Thema: Sofortversorgung von Implantaten

PDF

,

Aufgrund der hohen Erfolgsraten dentaler Implantate, die u.a. von Faktoren wie Implantatdurchmesser oder deren Oberflächenbeschichtung, Vorerkrankungen der Patienten oder auch von chirurgischen Techniken abhängen, wurde das chirurgische Einsatzspektrum zunehmend ausgeweitet. Bei der konventionellen Durchführung einer Implantatversorgung erfolgt, nach durchgeführter Zahnextraktion, eine Ossifikation der Extraktionsalveole, im Anschluss daran die Implantatinsertion und nach der Osseointegration des Implantats schließlich auch die Belastung desselben. Diese Vorgehensweise stellt zur Zeit das Standardverfahren dar, das evidenzbasiert zu den bereits genannten hohen Erfolgsraten führt.

Mit dieser Vorgehensweise sind jedoch auch, bedingt durch die Ossifikation der Extraktionsalveole und die nachfolgende Osseointegration des Implantats ohne Belastung des Implantatkörpers, Wartezeiten bis zur endgültigen prothetischen Versorgung verbunden. In diesem Zusammenhang besteht für den Patienten häufig das Erfordernis, einen hinsichtlich ästhetischer und funktioneller Gesichtspunkte unzureichenden provisorischen Zahnersatz tragen zu müssen, wodurch bei einer tegumentalen Lagerung des Zahnersatzes die Gefahr der Destabilisierung der inserierten Implantate besteht. Zudem sind, sofern es sich um subgingival einheilende Implantate handelt, weitere implantatchirurgische Maßnahmen, wie beispielsweise deren Freilegung, erforderlich.

Im Gegensatz hierzu ergeben sich bei einer Sofortversorgung von Implantaten, bei der unmittelbar nach der Insertion eine provisorische oder sogar definitive Versorgung erfolgt, insbesondere unter Berücksichtigung der kurzen Versorgungsdauer, Vorteile für den Patienten. Dies soll bei einer erfolgreich durchgeführten Sofortversorgung zu einer Erhöhung des Patientenkomforts und der Patientenzufriedenheit führen.

 

n Akca K., Eser A., Eckert S., Cavusoglu Y., Cehreli M. C.

Sofortversorgung versus konventionelle Belastung von implantatgetragenen Oberkieferprothesen: eine Finite-Elemente-Analyse

 

Immediate versus conventional loading of implant-supported maxillary overdentures: a finite element stress analysis

 

Int J Oral Maxillofac Implants 2013;28:e57–63. doi: 10.11607/jomi.2200.

 

Studientyp

Finite-Elemente-Analyse (numerisches Verfahren zur Lösung von partiellen Differenzialgleichungen)

 

Studiengruppen

Es wurden jeweils numerische Modelle einer implantatgetragenen Mesostruktur, d.h. einer Stegversorgung mit 7 mm langen bilateralen distalen Extensionen, unter Verwendung von jeweils 4 Implantaten für eine Sofortversorgung und eine konventionelle Versorgung entwickelt. Hierbei wurden jeweils bilateral okklusale statische Belastungen mit einem Betrag von 100 N simuliert.

Zielkriterien

Es wurden die axialen und lateralen kortikalen Knochenverformungen in einer Entfernung von 2 mm von der marginalen Knochengrenze um die Implantate evaluiert.

 

Wesentliche Ergebnisse

Die Verformungswerte lagen in einem großen Wertebereich, wobei sich keine signifikanten Unterschiede, weder bei den axialen noch bei den lateralen Verformungen, zwischen den beiden Versuchsgruppen (Sofortversorgung und konventionelle Versorgung) ergaben.

 

Schlussfolgerung

Es ergeben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den axialen und lateralen kortikalen periimplantären Knochenverformungen bei jeweils 4 mit einer Stegversorgung mit Extensionen versorgten Implantaten, sowohl im Rahmen einer Sofortversorgung und auch einer konventionellen Implantatversorgung.

 

Beurteilung

Im Rahmen dieser Finite-Elemente-Analyse wurde eine häufig anzutreffende klinische Situation simuliert, wodurch diese Untersuchung eine besondere Relevanz erfährt. Nachteilig wirkt sich jedoch aus, dass die numerischen Modelle ohne Berücksichtigung der Weichgewebe und Suprastrukturen, d.h. der Prothesenanteile, erstellt wurden.

 

n Huang Y., Van Dessel J., Liang X., Depypere M., Zhong W., Ma G., Lambrichts I., Maes F., Jacobs R.

Die Auswirkung von Sofort- und verzögerter Belastung auf die periimplantären Knochenstrukturen: Eine DVT-Untersuchung

 

Effects of immediate and delayed loading on peri-implant trabecular structures: A cone Beam CT evaluation

 

Clin Implant Dent Relat Res. 2013 Apr 2. doi: 10.1111/cid.12063. [Epub ahead of print]

 

Studientyp

Tierstudie, randomisiertes Split-mouth-Design

 

Studiengruppen

6 Hunde erhielten randomisiert 27 Implantate im Oberkieferfrontzahn- oder Unterkieferprämolarenbereich unter Durchführung unterschiedlicher chirurgischer Protokolle. Die Implantate wurden jeweils 8 Wochen nach Extraktion inseriert: 1. Extraktion mit regulärer Alveolenheilung 2. Sofortbelastung einer Implantatversorgung 3. Verzögerte Implantatversorgung mit verzögerter Belastung 4. Verzögerte Implantatversorgung mit Sofortbelastung. Blockbiopsien wurden nach 8 Wochen entnommen und hochauflösende DVT-Aufnahmen angefertigt.

 

Zielkriterien

Es wurden Knochenparameter im koronalen, mittleren und apikalen periimplantären Bereich erhoben.

 

Wesentliche Ergebnisse

Im Hinblick auf die Knochendichte, das Oberflächenvolumenverhältnis und den Vernetzungsgrad innerhalb der ossären Struktur zeigten sich bei den Gruppen 2 bis 4 signifikant höhere Werte im Vergleich zur Gruppe 1, wohingegen signifikant niedrigere Werte bei dem mittleren Trabekelabstand und der Oberflächenkomplexizität der Trabekel der Gruppen 2 bis 4 im Vergleich zur Gruppe 1. evaluiert wurden.

 

Schlussfolgerung

Im Vergleich zur regulären Alveolenheilung zeigten die im Rahmen dieser Untersuchung evaluierten Implantatmodelle eine optimierte strukturelle Knochenintegration. Es wurden jedoch keine Unterschiede bezüglich des Knochenremodelings zwischen einer verzögerten und einer Sofortbelastung festgestellt.

 

Beurteilung

Wie bei allen Tiermodellen können die Ergebnisse dieser Studie nicht direkt auf die klinische Situation übertragen werden, weiterhin ist die Evaluation des direkt periimplantären Knochens mittels DVT aufgrund der metallischen Artefaktbildung sicherlich nicht unkritisch zu sehen. Dennoch sind die gewählten Versuchsgruppen aufgrund der Ausrichtung an der alltäglichen klinischen Situation positiv zu bewerten.

 

n Clementini M., Morlupi A., Agrestini C., Barlattani A.

Sofort- versus verzögerte Positionierung dentaler Implantate in Gebiete mit Knochenaufbau (Guided Bone Regeneration oder Knochenauflagerungsosteoplastiken): Eine Literaturübersicht

 

Immediate versus delayed positioning of dental implants in guided bone regeneration or onlay graft regenerated areas: a systematic review

 

Int J Oral Maxillofac Surg. 2013 May;42(5):643–50. doi: 10.1016/j.ijom.2013.01.018. Epub 2013 Mar 6.

 

Studientyp

Systematisches Review

 

Zielkriterien

Aufarbeitung der Literatur mit der Frage nach den Erfolgsraten sofort und verzögert inserierter Implantate nach zuvor erfolgter „Guided Bone Regeneration“ oder Auflagerungsosteoplastiken.

 

Materialien und Methoden

Es wurden Untersuchungen herangezogen, in deren Rahmen wenigsten 5 Patienten eingebunden waren, Erfolgskriterien untersucht wurden und mindestens eine Nachuntersuchungsperiode von 6 Monaten vorlag. So wurden aus 287 ermittelten Studien letztlich 13 in diese Literaturanalyse miteinbezogen.

 

Wesentliche Ergebnisse

Die Erfolgsraten für die Sofortversorgungen lagen in einem Bereich von 61,5% bis 100%, diejenigen für Implantate, die in einem zweizeitigen Verfahren inseriert wurden, lagen bei 75% bis 98%.

 

Schlussfolgerung

Aufgrund der speziellen, wenngleich auch überaus aktuellen und relevanten Fragestellung sind zurzeit nur bedingt klinische Ergebnisse verfügbar. Diese Untersuchung kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass die verzögerte Insertion von Implantaten in Gebieten mit einer „Guided Bone Regeneration“ oder Auflagerungsosteoplastik tendenziell eher zu zuverlässigeren Ergebnissen führt.

 

Beurteilung

Im Rahmen dieser Literaturübersichtsarbeit wurden diverse Studien ausgewertet, welche entscheidende Parameter zur Beurteilung der Erfolgsraten von Implantaten, die in Regionen mit einer „Guided Bone Regeneration“ oder einer Auflagerungsosteoplastik inseriert worden waren, berücksichtigen, was als positiv zu bewerten ist.

 

n Corbella S., Taschieri S., Samaranayake L., Tsesis I.,
Nemcovsky C., Del Fabbro M.

Varianten der Implantatversorgung nach Extraktion vertikal frakturierter Zähne. Eine Anleitung zur klinischen Klassifizierung von Knochendefekten anhand einer systematischen Literaturrecherche

 

Implant treatment choice after extraction of a vertically fractured tooth. A proposal for a clinical classification of bony defects based on a systematic review of literature

 

Clin Oral Implants Res. 2013 Apr 8. doi: 10.1111/clr.12164. [Epub ahead of print]

 

Studientyp

Systematisches Review

 

Zielkriterien

Aufarbeitung der Literatur mit der Frage der Klassifikation von Knochendefekten nach der Extraktion vertikal frakturierter Zähne unter Berücksichtigung der Therapie solcher Defekte im Rahmen von Implantatversorgungen.

 

Materialien und Methoden

Es wurden Untersuchungen, die sich auf die Behandlung periimplantärer Knochendehiszenzen und Fenestrationen unter Verwendung der „Guided Bone Regeneration“ fokussieren, herangezogen.

Wesentliche Ergebnisse

Von insgesamt 373 Studien nach initialer Suche verblieben nach entsprechender Selektion insgesamt 33 Veröffentlichungen. Hierbei handelte es sich um 23 Publikationen, die sich auf die Therapie von Knochendehiszenzen, 10, die sich auf die Behandlung von ossären Fenestrationen und 10, die sich auf vertikale Knochenaugmentationen fokussierten. Die Ergebnisse der Knochenaugmentationen variierten in Abhängigkeit vom den unterschiedlichen Defektklassifikationen und Therapieverfahren, wobei die Verwendung resorbierbarer Membranen zu besseren Ergebnissen im Vergleich zu nicht resorbierbaren Membranen führte.

 

Schlussfolgerung

Die „Guided Bone Regeneration“ zur Behebung von Knochendefekten nach erfolgter vertikaler Wurzelfraktur stellt eine zuverlässige Therapieoption dar. Diesbezüglich empfiehlt sich jedoch eine Bestimmung der Defektgeometrie vor Zahnextraktion zur Evaluation der Erfolgswahrscheinlichkeiten und inwieweit die Verwendung einer Membrantechnik erforderlich ist.

 

Beurteilung

Diese Literaturübersichtsarbeit fokussiert auf ein Gebiet, das im Rahmen der Sofortversorgung mit dentalen Implantaten von enormer Bedeutung ist, insbesondere vor dem Hintergrund, dass zurzeit zu diesem Themengebiet verhältnismäßig wenig Literatur zur Verfügung steht. Weiterhin ist die klare Defektgliederung im Rahmen dieser Arbeit als positiv zu bewerten. Es bleibt jedoch die Frage, inwieweit die einzelnen Defektklassen unter Verwendung dreidimensionaler Röntgenverfahren im klinischen Alltag zuverlässig voneinander unterschieden werden können.

 

Synopsis

Die hier aufgeführten Veröffentlichungen zeigen, dass die prothetische Sofortversorgung dentaler Implantate – auch mit der Option der Sofortbelastung – mittlerweile eine nachweislich etablierte Therapieoption darstellt. Zur Durchführung einer erfolgreichen Sofortversorgung scheinen unter anderem exakte Kenntnisse der ossären Strukturen und der Ausgangsvoraussetzungen, z.B. zuvor erfolgte Traumata, durchgeführte Knochenaugmentationen und die zu erwartende vorliegende Primärstabilitat, erforderlich zu sein. Allerdings liegt zu dem Thema der Sofortversorgung lediglich eine begrenzte Anzahl an hochwertigen Untersuchungen vor. Insbesondere an prospektiven, randomisierten klinischen Studien besteht weiterer Bedarf.

 

K. M. Lehmann, Mainz

P. W. Kämmerer, Boston, USA und Mainz


(Stand: 05.06.2013)

DGI Nachrichten aktuell

In Memoriam an Karl-Ludwig Ackermann. Ein Nachruf von Prof. Dr. Günter Dhom und Gedenken an einen ganz „Großen“ der Zahnmedizin. 

zum Nachruf an Dr. Ackermann

Aktuelle Ausgabe 3/2020

Im Fokus

  • Kippkonus-Abutment
  • Statine und Bisphosphonate
  • Teleskopierende Hypridbrücke

FORTBILDUNGSANGEBOTE DGI

Die DGI bietet ein umfassendes und überregionales Fortbildungsangebot an. 

WERDEN SIE AUTOR

Sie haben ein spannendes Thema aus dem Bereich der Implantologie und würden gerne einen Artikel dazu in der ZZI veröffentlichen? Dann nutzen Sie unseren Editorial Manager und reichen Sie ihr Manuskript direkt bei uns ein.

Manuskript einreichen