion bereits bei der Implantatfreilegung mit einem individuellen Gingivaformer oder Provisorium versorgt werden. Bei dieser Vorgehensweise wird im Übrigen auch eine sehr ästhetische Weichgewebsausformung erreicht.

In seinen Praxiskliniken setzt der Autor inzwischen bei einem hohen prozentualen Anteil der implantatprothetischen Fälle und bei vielen Prothetikversorgungen auf das intraorale, digitale Scannen und auf 3D-Verfahren.

Die folgende Falldarstellung soll zeigen, wie sich der Einsatz der modernen digitalen Abformung und Behandlungsplanung unter Einsatz eines Intraoralscanners in der Praxis bewährt.

FALLDARSTELLUNG

Das Konzept der Sofortversorgung für zahnlose Kiefer basiert auf einer Therapie mit 4 bis 6 Implantaten, wobei die distalen (bzw. mittleren) Implantate im Winkel von bis zu 30 Grad anguliert inseriert werden, um Strukturen wie den N. mentalis oder den Sinus maxillaris zu schonen und Augmentationen, z.B. einen externen Sinuslift, zu vermeiden. Diese Herangehensweise eignet sich für festsitzende Sofortrestaurationen bei unbezahnten Patienten oder kompromittierten Kiefern. Voraussetzungen für eine dauerhaft erfolgreiche Behandlung mit diesem Therapiekonzept sind dabei eine gute Compliance und eine sehr gute Mundhygiene. Da die sofortige, festsitzende prothetische Belastung der verblockten Konstruktion bereits in der Phase der Einheilung erfolgt, wird dem Patienten weiche Kost für einen Zeitraum von 6 bis 8 Wochen verordnet. Dies verlässlich einzuhalten ist, wie auch eine gute Hygiene und regelmäßige Kontrollen in dieser Zeit, conditio sine qua non und bei der Auswahl der Patienten kritisch abzuwägen. Können diese Parameter nicht sicher gewährleistet werden, würde der Autor einem konservativen Verfahren mit gedeckter Einheilung den Vorzug geben. Ebenso gilt ein möglichst großes Unterstützungsfeld und bei einer Versorgung mit nur 4 Implantaten je Kiefer ein Austrittsprofil der distalen Implantate in regio 5 als Voraussetzung für ein Full-Arch-Konzept, wobei ein distaler Anhänger regio 6 sich als unbedenklich gezeigt hat. Ästhetisch muss in diesen Fällen die nicht versorgte Region des entsprechenden Siebeners kritisch begutachtet werden. Die prothetische Konstruktion wird also von 4 bis 6 Implantaten getragen, die bei ausreichender Primärstabilität von mindestens 35 Ncm sofort belastet werden können. Der zur Verfügung stehende Knochen im Bereich der Prämolaren und im Frontzahngebiet bildet eine weitere Indikationseinschränkung. Sowohl krestal als auch im Verlauf der gesamten Implantatachse muss ausreichend Knochen vorhanden sein, um sowohl Primärstabilität als auch Sekundärstabilität, insbesondere in der belasteten Einheilphase, sicherzustellen. Sind all diese Kriterien erfüllt, was die Zahl der für dieses Konzept geeigneten Patienten einschränkt, gestaltet sich der Ablauf von der Planung bis zum Einbringen der Implantate und schließlich zur festsitzenden, endgültigen prothetischen Versorgung weniger aufwendig und sehr patientenfreundlich. Die Kombination von Behandlungsschritten und der geringere Zeitaufwand belasten die Patienten deutlich weniger [1, 8, 11].

Im Fall des 65-jährigen Patienten kam ein Intraoralscanner zum Einsatz, den der Autor bereits seit 2 Jahren vor allem in Schaltlückensituationen – auch in großen Schaltlücken – und für die 3D-Behandlungsplanung ganzer Kiefer nutzt.

Bei der Arbeit mit dem System kann auf Puder oder Spray verzichtet werden. Der digitale Workflow dieses offenen Systems erfolgt über eine Cloud-Plattform und ermöglicht den freien Versand von Daten im gängigen Standardformat. Sehr hilfreich ist auch das offene System der Planungssoftware, das den Datenimport und -export für über 7000 Implantate verschiedener Hersteller gestattet. So kann man als Zahnarzt oder Zahntechniker an verschiedenen Stellen des digitalen Workflows einsteigen und eine individuelle Lösung kreieren. Wissenschaftliche Studien attestieren den Scansystemen eine hohe Präzision [4–6].

Bei dem hier vorgestellten Patienten kam in Verbindung mit dem Intraoralscanner auch die 3D-Planungssoftware zur Unterstützung der Behandlungsplanung zum Einsatz. Ergo wurden in regio 12 und 22 zwei Implantate mit einem Durchmesser von 3,3 mm und einer Länge von 14 mm geplant. Regio 15 und 25 erhielten Implantate im Durchmesser von 4,1 mm und gleicher Länge von 14 mm.

Auf der Grundlage der Planung und des Intraoralscans wurde die Operationsschablone angefertigt. Der Autor arbeitet prä-, peri- und postoperativ eng mit einem Zahntechniker zusammen, der das Modell, Bohrschablonen, Abformlöffel und Provisorien bereits mit den modernen Verfahren des 3D-Drucks oder der CAD/CAM-Frästechnik herstellt. So können anhand der präoperativen Daten bereits Modellgussgerüste vorbereitet und im digilogen Verfahren finalisiert oder rein im digitalen Workflow hergestellte temporäre Versorgungen generiert werden.

Nach Bildung des Mukoperiostlappens wurden im vorliegenden Fall mithilfe einer Guided-Surgery-Schablone die Implantate vorbereitet und gemäß Planung inseriert. Die Zähne 11 und 21 dienten dabei der Stabilisierung der Schablone und unterstützten weiterhin die Bissnahme, indem der bestehende therapeutische Zahnersatz im Sinne der Interimsprothese mit den Titanhülsen intraoral fixiert wurde. Ein Bissregistrat komplettierte dieses Verfahren (Abb. 3–11).

Nach Entfernung der Zähne 11 und 21 und Nahtverschluss erfolgte mithilfe eines vorbereiteten individuellen Abformlöffels eine Abformung auf Tissue-Level-Niveau (Abb. 12, 13). Diese wurde nach der zahntechnischen Herstellung der Sofortversorgung am selben Tag mit den Abutments verschraubt. Während der Einheilphase wurde der Patient engmaschig zur Kontrolle bestellt (Abb. 14).

Drei Monate später konnte die verschraubte definitive Brücke beim Patienten eingesetzt werden (Abb. 15). Der Unterkiefer soll nun ebenfalls mithilfe von implantatgetragenem, festsitzendem Zahnersatz versorgt werden.

BEDEUTUNG FÜR DIE PRAXIS

Die Behandlungsergebnisse in unserer Praxis zeigen immer wieder, dass intra­orale Scans eine sichere Grundlage zur Behandlungsplanung, für Guided-Surgery- und CAD/CAM-Verfahren innerhalb des digitalen Arbeitsablaufs liefern. Dabei ist der digitale Workflow nicht nur effizienter und effektiver, sondern auch sehr patienten- und anwenderfreundlich. Und im Hinblick auf die Präzision steht die digitale Methode der konventionellen Technik nachweislich in nichts nach [2–7, 10].

Um einen optimalen Arbeitsablauf gewährleisten zu können, ist es jedoch wichtig, dass die Schnittstelle zum Labor funktioniert. Sicher ist es von Vorteil, in ein System zu investieren, das digital gestützte Lösungen für Praxen und Labore aus einer Hand anbietet, damit der digitale Workflow optimal fließen kann.

Bei Sofortversorgungen ganzer Kiefer ist für die langfristig stabile und erfolgreiche Therapie insbesondere die Patientenauswahl von Bedeutung. Eine gute Mundhygienefähigkeit, gute Compliance sowie ausreichende Knochen- und Weichgewebsverhältnisse sind conditio sine qua non. Ein halbjährliches Recall-Programm mit professioneller Reinigung und ein jährliches Aus- und Wiedereingliedern nach Reinigung der Brücke sichern die Langzeitstabilität.

Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass im Zusammenhang mit seinem Beitrag kein Interessenkonflikt besteht. Als relevante Aktivitäten außerhalb des eingereichten Beitrags gibt der Autor Folgendes an: Mitgliedschaft Straumann BLX-Stu­dienzentrum, Experteninterview mit Straumann auf der IDS 2019, Referent und Kurse für die Straumann Akademie sowie Zahlungen für Reisen/Unterkunft über die Straumann Akademie. ■

Dr. joachim Beck-Mussotter

Zahnkonzept Weinheim-Hohensachsen

jbm@das-zahnkonzept.de

Literatur

  1. Alius JK: Festsitzende implantatgetragene Brückenkonstruktion bei zahnlosen Patienten. DZW Orale Implantologie 2016; 2: 14–19
  2. Boeddinghaus M, Breloer ES, Rehmann P, Wöstmann B: Accuracy of single-tooth restorations based on intraoral digital and conventional impressions in patients. Clin Oral Investig 2015; 20. Feb
  3. Dehurtevent M, Robberrecht L, Béhin P: Influence of dentist experience with scan spray systems used in direct CAD/CAM impres­sions. J Prosthet Dent 2015; 113: 17–21
  4. Ender A, Zimmermann M, Attin T, Mehl A: In vivo precision of conventional and digital methods for obtaining quadrant dental impressions. Clin Oral Investig 2016; 20: 1495–1504
  5. Ender A, Zimmermann M, Attin T, Mehl A: In vivo precision of conventional and digital methods of obtaining complete-arch dental impressions. J Prosthet Dent 2016; 115: 313–320
  6. Hack GD, Patzelt SBM: Evaluation of the Accuracy of Six Intraoral Scanning Devices: An in-vitro Investigation. ADA Professional Product Review, eine Publikation des Council on Scientific Affairs 2015; 10: 1–5
  7. Joda T, Brägger U: Patient-cen­tered outcomes comparing digital and conventional implant impres­sion procedures: a randomized crossover trial. Clin Oral Implant Res 2016; 27: e185-e189
  8. Maló P, Rangert B, Nobre M: “All-on-Four" immediate-function concept with Brånemark System implants for completely edentulous mandibles: a retrospective clinical study. Clin Implant Dent Relat Res 2003; 5 (Suppl) 1: 2–9
  9. Pecanov-Schröder A: „3D-Druck verändert unser Denken“. Straumann-Forum „Markt & Strategie“ zu wegweisenden Veränderungen in der Implantologie. Dentale Implantologie 2018; 4: 266–269
  10. Schaefer O, Decker M, Wittstock Kuepper H, Guentsch A: Impact of digital impression techniques on the adaption of ceramic partial crowns in vitro. J Dent 2014; Epub 6. Feb
  11. Straumann: Straumann Pro Arch Festsitzende Lösungen. Infobroschüre für Zahnärzte, Straumann Pro Arch Lösungen für zahnlose Patienten. DE490140 vom 24.10.2018
  12. Zimmermann M: Auftakt zum digitalen Workflow in der Praxis und Labor. digital dental magazin ddm 2017; 5: 40–48

(Stand: 03.03.2020)

Die beiden Ausgaben der Kongresszeitung SPECTATOR CONGRESS zur DGI-Jahrestagung 2019 bietet einen umfassenden Ausblick auf das Implantologie-Event in Hamburg.

1. Ausgabe (September 2019)
2. Ausgabe (November 2019)

Aktuelle Ausgabe 1/2020

Im Fokus

  • Periimplantäres Weichgewebe
  • Implantate bei Behandlung mit Knochenantiresorptiva
  • Forcierte Extrusion bei Längsfraktur

FORTBILDUNGSANGEBOTE DGI

Die DGI bietet ein umfassendes und überregionales Fortbildungsangebot an. 

WERDEN SIE AUTOR

Sie haben ein spannendes Thema aus dem Bereich der Implantologie und würden gerne einen Artikel dazu in der ZZI veröffentlichen? Dann nutzen Sie unseren Editorial Manager und reichen Sie ihr Manuskript direkt bei uns ein.

Manuskript einreichen