Psychosomatische Medizin und Psychologie für Zahnmediziner Compact<br/>Lehrbuch für Studium und Praxis

A. Wolowski, H.-J. Demmel (Hrsg), Schattauer, Stuttgart 2010, ISBN 978–3–7945–2629–1, 255 Seiten, 27 Abb., 40 Tab. 49,95 €

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A. Wolowski, H.-J. Demmel (Hrsg), Schattauer, Stuttgart 2010, ISBN 978–3–7945–2629–1, 255 Seiten, 27 Abb., 40 Tab. 49,95 €

Und der Haifisch, der hat Zähne

Und auf die sind wir erpicht

Und der Haifisch, hat ’ne Seele

Doch die Seele sieht man nicht

[nach Bertolt Brecht (1898–1956) „Die Moritat von Mackie Messer“ (1928)]

Mit Anne Wolowski (Münster) und Hans-Joachim Demmel (Berlin) haben sich zwei weithin bekannte Vorkämpfer für die Integration psychologischer und psychosomatischer Inhalte in die zahnmedizinische Lehre und Praxis zusammengetan und unter Mitarbeit von zwölf weiteren ausgewiesenen Autoren ein aktuelles Kompendium zum genannten Themenkomplex verfasst. Die Bedeutung ihres Anliegens reflektierend steuert nicht nur der derzeitige DGZMK-Präsident Thomas Hoffmann ein Vorwort bei – nein, auch Reinhard Marxkors, der seinerzeit in Münster der Psychosomatik den Weg in die Zahnheilkunde ebnete, ist mit einem Geleitwort vertreten, in welchem er das Unverständnis anspricht, dem er von Patienten- und Zahnärzteseite für sein Engagement ausgesetzt war. Ist es zu gewagt zu behaupten, dass es ohne Marxkors’ beharrliches Engagement und die erfolgreiche Berufung des unvergessenen Hans Müller-Fahlbusch dieses Lehrbuch nicht gäbe?

Bereits vor sechs Jahren bemerkte der Rezensent in dieser Zeitschrift (Dtsch Zahnärztl Z 2004;59:485) anlässlich der Besprechung der 6. Auflage des Uexküll-Buchs „Psychosomatische Medizin. Modelle ärztlichen Denkens und Handelns“, dass in Deutschland bislang weder die klinische Psychologie noch die psychosomatische Medizin Teil der zahnmedizinischen Ausbildung sei. Zumindest in der zahnärztlichen Fort- bzw. Weiterbildung hat sich bislang aber einiges getan; besonders hervorzuheben ist das neue APW-Curriculum „Psychosomatische Grundkompetenz“ (<www.apw-online.com/kurse/psychosomatik/curriculum/kurs_01.htm>; zur Entstehungsgeschichte siehe <www.demmel-berlin.de/pdf/pub_allg_curriculum.pdf>), für welches die in dem hier besprochenen Buch gesammelten Beiträge eine solide Grundlage bilden.

Wenn die von zahnärztlichen Standesvertretern bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorgebrachte Betonung des medizinischen Anteils innerhalb der Zahnmedizin nicht auf Festreden beschränkt bleiben, sondern mit Leben erfüllt werden soll, darf die Suche nach den Gemeinsamkeiten mit medizinischen Fragestellungen und Disziplinen vor der „Achse II“ – also, um es mal salopp zu formulieren, vor all den Fächern, die mit „Psych“ beginnen – nicht halt machen. Bereits für diesen Zweck ist Wolowskis und Demmels Vielautorenwerk eine wahre Fundgrube, gar nicht zu reden von den vielen nützlichen Hinweisen im praktischen Umgang mit Patienten.

Und das erwartet den Leser: Nach einer kurzen Einführung in das Thema breitet sich der Inhalt des Buchs in zwei große Themenfelder aus, die mit den Überschriften „Grundlagen“ (Psychologie; Psychosomatische Medizin; psychiatrische Krankheitsbilder; Neurologie) und „Praxis“ (biopsychosoziale Anamnese und ärztliches Gespräch; zahnärztliche psychosomatische Grundversorgung und interdisziplinäre Zusammenarbeit; spezielle Krankheitsbilder; forensische Aspekte) übertitelt sind. Ein „Anhang“ (psychotherapeutische Behandlungsverfahren; Fachtherapeuten und -institutionen; Klassifikationssysteme und Leitlinien; Bedeutung psychometrischer Testverfahren) vervollständigt den Inhalt dieses Werks, das mit einer umfangreichen Literatur- und einem detaillierten Sachverzeichnis schließt.

Grundlagen für eine erfolgreiche (Zahn-)Arzt-Patient-Beziehung und damit für Behandlungserfolg und Patientenzufriedenheit sind − dies wird in vielen Beiträgen deutlich − die biopsychosoziale Anamnese und das Gespräch (einschließlich Beratung). Ob die mangelnde Umsetzung in der Praxisrealität wohl daran liegt, dass diese Tätigkeiten von den zahnärztlichen Tarifordnungen nicht oder nur höchst unzureichend honoriert werden? (Glückliche Ausnahme ist die Schweiz, wie ein Blick in die Tarifordnung der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft <www.sso.ch> belegt; schauen Sie beispielsweise einmal unter den Tarifpositionen 4160 und 4161 nach). Demmel und Rolf Hermann Adler zeigen in ihrem Schlüsselbeitrag, wie trotz dieser Widrigkeiten die Zahnarzt-Patient-Kommunikation verbessert werden und in einem zufriedenstellenden Zeitrahmen bedeutsame Informationen liefern kann (und den Behandler später vor unliebsamen Überraschungen zu schützen vermag). Das in diesem Kapitel diskutierte Pro und Kontra eines gesonderten Besprechungsraums, in dem Patient(in) und Behandler(in) für das gegenseitige Kennenlernen und die Durchführung der allgemeinen und speziellen Anamnese gemeinsam an einem Tisch sitzen, hat der Rezensent vor einigen Monaten übrigens zugunsten eines „Pro“ gelöst, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass Patienten eine solche räumliche Abtrennung von der anschließenden klinischen Untersuchung im zahnärztlichen Behandlungsstuhl sehr schätzen.

Fazit: Die Lektüre des „CompactLehrbuchs“ (wie es bei Schattauer heißt, ohne dass sich dem Leser erschließt, wie sich dieses von einem „gewöhnlichen Lehrbuch“ unterscheidet) wird für jeden Zahnarzt eine lohnenswerte Erfahrung sein. Wünschenswert wäre natürlich, dass sich darüber hinaus möglichst viele Kollegen für die Teilnahme am APW-Curriculum „Psychosomatische Grundkompetenz“ entscheiden (siehe auch: Dtsch Zahnärztl Z 2008;63:361–362; <http://akpp.uni-muenster.de/AKPP/ statementdata/DZZ%205–2008_361-362.pdf>). Und als thematischen Einstieg (und Nachtlektüre) sei das Taschenbuch „Körper, Seele, Mensch. Versuch über die Kunst des Heilens“ des Frankfurter Chirurgen Bernd Hontschik (Suhrkamp, Frankfurt/Main 2006) empfohlen.

Jens C. Türp, Basel


(Stand: 24.03.2011)

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