Das 13. Gießener Implantologie-Symposium – Periimplantitis: Vermeidbar? Therapierbar?

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Am 22. Februar 2014 veranstaltete die Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universitätsklinik Gießen das 13. Symposium für dentale Implantologie. Die jährlich organisierte Fortbildungsveranstaltung fand nun zum neunten Mal in Kooperation mit dem 2005 gegründeten Landesverband Hessen im DGI e.V. statt.

Das ganztägige Programm war in einen theoretischen Teil am Vormittag und einen praktischen Teil am Nachmittag gegliedert. Drei Live-Operationen rundeten das Programm ab. Hochkarätige Gastreferenten aus der Wissenschaft konnten für das Symposium gewonnen werden. Mit über 270 teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen fand das Symposium den größten Zulauf seit Bestehen und wurde im neuen BFS (Biochemisches Forschungszentrum Seltersberg) der Justus-Liebig-Universität Gießen abgehalten. Eine direkte Kommunikation zwischen den Operateuren und dem Auditorium wurde von Dr. Dr. Roland Streckbein, dem Vorsitzenden des Landesverbandes Hessen im DGI e.V., sowie von Dr. Andreas May, Oberarzt der oralchirurgischen Abteilung in Gießen, moderiert. Nach kurzer Begrüßung der Teilnehmer eröffnete Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Howaldt, Direktor der Klinik für MKG-Chirurgie in Gießen (Abb. 1), die Veranstaltung mit einem Rückblick auf die Patientenfälle, die im Vorjahr im Rahmen der Live-Operationen gezeigt wurden, und gab den Teilnehmern so die Möglichkeit, deren Verlauf zu verfolgen.

Knochenaugmentation und Gaumenschleimhauttransplantate zur Prävention
periimplantärer Infektionen

Im Anschluss erläuterte Prof. Howaldt im Rahmen seines Vortrags die Bedeutsamkeit der knöchernen Voraussetzungen sowie der Rolle von keratinisierter Ginigiva zur Prävention einer Periimplantitis. Dabei zeigte er eindrucksvoll, wie eine ausreichende knöcherne Bedeckung als Grundlage für die Transplantation von fixierter Schleimhaut dient. Unterstützt durch eine lückenlose Dokumentation klinischer Fälle, veranschaulichte er den Teilnehmern den Ablauf einer Gaumenschleimhauttransplantation. Zudem betonte er die Notwendigkeit engmaschiger Kontrolluntersuchungen zur Vermeidung einer Periimplantitis.

Morphologie der Kiefer – vom Wachstum bis zur Atrophie

Die anatomischen und biochemischen Grundlagen des Knochenabbaus beschrieb AOR Dr. Wieland Stöckmann vom anatomischen Institut der Universität Gießen.

Er referierte über die Entwicklung des Geschichtsschädels vom Embryo bis zum Greis mit den jeweiligen spezifischen Merkmalen und ging insbesondere auf den altersbedingten Knochenabbau ein. Er beschrieb die beteiligten hormonellen Regelmechanismen sowie Transduktionswege und konnte, wie in früheren Symposien, mit seiner Präsentation die Bedeutsamkeit der anatomischen Begebenheiten für den klinischen Alltag verdeutlichen.

Klinische und morphologische Erscheinungsformen der Periimplantitis

Prof. Dr. Jörg Meyle, Direktor der Abteilung für Parodontologie der Universität Gießen, gab eine Übersicht über die aktuelle wissenschaftliche Literatur zur Pathogenese und Diagnostik der Periimplantitis. Er verwies insbesondere auf den Zusammenhang zwischen einer bestehenden Parodontitis und einer Periimplantitis und betonte, dass diese vor einer Implantatinsertion behandelt werden sollte. Das Übergreifen von Keimen infizierter Zahnfleischtaschen auf das periimplantäre Weichgewebe stelle eine häufige Ursache für die Entstehung einer Periimplantits dar. Außerdem wies er auf weitere Risikofaktoren, wie den Konsum von Tabak, mangelnde Mundhygiene und Allgemeinerkrankungen hin, bei denen ein Zusammenhang mit parodontologischen Erkrankungen bekannt ist. Indem er die Therapie eigener Patientenfälle anhand von klinischen Fällen demonstrierte, rundete er seinen Beitrag ab.

Live-Operationen

Die im Rahmen der Veranstaltung üblichen Live-Operationen im Operationssaal des Gießener Universitätsklinikums wurden mithilfe des Technik-Teams der EDV-Abteilung des Universitätsklinikums in den Hörsaal des BFS übertragen. Vier HD-Kameras lieferten eine Videoübertragung in höchster Qualität. Moderiert durch Dr. May, konnten dem Auditorium 3 Live-Operationen präsentiert werden. Zunächst erfolgte die Freilegung von osseointegrierten Implantaten im Oberkiefer (Abb. 2). Um ein ausreichendes Angebot an keratinisierter Ginigiva zu erreichen, kamen dabei 2 Varianten einer Vestibulumplastik zur Anwendung. Im Bereich der linken Oberkieferhälfte wurde eine freie Gaumenschleimhauttransplantation mit zusätzlicher Gleitlappenplastik durchgeführt. Auf der rechten Seite kam eine reine Gleitlappenplastik mit palatinaler Schnittführung zum Einsatz und führte zum gewünschten Ergebnis. Die großflächige Wunde im Bereich der Entnahmestellen wurde mittels einer Verbandsplatte abgedeckt, die mit einer Osteosyntheseschraube am Gaumen fixiert wurde (Abb. 3). In den beiden folgenden Operationen konnte die operative Entfernung periimplantär beherdeter enossaler Implantate mittels unterschiedlicher Explantationsinstrumentarien live demonstriert werden. In beiden Fällen gelang eine sehr schonende Entfernung der Implantate, so dass nach Ausheilung der knöchernen Wunden eine Re-Implantation geplant werden kann (Abb. 4).

Vermeidung einer
Periimplantitis –
Was hilft und was nicht?

Dr. Ralf Rössler, Oberarzt der Abteilung für Parodontologie am Universitätsklinikum in Marburg sowie in eigener Praxis tätiger und international anerkannter Referent, berichtete von seinen Erfahrungen und stellte in seinem Vortrag die frühen Stadien einer Periimplantitis der weiter fortgeschrittenen Erkrankung gegenüber. Nach seinen Ausführungen kann die Periimplantitis durch moderne diagnostische Maßnahmen, z.B. die Bestimmung der MMP-8 (Matrixmetalloproteinase-8), erkannt und im Frühstadium eine effektive Therapie durchgeführt werden. Bei positiver Diagnose eines solchen Tests kann durch minimalinvasive Methoden wie die Photodynamische Therapie in Verbindung mit einer mechanischen Reinigung die Entwicklung einer klinisch relevanten Periimplantitis verhindert werden. Ganz anders zeigen sich seiner Ansicht nach die Verhältnisse bei einer weit fortgeschrittenen Periimplantitis mit einhergehendem Knochenabbau. Hier sieht Dr. Rößler die Grenzen des Therapieerfolgs und wies darauf hin, dass häufig die rechtzeitige Implantatentfernung der sinnvolle Weg sein kann.

Erfahrungen mit der
Explantation dentaler
Implantate

Dr. May stellte den Teilnehmern einige klinisch relevante Möglichkeiten zur Explantation von enossalen dentalen Implantaten vor. Ist die Entzündung so weit fortgeschritten, dass das Implantat nicht mehr erhalten werden kann, muss der zum Teil noch osseointegrierte Verbund gelöst und das Implantat entfernt werden. Die Entstehung von großvolumigen Knochendefekten ist dabei häufig ein unerwünschter Nebeneffekt. Um dies zu vermeiden, stellte er den Teilnehmern 2 alternative Instrumentarien zur möglichst schonenden Entfernung von Implantaten vor. Parallel zu dem Vortrag demonstrierte Dr. Dr. Philipp Streckbein beide Instrumentarien während der zweiten und dritten Live-OP im klinischen Einsatz.

Prothetische Konzepte
zur Vermeidung einer periimplantären Infektion

Dass hygienefähige prothetische Versorgungen eine entscheidende Rolle bei der Prävention einer Periimplantitis spielen, erläuterte Dr. Peter Rehmann, Abteilung für Prothetik am Universitätsklinikum Gießen, anhand des Mottos „Floss if you can“. Sei der Patient nicht im Stande seine prothetische Versorgung sauber zu halten, sei dies ein maßgeblicher Risikofaktor für die Entstehung einer Periimplantitis. Aber auch eine Modifikation an der Implantatgeometrie kann dafür ausschlaggebend sein: So spiele die Verbindung zwischen Implantat und Abutment je nach Gestaltung eine wichtige Rolle. Ebenso kann der Prozess der Eingliederung, je nachdem, ob Verschraubung oder Zementierung, Einfluss auf das periimplantäre Gewebe haben. Der beeindruckende Vortrag wurde mit einer positiven Botschaft beendet: Trotz immer häufiger beobachteter periimplantärer Infektionen zeigen implantatgetragene Versorgungen sehr gute Langzeitergebnisse. Dies konnte in einer eigens durchgeführten Literaturstudie bestätigt werden.

Resümee und abschließende praktische Übungen

In der diesjährigen Veranstaltung erfuhren die Teilnehmer wissenschaftlich interessante Ansätze zur Vermeidung einer Periimplantitis. Das Thema wurde mithilfe von Live-Operationen und Vorträgen umfassend beleuchtet und unterschiedliche Therapieansätze wurden diskutiert. Ein kleiner Teilnehmerkreis von 25 Personen hatte die Möglichkeit, das erworbene Wissen im praktischen Hands-on-Kurs zu vertiefen. Den Teilnehmern wurden dafür humane Präparate durch das anatomische Institut der Universität Gießen zur Verfügung gestellt. Techniken wie der externe und interne Sinuslift, Bone-Spreading und der genormte Knochentransfer (OsseoTransfer) konnten unter Anleitung trainiert werden. Zusätzlich hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, Minimaldurchmesser- und Standarddurchmesserimplantate unter realen Bedingungen zu inserieren und mittels speziellen Explantationsinstrumentariums auch wieder zu explantieren. Für die besondere Nähe zur Praxis wurden zu den Präparaten die entsprechenden Orthopantomogramme bereitgelegt. Als qualifizierte Betreuung standen Mitarbeiter der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie zur Verfügung. Für das Frühjahr 2015 ist bereits eine entsprechende Folgeveranstaltung geplant.

Philipp Streckbein,
Eva Maria Broicher, Gießen


(Stand: 10.06.2015)

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