Implantologie im Studium

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PRO & KONTRA

Implantologie im Studium

Zum Thema:

Implantate gehören inzwischen zu den etablierten Behandlungsmitteln. Die Öffentlichkeitsarbeit durch Industrie und Werbung sorgt dafür, dass Patienten immer häufiger nach einer Implantatversorgung fragen. An deutschen Universitäten wird während des Zahnmedizinstudiums kaum etwas weniger einheitlich gelehrt als die Implantologie. Von fakultativen Vorlesungen über die Assistenz bei implantologischen Eingriffen bis zu praktischen Versorgungen von Implantaten bzw. Implantationen im studentischen Behandlungskurs ist alles möglich. Studierende stehen solchen Lehrveranstaltungen in der Regel sehr positiv gegenüber und evaluieren diese als sehr fortschrittlich. In der Realität sehen sich die Lehrenden jedoch mit der Problematik konfrontiert, Lehrinhalte innerhalb einer begrenzten Studienzeit zu gewichten und zu priorisieren. Welche der Lehrinhalte könnten zugunsten der implantologischen Ausrichtung gestrichen werden? Sollte die Implantologie inzwischen zum Grundwerkzeug eines Berufsanfängers gehören, oder gehört die Implantation, vergleichbar mit der Kieferorthopädie, in die Hände spezialisierter Kollegen? Die Meinungen zu dieser Thematik variieren unter erfahrenen Implantologen, Hochschullehrern und Studierenden erheblich.

Ein zahnärztlicher Alltag ohne Implantate ist inzwischen nicht mehr vorstellbar. Auch wenn in der eigenen Praxis vielleicht nicht selbst implantiert wird, sieht sich der Behandler in aller Regel doch mit den Fragen der Patienten nach Implantaten bzw. mit der Nachsorge alio loco inserierter Implantate konfrontiert. Implantologische Grundkenntnisse und -fertigkeiten sollten heute zum Rüstzeug eines jeden Absolventen des Zahnmedizinstudiums gehören.

Warum scheuen wir uns davor, diese in die Ausbildung zu implementieren? Sicherlich ist die Sorge über ein überschwänglich-unbedarftes Handeln der Studierenden berechtigt. Bereits ohne Implantat ist der prothetische Behandlungskurs oftmals sowohl für die Behandelnden als auch für die Betreuenden eine Herausforderung. Es muss allerdings die Frage gestellt werden, ob nicht jede durch einen Studierenden ausgeführte Behandlung, sei es das Legen einer Füllung oder die Präparation eines Zahns, den gleichen Respekt verdienen sollte wie eine Implantation oder Implantatversorgung. Wir selbst neigen dazu, sicherlich getriggert durch die Anstrengungen der Dentalindustrie, den Implantaten einen besonderen Stellenwert einzuräumen. Doch Implantate sind nicht exklusiv und heilig, sondern ein Therapiemittel wie jedes andere auch: Es sollte indikationsgerecht und wohlüberlegt eingesetzt werden. Im studentischen Behandlungskurs werden die Studierenden schrittweise und unter engmaschiger Kontrolle an die unterschiedlichen Therapieformen herangeführt. Bessere Voraussetzungen für „unfallfreies“ Lernen gibt es im späteren Berufsalltag nie wieder.

Warum stürzen sich viele Berufsanfänger auf die Implantate? Weil ihnen vorher suggeriert wurde, Implantate seien etwas Besonderes, deren Handhabe für den Anfänger zu schwierig sei. Die Finanzierung eines postgradualen Implantologiekurses ist jedoch häufig besonders für Berufsanfänger schwierig. Die hohe Motivation und der Anreiz, etwas Neues auszuprobieren, führen dann leider manchmal dazu, dass gewisse Erkenntnisse über implantologische Limitationen durch die eigene Erfahrung erworben werden. Dem könnte durch eine frühzeitige Implementierung in den studentischen Behandlungskurs und dadurch unterstützen Abbau des „Exklusivitätsstatus“ entgegengewirkt werden.

So wird an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg seit vielen Jahren eine fakultative Vorlesungsreihe „Implantologie“ angeboten. Der Umstand, dass diese Fortbildungsveranstaltung bereits 2011 als eine der ersten in Deutschland auch durch die DGI zertifiziert wurde, trägt zusätzlich zum Erfolg dieses Formats bei den Studierenden bei.

Letztlich ist es eine prinzipielle Frage. Die Ausbildung eines Zahnmedizinstudenten kostet ca. 150.000 Euro. Warum wird damit nicht auch die implantologische Grundausbildung mitfinanziert? Wenn die Implantologie inzwischen ein etabliertes Behandlungsmittel ist, warum werden dann die „normalen“ – also älteren – Behandlungsmittel unter Einsatz von „Stützrädern“ geübt, während diejenigen, bei denen – wenn auch auf andere Art und Weise – genauso viel falsch gemacht werden kann, der postgradualen Ausbildung vorbehalten bleiben?

Was ich kenne, kann ich besser einschätzen. Wenn ich etwas einschätzen kann, erkenne ich auch meine Grenzen und kann kritische von unkritischen Fällen unterscheiden. Dies ist letztlich für den erfolgreichen Einsatz eines jeden Therapiemittels unabdingbare Voraussetzung.???

? PD Dr. arne Boeckler

Poliklinik für zahnärtzliche Prothetik Martin- <br/>Luther-Universität Halle-Wittenberg und <br/>Zahnheilkundezentrum Halle/Saale

arne.boeckler@zahnzentrum-halle.de

 

 

Das Studium der Zahnmedizin mit der dafür vorgesehenen Zeit – gut 5 Jahre zwischen Immatrikulation und Approbation – ist sowohl für Studierende als auch für die Lehrenden eine knapp bemessene Ressource. Die Nutzung dieser Kapazität wird in der Approbationsordnung für Zahnmedizin geregelt. Die Auslegung der momentan noch gültigen Version sieht eine gute theoretische Ausbildung mit punktuellen praktischen Ansätzen im Bereich der zahnmedizinischen Chirurgie vor.

Das deutsche Zahnmedizinstudium ist im weltweiten Vergleich in seiner jetzigen Form gut und vernünftig. Die Gestaltungsmöglichkeiten der praktischen Ausbildung lassen Freiräume und Reaktionen auf aktuelle Entwicklungen der Medizin und Zahnmedizin zu. An manchen Standorten finden Kurse der Kinderbehandlung oder synoptisch integrative Kurse statt, in denen der angehende Zahnarzt die Möglichkeit hat, am Mikroskop Molarenendos durchzuführen, Adhäsivbrücken oder teleskopierenden Zahnersatz anzufertigen und einfache kieferorthopädische Geräte herzustellen und am Patienten einzugliedern. Für diese Möglichkeiten werden wir beneidet.

Die räumlichen und personellen Kapazitäten sind jedoch an vielen Universitätsstandorten ausgereizt. Ich sehe wenig Potenzial, kosten- und personalintensive zusätzliche Lehrveranstaltungen im zahnärztlichen Curriculum zu implementieren. In einer Zeit, in der die verpflichtende Extraktion von 5 Zähnen eine Herausforderung im Bereich der Patientenakquise darstellt, ist die Einführung verpflichtender praktischer Implantologiekurse für alle Studierenden schwer vorstellbar.

Das bedeutet nicht, dass der Student nicht die Anforderungen und Grundlagen der Implantologie vermittelt bekommen soll. Natürlich muss der Absolvent in der Lage sein, einzuschätzen, inwieweit das freigelegte Implantat osseointegriert ist und an einer prothetisch versorgbaren Position steht.

Praktischer Wissens- und Erfahrungsgewinn sollte mit zahnärztlichen Maßnahmen beginnen, die reversibel sind, eine überschaubare Komplikationsrate aufweisen, und wenn Komplikationen auftreten, sollten diese in der Regel keine dauerhafte Schädigung des Patienten nach sich ziehen. Aus diesem Grund sehe ich die zahnärztliche Implantologie eher in einer fortgeschrittenen Phase der zahnärztlichen Ausbildung.

An dieser Stelle sollte generell überdacht werden, für welche Art der zahnmedizinischen Ausbildung man sich stark machen möchte. Bei einem Studium, in dem wesentliche Teile der praktischen Fertigkeiten noch während der Studienzeit vermittelt werden sollen, wäre es fatal, die Möglichkeiten manuellen Trainings im Vergleich zum aktuellen Stand weiter zu reduzieren. Dies gilt ebenso für die theoretische Ausbildung, an die sich analog zur Humanmedizin eine klinisch geprägte Fachzahnarztausbildung anschließt.

Die chirurgische Implantologie ist ein Baustein, der nach der Approbation erlernt werden sollte. An verschiedenen Hochschulstandorten sind in den klinischen Semestern Famulaturen in niedergelassenen Praxen obligat. Wer sich bereits im Studium für Implantologie besonders interessiert, der kann eine Hospitationspraxis mit implantologischem Schwerpunkt wählen. In einer anschließenden Assistenzzeit kann der an Implantologie interessierte Kollege unter direkter Anleitung dann die ersten Implantate inserieren. Eine derart intensive Betreuung ist für alle Studierenden im Rahmen des Studiums nicht möglich.?

? Dr. Stephan T. Jacoby, M.Sc.

Zahnärzte Jacoby, Coswig/Sa.

sj@zahnaerztejacoby.de


(Stand: 12.07.2018)

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