Sofortimplantation und Sofortbelastung – Eine Übersicht

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Relativ lange war die Spätimplantation der Goldstandard in der zahnärztlichen Implantologie, d.h. die Insertion des entsprechenden Implantats erfolgte einige Wochen bis Monate oder sogar Jahre nach der Extraktion des Zahns. Dieses Verfahren bietet nach wie vor eine gute Prognose, wobei in der Regel nach der Extraktion des Zahns oder der Zähne eine temporäre prothetische Versorgung erforderlich wird. Diese ist oftmals herausnehmbar im Sinne einer Immediat- oder Interimsprothese, wodurch sich für die Patienten bestimmte Einschränkungen hinsichtlich Lebensqualität oder auch ästhetische Nachteile ergeben. Insbesondere wird jedoch nach der Extraktion eine nachteilige Veränderung der periimplantären Gewebe, wie Schleimhaut und Knochengewebe, diskutiert. Diese beruht im Wesentlichen auf einer Verringerung der krestalen Knochenhöhe, wobei sich nachfolgend das periimplantäre Weichgewebeangebot ebenfalls nachteilig verändert. Durch die Optimierung chirurgischer und prothetischer Protokolle ist es jedoch seit Längerem möglich, verzögerte Sofortimplantationen oder sogar reine Sofortimplantationen durchzuführen. Im Zuge dieses Vorgehens stellt sich nach erfolgter Sofortimplantation die Frage, inwieweit eine bestimmte Einheilzeit des Implantats erforderlich ist oder ob dieses umgehend mit einer prothetischen Versorgung mit funktioneller Belastung im Sinne einer Sofortbelastung versorgt werden kann. Diesbezügliche Untersuchungen ergaben, dass es durchaus möglich ist, Sofortversorgungen mit entsprechender Sofortbelastung durchzuführen, d.h. unmittelbar das Implantat nach der Insertion prothetisch, zumeist mit einer temporären prothetischen Versorgung, zu versorgen. Dadurch ergeben sich zahlreiche Vorteile für die Patienten, zum Beispiel infolge Wegfalls der herausnehmbaren prothetischen Versorgung und die frühzeitige Ausformung des Emergenzprofils mit verbesserter Gestaltung der Weichgewebestruktur. Dieses Vorgehen wird seit einigen Jahren bereits mit großem klinischem Erfolg durchgeführt, wobei sich die Frage nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in diesem Bereich stellt und insbesondere inwieweit zusätzliche Informationen zur Thematik der Sofortbelastung existieren. Bei diesem Themenkomplex ist es allerdings von Bedeutung, eindeutig zwischen den Begriffen Sofortimplantation und Sofortbelastung mit entsprechenden unterschiedlichen Okklusionsprotokollen zu differenzieren.

? Hof M, Pommer B, Ambros H, Jesch P, Vogl S, Zechner W

Beeinflusst der Zeitpunkt der Implantatinsertion das ästhetische Ergebnis? Eine klinische, radiologische, ästhetische und patientenbasierte Untersuchung

Does Timing of Implant Placement Affect Implant Therapy Outcome in the Aesthetic Zone? A Clinical, Radiological, Aesthetic and Patient-Based Evaluation

Clin Implant Dent Relat Res 2015; 17: 1188–1199. doi: 10.1111/cid.12212. Epub 2014 Feb 20

Studientyp

Retrospektive klinische Untersuchung

Material und Methoden

Es wurden 5 unterschiedliche Behandlungsprotokolle bei Implantatversorgungen im Bereich der anterioren Maxilla untersucht (Sofort-, Früh-, verzögerte Implantation; weiterhin in Verbindung mit geführter Knochenregeneration (GBR) und Implantatsetzung 3 Monate nach autologer Knochenblocktransplantation). Dafür wurden 153 Implantate bei 153 Patienten bei einem mittleren Nachuntersuchungszeitraum von 4,5 ± 2,9 Jahren evaluiert. Die Suprakonstruktionen wurden teilweise verschraubt (69 %), die restlichen Versorgungen wurden zementiert. Größtenteils heilten die Implantate gedeckt (64 %) ein, für die restlichen Implantate wurde ein transgingivaler Einheilmodus gewählt.

Zielkriterien

Es wurden bei Patienten mit Einzelzahnimplantaten in der ästhetischen Zone des Oberkiefers diverse Indizes zur Beurteilung der klinischen Situation in Kombination mit einer visuellen Analogskala zur subjektiven Bewertung verwendet. Weitere Einschlusskriterien waren, dass das Implantat mindestens ein Jahr in situ sein musste, es sich um eines der oben genannten Insertionskonzepte gehandelt hatte, Entlastungsinzisionen nur bei Augmentationen durchgeführt wurden und eine natürliche Dentition des Gegenkiefers vorlag.

Wesentliche Ergebnisse

Der mittlere Knochenverlust betrug 1,6 ± 0,9 mm, wobei signifikant mehr Knochen für die Gruppe mit früher Implantation im Vergleich zu den Gruppen mit GBR und autologer Augmentation gemessen wurde. Papillen waren bei Sofort- und verzögerten Implantationen ausgeprägter vorhanden. Bei den Indizes „Pink Esthetic Score“, „Subjective Esthetic Score“ und „White Esthetic Score“ gab es keine Unterschiede zwischen den Behandlungsmodalitäten. Interessanterweise wiesen längere Kronen niedrigere Werte bei dem Pink Esthetic Score und dem Papillenindex auf und korrelierten mit größeren Rezessionen. Die Patientenzufriedenheit unterschied sich zwischen den Protokollen, wobei die Sofortimplantation favorisiert wurde. Auffällig war, dass die Übereinstimmung von objektiven und subjektiven Methoden zur Beurteilung der Ästhetik gering war.

Schlussfolgerung

Mit allen vorgestellten Behandlungsmethoden können vergleichbare klinische, radiologische und ästhetische Ergebnisse erzielt werden. Gingivarezessionen traten unabhängig von der Technik erst im Langzeitbereich auf.

Beurteilung

Bei dieser Untersuchung wurde eine sinnvolle Gruppengestaltung bei multiplen Testparametern gewählt, die die wesentlichen Behandlungsmöglichkeiten abdecken. Jedoch sind die Gruppen vergleichsweise klein, die Einheilmodi nicht homogen und zur prothetischen Versorgung sind lediglich wenige Informationen aufgeführt. Diesbezüglich erfolgte auch keine homogene Gestaltung der Suprastruktur, was die Aussagekraft dieser Untersuchung insgesamt mindert. Neben den weiteren bekannten Limitationen einer retrospektiven Arbeit (hier u.a. unterschiedliche Implantatsysteme und -oberflächen, keine fotografische Dokumentation der Ausgangssituation) wurden Patienten mit Risiken (Bruxismus, unbehandelte Parodontitis) ausgeschlossen. Eine Sofortversorgung der Implantate nach Insertion fand nicht statt.

? Koirala DP, Singh SV, Chand P, Siddharth R, Jurel SK, Aggarwal H, Tripathi S, Ranabhatt R, Mehrotra D

Frühe Belastung von verzögert versus sofort inserierten Implantaten im Bereich des anterioren Unterkiefers: Eine vergleichende klinische Pilotstudie

Early loading of delayed versus immediately placed implants in the anterior mandible: A pilot comparative clinical study

J Prosthet Dent 2016; 116: 340–345. doi: 10.1016/j.prosdent.2016.02.011. Epub 2016 Apr 23

Studientyp

Prospektive klinische Untersuchung

Material und Methoden

Je 44 Patienten wurden randomisiert entweder einer Gruppe der Sofort- oder einer Gruppe mit verzögerter Implantation (3 Wochen nach Zahnextraktion) zugeteilt. Alle Implantate waren von demselben Hersteller, wiesen die gleiche Größe auf und wurden in der Unterkiefereckzahnregion eingebracht. Zuerst folgte nach 2 Wochen eine provisorische Versorgung ohne Okklusionskontakte, nach einer weiteren Woche wurden Okklusionskontakte aufgetragen und 6 Wochen nach Implantatinsertion erfolgte die definitive Versorgung. 80 Patienten konnten letztlich nachuntersucht werden.

Zielkriterien

Nach 6 und 12 Monaten wurden Parameter zur Beurteilung der Veränderung des Hart- und Weichgewebes erhoben.

Wesentliche Ergebnisse

Es wurden zu den oben genannten Zeitpunkten keine signifikanten Unterschiede bei den erhobenen Parametern zwischen den Versuchsgruppen festgestellt.

Schlussfolgerung

Diese Untersuchung zeigt, dass im ersten Jahr nach erfolgter Sofort- bzw. verzögerter Implantation zwischen diesen beiden Gruppen keine signifikanten Unterschiede bezüglich der untersuchten Parameter festgestellt werden konnten.

Beurteilung

Sicherlich dürfen die Ergebnisse der Untersuchung nicht überbewertet werden, da es sich um eine Kurzzeitbetrachtung bei einer ausgewählten Patientengruppe handelt. Ein positives Merkmal dieser Untersuchung ist neben der vergleichsweise hohen Patientenzahl das randomisiert-prospektive Studiendesign, dass die verwendeten Implantate stets die gleiche Dimensionierung aufwiesen und stets die gleiche Region zur Implantation vorlag, was in dieser Form nur selten bei dieser Art von Untersuchungen beschrieben wird. Eine exakte Angabe des Okklusionsprotokolls steigert weiterhin die Aussagekraft dieser hochwertigen Untersuchung.

? Gjelvold B, Kisch J, Chrcanovic BR, Albrektsson T, Wennerberg A

Klinisches und radiologisches Ergebnis nach Sofort- und verzögerter Belastung von Einzelzahnimplantaten: Eine randomisierte klinische Untersuchung

Clinical and radiographic outcome following immediate loading and delayed loading of single-tooth implants: Randomized clinical trial

Clin Implant Dent Relat Res 2017; 19. doi: 10.1111/cid.12479.

Studientyp

Klinische Untersuchung

Material und Methoden

50 Patienten, bei denen ein Zahn im Bereich 15–25 fehlte, wurden im Rahmen einer implantatgetragenen Einzelzahnversorgung randomisiert entweder auf eine Gruppe mit Sofort- oder einer verzögerten Versorgung (je n = 25; immer ISQ > 30 Ncm) aufgeteilt. Bei der Sofortversorgung erfolgte umgehend und bei der verzögerten Belastung 4 Monate später eine provisorische prothetische Versorgung.

Zielkriterien

Es wurde das Implantatüberleben, das marginale Knochenniveau und Weichgewebeveränderungen beurteilt und weiterhin diverse Indizes zur Beurteilung des Weichgewebes und ästhetischer Aspekte nach 12 Monaten erhoben.

Wesentliche Ergebnisse

Die Implantatüberlebensrate betrug 100 % für die Sofortversorgten und 96 % (ein Implantatverlust) für die verzögert belasteten Implantate. Beim Implantaterfolg lagen Werte von 96 % bzw. 88 % vor. Bei den sofort belasteten Implantaten ergaben sich geringere Papillenindexwerte im Rahmen der temporären und definitiven Kronenversorgung.

Schlussfolgerung

Die Untersuchung zeigt, dass im Wesentlichen beide Versorgungsvarianten bei den Implantaten zufriedenstellende Ergebnisse nach 12 Monaten ergaben.

Beurteilung

Positiv zeigt sich bei dieser randomisierten, prospektiven Studie, dass nicht nur eine Sofortversorgung, sondern auch eine Sofortbelastung erfolgte. Die Verblindung wurde erst zum Zeitpunkt der Operation aufgehoben; es wurden immer die gleichen Implantatsysteme mit den gleichen Protokollen verwendet. Wünschenswert wäre eine exaktere Beschreibung des Okklusionsprotokolls, da dieser Faktor einen entsprechenden Einfluss auf die untersuchten Parameter haben kann. Die Aussagekraft der Untersuchung relativiert sich aufgrund der Tatsache, dass es sich um 12-Monatsdaten handelt, wobei die nachfolgenden Ergebnisse mit Spannung erwartet werden dürfen. Dementsprechend lagen zum Zeitpunkt der Untersuchung noch nicht alle definitiven Implantatrestaurationen vor. Die unterschiedliche Zeit zwischen chirurgischem Eingriff und Insertion der Kronen ist wahrscheinlich ursächlich für die divergierenden Papillenverhältnisse.

? Al-Sawai AA, Labib H

Erfolg von sofort belasteten im Vergleich zu konventionell belasteten Implantaten: Eine Literaturübersicht

Success of immediate loading implants compared to conventionally loaded implants: a literature review

J Investig Clin Dent 2016; 7: 217–224. doi: 10.1111/jicd.12152. Epub 2015 May 15

Studientyp

Systematische Literaturrecherche

Suchkriterien

Es wurden Untersuchungen aus dem Zeitraum von 1995 bis 2012 analysiert, nachdem die gängigen elektronischen Datenbänke durchsucht und von einer Handsuche ergänzt worden waren. Insgesamt konnten 120 Studien (randomisiert-kontrollierte Studien, kontrollierte klinische Studien) in die finale Auswertung einbezogen werden.

Wesentliche Ergebnisse

Die Heterogenität der berücksichtigten Studien machte die Durchführung einer abschließenden, statistisch validen Begutachtung schwierig. Dennoch kristallisierte sich bei dieser Untersuchung heraus, dass eine funktionelle Sofortbelastung bereits bei zahlreichen Patienten erfolgreich durchgeführt wurde. Es wird jedoch auch erwähnt, dass eine hohe Primärstabilität (hohes Einbringmoment) Voraussetzung für einen implantatprothetischen Erfolg ist.

Schlussfolgerung

Sofortbelastungsprotokolle können in spezialisierten Kliniken und Praxen zu hohen Überlebensraten führen, die mit denen konventionell belasteter Implantate vergleichbar sind. Allerdings ist auf eine entsprechende Patientenselektion und eine Beachtung der Indikation (z.B. Insertionstorque von mindestens 30 Ncm) zu achten. Des Weiteren weisen Implantate mit rauen Oberflächen bessere Ergebnisse als maschinierte Implantate auf.

Beurteilung

Die Literaturübersichtsarbeit bezog eine beachtliche Zahl an Studien ein. Jedoch ist eine deutliche Heterogenität im Hinblick auf die verschiedenen Studiendesigns zu bemerken. So ist zum einen anzumerken, dass Raucher in allen eingeschlossenen Studien nicht untersucht wurden; als weitere Kontraindikationen wurden unter anderem Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Alkoholismus, Bruxismus und Immundefizienz sowie eine Schwangerschaft gesehen. Auch Patienten mit Osteoporose oder Bestrahlung in der Anamnese wurden in einigen Arbeiten exkludiert bzw. als Risikofaktor angegeben.

Synopsis

Nach Jahrzehnten mit großen Erfolgen im Bereich der dentalen Implantologie im Rahmen von Spätimplantationen zeigt sich seit Jahren eine gute Prognose bei implantatprothetischen Sofortversorgungen. Dahin gehend wurden zahlreiche Untersuchungen zu dieser Thematik durchgeführt, wobei die Erfolgsaussichten bei der entsprechenden Indikationsstellung relativ hoch sind. Darüber hinaus ergeben sich neben einem potenziell knochenprotektiven Effekt im Rahmen einer Sofortimplantation ebenso Vorteile und Möglichkeiten bei der Ausgestaltung des Emergenzprofils. Diesbezüglich ist es jedoch von großer Bedeutung, dass bestimmte Voraussetzungen, wie zum Beispiel eine ausreichende Primärstabilität, vorliegen. Eine ausreichende Primärstabilität ist wiederum die Grundlage für eine anschließende implantatprothetische Sofortbelastung, die zahlreiche Vorteile, zum Beispiel den Wegfall der herausnehmbaren temporären Versorgung, mit sich bringt. Sicherlich stellt sich die Frage nach der Erzielung einer entsprechenden Primärstabilität im Zuge einer Sofortimplantation, d.h. wie diese hergestellt werden kann. Dafür sind sicherlich die gewählte Implantatlänge und ein geeignetes Implantatdesign wichtige Parameter.


(Stand: 06.06.2017)

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