Retrospektive radiographische Untersuchung zur Langzeitstabilität des Sinusaugmentats nach Augmentation mit xenogenem Knochenersatzmaterial (Geistlich Bio-Oss)

PDF

,

Das Bio-Oss-Augmentat erwies sich über den Beobachtungszeitraum von zehn Jahren als sehr stabil. Die Höhe über dem Implantatapex sank durchschnittlich nur um
0,1 mm/Jahr. Die Überlebensrate der 364 beobachteten, im Bio-Oss-Augmentat inserierten Implantate lag im Beobachtungszeitraum von 0 bis 12 Jahren mit sechs Implantatverlusten (zwei vor und vier nach Belastung) bei einem kumulativen Wert von 98,4 %. Der marginale Knochenabbau wurde über einen Zeitraum von fast sechs Jahren beobachtet. Der mesiale Abbau des crestalen Knochens betrug durchschnittlich 0,235 mm/a bei einem Standardfehler von 0,021 mm/a. Distal betrugen die Werte 0,211+/-0,018 mm/a. Da auch bei geringer präoperativer Restknochenhöhe die Implantate innerhalb der Beobachtungszeit immer noch vollständig osseointegriert waren, kann daraus geschlossen werden, dass das Bio-Oss Augmentat zur Stabilisierung des Implantats beigetragen hat.

 

Schlüsselwörter: Sinusbodenelevation, Langzeitstabilität, marginaler Knochenabbau, Implantatüberlebensrate,

1 Einleitung

Sowohl der Verlust der Molaren als auch der Prämolaren führt im Oberkiefer ohne Weiterbehandlung zu einer schnellen Verminderung der horizontalen und vertikalen Knochendimension in der posterioren Maxilla. Dieser Prozess wird durch die verstärkte Pneumatisation der Kieferhöhle noch verstärkt [17, 28]. Die Ursachen der Alveolarfortsatzresorption nach Zahnverlust sind vielfältig und zum Teil noch nicht vollständig geklärt. Umbauvorgänge und Abbauprozesse der leeren Alveolen führen zu einer Resorption von durchschnittlich 0,1 mm pro Jahr, wobei auch Werte bis zu 0,5 mm pro Jahr erreicht werden können [2, 22]. Durch das Fehlen eines vom Parodont ausgehenden adäquaten Reizes wird im Rahmen der physiologischen Umbauvorgänge des Alveolarknochens mehr Knochen ab- als angebaut. Außerdem verlieren die Sinuswände durch die Vergrößerung des Kieferhöhlenvolumens nach dem Zahnverlust im Oberkiefer und dem Wegfallen der einwirkenden Kaukräfte an Stärke [8, 24]. Die Ausdehnung der Pneumatisation in funktionslos gewordene Areale der Maxilla kann den zahnlosen Alveolarfortsatz vor allem bei älteren Menschen unterschiedlich stark, zuweilen sogar völlig aushöhlen. Oft beträgt die Dicke der die Kieferhöhle von der Mundhöhle trennenden Knochenlamelle weniger als 1 mm [25].

Die Rehabilitation der zahnlosen posterioren Maxilla mit osseointegrierten oralen Implantaten bei insuffizienten Knochenvolumen stellt heute eine Standardtherapie dar. Bei mehr als 4 mm bis 5 mm vertikalem Restknochen können simultan mit der Sinusbodenaugmentation Implantate gesetzt werden. Stehen weniger als 4 mm zur Verfügung und ist die Primärstabilität nicht garantiert, wird meist noch die zweizeitige Vorgehensweise empfohlen. Bei ausreichendem vertikalen Restknochenangebot von mehr als 6 mm kann auch die Technik nach Summers mit crestalem Zugang angewendet werden [18].

Der Sinuslift ist eine techniksensitive Prozedur, die mehr als durchschnittliche chirurgische und prothetische Fähigkeiten erfordert. Jedoch zeigt eine vergleichende Analyse der Literatur in Bezug auf die Implantatüberlebensrate, dass die Sinusbodenaugmentation mit Bio-Oss eine langfristig zuverlässige Methode darstellt [1]. Obwohl die Vorhersagbarkeit der Ergebnisse mit der exzellenten Volumenstabilität des in Bio-Oss regenerierten Knochens in Verbindung gebracht wird [14], sind metrische Daten zum zeitlichen Verhalten des Volumens rar.

Die vorliegende Studie untersucht zum ersten Mal radiologisch über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren die Stabilität der Augmentationshöhe, des crestalen Knochenniveaus und die Implantatüberlebensdauer bei Sinusbodenaugmentationen mit Bio-Oss.

2 Materialien und Methoden

Die Untersuchungsgruppe umfasste 112 Patienten mit 364 Implantaten (Camlog und IMZ), die simultan in die mit Bio-Oss (Geistlich) augmentierten Kieferhöhlen inseriert wurden. Die Implantatüberlebensrate wurde an allen 364 Implantaten bestimmt. Zur radiographischen Auswertung des zeitlichen Verlaufs der Augmentationshöhe wurden 690 digitalisierte Orthopantomogramme von 67 Patienten vermessen, an denen in der Zeit von 1995 – 2006 99 einzeitige Sinusbodenaugmentationen mit reinem Bio-Oss und mit 186 dort inserierten Camlog- und IMZ-Implantaten durchgeführt wurden. Die digital gemessenen Längen in den Orthopantomogrammen wurden mit Hilfe der bekannten originalen Implantatlängen kalibriert. Kalibrierungsfehler durch Deklinationen der Implantatachse gegenüber der Projektionsebene liegen bis zu einem Winkel von 11° unterhalb von 2 % und wurden deshalb im Vergleich zur Standardabweichung vernachlässigt. Der marginale Knochenabbau mesial und distal des jeweiligen Implantats wurde bei 57 Patienten mit 146 Camlog-Implantaten bestimmt, an denen auch der Verlauf der Augmentationshöhe vermessen wurde. Der Untersuchungszeitraum betrug im kürzesten Fall zwölf Monate, im längsten Fall 141 Monate. Orthopantomogramme zu folgenden Zeitpunkten wurden herangezogen:

am Tag der OP oder ein bis zwei Tage später,

am Tag der Eingliederung der Suprakonstruktion oder ein bis zwei Tage später,

die den zeitlichen Verlauf zeigenden Orthopantomogramme im Abstand von ein bis zwei Jahren.

Für die quantitative Analyse bzw. für die Messung der Augmentationshöhe und des crestalen Knochenabbaus wurden die Röntgenbilder entweder durch einen Scanner oder fotographisch digitalisiert und mit Hilfe des Messwerkzeugs der Röntgensoftware Sidexis, Version 4.2 (Firma Sirona) vermessen.

Die aus Abbildung 1 zu entnehmenden Parameter wurden gemessen:

Die Zeitbasis für die Längenmessungen an Orthopantomogrammen ist inhomogen, da sie an die Verfügbarkeit der Verlaufs-Orthopantomogramme gebunden war. In solchen Fällen werden in der Statistik „gemischte Modelle“ (mixed models) angewendet“. Mixed Models schützen vor falschen Schlüssen aus Messwiederholungen. Die Modelle lassen die Kombination von Faktoren (kategoriale Vorhersagevariabeln) zu, die fest oder auch zufällig sein können. Die statistische Auswertung wurde mit dem Open-Source Programm R, Version 2.1.1 [23] durchgeführt. Lineare Mixed-Modelle wurden mit dem Package nlme unter R [15] berechnet. Zur Berechnung der zeitlich geglätteten Mittelwertkurven wurden die Messwerte jedes Implantats so offset-versetzt, dass sie zum Zeitpunkt t = 0 dem Mittelwert bei Belastung entsprechen. Danach wurde eine lokal-adaptive geglättete Kurve durch die Datenpunkte gelegt.

3 Ergebnisse

3.1 Implantatüberlebensrate

Bei den 364 Implantaten gab es sechs Implantatverluste (Tab. 1), davon zwei vor Belastung und vier nach Belastung. Dies ergibt eine kumulative Implantatüberlebensrate von 98,4 %.

3.2 Langzeitverhalten der Augmentationshöhe

Abbildung 3 zeigt die Augmentationshöhe bei Sinuslifts mit reinem Bio-Oss in Abhängigkeit von der Zeit.

In der Punktedarstellung links zeigt die mittlere Linie den lokal geglätteten Mittelwert, die Bänder den Bereich der Standardabweichung. Rechts ist die geglättete Trendkurve dargestellt. Der Kurvenverlauf vor „0“ stellt die Messwerte vom Implantationszeitpunkt bis zur Belastung dar.

Bei der Vermessung des Augmentationslevels über eine Beobachtungszeit von bis zu zehn Jahren erwies sich das Bio-Oss-Augmentat als sehr stabil. Im Mittel sank der Level mit einer geringen kontinuierlichen Abnahme von 0,100 ± 0,016 mm/Jahr. (p < 0,0001)

3.3 Marginaler Knochenabbau am Implantatkopf

Zur Untersuchung des marginalen Knochenabbaus am Implantatkopf wurden ausschließlich die Daten mit Camlog-Implantaten herangezogen. Dies sollte eine Beeinflussung der Statistik durch implantatspezifische Unterschiede verhindern [12]. Der Beobachtungszeitraum lag bei fünf bis sechs Jahren.

Abbildung 4 zeigt beispielhaft an einem Camlog-Implantat regio 26 den marginalen Knochenabbau über eine Beobachtungszeit von drei Jahren.

Abbildung 5 zeigt die geglätteten Trendkurven des mesialen und distalen crestalen Knochenabbaus. Gemittelt ergab sich mesial ein crestaler Knochenabbau von 0,235 ±
0,021 mm/a. Distal betrug der Wert 0,211 ± 0,018 mm/a.

4 Diskussion

Von den 364 Implantaten gingen über einen Beobachtungszeitraum von zwei bis zehn Jahren sechs Implantate verloren. Daraus ergab sich eine kumulative Überlebensrate von 98,4 %. Sie stellt einen Durchschnittswert über die einzelnen Teilbeobachtungszeiträume von zwei bis zehn Jahren dar. Im streng statistischen Sinne ist die Angabe einer kumulativen Überlebensrate nicht korrekt, liefert aber eine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Arbeiten.

Valentini et al. berichteten in einer Langzeitstudie an 15 Patienten mit 57 Implantaten von einer Überlebensrate von 98 % bei einer mittleren Funktionsdauer von 4,0 ± 0,5 Jahren. [26]. Hallman et al. ermittelten 2002 bei einer Vergleichsstudie mit 21 Patienten mit zweizeitiger Sinusbodenaugmentation an 36 Sinusböden die Implantatüberlebensrate in Abhängigkeit des Verhältnisses von Bio-Oss und autologem Knochen. 33 Implantate wurden in rein mit autologem Knochen elevierten Sinus eingebracht, 35 Implantate in eine Mischung von Bio-Oss und autologem Knochen (80:20) und 43 Implantate in Bio-Oss allein, wobei im letzten Fall das laterale Fenster mit einer Bio-Gide Membran abgedeckt wurde. Die Überlebensraten waren ein Jahr nach Belastung 82,4 %, 94,4 % und 96,0 % [9]. Die histologischen Untersuchungen zeigten in allen drei Gruppen einen äquivalenten Anteil neuen Knochens nach einem Jahr. Die höchste Implantatüberlebensrate wurde für die Kombination Bio-Gide und Bio-Oss beobachtet. Die Verwendung von autologem Knochen im Sinus verbesserte die Implantatüberlebensrate nicht.

Wallace und Froum veröffentlichten 2003 ihren Review über 43 Studien mit 3354 OP's und 6443 Implantaten [27]. Der minimum Follow-Up betrug ein Jahr, jede Studie musste ein Minimum von 20 Fällen aufweisen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Zugabe von autologem Knochen zum Knochenersatzmaterial die Überlebensrate nicht steigert. Weiter fanden sie, dass die klinische Erfolgsrate signifikant höher ist bei Verwendung von Membranen zur Abdeckung des Sinusfensters (93,6 % vs. 88,7 %).

Aghaloo und Moy zeigten 2007 mit ihrem Review über 90 Publikationen qualitative und quantitative Unterschiede in der Vorhersagbarkeit der Therapie in Abhängigkeit des Augmentationsmaterials [8]. Insgesamt betrachteten sie für die externe Sinusbodenelevation 5128 Implantate mit einem Follow-up von zwölf bis 102 Monate. Das xenogene Knochenersatzmaterial Bio-Oss erwies sich als sehr zuverlässig (Überlebensrate 95,6 %), während die Autoren in den Gruppen der autologen (92,0 %), synthetischen (81 %) und allogenen (93,3 %) Materialien große Divergenzen in der Implantatüberlebensrate feststellten. Der Erfolg wird von McAllister und Haghighat mit der exzellenten Volumenstabilität des natürlichen Hydroxylapatits begründet [9] und es wird durch Esposito et al. bestätigt, dass Knochenersatz in bestimmten Indikationen autologen Knochen ersetzen kann [7]. Weitere Langzeitbeobachtungen von Del Fabbro et al. mit Vergleichsdaten zur Beimischung von autologem Knochen konnten bestätigen, dass die Implantatüberlebensrate im Sinus mit Knochenersatz allein am höchsten (96,0 %) ist [5] und ähnlich hoch wie im gesunden Knochen erscheint (96,4 %) [6].

Raghoebar et al. augmentierten mit autologem Material von der Hüfte, der Symphysis und dem Tuber. Sie beobachten zwölf bis 144 Monate und verloren von 392 inserierten Brånemark Implantaten 32. Das entsprach einer kumulativen Überlebensrate von 92,8 % [16]. Block und Kent verwendeten seit 1983 autologen Knochen und beobachten zehn Jahre und mehr. Von 173 Implantaten verloren sie 20. Das entspricht einer kumulativen Überlebensrate von 88,5 % [3].

Das eigene Untersuchungsergebnis liegt mit einer Implantatüberlebensrate von 98,4 % somit im Vergleich mit anderen Bio-Oss Arbeiten. Da es in der Literatur keine Arbeit gibt, in der über einen Zeitraum von zehn Jahren die Stabilität des reinen Bio-Oss-Augmentats im Sinus röntgenologisch vermessen wurde, war es schwierig, die eigenen Ergebnisse diesbezüglich mit anderen Arbeiten zu vergleichen. Die vorliegende Arbeit zeigt, dass die Augmentationshöhe über dem Implantatapex ab dem Zeitpunkt der Belastung um 0,1 mm/Jahr abnahm. In zehn Jahren ergab sich also nur eine durchschnittliche Reduktion der Augmentationshöhe von 1 mm. Dabei war die Schrumpfung in der Zeit zwischen Implantatinsertion und Belastung etwas höher.

Die nach Kenntnis des Autors einzige Arbeit, die über einen Beobachtungszeitraum von zehn Jahren radiologisch regenerierte Sinusaugmentate vermessen hat, wurde 2004 von Hatano et al. veröffentlicht [11]. In der Studie verwendeten die Autoren zur Augmentation eine Mischung aus einem Drittel Bio-Oss und zwei Drittel autologem Knochen von Kinn und Kieferwinkel. Die ersten zwei bis drei Jahre hielt sich das Augmentat über dem Implantatapex, nach zwei bis drei Jahren befand es sich auf gleicher Höhe oder leicht darunter, ab dem dritten Jahr sank es bis fast zum ehemaligen Niveau des Sinus. Die kummulative Überlebensrate betrug 92,4 %, wobei alle Implantatverluste innerhalb der ersten drei Jahre verzeichnet wurden. Hatano et al. schlossen, dass der Pneumatisationsdruck die vorzeitige Resorption des Augmentats verursachte und dass gerade in der Anfangsphase die Stabilität des Augmentats einen wichtigen Faktor für den Widerstand der Kieferhöhle gegen den positiven Atmungsdruck darstellt [11].

In einer Studie von Schlegel et al. aus dem Jahre 2003 wurde das Volumenverhalten von autologen Knochenchips und Bio-Oss im Sinus von Hunden untersucht [20]. Nach 90 Tagen wies das Bio-Oss-Augmentat einen Volumenverlust von 14,6+/
-4,4 % auf, das autologe Augmentat 3,8+/-2,5 %. Der Knochen-Implantatkontakt betrug bei Bio-Oss 52+/-13,15 %, bei Knochen 60,21+/-11,46 %. Nach 180 Tagen war eine Stabilisierung des Bio-Oss-Augmentats zu erkennen. Der Volumenverlust betrug 16,5+/-8,67 %, in der autologen Gruppe dagegen 39,8+/-16,14 %. Der Knochen-Implantatkontakt war bei Bio-Oss 63,43+/-19,56 %, beim Knochen nur 42,22+/-12,80 %. Das Einwachsen von Knochen in das Bio-Oss konnte gezeigt werden, beim autologen Knochen war keine Differenzierung zum ursprünglichen Knochen mehr möglich. Möglicherweise gewann das Bio-Oss-Augmentat erst durch das Einwachsen von Knochen nach 180 Tagen an Stabilität und konnte dem Pneumatisationsdruck Widerstand leisten.

Zu demselben Ergebnis kamen 2004 Hui Xu et al. bei ihrer Untersuchung an Hasen [29]. In der Kontrollgruppe wurde nur mit geronnenem Blut augmentiert, in der Experimentalgruppe mit Bio-Oss. Nach zwei Wochen fand sich in beiden Gruppen neu gebildeter Knochen, in der Experimentalgruppe waren die Bio-Oss-Teile von neu gebildetem Knochen ummantelt. Nach acht bis zehn Wochen war der neu gebildete Knochen in der Kontrollgruppe durch die vom positiven Membrandruck aktivierten Osteoklasten fast vollständig resorbiert, während das Augmentat in der Bio-Oss- Gruppe weitgehend stabil blieb. Bei der Kontrollgruppe wurden im neu gebildeten Knochen, der sich in der Nähe der Membran befand, mehr Osteoklasten gefunden. Zu allen Untersuchungszeiten war die Augmentationshöhe in der Experimentalgruppe signifikant höher als in der Kontrollgruppe. Die Autoren schlossen daraus, dass die langsam resorbierenden Bio-Oss-Teilchen im Sinne eines Leitgerüsts zur Stabilität des Augmentats beitragen, indem sie die Resorption verhinderten. Der Autor fand in seiner Histologie in der Nähe der Bio-Oss-Teilchen TRAP-befleckte Osteoklasten und schloss daraus auf eine sehr langsame Resorption des Bio-Oss.

Sartori et al. veröffentlichten 2003 in einem nur mit Bio-Oss augmentierten Patientenfall nach acht Monaten, zwei und zehn Jahren histomorphometrisch die Ossifikation [19]. In aufsteigender Folge fanden sie 29,8 %, 69,7 % und 86,7 % Eigenknochen. Alle Bio-Oss-Teilchen waren von neu gebildetem Lamellenknochen umgeben. Die potenzielle Metabolisation der Bio-Oss-Teilchen durch Osteoklasten konnte durch die Zunahme an relativem Knochenvolumen bestätigt werden. Bis zum zweiten Jahr konnte eine mittlere Umbaurate von 3,55 % pro Monat festgestellt werden. In den darauffolgenden acht Jahren betrug die mittlere Umbaurate 0,58 % pro Monat.

Diese Resorptionsrate des Bio-Oss entspricht damit etwa der natürlichen Umbaurate im menschlichen Knochen, wodurch das natürliche Hydroxylapatit im Sinus eine exzellente Volumenstabilität zeigt [1].

Verglichen mit anderen Untersuchungen kann bezüglich der vorliegenden Studie gesagt werden, dass Bio-Oss als Sinus-augmentationsmaterial eine sichere und stabile Alternative zu anderen Materialien darstellt.

Bei der Analyse des marginalen Knochenabbaus über einen Zeitraum von sechs Jahren ergab sich gemittelt ein Abbau von 0,235 ± 0,021 mm/a mesial und 0,211 ± 0,018 mm/a distal.

In der Literatur finden sich Arbeiten, die Daten zum periimplantären marginalen Knochenverlust in nicht-augmentiertem Knochen liefern. Carlsson et al. untersuchte Brånemark-Implantate, die in zahnlose Ober- und Unterkiefer inseriert wurden [4]. Im ersten Jahr nach Implantation wird dort ein Verlust von
0,6 mm beschrieben. Im Zeitraum von ein bis fünf Jahren schwand der Knochen um 0,2 mm/Jahr. Zwischen den Jahren fünf bis zehn zeigte sich nur noch ein Verlust von 0,1 mm/Jahr. Fester Zahnersatz schnitt etwas besser ab als herausnehmbarer. Der durchschnittliche Knochenabbau betrug hier ungefähr
0,1 mm/Jahr. Lindquist et al. kamen in ihrer 15-Jahresstudie mit festen implantatgetragenen Brücken im Unterkiefer auf ähnliche Resultate. Auch sie verwendeten Brånemark-Implantate [13]. Shin et al. untersuchten die marginale Knochenstabilität bei Implantaten mit rauer Oberfläche und Mikrogewindehals im Vergleich zu Implantaten mit rauer Oberfläche und maschinenpolierten Implantaten. Zwölf Monate nach Belastung lag der marginale periimplantäre Knochenverlust bei respektive 0,18+/-0,16 mm, 0,76+/-0,21 mm und 1,32+/-0,27 mm [21].

Hallman et al. fanden in der 2005 erschienenen Studie nach Augmentation mit Onlaygrafts ein anderes Verhalten. Sie untersuchten glatte Brånemark-Implantate und raue Astra Implantate im zweizeitigen Sinuslift. Überraschenderweise schnitten die Brånemark-Implantate bezüglich Haltbarkeit und marginalem Knochenabbau etwas besser ab [24]. Herzberg et al. [12] definierten ein Implantat als röntgenologischen Misserfolg, wenn der marginale Knochenabbau größer als
0,2 mm/Jahr betrug. Er korrelierte Faktoren wie Implantatoberfläche, einzeitig-zweizeitiges Vorgehen, Raucher/Nichtraucher mit der Knochenabbaurate pro Jahr. Rauchen, kleine Implantatoberflächen und zweizeitiges Vorgehen korrelierten vor allem bei geringer Restknochenhöhe < 4 mm mit einem erhöhten marginalen Knochenverlust. Die Autoren schlagen auf Grund der Daten ein einzeitiges Vorgehen unter der Voraussetzung vor, dass Primärstabilität erreicht werden kann.

Da die zitierte Literatur in Bezug auf den marginalen Knochenverlust radiographische Auswertungen erst ab Belastung liefert, kann der in der vorliegenden Arbeit festgestellte Knochenabbau zwischen Implantatinsertion und Belastung nicht verglichen werden. Festzuhalten bleibt, dass vom Zeitpunkt der Insertion bis zwei Jahre nach Belastung im Schnitt ein Abbau von knapp 2 mm stattfindet, der im weiteren Verlauf fortschreitet. Bei geringen Restknochenstärken unter 4 mm ist nach dieser Zeit eine kritische Phase zu erwarten, in der die Volumenstabilität und Belastungsstabilität des mit Bio-Oss augmentierten Sinus für den langfristigen Erfolg von Bedeutung ist. Der verbleibende Restknochen von nur 1 mm bis 2 mm kann dem Implantat kaum noch Stabilität verleihen. Da die Implantate in der vorliegenden Arbeit nach einer Beobachtungszeit von 60 Monaten immer noch vollständig osseointegriert waren, ist davon auszugehen, dass das Augmentat diese Aufgabe zumindest teilweise übernommen hat. Möglicherweise lassen sich die von Hatano et al. beobachteten Verluste bis zum dritten Jahr nach Belastung als eine Folge des marginalen Knochenverlustes bei gleichzeitiger Volumeninstabilität des Augmentats erklären.

Schlussfolgerung

Das Resultat bezüglich der Langzeitstabilität des Augmentats konnte nur bedingt mit Ergebnissen aus der Literatur verglichen werden. Die vorliegende Studie sucht Antworten auf bisherige Fragen zur langfristigen Implantatstabilität im augmentierten Sinus. Bei der Untersuchung der Stabilität der Augmentationshöhe nach Sinuslifts mit Bio-Oss wurden über eine Beobachtungszeit von maximal zehn Jahren an 67 Patienten mit 186 in die Kieferhöhle inserierten Implantaten 690 Orthopantomogramme vermessen. Die Auswertung der radiographischen Daten reicht aus, um die aus der Hypothese abgeleiteten Fragen positiv zu beantworten: Die Verwendung des bovinen Knochenersatzmaterials Bio-Oss bei der Sinusbodenaugmentation erzeugt ein stabiles Augmentat mit einer hohen Überlebensrate der dort inserierten Implantate und kann somit vom Kliniker zuverlässig eingesetzt werden. Der regenerierte Knochen widersteht durch seine langsame Resorption dem Pneumatisationsdruck und gibt dadurch selbst bei kritischen marginalen periimplantären Knochenverlusten langfristig Stabilität. Für den Kliniker bedeuten diese Ergebnisse, dass bei Sinusliftfällen, bei denen vertikal eine Auflagerungsplastik nicht notwendig ist, die Indikation einer Knochenentnahme aus der Hüfte neu überdacht werden sollte.

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt der Praxis Dr. A. Kirsch / Dr. K.-H. Ackermann in Filderstadt für die zur Verfügung gestellten Orthopantomogramme und der wissenschaftlichen Unterstützung durch Professor Dr. H. Terheyden der Universität Kiel.

Korrespondenzadresse

Hanns Dieter Ruoff (M.Sc.)

Herrenbergerstrasse 68

D-72070 Tübingen

Tel.: 0 70 71 / 4 99 23

Fax: 0 70 71 / 4 28 58

h-d.ruoff@zahnarztruoff.de

Literatur

1. Aghaloo TL, Moy PK: Which hard
tissue augmentation techniques are the most successful in furnishing bony support for implant placement? J Oral Maxillofac Implants 2007;22(Suppl): 49–70

2. Atwood DA, Coy WA: Clinical, cephalometric, and densitometric study of reduction of residual ridges. J Prosthet Dent 1971;26(3):280–295

3. Block MS, Kallukaran FU, Thunthy K, Weinberg R: Bone maintenance 5 to 10 years after sinus grafting. J Oral Maxillofac Surg 1998;56:706–714

4. Carlsson GE, Jemt T: Long-term marginal periimplant bone loss in edentulous patients. Int J Prosthodont 2000;13:295–302

5. Del Fabbro M, Testori T, Francetti L, Weinstein R: Systematic review of survival rates for implants placed in the grafted maxillary sinus. Int J Periodontics Restorative Dent 2004;24(6): 565–577

6. Del Fabbro M, Testori T, Francetti L, Taschieri S, Weinstein R: Systematic review of survival rates for immediately loaded dental implants. Int J Periodontics Restorative Dent 2006;26(3): 249–263

7. Esposito M, Grusovin MG, Coulthard P, Worthington HV: The efficacy of vari-ous bone augmentation procedures for dental implants: a Cochrane systematic review of randomized controlled clinical trials. Int J Oral Maxillofac Implants 2006;21(5):696–710

8. Gruber H, Ulm C: Anatomie und atrophiebedingte Veränderungen der Kieferknochen. In Watzek G: Enossale Implantate in der oralen Chirurgie. Quintessenz, Berlin 1993, 29–62

9. Hallman M, Sennerby L, Lundgren S: A clinical and histologic evaluation of implant integration in the posterior maxilla after sinus floor augmentation with autogenous bone, bovine hydroxyapatite, or a 20:80 mixture. Int J Oral Maxillofac Implants 2002;17(5): 635–643

10. Hallman M, Strandkvist T: A retrospective 5-year follow-up study of two different titanium implant surfaces used after interpositional bone grafting for reconstruction of the atrophic edentulous maxilla. Clin Implant Dent Relat Res 2005;7:121–126

11. Hatano N, Shimuzu Y, Ooyova K: A clinical long-term radiographic evaluation of graft height changes after maxillary sinus floor augmentation with a 2:1 autogenous bone/xenograft mix-ture and simultaneous placement of dental implants. Clin Oral Implant Res 2004;3:339–345

12. Herzberg R, Schwartz-Arad D: Implant marginal bone loss in maxillary sinus grafts. Int J Oral Maxillofac Implants 2006;21:103–110

13. Lindquist LW, Jemt T: A prospective 15-year follow-up study of mandibular fixed prostheses supported by osseointegrated implants. Clinical results and marginal bone loss. Clin Oral Implants Res 1966;7:329–336

14. McAllister BS, Haghighat K : Bone Augmentation Techniques. J Periodontol 2007;78(3):377–396

15. Pinheiro JCaDMB. Mixed-Effects Models in S and S-Plus. The Statistician 2001;50:351–352

16. Raghoebar GM, Reintsema H, van Oort RP: Augmentation of the maxillary sinus floor with autogenous bone for the placement of endosseous implants: a preliminary report. J Oral Maxillofac Surg 1993;51:1198–1203; discussion 1203–1195

17. Rosen MD, Sarnat BG: Change of volume of the maxillary sinus of the dog
after extraction of adjacent teeth. Oral Surg Oral Med Oral Pathol 1955; 8:420–429

18. Rosen PS, Mellado JR, Salkin LM, Shanaman RH, Marks MH, Fugazzotto PA: The bone-added osteotome sinus floor elevation technique: multicenter retrospective report of consecutively treated patients. Int J Oral Maxillofac Implants 1999;14:853–858

19. Sartori S, Silvestri M, Forni F, Icaro Cornaglia A, Tesei P, Cattaneo V. Ten-year follow-up in a maxillary sinus augmentation using anorganic bovine bone (Bio-Oss). A case report with histomorphometric evaluation. Clin Oral Implants Res 2003;14(3):369–372

20. Schlegel KA, Fichtner G, Schultze-Mosgau S, Wiltfang J: Histologic findings in sinus augmentation with autogenous bone chips versus a bovine bone substitute. Int J Oral Maxillofac Implants 2003;18(1):53–58

21. Shin YK, Heo SJ, Kim S, Chun HJ: Radiographic evaluation of marginal
bone level around implants with different neck designs after 1 year. Int J Oral Maxillofac Implants 2006;21:789–794

22. Tallgren A: The continuing reduction of the residual alveolar ridges in complete denture wearers: a mixed longitudinal study covering 25 years. J Pros-thet Dent 1972;27:120–132

23. Team RDC: A language and environment for statistical computing. R. Foundation for Statistical Computing, Vienna, Austria 2005;ISBN 3–900051–07–0, URL www.R-project.org

24. Ulm C, Matejka M, Watzek G: Die Atrophie des zahnlosen und teilbezahnten Processus alveolaris maxillae. In Watzek G: Enossale Implantate in der oralen Chirurgie. Quintessenz, Berlin 1993, 305–313

25. Ulm C, Krennmair G, Matejka M, Watzek G: Incidence and suggested surgical management of septa in sinus-lift procedures. Int J Maxillofac Implants 1995;10:462–465

26. Valentini P, Abensur D, Wenz B, Peetz M, Schenk R: Sinus grafting with porous bone mineral (Bio-Oss) for implant placement: a 5-year study on 15 patients. Int J Periodontics Restorative Dent 2000;20(3):245–253

27. Wallace SS, Froum SJ: Effect of maxillary sinus augmentation on the survival of endosseous dental implants. A systematic review. Ann Periodontol 2003;8(1):328–343

28. Watzek G, Ulm CW, Haas R: The Sinus Bone Graft “Anatomic and physiologic fundamentals of sinus floor augmentation”. In Jensen OT, Chicago, 1999

29. Xu Hui SY, Asai S, Ooya K: Grafting of deproteinized bone particles inhibits bone resorption after maxillary sinus floor elevation. Clin Oral Implants Res 2004;15:126–133

Fussnoten

1 Herrenbergerstr. 68, 72070 Tübingen

2 Rotes Kreuz Krankenhaus Kassel Gemeinnützige GmbH, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Hansteinstrasse 29, 34121 Kassel


(Stand: 27.06.2011)

DGI Nachrichten aktuell

In Memoriam an Karl-Ludwig Ackermann. Ein Nachruf von Prof. Dr. Günter Dhom und Gedenken an einen ganz „Großen“ der Zahnmedizin. 

zum Nachruf an Dr. Ackermann

Aktuelle Ausgabe 2/2021

Im Fokus

  • Freiendkonstruktionen zur Versorgung von Schalt- und Freiendlücken
  • Hybridgestützte Doppelkronen als Konzept für langlebige Versorgung
  • Komplikationen bei Implantaten

FORTBILDUNGSANGEBOTE DGI

Die DGI bietet ein umfassendes und überregionales Fortbildungsangebot an. 

WERDEN SIE AUTOR

Sie haben ein spannendes Thema aus dem Bereich der Implantologie und würden gerne einen Artikel dazu in der ZZI veröffentlichen? Dann nutzen Sie unseren Editorial Manager und reichen Sie ihr Manuskript direkt bei uns ein.

Manuskript einreichen