Implantieren in der Komfortzone

PDF

 

Man verliert zu viel, was man schützen kann“, sagte ein Teilnehmer am Ende des Tageskurses zum Thema „Sofortimplantation im Frontzahnbereich“, der Ende März in München stattfand. Dr. Paul Schuh präsentierte das Therapiekonzept des Teams um Prof. Dr. Hannes Wachtel, bei dem drei Maßnahmen bei einem Eingriff gebündelt werden: Extraktion, Augmentation von Hart- und Weichgewebe, Implantation und provisorische Versorgung.

Was sich Patienten wünschen, ist eindeutig. Bei manchen Aspekten einer Implantattherapie ist für sie weniger mehr: etwa bei der Dauer der Behandlung, bei dem erforderlichen Aufwand und bei der Zahl der operativen Eingriffe. In anderen Bereichen darf es gerne etwas mehr sein: bei der Ästhetik, der Vorhersagbarkeit der Therapie, bei der Hochwertigkeit der Versorgung und vor allem bei der Lebensqualität.

Diese Anforderungen machen die Implantattherapie vor allem in der ästhetischen Zone zu einer Herausforderung. Zwar vereinfachen die modernen digitalen Konzepte – von DVT über die schablonengeführte Implantatinsertion bis hin zur CAD/CAM-gefertigen Krone – die Behandlungsabläufe. Sie liefern wertvolle Informationen und erhöhen Sicherheit und Vorhersagbarkeit. Doch die Vielzahl der Schnittstellen erhöht auch das Risiko, Fehler zu machen, die zu echten Komplikationen führen können. „Und das sind weniger die technischen Komplikationen“, wie Dr. Paul Schuh betonte. Ein Schraubenbruch oder eine abgeplatzte Keramikkrone lassen sich leicht reparieren. Biologische Komplikationen erfordern dagegen einen erhöhten Aufwand. Wundheilungsstörungen können zu einem Verlust von Transplantaten und Implantaten führen und die Behandlung solcher Komplikationen können weitere chirurgische Eingriffe nach sich ziehen. Darum ist die Abwägung zwischen Nutzen und Risikofaktoren von großer Bedeutung.

3D-Diagnostik wegen der Information. „Wir haben in den letzten Jahren aus dem All-on-4-Konzept viel über die Sofortimplantation, Sofortversorgung und auch die Sofortbelastung gelernt“, sagte Schuh. Wichtig sei dafür vor allem auch die sehr enge und offene Kooperation mit den Zahntechnikern.

Grundsätzlich kommt in der Münchener Praxis bei allen Implantationen im ästhetischen Bereich die 3D-Diagnostik zum Einsatz, „nicht allein wegen der Planung, sondern wegen der Information, die wir anders nicht gewinnen können“, sagte Schuh. Die Extraktion des Zahnes erfolgt schonend, um die Interdentalpapillen und das periimplantäre Gewebe zu erhalten.

Die optimale Implantatposition gehört zu den Grundvoraussetzungen für eine ästhetische Restauration und Sicherung der Langzeitstabilität. „Eine zu weit bukkal ausgerichtete Positionierung kann Probleme verursachen“, warnte Schuh. „Zwar sehen die Behandlungsergebnisse auch in anderen Fällen in den ersten Jahren gut aus, doch danach steigt das Risiko einer Rezession.“ Den erforderlichen Abstand der Bohrung zur bukkalen Lamelle bezeichnete der Referent als „Komfortzone“. Diese beträgt im Oberkiefer mindestens 3 Millimeter. Zum Einsatz kommen dünnere Implantate zwischen 3,5 bis 3,75 Millimetern.

Studien belegen inzwischen, dass die Sofortimplantation und Sofortversorgung bei einer Einzelzahnlücke in der ästhetischen Zone zu vergleichbaren Ergebnissen und Veränderungen der Hart- und Weichgewebe führt wie das herkömmliche Vorgehen. Für den langfristigen Erfolg einer solchen Behandlung ist jedoch die dreidimensionale Gewebearchitektur um die Implantate herum entscheidend. Die knöchernen Anteile dieser Architektur sind wichtig, doch Schuh betonte vor allem die Bedeutung von Qualität und Volumen des Weichgewebes. „Think pink“ war darum auch dem Titel der Veranstaltung vorangestellt.

Die optimale Entnahmestelle für die Verdickung des Weichgewebes ist die Tuberregion, da das Gewebe dort sehr kollagenreich ist und somit das periimplantäre Volumen langfristig stabilisieren kann. Je kollagenreicher die Transplantate sind, desto wichtiger ist es, diese gedeckt einheilen zu lassen. So kann die Gefahr von Nekrosen minimiert werden. Dafür sollte immer ein Spaltlappen präpariert werden. Schuh: „Der primäre Wundverschluss ist entscheidend und dafür darf das Transplantat nicht freiliegen.“ Nötig ist eine dreimonatige Einheilung, um das Gewebe stabil zu bekommen. Das Team verwendet zum Schutz der Entnahmeregion der Bindegewebstransplantate im Zuge der plastischen Parodontalchirurgie immer eine Verbandsplatte.

Augmentation von knöchernen Strukturen. Bei der Augmentation der knöchernen Strukturen, die nach dem Aufbau des Weichgewebes stattfindet, setzt das Team um Wachtel und Schuh auf resorbierbares Augmentationsmaterial. Die Knochensubstanz soll nicht ersetzt, sondern regeneriert werden. Zum Einsatz kommt daher die Bone-Lamina-Technik.

„Diese Sofortimplantation mit simultaner Weichgewebsaugmentation und der zusätzlichen Auffüllung des Raums zwischen Implantat und dem bukkalen Alveolarknochen – die sogenannte Multi-Layer-Technik – ermöglicht eine vorhersagbare Versorgung der Einzelzahnlücke in nur einem Eingriff“, sagte Schuh.

Lernen von der Orthopädie. Bei einer ausreichenden Primärstabilität kommt eine Sofortversorgung in Frage. „Damit verlassen wir das Standardvorgehen“, betonte der Experte. Begründung: Wenn Patienten eine Hüftgelenksprothese erhalten, setzten die Orthopäden auf die sofortige Mobilisation der Patienten. Schuh: „Davon haben wir gelernt und wir tasten uns langsam an dieses Vorgehen heran“. Auch bei diesem Vorgehen kommt die Multi-Layer-Technik zum Einsatz, das Weichgewebe wird mit der Tunneltechnik aufgebaut, die Lücke zwischen Implantat und Lamelle aufgefüllt. Wenn es möglich ist, werden alle Implantatgetragenen Suprakonstruktionen verschraubt. „Wir riskieren mit diesem Vorgehen einfache technische Probleme, die jedoch leicht lösbar sind, um biologische Komplikationen, wie eine „Zementitis“ zu vermeiden. Die Versorgung erfolgt sofort mit einem festsitzenden Provisorium, das aus der dynamischen und statischen Okklusion herausgenommen wird. In den letzten fünf Jahren hat das Team mit diesem Vorgehen 55 Patienten versorgt und dabei einen Implantatverlust verzeichnet. „Das ist erreichbar, wenn die Indikation und die Planung stimmen“, so Schuh.

Nach dem Hands-on am Schweinekiefer freute sich ein Teilnehmer, der seit mehr als 20 Jahren implantiert, über „effektiven Wissenszuwachs, der mich dazu motiviert, meine eigenen Methoden zu überprüfen.“ Und der MKG-Chirurg Dr. Alexander Burger, angereist aus Wien, fühlte sich „wachgerüttelt“, wie er mit einem Schmunzeln nach dem Kurs sagte. Zwar werde er sicherlich nicht gleich mit diesem Verfahren bei einem Gummy-Smile einsteigen, aber diesen Konzepten gehört sicherlich die Zukunft.

Barbara Ritzert, Pöcking

Fotos: Barbara Ritzert

 

 

 


(Stand: 04.07.2018)

DGI Nachrichten aktuell

Implantieren in Zeiten von Corona? 
Der Präsident der DGI, Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz mit einem Statement

zum Statement Prof. Grötz

Aktuelle Ausgabe 2/2020

Im Fokus

  • CMD: Implantatprothetische Therapie
  • Zahnimplantate bei Diabetes mellitus
  • Zirkonoxid in Einzelzahnlücken

FORTBILDUNGSANGEBOTE DGI

Die DGI bietet ein umfassendes und überregionales Fortbildungsangebot an. 

WERDEN SIE AUTOR

Sie haben ein spannendes Thema aus dem Bereich der Implantologie und würden gerne einen Artikel dazu in der ZZI veröffentlichen? Dann nutzen Sie unseren Editorial Manager und reichen Sie ihr Manuskript direkt bei uns ein.

Manuskript einreichen