Liebe Kolleginnen und Kollegen,

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die Therapien bzw. Entscheidungsfindungen in implantatprothetischen Fragestellungen werden immer komplexer und stellen Kliniker und Praktiker vor immer größer werdende Auswahlmöglichkeiten.

Wie können wir im Sinne unserer Patienten unsere Therapie als die richtige rechtfertigen? Viele Fragestellungen in der täglichen Praxis verlangen eine klare „Ja-oder-nein“- Entscheidung. Idealerweise helfen dabei Ergebnisse aus hochqualitativer Forschung, doch was bedeutet Qualität in der (zahn-)medizinischen Forschung eigentlich?

Den höchsten Grad in dieser wissenschaftlichen Hierarchie stellen Aussagen aufgrund von Metaanalysen gefolgt von randomisierten klinischen Studien dar. Die niedrigsten Grade der Evidenz bilden nichtexperimentelle, deskriptive Studien (Vergleichsstudien, Fall-Kontroll-Studien) und Expertenmeinungen.

Das Bestreben klinischer Forschung sollte es demzufolge sein, groß angelegte randomisierte klinische Studien durchzuführen, um harte Fakten für Behandlungsentscheidungen liefern zu können. In der Implantologie jedoch stützt sich der Erkenntnisgewinn aus klinischer Forschung häufig auf deskriptive Beobachtungsstudien (Eckert 2012). Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Erkenntnis qualitativ schlechter sein muss, man kann sie nur nicht uneingeschränkt als wissenschaftlich gesicherte Entscheidungshilfe erachten.

Wenn der Großteil an Entscheidungsfindungen in der Implantologie aus Fallstudien bzw. epidemiologischen Studien generiert wird, sollte man künftige Studien im Sinne der Qualitätsverbesserung adaptieren. Wie gelingt diese Verbesserung im klinischen Alltag bzw. welche Studiendesigns sollten bevorzugt verwendet werden?

Retrospektive Datenanalysen sind als Entscheidungshilfe für Behandlungsstrategien kritisch zu bewerten. Das vorhandene Datenmaterial ist meist lückenhaft, denn es fehlen die Definition der Zielgrößen und Zielsetzung sowie exakte Endpunkte der Datenanalyse. Gute Schlüsse aus epidemiologischen Daten können dann gezogen werden, wenn alle Daten bei den zu untersuchenden Patienten in gleicher Qualität erhoben werden und man zumindest einige Parameter als Standard wissenschaftlich dokumentiert. Neben einheitlichen und möglichst klaren Definitionen von Erfolg bzw. Misserfolg in implantat-prothetischen Behandlungen (periimplantäre Gesundheit, Erfolg der Suprastruktur, Zeit bis zur Wiederbehandlung) müssen „patientenzentrierte“ Daten Einzug finden in die Datenanalysen künftiger Studien (Stichwort „quality of life“, sozioökonomische Faktoren). Die Entscheidungsfindung für den praktisch tätigen Kollegen sollte diese Faktoren ebenso berücksichtigen wie medizinische und materialtechnische Kriterien.

Eine Verbesserung der Datenlage würden größer angelegte prospektive Studien bieten, die mit klar definierten Zielen und Parametern über einen längeren Zeitraum gute Rückschlüsse auf Therapiewahl und Behandlungsentscheidung ermöglichen. Beispiel Implantatprothetik: Sucht man in der Literatur Langzeitdaten zu verschiedenen Gerüst- oder Verblendmaterialien, restaurativen Konzepten oder Technologien so wird die Ausbeute sehr bescheiden sein; die Industrie verspricht uns Garantiezeiträume für ihre Materialien von bis zu 30 Jahren, es gibt aber praktisch keine validen Daten zur Performance dieser Materialien ? weder patientenbezogen noch implantatbezogen. Wie kommt die Industrie zu diesen Daten?

Zukünftig könnten sich nationale/europäische bzw. internationale Zusammenschlüsse von Universitäten/Kliniken/Zentren anbieten, die in kürzerer Zeit eine größere Studienpopulation untersuchen könnten. Die Schaffung ausgewählter, gut untersuchter Kohorten (Patientengruppen) mit exakt definierter Planung, Zielen und Dokumentation könnte Datenpools für qualitativ hochwertige Auswertungen über Jahre liefern. Auch unter dem Gesichtspunkt einer kommenden Verschärfung des MPG seitens der Europäischen Kommission werden Industrie und Wissenschaft/Klinik enger miteinander forschen/entwickeln müssen, um sicherstellen zu können, dass den Patienten nur jene Behandlungen zukommen, die als wissenschaftlich fundierteste anzusehen sind. Hier könnte die universitäre Forschung in gut geplanten Langzeit-Studien einen wesentlichen Anteil zur besseren und sicheren Anwendung für von der Industrie propagierte Technologien und damit zu mehr Sicherheit für Patienten, aber auch Behandler leisten.

Ihr

Univ.-Prof. Dr. Martin Lorenzoni


(Stand: 10.06.2015)

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