Realität oder Illusion?

Ideale Implantatpatienten

PDF

Einen spannenden Bogen über die Vielfalt besonderer Persönlichkeiten unter den Implantatpatienten schlug die 20. Jahrestagung des Landesverbandes Berlin-Brandenburg im DGI e.V. Anfang März dieses Jahres in Potsdam. Gibt es den idealen Implantatpatienten – oder ist er eine Illusion? Um Antworten zu erkunden, hatte der Vorstand unter Leitung von PD Dr. Frank P. Strietzel Referenten mit unterschiedlichem Fokus eingeladen. „Sie können auf einen exzellenten Erfahrungsschatz zurückgreifen, von dem wir profitieren dürfen“, so Strietzel.

Das erwies sich bereits bei der ersten Präsentation des Tages als nicht zuviel versprochen: Prof. Dr. Bertil Friberg/Göteborg erhielt für seine Ausführungen zum Thema „Implants in patients with compromised bone“ lang anhaltenden Beifall, das Auditorium war sich zudem einig: „Einer der besten Vorträge ever!“ Professor Friberg, eher zurückhaltend und bescheiden, hatte fast ein bisschen mit dem vielen Lob zu kämpfen. Besonders eindrucksvoll war die immense Datenlage, die all seinen Positionen und Empfehlungen zugrunde lag, beispielsweise beim Vergleich verschiedener Implantatsysteme hinsichtlich ihrer Primärstabilität – einem klassischen Risiko für Implantatverlust. Kurzfristig geschaut, zeigte eines der Systeme die klare Führungsrolle, längerfristig betrachtet näherten sich aber alle Systeme einer ähnlichen Erfolgsquote an: „Geben Sie also nicht gleich auf, mit der Zeit gleichen sich alle Systeme auch in schwierigen Knochenverhältnissen an!“ Bei jedem Implantatverlust gehe er eine Reihe von Fragen durch und nehme sich selbst als potenziellen „Verursacher“ ebenfalls ins Visier. Zu den menschlichen Risiken gehöre nun mal das aktuelle Befinden des Chirurgen: „Wenn man schlecht drauf ist und Stress hat, geht leichter etwas schief!“ Eine entsprechende Untersuchung habe gezeigt, dass solcherart Befinden ein Misserfolgsrisiko von über 30 % haben könne. Auch wenn man sich der Herausforderung Implantation mit zu viel Selbstvertrauen stelle, könne das schwierig werden. Unsicherheitsfaktoren lägen aber auch bei den Patienten: „Man weiß eigentlich nie wirklich, wie sie sich verhalten werden.“

Geduld bei kompromittiertem Knochen

Fachlich könne die Implantologie heute vielen Patienten helfen, auch solchen mit kompromittiertem Knochen. Nützlich könnten in bestimmten Fällen kurze Implantate sein, die durch Aktivierung des Knochenstoffwechsels nach Monaten sogar zu Knochenneubildung führen könnten; auch bei ungünstigem Verlauf des Nerven erwiesen sich kurze Implantate (4,5–7 mm) als hilfreich. An Augmentationsbeispielen („Ich sehe keine Notwendigkeit für autologen Knochen bei Sinus-Situationen – ich nutze Ersatzmaterialien und Membranen.“) zeigte er: „Es begann mit kritischem Knochen – und jetzt ist er es nicht mehr!“ Kompromittierter Knochen sei keine absolute Kontraindikation – erfordere aber gute Diagnostik, gute Planung und, fast ein roter Faden seines Vortrags: viel Geduld. Dennoch gab es einen Punkt, vor dem er warnte: Bei Parodontitis müsse man damit rechnen, dass parodontalpathogene Mikroorganismen auch im Knochen zu finden seien: Werde in einen derart infizierten Knochen gebohrt, könne eine Entzündung ausgelöst werden; die Bakterien im Knochen seien andere als die in der Mundhöhle. Auch die Sondierung als Indikator für parodontale Erkrankung sah er kritisch: Nur ein Röntgenbild gebe klare Antworten. Tröstliches Resümee des Referenten für das Auditorium: „Manchmal gibt es einfach keine Erklärung für Implantatverlust!“

Wollen Hochbetagte Implantate?

Über Aspekte, die bei älteren Patienten hinsichtlich einer möglichen Implantatversorgung zu beachten sind, berichtete Prof. Dr. Bernd Wöstmann/Gießen. Man starte mit der Einschätzung ihrer Fähigkeiten – unabhängig vom Lebensalter. Mit höherem Alter schwinde die Bereitschaft zu einer Behandlung: Eine eigene Studie habe gezeigt, dass Hochbetagte mehrheitlich selbst dann keinen neuen Zahnersatz wünschten, wenn dieser ihnen kostenfrei zur Verfügung stand. Implantate verbesserten die Lebensqualität – aber nur bei den Patienten, die sie auch wollten.

Unterstützung in der Kieferorthopädie

Was leisten Implantate bei Patienten in kieferorthopädischer Behandlung, und was bietet die Kieferorthopädie der Implantologie? Darum ging es bei OÄ Dr. Susanne Wriedt/Mainz. Sie schilderte biologische Folgen von Zahnverlust und Chancen von Molarenaufrichtung und zeigte, was skelettale Verankerungen als Unterstützung kieferorthopädischer Therapie erreichen. „Manchmal brauchen wir Implantate, die der Kieferorthopädie helfen, damit die Kieferorthopädie dann den Implantaten helfen kann!“ Die Gewebegeneration sei eine große Hilfe ihres Fachs für die Implantologie und Nichtanlagen seien eine Herausforderung für beide Gebiete: Gemeinsam ließen sich eindrucksvoll stabile Ergebnisse erreichen. Für solch interdisziplinäres Vorgehen nannte sie eine Vielzahl praxisnaher Beispiele.

Implantate bei Parodontitispatienten?

Patienten mit parodontal geschädigtem Gebiss waren Thema von Prof. Dr. Bjarni Pjetursson/Reykjavik, der zum Vergnügen des Auditoriums seinen mit viel Humor angereicherten Vortrag in Deutsch hielt. An Fallbeispielen testete er mit dem Publikum, wie ein parodontal kompromittierter Patient erkannt werden kann – und tröstete falsch liegende Kollegen: „Wir haben einen Fall von zahlreichen auch internationalen Zahnärzten planen lassen. Von 0 bis zu 12 Implantaten war alles dabei.“ Seine augenzwinkernde Empfehlung für einen zu 99 % sicheren Implantaterfolg: „Schließen Sie einfach alle Patienten mit irgendeinem Risiko aus!“ Es gebe heute „zuviel Vertrauen in Titanschrauben und zu wenig in die Zähne.“ Eine gut durchgeführte parodontale Behandlung könne vorhersagbare Erfolge für den Zahnerhalt bringen, dagegen müsse man mit Implantaten bei Parodontitispatienten sehr aufpassen: Ohne Vorbehandlung sei das Risiko sehr hoch. Man lerne aber Entscheidendes: „Wenn wir Erfolg bei der Paro-Behandlung haben, haben wir ihn auch mit dem Implantat!“

Psychosomatisch erkrankte Patienten erkennen

Ein letztlich ethisches Problem sprach PD Dr. Anne Wolowski/Münster an: Sind psychosomatisch erkrankte Patienten eine Kontraindikation für Implantate? Wenn man ihrem Beispielfall folgte – einer seelisch belasteten Patientin, die über viele Jahre Extraktionen, mehrfach Implantationen sowie Explantationen erlitten hatte –, wurde die Verantwortung deutlich, die auf der Patientenselektion liegt. PD Dr. Wolowski vermittelte Kommunikationsempfehlungen zum frühzeitigen Erkennen solcher Patienten und für Phasen mit angeblichem Misserfolg. Zugang zu den Patienten schaffe der real gefühlte Schmerz, entsprechende Somatisierungsfragebögen seien eine große Hilfe (Kontakt: akpp.uni-muens ter.de). Kontraindiziert seien bei solchen Patienten Implantate nur dann, wenn die Patienten nicht erreichbar seien und alles auf den orofazialen Bereich fokussierten, so Wolowski. Für das „Feuerwerk an psychosomatischer Grundausstattung“ (Zitat Strietzel) bedankte sich auch das Publikum mit großem Beifall.

Lösungsansätze für alle Patienten

Lösungen für den idealen Patienten habe die Implantologie bekanntermaßen viele, so der DGI-Landesverbandsvorsitzende, die Tagung habe gezeigt, dass es auch für Patienten mit weniger idealen Voraussetzungen eine Vielzahl überzeugender Ansätze gebe. Die Jubiläumstagung endete mit dem Hinweis auf die nächste Jahrestagung zum Rahmenthema „Sekundäre Implantologie – ohne Plan B geht nichts“ mit Fokus auf Komplikationsmanagement. Sie wird am 5. und 6. Mai 2017 wieder in Berlin stattfinden. Strietzel: „Den Termin sollte man sich schon einmal vormerken!“


(Stand: 10.06.2016)

DGI Nachrichten aktuell

In Memoriam an Karl-Ludwig Ackermann. Ein Nachruf von Prof. Dr. Günter Dhom und Gedenken an einen ganz „Großen“ der Zahnmedizin. 

zum Nachruf an Dr. Ackermann

Aktuelle Ausgabe 3/2020

Im Fokus

  • Kippkonus-Abutment
  • Statine und Bisphosphonate
  • Teleskopierende Hypridbrücke

FORTBILDUNGSANGEBOTE DGI

Die DGI bietet ein umfassendes und überregionales Fortbildungsangebot an. 

WERDEN SIE AUTOR

Sie haben ein spannendes Thema aus dem Bereich der Implantologie und würden gerne einen Artikel dazu in der ZZI veröffentlichen? Dann nutzen Sie unseren Editorial Manager und reichen Sie ihr Manuskript direkt bei uns ein.

Manuskript einreichen