Der (Zahn)Arzt als Droge

Eine positive Kommunikation gehört zur guten Therapie

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Dass der Behandlungserfolg in der Implantologie vor allem von den chirurgischen Fähigkeiten des Behandlers abhängt ist unumstritten. Dass die Wirkung des Behandlers auf den Patienten hingegen nur zum Teil von diesen Fähigkeiten abhängt wird im Eifer des Gefechts oft übersehen.

Viele Studien zeigen jedoch, dass die Kommunikation des Arztes ein weiteres zentrales Element für den Behandlungserfolg darstellt. Insbesondere in der Placeboforschung wurden und werden diese Effekte und ihre biochemischen Grundlagen [1, 2] schon seit vielen Jahren intensiv untersucht.

Früher wurde nur die Wirkung eines Scheinmedikamentes als Placebowirkung angesehen. Heute wird im weiteren Sinne jeder unspezifische positive Behandlungseffekt als Placebowirkung und jeder unspezifisch negativ wirkende Effekt als Noceboeffekt aufgefasst, der negative Auswirkungen haben kann [3].

Die eigene Placebowirkung nutzen. Zahnärztinnen und Zahnärzte können die Erkenntnisse der Forschung dazu nutzen, ihre eigene positive Placebowirkung auf den Patienten zu verstärken und negative Wirkungen der Kommunikation (Nocebowirkung) zu minimieren.

In der Medizin wurde lange von der Annahme ausgegangen, dass Angst und Schmerzen beim Patienten dadurch gesenkt werden können, dass ihm unangenehme Prozeduren und schmerzhafte Manipulationen vorab realistisch angekündigt und dann die Schmerzäußerung des Patienten empathisch begleitet werden. Studien zeigen jedoch, dass das Gegenteil der Fall ist. Sowohl bei radiologischen Punktionen als auch bei Periduralanästhesien verstärken sich Angst und Schmerz bei Patienten, wenn in den Ankündigungen suggerierende Begriffe wie „stechen“, „brennen“, „wehtun“, „schlimm“, „Schmerz“ etc. verwendet wurden [4, 5].

Aufklärung entscheidend wichtig. Da gemäß dem Patientenrechtegesetz vor jeder Behandlung eine umfassende Aufklärung von Patientinnen und Patienten zu erfolgen hat, wird vor nahezu jedem Eingriff auch über dessen potenziell negative Folgen gesprochen. Das erzeugt beim Patienten Angst und eine vage Erwartung, dass diese Nebenwirkungen wirklich auftreten werden.

Falsch: das Risiko am Ende. Meist sind diese Gespräche so aufgebaut, dass zuerst über den Behandlungsablauf aufgeklärt wird und anschließend oder währenddessen die potenziellen Risiken und Komplikationen erwähnt werden. Das bedeutet, die Aufmerksamkeit des Patienten wird, nachdem er dem Eingriff zugestimmt hat, auf die negativen Folgen gelenkt. Mit diesen Gedanken im Kopf verlässt der Patient dann die Praxis.

Die Aufklärung muss in die richtige Richtung laufen. Dabei ist es möglich, sowohl in positiver als auch in negativer Richtung aufzuklären, ohne den Wahrheitsgehalt zu verändern. Werden beispielsweise Tumorpatienten über eine 35-prozentige 5-Jahres-Sterblichkeitsrate aufgeklärt, führt das zu deutlich weniger Behandlungszustimmung, als wenn sie über eine 65-prozentige 5-Jahres-Überlebensrate aufgeklärt werden. Wenn möglich, bietet sich also eine Aufklärung mit Betonung einer positiven Erfolgsrate der Behandlung an.

Thema „Nachblutung“ positiv kommuniziert. Und so kann man das Thema „Nachblutungen“ mit positiver Ausrichtung ansprechen: „Ganz selten kann es zu Nachblutungen kommen, aber bei 950 von 1000 Patienten heilt das alles einfach und schnell ab.“

Oder: „Natürlich kann es manchmal vorkommen, dass nach einem solchen Eingriff Nachblutungen auftreten. Aber in den allermeisten Fällen schließt sich die Wunde wirklich schnell und die Patienten wundern sich wie gut die Heilung verläuft.“ Wenn Sie die Wirkung dieses Musters noch verstärken wollen, betonen Sie die zweite Hälfte des Satzes deutlicher.

Negative Suggestion vermeiden. Oft werden negative Suggestionen gegeben, ohne dass diese bewusst negativ gemeint sind. Eine derartige „Nocebo-Kommunikation“ kann einfach durch geeignetere Formulierung ersetzt werden (siehe Tabelle Seite 140).

Gerade bei umfangreichen medizinischen Aufklärungen behalten Patienten die letzten Punkte, die im Gespräch erwähnt wurden, besonders gut im Gedächtnis. Deswegen ist es sinnvoll, am Ende einer Aufklärung über Komplikationen und Nebenwirkungen auf jeden Fall noch einmal den Nutzen des gesamten Eingriffes und den erwarteten Gewinn für den Patienten darzustellen. Mit diesen Gedanken im Kopf sollte der Patient dann die Praxis verlassen [6].

Durch positive Formulierungen im Gespräch können Patienten deutlich entspannter und zufriedener behandelt werden. Dadurch sinken ihre Ängste und die Schmerzschwelle steigt. Beides vereinfacht für den Implantologen die Behandlung.

Nichts als die Wahrheit. Die zentrale Voraussetzung für die Wirkung von Informationen besteht – neben der geschickten Wortwahl – jedoch immer in einer guten, vertrauensvollen Arzt-Patientenbeziehung. Eine geschickte Formulierung darf niemals der Wahrheit widersprechen. Patienten brauchen die uneingeschränkte Sicherheit, dass das was sein Arzt ihm sagt wahr ist und er sich auf dessen Wort verlassen kann.

Die Botschaften auf den Punkt gebracht:

  • Placebo-Kommunikation systematisch einsetzen (und auch mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern trainieren)!
  • Wenn immer möglich nach kurzer Nennung einer potenziellen Komplikation über die positiven Heilungsraten aufklären.
  • Nach jeder einzelnen erwähnten Komplikation noch einmal auf die normale physiologische Heilung eingehen.
  • Zum Abschluss der gesamten Aufklärung über Komplikationen und Nebenwirkungen noch einmal den zu erwartenden Nutzen des Eingriffs und den positiven Endzustand am Ende der Behandlung darstellen.

Beispiele für „Nocebo-Kommunikation“

Alternative Vorschläge für positive Patientenkommunikation – „Placebo-Kommunikation“

Auslösen von Verunsicherung:

Wir probieren jetzt mal.

Vielleicht hilft ....

Versuchen Sie mal ...

Sicherheit geben:

Als ersten Schritt machen wir jetzt ...

Ich gebe Ihnen jetzt ... und dann beschreiben Sie mir, wie stark das bei Ihnen gewirkt hat.

Bitte machen Sie .../nehmen Sie ... (mit exakten Handlungsanweisungen)

Doppeldeutige Begriffe:

Wir machen Sie jetzt fertig.

Wir schläfern Sie gleich ein.

Eindeutig und positiv formulieren:

Wir sorgen jetzt dafür, dass Sie bequem liegen und wir gut arbeiten können.

Ich gebe Ihnen jetzt ein Medikament, damit Sie gleich ganz entspannt schlafen und dann nachher genauso entspannt aufwachen können.

Negative Suggestionen:

Sie sind ja eine Risikopatient.

Das ist schon ein richtig schmerzhafter Eingriff/ das tut schon mal höllisch weh.

Alternativen:

Die meisten negativen Suggestionen können ersatzlos gestrichen werden. Auf Nachfragen des Patienten können positivere Formulierungen benutzt werden. Dabei sind die Bedenken des Patienten immer ernst zu nehmen!

... ja, das wissen wir, deswegen haben wir Ihnen ja auch ... gegeben, damit wir Sie so sicher wie möglich behandeln können.

... ja, das kann schon unangenehm sein, deswegen geben wir Ihnen ..., damit kommen die allermeisten Patienten wirklich gut zurecht.

Negativer Fokus der Aufmerksamkeit:

Gleich gebe ich Ihnen die Spritze, das piekt jetzt mal.

Tut das noch weh?

Anderer Aufmerksamkeitsfokus:

Ich trage jetzt schon einmal etwas Betäubungssalbe auf und dann können Sie mir helfen: Atmen Sie tief ein und ziehen Sie Ihre Zehen in Richtung Nase. Und jetzt ausatmen!“ (Im Ausatmen injizieren)

Wie kühl und pelzig fühlt sich diese Stelle denn schon an? ... ah, sehr gut!

Unwirksame Verneinungen und Verkleinerungen:

Sie brauchen keine Angst zu haben.

Das tut nicht weh.

Anderer Aufmerksamkeitsfokus:

Sie können sich jetzt anlehnen und es sich auf dem Sessel/Stuhl erst mal bequem machen.

Schmerzen werden sinnvollerweise gar nicht erst erwähnt, wenn sie sowieso nicht auftreten.

Tabelle 1 Beispiele für „Nocebo-Kommunikation“ und wie man diese durch eine positive Patientenkommunikation („Placebo-Kommunikation“) ersetzen kann (modifiziert nach [1])

Dr. med. dent. Anke Handrock ist Biologin und Zahnärztin. Seit über 20 Jahren ist sie auf strategisch-systemisches Coaching von entwicklungsorientierten Zahnarztpraxen spezialisiert. Als Lehrtrainerin für unterschiedliche Verfahren bietet sie Weiterbildungen in professioneller Praxiskommunikation, Patientenberatung, Positiver Psychologie & Resilienzförderung und wirksamer Mitarbeiterführung für verschie­dene Institute, Praxen, Kammern und in ihrem eigenen Insti­tut in Berlin an. Mehr Informationen gibt es unter www.handrock.de

Literatur:

1. Benedetti F, Amanzio M, Vighetti S, Asteggiano G: The biochemical and neuroendocrine bases of the hyperalgesic nocebo effect. J Neurosci 2006; 26: 12014–12022

2. Scott DJ, Stohler CS, Egnatuk CM, Wang H, Koeppe RA, Zubieta JK: Placebo and nocebo effects are defined by opposite opioid and dopa- minergic responses. Arch Gen Psychiatry 2008; 65: 220–231

3. Häuser W, Hansen E, Enck P: Nocebophänomene in der Medizin. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(26): 459–465

4. Lang EV, Benotsch EG, Fick LJ et al.: Adjunctive non-pharmacological analgesia for invasive medical procedures: a randomised trial. Lancet 2000; 355: 1486–1490

5. Varelmann D, Pancaro C, Cappiello EC, Camann WR: Nocebo-induced hyperalgesia during local anesthetic injection. Anesth Analg 2010; 110: 868–870

6. Handrock A: Die erfolgreiche zahnärztliche Beratung. Berlin: Quintessenz, 2006


(Stand: 08.06.2020)

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