Lehrbuch der Psycho-Physiognomik. Antlitzdiagnostik für die Praxis. 3. AuflagePraxis der Psycho-Physiognomik. Das Arbeitsbuch zur Antlitzdiagnostik mit Fallbeispielen

W. Castrian, Karl F. Haug Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 3–8304–7184-X, 251 Seiten, 160 Abb., 49,95 &W. Castrian, Karl F. Haug Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 10: 3–8304–7185–8, 112 Seiten, 138 Abb., 29,95 &

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W. Castrian, Karl F. Haug Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 3–8304–7184-X, 251 Seiten, 160 Abb., 49,95 &W. Castrian, Karl F. Haug Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 10: 3–8304–7185–8, 112 Seiten, 138 Abb., 29,95 &

Im August 1853 erschien in „Der Zahnarzt“, dem ältesten deutschsprachigen Fachorgan der Zahnheilkunde, ein längst vergessener Artikel des „Dentisten zu Paris, Ritter mehrerer Orden“ William Rogers. Der Beitrag trug den Titel „Physiognomische Studien über den Mund und die Zähne“ (Band 8, Heft 8,
S. 225–241). In geradezu romantischer Verklärung schreibt Rogers: „Ich habe in der Konformation des Mundes, der Zähne, in dem guten oder schlechten Zustande derselben, Zeichen für den Charakter, die Leidenschaften, den Geschmack und die Neigungen jedes Individuums zu finden gesucht. Welche Geheimnisse hat mir oft ein sanftes Lächeln entdeckt; welche Mysterien fand ich in einer Lippenkontraktion!“ Und weiter: „Wie oft habe ich in dem melancholischen Lächeln eines jungen Mädchens die zarten Gefühle erkannt, welche dessen Herz bewegten, während die dünnen und zusammengekniffenen Lippen, die scharfen Zähne der Nachbarin mir den schlechten Charakter einer Verläumderin verriethen.“ Rogers legitimiert sich als Experte für Charakterkunde, denn schließlich habe er „[a]lles studirt, was für die neue Wissenschaft von Wichtigkeit war, und die Ueberzeugung gewonnen, dass diese für die Menschheit eine kostbare Errungenschaft ist“. Auf den nachfolgenden 14 Seiten seines Aufsatzes gibt er in seiner Funktion als zahnärztlicher Physiognom detailliert Auskunft über seine gewonnenen Erkenntnisse. Und diese sind durchaus praxisnah: „Jeder Mund, welcher vollständig zweimal die Breite des Auges hat, gehört einem einfältigen Menschen an“. Irren ist ausgeschlossen, denn „[d]ieser Satz ist seit langer Zeit von allen Männern, die sich mit der Physiognomie beschäftigt haben, erkannt und festgestellt worden.“ Es ist auffällig, wie sehr sich Rogers in seinem gesamten Text um Belege und Absicherung bemüht: „Wie die Lippen sind, so ist der Charakter; wie die Zähne, so die Neigungen. Die Anweisungen und Lehrsätze, welche ich oben klar gemacht und formulirt habe, sind untrügliche Beweise dieser Wahrheit.“ Evidenzbasierung anno 1853!

„Wenn die Unterlippe sammt den Zähnen, von der Seite gesehen, um die Hälfte von der Breite des Mundes sich horizontal nach vorne neigen, so kann man, sagen alle Physiognomen, auf einen der folgenden vier Charaktere, oder auf alle vier zugleich, schliessen: auf Dummheit, Grobheit, Bosheit, Habsucht“. Aber aufpassen: „Wer, ohne Ursache, mit einer breitgezogenen Lippe lacht, ist fast als Wahnsinniger zu betrachten.“ Die intraoralen Befunde sind ebenso eindeutig: „Wenn man sogleich beim Oeffnen des Mundes einen beträchtlichen Theil des oberen Zahnfleisches bemerkt, darf man viel Kälte und Phlegma erwarten.“

Mögen all diese Aussagen heute Kopfschütteln und Belustigung hervorrufen, in einem Punkt zumindest hat er Recht behalten: „Ist es übrigens nicht anerkannt, dass die Menschen bei allen Dingen ohne Ausnahme nach der Physiognomie, nach dem Aeussern, nach der Schale urtheilen? Schliessen sie im Allgemeinen nicht von diesen äusseren Daten alle Tage und jeden Augenblick auf die innern Eigenschaften?“ Weshalb, so Rogers, jeder Mensch „bewusst oder unbewusst, Physiognom durch Instinkt“ sei.

Alfred Kantorowicz (Bonn), der sich in Tat und Wort wie kaum ein anderer um die deutsche (und türkische) Zahnmedizin verdient gemacht hat – man denke nur an sein bis heute (!) unübertroffenes vierbändiges Handwörterbuch der gesamten Zahnheilkunde, ebenjener Alfred Kantorowicz also sollte diese auch heute noch populäre menschliche Neigung des Schließens vom äußeren Erscheinungsbild auf den inneren Charakter fast 70 Jahre später so kommentieren: „Ganz abgesehen davon, daß von einer höheren Stufe der Betrachtung aus, der Kern bedeutungsvoller wird als die Schale und auch jedes Gesicht geadelt wird durch den Geist, dem es Ausdruck verleiht, hängt der befriedigende Eindruck eines Menschen von soviel Faktoren ab, daß es vermessen erschiene, gerade einen Zustand für den allein wünschenswerten zu erklären.“ (in: Die Gesichtsanalyse und die orthodontische Physiognomik. Deutsche Monatsschrift für Zahnheildkunde 1921; 39: 737–755, Zitat: Seite 737).

Aber bleiben wir noch ein wenig im 19. Jahrhundert, bei William Rogers, und lauschen den Worten dieses scharfsinnigen Beobachters: „Ein sanft geschlossener Mund, dessen Zeichnung korrekt ist, zeigt einen festen, überlegten und ur-theilsfähigen Geist an. Ein stets aufgesperrter Mund ist ein Zeichen von Dummheit.“ Hingegen „sind kleine und kurze Zähne im reifern Alter das Attribut aussergewöhnlicher Kraft und oft grosser Geistesschärfe. Kleine und zurücktretende Zähne zeugen von Verschlagenheit ohne Bösartigkeit, zuweilen aber von einem diffizilen und rachsüchtigen Charakter. Lange Zähne sind ein sicheres Zeichen von Schwäche und Furchtsamkeit. Solche, die sehr hervorspringen und auf der Unterlippe zu ruhen scheinen, zeugen von wenig Energie, wenig Geist, aber von einem kaustischen und immer zum Beissen aufgelegten Charakter. Leuten, die beständig lächeln, darf man nicht trauen, eben so wenig wie denjenigen, deren Lachen etwas Gezwungenes hat.“ Überlebenswichtige Hinweise für Männer fehlen nicht: „Man muss immer sehr vorsichtig sein bei Frauen, welche wenig lachen, aber viel lächeln, und deren häufiges Lächeln von ironischer Geringschätzung zeugt.“ Und: „Einen störrischen Charakter bei einer Frau erkennt man an folgenden Zeichen: an einer kleinen, kurzen und sehr spitzen, oder einer stumpf abgerundeten Nase mit weiten Oeffnungen; [...] Ehrgeizige Frauen [...] haben rollende Augen, eine gebogene Nase, rothe Wangen; ihr Mund ist selten ruhig, der untere Theil ihres Kinnes stark ausgeprägt, die Stirn abgerundet; die Haut ist weich und gefältet.“ „Allerhand!“, wird der schmunzelnde Leser angesichts solcher Aussagen ausrufen (und im Geiste um Abgleichungen mit ihm bekannten Personen bemüht sein).

Allerhand ist auch, dass diese Art der „Charakterkunde“ vom Prinzip her bis heute überlebt hat – in Form der so genannten „Psycho-Physiognomik“. Diese scheint sich einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen; selbst (einige) renommierte Unternehmen lassen ihre Manager in Vorträgen und Kursen darin schulen, „die Sprache des menschlichen Gesichts als Ausdruck der Seele verständlich zu machen und so eine wirkliche Lebenshilfe und Diagnosemöglichkeit anzubieten“ (Castrian 2003, S. 3), wie die Psychologin und Journalistin Bärbel Schwertfeger auf der 17. Konferenz der Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) Mitte Mai 2007 in Darmstadt berichtete (siehe ihr Artikel in der GWUP- Zeitschrift Skeptiker 2007;20:69 sowie ihr Beitrag vom 6.11.2006 für Spiegel online unter <www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,446426, 00.html>).

Zu den derzeit bekanntesten Namen auf dem Gebiet der „Psycho-Physiognomik“ gehört die in Norddeutschland lebende Wilma Castrian, die nach der 3. überarbeiteten Auflage ihres im Jahre 2001 erstmals erschienenen Lehrbuchs nun zusätzlich ein Arbeitsbuch veröffentlicht hat. Beide Werke, jeweils zweispaltig, durchsetzt mit Merkkästen, Tabellen und vielen Abbildungen (Fotos und Zeichnungen), sind druck- und satztechnisch von guter Qualität und daher ansprechend. Aber kann man gleiches vom Inhalt sagen?

Es ist zunächst einmal empfehlenswert, in den beiden Büchern zu blättern und zu schmökern, allein um zu sehen, was es alles so gibt im Gesichtsbereich, das nicht im Universitätsstudium gelehrt wird. Aus guten Grund nicht gelehrt wird, müsste man anfügen. Die Grundlagen der „Psycho-Physiognomik“ gehen zurück auf den legendenumwobenen, im Jahre 1912 in Dresden verstorbenen Carl Huter
(Abb. 1), der auch in Castrians Werken häufig zitiert wird. Huter entwickelte „ein in sich schlüssiges System“ (Castrian 2003, S. 7), das unter anderem auf der Hypothese gründet, es gäbe morphologische Muster, die Rückschlüsse auf den Charakter einer Person zuließen (Abb. 2 und 3), sowie Korrespondenzen zwischen definierten Gesichtsregionen und Körperorganen bzw. -funktionen (siehe auch: de.wikipedia.org/wiki/Carl_Huter). Diese forschungsfrei gewonnenen Annahmen entbehren jedoch jeglichen empirischen Belegs. Die Psycho-Physiognomik ist – man muss es sagen, wie es ist – eine Pseudowissenschaft (siehe auch: <http://de.wiki
pedia.org/wiki/Physiognomik>). Dies ist auch der Grund, warum es in den hier besprochenen Werken kein wissenschaftlich orientiertes Literaturverzeichnis gibt, sondern nur selbstreferierende Literaturempfehlungen. Und warum es eigentlich vollkommen egal ist, ob ein Buch über Huters Psycho-Physiognomik 1960 erschienen ist oder 2009 – der Inhalt ist der gleiche: Huter ist lange tot, kann also nichts Neues hinzufügen, aber sein System bleibt „heilig“ und erfährt daher keine Weiterentwicklung.

Mit dieser Einordnung im Hinterkopf lässt sich die Lektüre der beiden Castrian-Publikationen mit gutem Gewissen fortsetzen, zumal sie ein netter Zeitvertreib sein kann; spannender (man gehe beispielsweise einmal die 21 Fallanalysen im Arbeitsbuch durch) als so mancher unnützer Fernsehabend mit den dort immer gleichen Gesichtern und dem immer gleichen Blabla ist sie ohnehin. Nur ernst nehmen darf man die angenommenen Zuordnungen und Empfehlungen bitte nicht. Diese Erkenntnis ist allerdings alles andere als neu: Karl Arnold (1883–1954), der unvergessene Simplizissimus-Zeichner, hatte bereits in den 1920er Jahren in einer sechsteiligen Bildergeschichte dargelegt, was von solch einer „Charakterkunde“ zu halten ist (Abb. 4).

Jens C. Türp, Basel

(Dtsch Zahnärztl Z 2009;64:218-220)


(Stand: 27.06.2011)

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