Standing Ovations für Exzellenz in Düsseldorf

16. Frühjahrstagung des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen

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Am 12. und 13. Mai 2017 fand in Düsseldorf die 16. Frühjahrstagung des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen im DGI e.V. statt. Ein attraktives Programm hatte 250 Teilnehmer in die Landeshauptstadt von NRW gelockt.

Nach bewährtem Konzept hatten die diesjährigen Kongresspräsidenten, der 1. Vorsitzende des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen Prof. Dr. Hans-Joachim Nickenig aus Köln und Dr. Dr. Martin Bonsmann aus Düsseldorf, ein hochkarätiges Programm zusammengestellt. Bereits die Industrieworkshops am Freitag waren sehr gut besucht und gaben mit spannenden Referaten einen Vorgeschmack auf den Hauptkongress.

Ätiologie der Periimplantitis. Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden, Kassel, beleuchtete als erster Referent in einem spannenden und hochwissenschaftlichen Vortrag die Ätiologie der Periimplantitis. Dazu stellte er unterschiedliche Thesen gegenüber und versuchte, sie über klinische Fälle zu verifizieren. Die spezifische Infektion nach Lang, die immunologische Theorie nach Albrektsson mit Titanunverträglichkeiten und die biomechanische Problematik scheinen als Einzelthesen die Ätiologie nicht ausreichend erklären zu können. Periimplantitis ist ein multifaktorielles Geschehen, das aber lokal begrenzt sein kann. Hoch problematisch sind Taschen, die tiefer als fünf Millimeter sind. In diesen Taschen entwickelt sich eine durch den Patienten nicht zu beherrschende Eigendynamik mit putrider Infektion, Absenkung des pH-Wertes und weiterem Knochenabbau.

Die pH-Wertabsenkung könnte auch der entscheidende Faktor für die periimplantär in Lösung gehenden Titanionen sein. Dieser Prozess scheint in ähnlicher Weise abzulaufen wie der Verlust der Hydroxylapatid-Beschichtung in der Vergangenheit. Eine neue Publikation von Addison stützt diese Vermutung.

Allgemeinmedizinische Risikofaktoren wie Diabetes oder das Rauchen können die Problematik Periimplantitis fördern, sind aber laut Terheyden nicht deren Auslöser. Lokale Faktoren seien problematischer. Hierzu zählen Implantat-Typ und -Design, keratinisierte Gingiva, Weichgewebsdicke oder eine Fehlposition von Implantaten. Bei Auftreten einer Perimplantitis gelte, so Terheyden, das Konzept „DDR“: Degranulation, Dekontamination und Regeneration.

Der Goldstandard „autologer Knochen“. Prof. Dr. Fouad Khoury, Olsberg, der gerade als erster Deutscher mit dem William Laney Award 2017 ausgezeichnet wurde, der höchsten wissenschaftlichen Anerkennung der American Academy of Osseintegration, referierte über minimalinvasive Augmentationen. Für Khoury zählt der langfristige und reproduzierbare Erfolg. Den autologen Knochen bezeichnete er als „Goldstandard“. Dies untermauerte Professor Khoury mit vielen Fällen, bei denen die Behandlung 20 Jahre und länger zurückliegt und die Rekonstruktionen auch heute noch absolut unverändert in Funktion sind. Die von Khoury als „minimalinvasiv“ bezeichneten Eingriffe waren in den Augen vieler Teilnehmer dennoch eher große Eingriffe. Die typische Schalentechnik ist für Khoury genauso Standard wie die elegante Gewinnung autologen Knochens mithilfe eines zweiteiligen Trepanbohrers, wo bei der Präparation der Implantatkavitäten Knochenzapfen in Form von „Karotten“ gewonnen und weiterververwendet werden. Elegant ist auch die modifizierte Methode, bei der Trepanzapfen nicht aus der Kavität entnommen wurden, sondern gestielt zur Verstärkung der vestibulären oder palatinalen Lamelle in der Kavität belassen wurden. Leider habe der autologe Knochen laut Khoury keine Lobby, so dass viele Kollegen lieber „ein wenig Rind mit ein wenig Schwein“ bedecken. Nicht nur diese Aussage sorgte für einen kurzweiligen und spannenden Vortrag.

Live-Schaltung in den OP. Vor der Mittagspause begeisterte Prof. Dr. Hans-Joachim Nickenig aus Köln mit einer aufwendig geplanten Oberkieferimplantation, einer kombinierten Augmentation und Implantation. Dabei kamen verschiedene Schienen und Schablonen zum Einsatz, die auf der Basis einer computergestützten 3D-Planung angefertigt worden waren. Prothetisch geplant wurden die Implantatpositionen festgelegt und sechs Implantate inseriert. Aufgrund der zentripetalen Atrophie war die Oberkieferfrontzahnregion des Patienten extrem schmal, so dass sich der Operateur nach exakter Planung für eine schablonengeführte piezochirurgische Alveolarextensionsplastik entschied. Für das Auditorium war dies ein spannender Eingriff, besonders deren Kombination mit der Implantation, bei der die aufgedehnte Knochenlamelle schon einmal frakturieren kann. Routiniert inserierte Nickenig die Implantate, augmentierte den Spalt und verschloss die Wunde. Für seinen Mut und den gelungenen Eingriff erhielt der LV-Vorsitzende standing Ovations.

Die Rekonstruktion großer Defekte. Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle aus Aachen zeigte nach der Mittagspause den Teilnehmern die möglichen Rekonstruktionen von Patienten mit entweder tumor- oder traumabedingten großen Defekten von Hart- und Weichgewebe. Die Rekonstruktion wurde computergestützt und mithilfe einer plastischen Animation am PC geplant und visualisiert und auf deren Basis durchgeführt. Als Spenderregionen stehen für Hölzle je nach Größe und Defektgeometrie Fibula-, Scapula oder Beckenkamm zur Verfügung. Durch die perfekte Planung entstehen für Hölzle intraoperative Automatismen, welche die OP-Dauer extrem verkürzen. Besonders entscheidend ist die verkürzte Ischämie nach Absetzung der Versorgung an der Spenderregion bis zur Bildung der neuen Anastomose in der Empfängerregion. Durch die perfekte Planung und verkürzte Zeit war in allen Fällen eine schnelle vitale Revaskularisierung erkennbar. Für den Vortrag erhielt Hölze minutenlang verdient standing Ovations.

Kurze Implantate. Prof. Dr. Mauro Marincola aus Rom hatte ein widersprüchliches Thema mitgebracht. Minimalinvasive Sinusaugmentation mit Kurzimplantaten. Für Marincola ist nicht die Länge und der Durchmesser entscheidend für einen Erfolg, sondern die Geometrie und Oberflächengröße der Implantate. So konnte er in beeindruckender Weise seine Erfolge zeigen, die sämtliche Richtlinien der Statik auszuhebeln scheinen. Endständige Pfeiler mit einem Kronen-Wurzelverhältnis von 3:1 zu Ungunsten der Wurzel sind für Marincola genauso unproblematisch wie ein geringes qualitativ minderwertiges Restknochenangebot mit entsprechender interner Augmentation. Neben der Sinusbodenelevation zeigte Marincola das gesamte Spektrum und Einsatzgebiet der Kurzimplantate in seiner täglichen Praxis bis hin zum Einsatz des Konzepts „ein Implantat pro Zahn“. Leider wurden nur Erfolge präsentiert, Misserfolge und Langzeitergebnisse sowie Zahlen nicht erwähnt.

Immunologische Empfindlichkeit bleibt auch bei Zahnlosigkeit erhalten. Dr. Sebstian Becher aus Düsseldorf schloss mit seinem Vortrag „Implantate bei Parodontalerkrankungen – vorhersagbar möglich?“ an den Vortrag von Professor Terheyden an. Auch hier wurde die Taschentiefe größer fünf Millimeter sowohl am Zahn als auch am Implantat als hohes Risiko eingestuft. Die Essenz ist laut Becher, dass CPA-Patiente n teils höhere Verlustraten und mehr biologische Komplikationen aufweisen, wobei die Komplikationen mit dem Schweregrad der CPA zunehmen. AGP- Patienten zeigen deutlich höhere Verlustraten und biologische Komplikationen. Rauchen hat nach Becher nur eventuell einen höheren Stellenwert als die parodontale Anamnese. Vor einer Implantation sollte laut Becher komplette Entzündungsfreiheit vorliegen (STM < 5 mm und FMPS und FMBOP < 20 %). Implantatversorgungen sind bei parodontal geschädigten Patienten unter einem strengem Recall erfolgreich möglich, aber selbst bei zahnlosen Patienten wies Becher darauf hin, dass die immunologische Empfindlichkeit des Patienten auch nach Entfernung der Zähne unverändert bleibt.

Tagungspräsident Dr. Dr. Martin Bonsmann beleuchtete in seinem Schlussreferat die forensischen Probleme bei Schädigung des N. alveolaris inferior bei einer Implantation. Hierbei ist die Dokumentation, Entfernung des Implantats, Medikation mit Cortisonpräparaten und Überweisung an ein Kompetenzzentrum notwendig, damit einerseits dem Patienten schnell geholfen wird, andererseits in einem Rechtsstreit dokumentiert ist, dass der Sorgfaltspflicht entsprochen wurde. Nur so kann die Versicherung Fahrlässigkeit ausschließen. „Aggressives“ Zuwarten nach einem Nervschaden ist der größtmögliche Fehler, ebenso obsolet die Gabe von Vitamin-B-Komplexen.

Nach dem Kongress ist vor dem Kongress. Die Kongresspräsidenten Prof. Dr. H-J. Nickenig und Dr. Dr. Martin Bonsmann verabschiedeten die Teilnehmer und Referenten am Ende mit Dank und verwiesen auf die 17. Jahrestagung am 13. und 14. April 2018 in Köln. Tagungspräsidenten sind dann turnusgemäß die Vorstandsmitglieder des LV NRW Dr. Dr. habil. Georg Arentowicz und Dr. Mathias Sommer M.Sc. aus Köln, die in Zusammenarbeit mit ihren Vorstandskollegen bereits mit der Vorbereitung des Kongresses begonnen haben. Themen sind unter anderem voraussichtlich Keramikimplantate und der digitale Workflow in der Implantologie. Den Termin sollte man sich bitte schon einmal im Kalender vormerken.


(Stand: 06.06.2017)

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