Implantation im Studium der Zahnmedizin – quo vadis?

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Dr. Ramona Schweyen, PD Dr. Jeremias Hey

Implantate sind aus dem Spektrum der zahnmedizinischen Behandlungsoptionen nicht mehr wegzudenken. Strittig ist allerdings, wer einem Anfänger wann und wo welche Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten zur Durchführung einer Implantation vermitteln sollte.

Grundsätzlich ist laut Approbation jeder Absolvent der Zahnmedizin befähigt, zahnärztliche Therapiemaßnahmen, so auch eine Implantation, durchzuführen. Allerdings kann das 5-jährige Studium die Kompetenzen der vielen Fachrichtungen innerhalb der Zahnmedizin nicht vollumfänglich abbilden. So darf zwar jeder Zahnarzt eine kieferorthopädische Behandlung durchführen, aber nur wenige Kollegen können sich die dafür notwendigen Kenntnisse zuschreiben.

ZÄPRO UND NKLZ

Letztlich besteht das Dilemma darin, festzulegen, bis zu welchem Ausmaß zahnmedizinische Diagnosen und Behandlungsmaßnahmen basal oder spezifisch sind. Da die Implantation in der Wahrnehmung sowohl der Öffentlichkeit als auch der Studierenden stark in den Fokus gerückt wird, steht die Frage nach der Notwendigkeit und dem Umfang der Anpassung der Lehrpläne im Raum. Die bestehende Approbationsordnung gibt dazu keine Richtlinien, macht aber auch keine Vorschriften.

Mit dem Ziel, die durchaus deutlich variierenden Ausbildungsinhalte im Medizin- und Zahnmedizinstudium deutschlandweit anzugleichen, wurden durch die Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) und den Medizinischen Fakultätentag (MFT) mit Vertretern aus medizinischen Fachgesellschaften, zuständigen Ministerien und Behörden sowie Wissenschaftsorganisationen ein Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin (NKLM) und ein Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Zahnmedizin (NKLZ) erstellt und im Jahr 2015 verabschiedet. Darin werden Teilkompetenzen, Lernziele zum (zahn-)medizinischen Wissen, klinische Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie professionelle Haltungen zusammengefasst, über die ein (Zahn-)Arzt zum Abschluss des Kernstudiums verfügen sollte. Dabei werden unterschiedliche Kompetenzebenen unterschieden: das Faktenwissen (was?), das Handlungs- und Begründungswissen (wie und warum?) sowie die Handlungskompetenz, d.h. Behandlungs-/Arbeitsschritte unter Aufsicht durchzuführen bzw. selbstständig umsetzen zu können. Dabei muss nicht jede Kompetenz bis zur letzten Stufe, der Handlungskompetenz, während des Studiums ausgebaut werden.

Viele medizinische Fakultäten sind momentan in unterschiedlichen Stadien damit beschäftigt, die eigenen Lehrpläne mit dem NKLM abzugleichen, Lücken im eigenen Lehrplan aufzudecken bzw. redundante Lehrveranstaltungen umzugestalten. Dabei sehen sich die Lehrverantwortlichen häufiger mit der Problematik konfrontiert, einen Kompromiss zwischen den Anforderungen des NKLM und den Begebenheiten des eigenen Standorts zu finden.

In der zahnmedizinischen Lehrlandschaft findet der NKLZ derzeit verhalteneren Anklang. Dies kann durch die standortabhängig noch stärker variierenden Lehrinhalte begründet werden. Ein gutes Beispiel dafür scheint die Implantologie zu sein.

Im NKLZ wurden einzelne, hauptsächlich theoretische, implantologische Lernziele angegeben. So sollten Studierende in der Lage sein, Implantate in die Planung miteinzubeziehen, Patienten umfassend über chirurgische und prothetische Optionen aufzuklären und die Implantatnachsorge durchzuführen. Der genaue Wortlaut lässt sich im Internet unter www.nklz.de/kataloge/nklz/lernziel/uebersicht abrufen.

Auf einer europäischen Konsensuskonferenz zur Ausbildung in der Implantologie im Jahr 2008 wurden die Lernziele deutlich weiter gefasst. So sollten Absolventen des Zahnmedizinstudiums idealerweise praktische implantologische Erfahrungen entsprechend der SAC-Klassifikation I gesammelt haben.

Der NKLZ und die Beschlüsse der Konsensuskonferenzen tragen den Charakter einer Anregung. Sie sollen den Hochschulen eine Orientierung über die zu vermittelnden Lernziele und Kompetenzen geben. Prinzipiell gibt es keine Festlegung.

UNIVERSITÄRE ANGEBOTE

Momentan werden an allen deutschsprachigen Universitäten Vorlesungen zur Implantation angeboten. Viele führen darüber hinaus Hands-on-Kurse durch. Einige Universitäten gehen über die Vermittlung der theoretischen Grundlagen und die Durchführung von simulierten Behandlungen hinaus. Studierende haben die Möglichkeit, Implantate im studentischen Behandlungskurs auch zu versorgen. An wenigen Standorten erfolgt nach computergestützter Planung und Herstellung einer Bohrschablone sogar die Implantation durch die Studierenden selbst.

Grundsätzlich erfreuen sich die Angebote der Universitäten mit Bezug zur Implantation großer Beliebtheit. Besonders in der Endphase des Studiums fragen die Studierenden immer häufiger nach der Möglichkeit, die theoretischen Erkenntnisse praktisch umzusetzen.

WÜNSCHE DER STUDIERENDEN

Ein Beispiel stellt die bilateral balanciert aufgestellte Totalprothese dar. Diese gilt in den Augen eines Studierenden als wenig reizvolles Therapiemittel. Es wird häufiger die Frage gestellt, warum die Zeit, die im Labor darauf verwendet wird, die Prothesenzähne Lehrbuch-konform aufzustellen und einzuschleifen, nicht verwendet wird, um interforaminär zu implantieren. Diese Variante wird schließlich in den meisten Hands-on-Kursen geübt.

Und warum sollte man bereits gefüllte lückenbegrenzende Zähne für die Aufnahme einer Brücke beschleifen? Die Implantation zum Lückenschluss schont letztlich die verbliebene Zahnhartsubstanz der Nachbarzähne. Darüber hinaus wird die Abformung eines Implantats als deutlich aufregender eingeschätzt als die Abformung eines präparierten Zahnstumpfs.

In welcher Reihenfolge welche Fertigkeiten entwickelt werden sollten, steht ebenfalls zu Debatte. Beispielsweise stellt die Entfernung eines tief zerstörten ersten Unterkiefermolaren bei Einnahme oraler Antikoagulanzien im Hinblick auf eine Nachblutung ein unliebsames Risiko dar. Schnell und gerne wird für dessen Entfernung ein Termin in der chirurgischen Ambulanz beim erfahrenen Oralchirurgen vereinbart. Im Anschluss steht im prothetischen Behandlungskurs die Versorgung der Schaltlücke an. Warum dann nicht flapless nach computergestützter Planung und Anfertigung einer Bohrschablone implantieren? Das könnte der Studierende nun seiner Ansicht nach gut selbst erledigen, schließlich möchte er das Implantat anschließend auch selbst versorgen.

Warum auch nicht – bedeutet dies alles doch, dass dem späteren Praxisinhaber während des Vorstellungsgesprächs wahrhaft versichert werden kann, dass bereits Erfahrungen mit Implantation bestehen.

FESTLEGUNG VON INHALTEN

Im universitären Alltag sehen sich die Lehrenden zunehmend mit dem Konflikt konfrontiert, einerseits den Studierenden eine zeitgemäße Ausbildung zu ermöglichen, andererseits jedoch stabile Grundkenntnisse zu vermitteln, auf denen die Studierenden nach Abschluss des Zahnmedizinstudiums aufbauen können. Praktisch bedeutet dies, Lehrinhalte zu gewichten und festzulegen, welche Thematiken in welchem Umfang vermittelt werden. Die für die einzelnen Fächer zur Verfügung stehende Stundenzahl erlaubt indes nicht, Kursinhalte beliebig zu vergrößern. Für die Implementierung neuer Schwerpunkte müssen in der Regel ältere Lehrinhalte gekürzt bzw. weggelassen werden.

Ein aktuelles Beispiel stellt die Implementierung der CAD/CAM-Technologie in die zahnmedizinische Ausbildung dar. Für die meisten zahntechnischen Labore ist die CAD/CAM-Fertigung von festsitzendem Zahnersatz inzwischen Standard. Viele Universitäten tragen dieser Tendenz Rechnung, indem die Studierenden festsitzenden Zahnersatz mittels CAD/CAM-Technologie herstellen. Um diese Technologie in den Lehrplan zu implementieren, wurde auf andere Lehrinhalte, z.B. die Herstellung einer gegossenen Brücke, verzichtet.

Wie lässt sich dies auf die Implantologie übertragen? Zweifelsohne ist der Wunsch der Studierenden nach Erfahrung in der Implantation nachzuvollziehen. Doch welche Lehrinhalte sollten zugunsten der implantologischen Ausrichtung weichen? Ist die Kauunterfütterung noch zeitgemäß, wenn nahezu in der gleichen Zeit interforaminär implantiert werden kann? Was sollte ein Studierender der Zahnmedizin bereits an praktischen Erfahrungen gesammelt haben, bevor er oder sie das erste Mal implantiert? Sollten Studierende überhaupt implantieren?

IHRE MEINUNG ZÄHLT!

Viele der gängigen Erkenntnisse im Bereich der Implantologie wurden durch die Erfahrungen niedergelassener Kollegen gewonnen. Sie stellen einen wesentlichen Anteil der Referenten für die postgraduale Ausbildung. Bei der Diskussion über den künftigen Umfang und die Inhalte hinsichtlich zahnärztlicher implantologischer Maßnahmen sollte auf dieses Wissen und die Erfahrungen nicht verzichtet werden. Sie als Mitglied der DGI gehören zu dieser Gruppe erfahrener Kollegen und können mit Ihrer Stellungnahme einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Diskussion leisten.

Von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wird derzeit unter niedergelassenen implantologisch spezialisierten Kollegen und Hochschullehrern eine Umfrage zu implantologischen Lehrinhalten durchgeführt, in der den o.g. Fragen nachgegangen werden soll: Sollten Studierende implantieren dürfen? Wenn ja, welche Kenntnisse bzw. Fertigkeiten müssten sie vorher nachweisen? Auf welche Lehrinhalte sollte stattdessen verzichtet werden? Das Ausfüllen des Online-Fragebogens unter www.soscisurvey.de/ImplantologieStudium dauert ca. 5 Minuten. Sie sind herzlich eingeladen, den Fragebogen auszufüllen und damit einen Beitrag in der Lehrdiskussion zu leisten. Die Ergebnisse der Umfrage werden in einer späteren Ausgabe der ZZI vorgestellt.

 

 

 


(Stand: 04.07.2018)

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