Wissenschaft und Praxis auf Augenhöhe

 

25 Jahre DGI: Dr. Sebastian Schmidinger im Gespräch

 

Die DGI wurde am 19. März 1994 in Mainz gegründet. Sie ist die Fusion zweier implantologischer Gesellschaften. Die AGI war universitär und wissenschaftlich orientiert, die GOI praktiker- und praxisorientiert. Wissenschaft und Praxis in der Implantologie sollten in einer Gesellschaft vereint werden, um das Fach weiterzuentwickeln.

Was war das Wichtigste bei der Fusion der beiden Fachgesellschaften?

Das Wichtigste war die Augenhöhe. Es ist damals gelungen, die Vorurteile auf beiden Seiten, bei den Praktikern und Wissenschaftlern, zu überwinden und eine Fachgesellschaft zu schaffen, in der beide Gruppierungen auf Augenhöhe kooperieren. Diesen Durchbruch haben die beiden Gründerväter, Professor Hubertus Spiekermann und Dr. Harald Duelund, und ihre Mitstreiter geschafft. Dieses Prinzip der Augenhöhe ist auch in der Satzung verankert: Der Vorstand ist paritätisch mit Praktikern und Wissenschaftlern besetzt, und die Präsidentschaft wechselt bei jeder Wahl zwischen den Gruppen. Das war damals ideal und trägt bis heute. Wir sind in einer Gesellschaft, in der es tolerant zugeht, in der die Expertise von Praktikern und Wissenschaftlern gleichermaßen wertgeschätzt wird.

Wie haben Sie diese Wertschätzung in den Anfängen erlebt?

Als erster Fortbildungsreferent der Gesellschaft habe ich eine Liste erstellt, welche Anforderungen ein Lehrer in der Implantologie erfüllen sollte. Meiner Vorstellung nach sollte ein Lehrer 5000 Implantate gesetzt haben und zehn Jahre in der Implantologie tätig sein. Da mussten wir feststellen, dass kein Kollege an einer Hochschule so viele Implantate inseriert hatte. Wir haben darum die Anforderung auf 1000 Implantate reduziert. Damit war klar: Wir sind auf Augenhöhe, und jede Gruppierung kann ihr Bestes einbringen. Viele Kollegen aus der Praxis hatten mehr Erfahrung in der Implantologie, und die Kollegen an den Universitäten konnten Doktor- und Habilitationsarbeiten in unserem Fachgebiet vergeben, um so die wichtige wissenschaftliche Grundierung der Implantologie zu schaffen. Denn bis auf Per-Ingvar Brånemark hat damals niemand geforscht. Dann hat vor allem Professor Peter Tetsch an der Universität Mainz die Implantologie wissenschaftlich ins Visier genommen. Es erschienen endlich Arbeiten, die Antworten hatten auf Fragen von uns Praktikern. Die Vorurteile haben sich so in den beiden Gruppierungen aufgelöst. Es war klar: Wir können miteinander und wir müssen miteinander.

Sie waren der erste Fortbildungsreferent und der dritte Präsident der DGI. Welches Amt war schöner?

Die Fortbildung, das war mein Ding und mein Baby. Wenn ich mir etwas ans Revers heften könnte, dann unsere frühen Aktivitäten in der Fortbildung, die Qualitätszirkel, die Helferinnenausbildung, die ersten Kompaktkurse an sechs Wochenenden – das war die Vorlage für das spätere Curriculum, das Günter Dhom dann so hervorragend weiterentwickelt hat. Die Präsidentschaft war demgegenüber durchaus ambivalent. Da spürte man die Unterschiede zwischen den Hochschullehrern und dem Praktiker. Ich habe jedoch stets mit den Kollegen direkt und geradeaus geredet. Ich wollte keine Personalquerelen und Profilneurotiker im Vorstand – und das haben wir auch geschafft. Schön an der Präsidentschaft war, dass ich viel herumgekommen bin und viele Dinge in der Fortbildung unterstützen konnte. Ehrlich gesagt, ich bin ein verkappter Fortbildungsreferent bis heute.

Sie unterrichten noch immer im Curriculum. Was hat sich geändert?

Ich sehe hier durchaus Veränderungen. Ein Einser-Abitur allein reicht nicht für die Zahnmedizin. Nötig ist vor allem das manuelle Geschick. Wir brauchen eine dreidimensionale Auffassungsgabe, die Feinmotorik ist ebenfalls wichtig. Es genügt nicht, wenn man theoretisches Wissen schnell lernt, aber feinmotorisch untrainiert ist. Ich halte darum viel vom Üben, wir brauchen in der Implantologie die Ausbildung am Tier- und Humanpräparat. Wenn wir unseren Anatomiekurs am Humanpräparat in Regensburg veranstalten, höre ich immer wieder von Kolleginnen und Kollegen, dass sie diese komplexen Strukturen jetzt verstehen. Dies ist wichtig. Darum sehe ich auch die ganze navigierte Implantologie kritisch, da die Ergebnisse nicht besser sind als bei einem gut ausgebildeten Implantologen. Dies gilt auch für den digitalen Workflow; die wichtigsten Sachen im Leben sind immer noch analog.

Die DGI war und ist ja nicht die einzige Gesellschaft auf dem Gebiet der Implantologie in Deutschland. Was, glauben Sie, hat sie erfolgreich gemacht?

Menschen haben einen guten Riecher, ob etwas stimmt oder nicht. Sie merken schnell, wie groß der Nutzen ist oder wie gering. Die Kolleginnen und Kollegen merken auch, wenn jemand eine Gesellschaft gründet, weil er sein Implantatsystem

pushen will, oder wenn der Personenkult dominiert. Wir haben in der DGI die kommerzielle von der persönlichen Seite immer sehr gut getrennt. Die Unabhängigkeit von Firmen war wichtig. Es ging nicht um einzelne Implantatsysteme, es ging um Implantologie und um sonst nichts.

Vor welchen Herausforderungen steht die DGI heute?

In den Anfängen mit 1500 Mitgliedern kannte jeder jeden, das hat sich geändert. Darum sind die regionalen Einheiten wie Qualitätszirkel und Landesverbände wichtig. Dort wird der persönliche Kontakt gepflegt. Die Grundaussagen in unserem Gebiet ändern sich wenig. Wenn umwälzende Dinge geschehen, dann braucht man einen Menschen, der etwas ausprobiert hat, der etwas kennt und das auch kann. Ich wünsche mir auch, dass die Lehrer im Curriculum und im Masterkurs sich untereinander enger abstimmen, um die Lehre zu optimieren. Und es gibt noch

eine Herausforderung: Wir brauchen mehr vergleichende Untersuchungen, bei denen Produkte und Systeme miteinander verglichen werden. Was hilft mir eine Arbeit, bei der ein Produkt an 20 Patienten eingesetzt wird – und danach wird diesem eine gute Wirksamkeit bescheinigt, es bleibt aber die Frage, ob es besser oder schlechter ist als vergleichbare Produkte. Da könnte die DGI viel bewegen, wenn wir alle besser dokumentieren würden. Dies müsste eine Gesellschaft von der Größe der DGI eigentlich schaffen. Das wäre eine wichtige Aufgabe für die nächsten

25 Jahre.

Das Gespräch führte Barbara Ritzert, Pöcking

Foto: Knipping

 

 

 


(Stand: 03.06.2019)

Die beiden Ausgaben der Kongresszeitung SPECTATOR CONGRESS zur DGI-Jahrestagung 2019 bietet einen umfassenden Ausblick auf das Implantologie-Event in Hamburg.

1. Ausgabe (September 2019)
2. Ausgabe (November 2019)

Aktuelle Ausgabe 1/2020

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  • Periimplantäres Weichgewebe
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