Ausblick: Biologie, Stammzellen, DVT – und Seide

15. Jahrestagung des DGI-Landesverbandes Berlin-Brandenburg

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Viel Lob für die Arbeit des Landesverbandes Berlin-Brandenburg der Deutschen Gesellschaft für Implantologie/DGI gab es bei deren 15. Jahrestagung am 4. und 5. März in Berlin – und damit auch für den Vorsitzenden Prof. Dr. Dr. Volker Strunz, der dem Landesverband seit seiner Gründung vorsteht. „Sie gehen an das Thema ‚kritische Auseinandersetzung mit dem Fach’ mit Selbstbewusstsein heran, dazu kann ich Ihnen nur gratulieren“, sagte BZÄK-Vizepräsident Dr. Dietmar Oesterreich in seinem Grußwort zur Eröffnung.

Oesterreich verwies auf die Herausforderungen an den Berufsstand mit Blick auf die demografische Entwicklung, aber auch auf die wachsende Diversifikation im Fach und die neuen Rahmenbedingungen für die Praxen und warnte explizit vor „Rabatt-Schlachten und einer Vergewerblichung unserer Profession.“ Die Implantologie habe die Sichtweise der Zahnmedizin verändert, auch in diesem Fachgebiet stehe das präventionsorientierte Vorgehen im Vordergrund. Erwiesener medizinischer Nutzen der Verfahren zusammen mit einem für die Bevölkerung verträglichen Kostenverhältnis – hier appellierte er auch an die Industrie – sei zum Vorteil für die Patienten. Prof. Strunz habe ein spannendes Programm zur Jubiläums-Jahrestagung entwickelt – er gönne sich daher eine zeitweilige Teilnahme.

Lob gab es auch von der „Mutter“: DGI-Präsident Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden betonte, dass die Landesverbände einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für die DGI als Europas größte zahnmedizinische Fachgesellschaft seien. Er gratulierte Prof. Strunz zur „hochwertigen Qualität des wissenschaftlichen Programms“ und sprach ihm großen Dank aus „für 15 Jahre erfolgreiches Engagement für die DGI ‚vor Ort’!“ Die DGI erweise sich auch über die Landesverbände als „ein Club von Freunden mit für jedermann transparenten Vereinsstrukturen.“

Wissenschaftliches Programm

Das Tagungsprogramm „Rückblick – Augenblick – Ausblick“ lieferte ein rundes Bild über die Entwicklung der Implantologie in Deutschland. Referent Prof. Dr. Heiner Weber/Tübingen: „Manches, was wir in den Anfängen der Implantologie inseriert haben, gilt heute sicher als Kunstfehler.“ Damals sei man stolz gewesen, dass ein Implantat überlebt habe, die Ästhetik habe noch keine Rolle gespielt. „Die ist allerdings leider auch heute noch manchem Kollegen eher egal – aber es ist ein Fehler, wenn der Patient nie wieder lachen will.“ Der Blick zurück zeige, dass manches Vorgehen mit dem Wissen von heute eher als Abenteuer bezeichnet werden müsse. Daher warne er auch vor allzu kritikloser Nutzung von heutigen Innovationen: „Das DVT hat auch Gefahren – man sieht nur Ausschnitte statt den Mund ganzheitlich.“ Heute sei bei Einzelzahnersatz eindeutig das Implantat das Mittel der Wahl; für die Zukunft der Implantologie sehe er ein Fortschreiten der biologischen Medizin, insbesondere bakterielle Diagnostik, präzise Speicheltests und biotechnologische Entwicklungen im Bereich der Oberflächen. Unbestritten habe das Fach einen großen Einfluss in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, „aber wir sollten Implantologie immer mit Augenmaß anwenden, unbedingt Funktion – Ästhetik – Hygiene beachten und systemorientiert ein gutes Hart- und Weichgewebe-Management betreiben.“ Unterstützt durch viel Beifall dankte er aus Anlass des Jubiläums Professor Strunz für seinen großen Einsatz in der Implantologie.

Zwischen OP-Tisch und Stammtisch

Prof. Dr. Dr. Wilfried Wagner/Mainz stellte Präventionsaspekte in der Implantologie heraus: Einzelzahnersatz beispielsweise trage zum Strukturerhalt zahnloser Unterkiefer bei, auch eine Sofortversorgung könne bei der richtigen Patientenauswahl strukturerhaltend wirken.

Einen Blick auf die Forschung warf Prof. Dr. Dr. Rainer Schmelzeisen/Freiburg unter der Überschrift „Stammzellen für Augmentationen. Zwischen OP-Tisch und Stammtisch“. Bisher sei es eher ein Stammtisch-Thema, da noch nicht für Praxistauglichkeit evaluiert und bisher nicht in chairside-Verfahren nutzbar. Allerdings seien die Forschungsergebnisse durchaus ermutigend. Entwicklungen im Bereich des Knochenblocktransfers stellte Dr. Dr. Roland Streckbein/Limburg vor. Von den heute möglichen Knochentransplantaten mit Gefäßanschluss habe man früher nur träumen können. Die schlechte Nachricht: „Es gibt eine unübersehbare Menge an Vorgehensweisen heute.“ Die gute: „Bei einem erfahren Behandler funktionieren weitgehend alle gleich gut.“ Für die Zukunft erwarte er präfabrizierte alloplastische Anlagerungsplastiken mit ‚biologischem Düngemittel’ wie BMP oder Stammzellen. Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden/Kassel erinnerte an ein Verfahren aus früheren Jahren, das heute bei reduziertem Knochenangebot wieder eine große Zukunft habe: die Interpositionsosteoplastik zur vertikalen Augmentation, die dazu diene, den Knochen zu verlängern, um Implantaten einen besseren Halt zu verschaffen: „Eine patientenfreundliche Ästhetik ergibt sich bei diesem Vorgehen dann fast von selbst.“ Die Chirurgie müsse die Strukturen schaffen, die der Prothetik eine gute Startbasis bieten.

Vielfalt von Biologie über DVT bis zur Seide

Heute sei die Implantat-Überlebensrate die Messlatte für den Behandlungserfolg, sagte Prof. Dr. Frank Schwarz/Düsseldorf, dabei spielten Infektionen wie Mukositis und Periimplantitis eine entscheidende Rolle. Vollständig regenerierte Defekte hätten ein geringeres Risiko für Periimplantitis. Ob das DVT die Zukunft der zahnärztlichen Radiologie bestimmt, war Thema des Beitrags von Dr. Edgar Hirsch/Leipzig. Erste 3D-Versuche habe es bereits 1990 gegeben, heute gebe es eine große Auswahl an Systemen auch als Kombigerät mit anderen bildgebenden Verfahren. Sein Ausblick: „In zehn Jahren gehört der Zugriff auf ein DVT zu einer gut sortierten Zahnarztpraxis – es muss aber nicht jeder ein Gerät in seiner Praxis haben. Das OPG bleibt Standarddiagnostik.“ Oralchirurgin Lena Alekian/Berlin beleuchtete das Thema Wurzelspitzenresektion. Das DVT erweise sich in kritischen Fällen als hilfreich: „35 % der apikalen Läsionen werden bei konventionellen Röntgenverfahren nicht erkannt.“ Der Misserfolg einer WSR sei aber vorprogrammiert, wenn die wahre Größe des Entzündungsprozesses vor Behandlungsbeginn nicht bekannt sei. Zudem werde unnötig Knochen geopfert, der für eine möglicherweise anstehende Implantation gebraucht werde. Einen Blick in die Zukunft der Augmentation warf PD Dr. Dr. Ralf Smeets/Aachen: Heute sei man nicht nur Zahnarzt, sondern müsse auch Biologe sein, um die rund 100 verschiedenen Knochenersatzmaterialien beurteilen zu können. Insbesondere seien die Nebenwirkungen auf das Weichgewebe zu beachten: Die Blutversorgung der Zellen sei erfolgsentscheidend. Seiner Vision nach hängt die Zukunft der Augmentation an einem seidenen Faden: Als mögliche Alternative zur PerioChip-Technologie werde derzeit eine mit Zellen, Gewebe sowie Chlorhexidin beschichtete resorbierbare Seidenmembran zum Patent angemeldet.


(Stand: 03.06.2011)

Die beiden Ausgaben der Kongresszeitung SPECTATOR CONGRESS zur DGI-Jahrestagung 2019 bietet einen umfassenden Ausblick auf das Implantologie-Event in Hamburg.

1. Ausgabe (September 2019)
2. Ausgabe (November 2019)

Aktuelle Ausgabe 1/2020

Im Fokus

  • Periimplantäres Weichgewebe
  • Implantate bei Behandlung mit Knochenantiresorptiva
  • Forcierte Extrusion bei Längsfraktur

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