Neues aus dem Implantatlager

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Die Tagung des Landesverbands Berlin-Brandenburg im DGI e.V. am 2. und 3. März 2018 im Kongresshotel am Potsdamer Luftschiffhafen unter Leitung von PD Dr. Frank Strietzel schien unter einem schlechten Stern zu stehen: Grippe und andere Probleme verhinderten die Teilnahme eines Drittels der Referenten und Vorstandsmitglieder sowie vieler Teilnehmer. Warum war die Veranstaltung trotzdem ein großer Erfolg? Im Zentrum stand ein eng umschriebenes Thema: „Neues aus dem Implantatlager“.

Inhaltlich und rhetorisch herausragend waren Ausführungen zu Augmentationsmaterialien für das Implantatlager von der einzigen Lehrstuhlinhaberin für Translationale Implantologie in Deutschland, Prof. Dr. Katja Nelson aus Freiburg. Geschickt schob sie zwischen hochinteressante, vorwiegend eigene fundamentale Studien klinische Beispiele. Der Vortrag beschrieb die Systematik autogener, xenogener, allogener und synthetischer Knochenersatzverfahren mit ihren präklinischen, klinischen und juristischen Aspekten anhand neuester Studien. Professor Nelson bewertete vorwiegend für Blocktransplantate die Zusammenhänge zwischen verfügbaren Materialien hinsichtlich ihrer Transplantatkompetenz und -architektur, erforderlichen Augmentationsmengen und -richtungen und chirurgischen Techniken. Hinsichtlich der Transplantatkompetenz mit den Merkmalen Osteokonduktion, Osteoinduktion und Osteogenese sind autogene Materialien allen anderen überlegen, ebenso aufgrund ihrer um die Hälfte verkürzten Einheilzeit von nur drei Monaten.

Extra- und intraorale autogene Knochentransplantate unterscheiden sich offenbar hinsichtlich Genexpression und Mikrostruktur. Bezüglich der Transplantatarchitektur ist kortikaler Knochen (z.B. Fibula) resorptionsstabiler als spongiöser, der jedoch, so Professor Nelson, mit bovinen Ersatzmaterialien vor beschleunigtem Abbau geschützt werden könne.

Bei allogenen Blöcken, die als Lebendspende bei Insertionen von Hüftendoprothesen anfallen, sind selbst bei in Deutschland zugelassenen prozessierten Produkten Reste organischer Materialien nachweisbar. Damit verbleibt das Risiko der Alloimmunisierung. Auch liegt nach 6 Monaten der Anteil von vitalem Knochen mit nur 9 Prozent weit unter jenem nach autologem Knochenaufbau (25 Prozent). Für vertikale großvolumige Defekte mit Ausdehnungen über fünf Millimeter ist derzeit nur die Beckenkammverpflanzung geeignet. Neben Blockaugmentationen wurden Bone-Split-Verfahren analysiert.

Von „unbewusster Inkompetenz“ zur „bewussten Kompetenz“. Dr. Karl-Ludwig Ackermann aus Filderstadt zeigte den Werdegang eigener empirischer Implantologieversuche seit 1978 in eigener Praxis mit „unbewusster Inkompetenz“ bis hin zur irgendwann möglicherweise erreichbaren „bewussten Kompetenz“. Er war an Entwicklung und Vervollkommnung mehrerer Implantatsysteme ebenso beteiligt wie an der Ausbildung Hunderter Implantologen. Mit der Weisheit des erfahrenen Referenten demonstrierte er seine Erfahrungen und Irrwege eindrucksvoll. Grundgerüst dafür war die SAC-Klassifikation des ITI – also: straightforward, advanced, complex.

Dr. Paul Schuh aus der Münchener Wachtel-Bolzschen Implantologenpraxis zeigte in Kasuistiken anspruchsvolle und interessante neue Ansätze zum Erhalt der Hart- und Weichgewebe bei Sofortimplantationen in ästhetisch sensiblen Bereichen des Alveolarfortsatzes – auch da unter Verwendung eigenen Gewebes, aber auch moderner Biomaterialien.

Die Veranstalter konnten außerdem Prof. Dr. Eduardo Anitua, Vitoria, als einen führenden Protagonisten für Präparation und Erprobung zentrifugierter Eigenblutbestandteile unterschiedlicher Zusammensetzung gewinnen. In seinem Vortrag setzte er sich mit den verschiedenen Eigenschaften des PRGF auseinander und nahm zugleich auch zu den Unterschieden zu LPRF oder PRP Stellung. Zum Einsatz kommt das Plasma etwa bei intraoralen Augmentationen, bei der Einheilung kalziumbeschichteter Implantate, bei oraler und kutaner Wundabdeckung und bei Verletzungsfolgen. Selbst wenn Puristen einwenden mögen, dass weder präklinische noch klinische Studien die Überlegenheit der Verfahren bislang exakt belegt haben, dass Bestimmungen des Transfusionsgesetzes zu beachten sind, dass es auch Konflikte mit Antidopingbestimmungen gab und dass zur Kieferknochenregeneration Willi Schulte bereits 1960 Eigenblutfüllungen einsetzte, so war es doch ein Erlebnis, Anitua mit seiner Fülle von Ideen persönlich hören zu dürfen.

Die Rahmenbedingungen am Potsdamer Luftschiffhafen neben dem zugefrorenen Templiner See waren bei strahlendem Sonnenschein ebenso ideal wie eine überdurchschnittlich gute Pausenversorgung. Interessenten fanden in dem 2017 eröffneten Palais Barberini Ausstellungen zu Max Beckmann und Monumentalbilder aus dem ehemaligen Berliner „Palast der Republik“. Auch die Industrie war mit den Besuchen ihrer Workshops zufrieden. Das Konzept hat sich bewährt, wenige, aber inhaltsreiche Vorträge zu einem fokussierten Rahmenthema anzubieten.

Dr. med. habil. Lutz Tischendorf, Halle

Foto: iStocks/Jokos78

 

 

 


(Stand: 04.07.2018)

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