Sichere Konzepte für eine individuelle Therapie

 

Implantate im parodontal geschädigten Gebiss: Die Prognose verbessern

 

Welche Prognose haben Implantate im parodontal kompromittierten Gebiss, und wie lässt sie sich verbessern? Diese Frage – einschließlich der prothetischen Aspekte – beleuchteten Prof. Dr. Jamal M. Stein und DGI-Fortbildungsreferent Dr. Christian Hammächer bei einem eintägigen DGI-Fortbildungskurs Anfang April in Aachen. Das Thema: Schnittstellen Implantologie, Parodontologie, Prothetik – Schwierigkeiten und Lösungen.

 

„Mit Blick auf die hohe Prävalenz der Parodontitis sowie auf das Phänomen der Periimplantitis ist es notwendig, sich mit Behandlungskonzepten zu beschäftigen, die vorhersehbar funktionieren“, formulierte Prof. Dr. Jamal M. Stein ein Anliegen dieses Kurses. 14 Teilnehmer, sieben Kollegen und sieben Kolleginnen mit unterschiedlichen Praxisschwerpunkten, konnten einen umfassenden Überblick aus Aachen mit zurück in ihre Praxen nehmen: Im Mittelpunkt standen Therapieansätze in der parodontal stark vorgeschädigten Front; es ging um die Risikoabschätzung einer Behandlung sowie um das Krisenmanagement bei Problemen im Hart- und Weichgewebe.

Im Fokus: die multidisziplinäre Betrachtung. Dr. Christian Hammächer legte den Fokus auf eine disziplinübergreifende Betrachtung aus Sicht der Parodontologie, Implantologie und Prothetik: Diese Sichtweise soll mehr Sicherheit vermitteln, wenn es darum geht, die individuelle Prognose der Zähne eines Patienten abzuschätzen.

„Unsichere“ Zähne versorgen. Entsprechend kommen für die Versorgung der als „unsicher“ beurteilten Zähne unterschiedliche Behandlungen infrage. Dr. Hammächer und Prof. Stein beschrieben in ihren Vorträgen sehr detailliert mögliche Ansätze: Neben nichtchirurgischen Methoden, die vor allem die mechanische Reinigung, Wurzelglättung und eine antiinfektiöse Therapie umfassen, präsentierten sie – gestützt auf Videosequenzen – auch chirurgische Techniken, mit denen die Situation des Weichgewebes an Zahn und Implantat verbessert werden kann.

Um Therapieentscheidungen bei einer unsicheren Prognose zu erleichtern, präsentierten die beiden Experten einen Leitfaden, der auch die endodontische Prognose, die strategische Wertigkeit von Zähnen für die gesamte Rehabilitation sowie ästhetische Aspekte berücksichtigt.

Gewebe konditionieren. Extraktionswürdige Zähne können temporär als provisorische Pfeiler, zur Gewebekonditionierung, beispielsweise zur forcierten Extrusion, oder zur präimplantologischen Rezes-

sionsdeckung erhalten werden. So lässt sich beispielsweise bei einer noch planbaren Extraktion das Weichgewebe mittels Tunneltechnik vor der Extraktion optimieren. Außerdem demonstrierten die beiden Referenten diverse Transplantattechniken zum Kammerhalt, gestützt auf zahlreiche Videosequenzen. Dabei betonten sie, dass individuelle Konzepte vor allem bei Versorgungen in der Oberkieferfront wichtig sind.

Vorausschauend planen. Gerade im parodontal geschädigten Gebiss erfordert die Behandlungsplanung eine langfristige Betrachtung. Dr. Hammächer und Prof. Stein wiesen darauf hin, dass es nicht einfach nur um das Überleben des Implantats geht: „Wir sehen bei den Patienten mit Implantaten die Probleme nicht nach ein bis zwei Jahren, sondern eher nach acht bis neun Jahren“, betonte Prof. Stein. „Auch eine Periimplantitis kann rezidivieren.“ Die Referenten empfahlen daher, bei der prothetischen Planung das individuelle parodontale Risikoprofil und die Patienten-anamnese zu berücksichtigen.

Vorhersagbare Ästhetik. Die Teilnehmer erhielten von Dr. Hammächer außerdem zahlreiche Ratschläge für die Entwicklung vorhersagbarer Therapiekonzepte in der ästhetischen Zone. Entscheidend sei die genaue Diagnose der Ausgangssituation: „Lachlinie, Defektmorphologie und Gingivatyp bestimmen den Therapieweg“, sagte Dr. Hammächer. Die konsequente Verbesserung von Hart- und Weichgewebe ist neben einer optimalen Implantatposition die entscheidende Voraussetzung für einen langfristigen Erfolg in diesem Indikationsgebiet und dient auch der Vermeidung von Rezessionen. Techniken zum Krisenmanagement, etwa zur Rezessionsdeckung und Periimplantitistherapie in der ästhetischen Zone, kamen hinzu. Die Referenten klassifizierten dabei die Defekte und verglichen sie mit der Therapie am Zahn.


Den Therapieerfolg sichern. Um den Therapieerfolg zu sichern, sind neben einer guten Compliance der Patientinnen und Patienten Konzepte zur Behandlung der Entzündungen vor und nach der Implantation entscheidend wichtig. Prof. Stein wies darauf hin, dass das Wissen über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Parodontitis und Periimplantitis in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen ist: „Wir wissen heute, dass es sich nicht um dieselbe Erkrankung handelt, auch wenn es klinisch zwischen den beiden Erkrankungen viele Ähnlichkeiten gibt und sich die Therapieansätze kaum unterscheiden.“ So entwickeln sich periimplantäre Läsionen beispielsweise deutlich schneller als parodontale.

Zur Behandlung stehen mit der mechanischen Dekontamination (z.B. mittels Pulverwasserstrahlgeräten), der Desinfektion, einer lokalen und/oder systemischen Antibiose sowie mit korrektiver Chirurgie Methoden zur Verfügung, die je nach Fortschritt der Periimplantitis angewendet werden. Bei den chirurgischen Verfahren kommen regenerative und resektive Konzepte zum Einsatz, die von den Referenten mittels Fallbeispielen erläutert wurden.

Individuelle Faktoren bei Patienten beachten. Zusätzlich müssten aber, so die beiden Referenten, patientenindividuelle Faktoren ausreichend berücksichtigt werden: Welche Wünsche hat ein Patient? Wie ist sein Erwartungshorizont die Behandlungszeit betreffend? Raucht der Patient? Liegen andere Erkrankungen vor? Vor allem bei umfangreichen Rehabilitationen sind die Anforderungen komplexer als bei Einzelzahnversorgungen. Und, darauf wiesen die Referenten eindringlich hin: Es gibt nicht den einen Königsweg, der für alle Patienten passt.

Die Individualität der Patientensituationen bewegte viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kurses. Etliche nutzten darum in den Pausen und auch nach der Veranstaltung die Gelegenheit, mit den Referenten an Tablets ausgewählte Patientenfälle zu diskutieren, die sie mit zur Veranstaltung nach Aachen gebracht hatten. Der interdisziplinäre Gedanke, der Blick aus verschiedenen Perspektiven – diese Kernthemen der Fortbildung nahmen im Austausch direkt vor Ort Gestalt an.

Britt Salewski, Köln

Foto: Salewski

Foto: Sascha Gast/Bilderrausch

Foto: Sascha Gast/Bilderrausch

 

 

 


(Stand: 03.06.2019)

Die beiden Ausgaben der Kongresszeitung SPECTATOR CONGRESS zur DGI-Jahrestagung 2019 bietet einen umfassenden Ausblick auf das Implantologie-Event in Hamburg.

1. Ausgabe (September 2019)
2. Ausgabe (November 2019)

Aktuelle Ausgabe 1/2020

Im Fokus

  • Periimplantäres Weichgewebe
  • Implantate bei Behandlung mit Knochenantiresorptiva
  • Forcierte Extrusion bei Längsfraktur

FORTBILDUNGSANGEBOTE DGI

Die DGI bietet ein umfassendes und überregionales Fortbildungsangebot an. 

WERDEN SIE AUTOR

Sie haben ein spannendes Thema aus dem Bereich der Implantologie und würden gerne einen Artikel dazu in der ZZI veröffentlichen? Dann nutzen Sie unseren Editorial Manager und reichen Sie ihr Manuskript direkt bei uns ein.

Manuskript einreichen