Oxford Handbook of Complementary Medicine

Edzard Ernst, Max H. Pittler, Barbara Wider, Kate Boddy, Oxford University Press, Oxford 2008, ISBN-13978-0-19-920677-3, xxiii und 424 Seiten, 39,99 €

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Edzard Ernst, Max H. Pittler, Barbara Wider, Kate Boddy, Oxford University Press, Oxford 2008, ISBN-13978-0-19-920677-3, xxiii und 424 Seiten, 39,99 €

Es ist schon erstaunlich: Obwohl berechtigte Zweifel an der Nützlichkeit und Wirksamkeit vieler „komplementärer“ Diagnostik- und Therapiemethoden existieren – auch in dieser Zeitschrift setzten sich renommierte Autoren mit dieser Thematik auseinander –, ist es unbestreitbar, dass die Komplementärmedizin (deren Inhalt länderabhängig verschieden definiert wird) sich bei vielen Patienten anhaltender Beliebtheit erfreut (Gründe finden sich auf den Seiten 12 und 13 des hier besprochenen Buchs). Erst kürzlich berichtete das Institut für Demoskopie Allensbach, dass im Jahre 2009 57 % aller Westdeutschen selbst schon homöopathische Arzneimittel genommen haben; 1970 waren es nur 24 % (allensbacher berichte 2009/Nr. 14; www.ifd-allensbach.de → News → Homöopathische Arzneimittel in Deutschland).

Aber: Das Thema Komplementärmedizin spaltet. Streiten ihre Verfechter die Möglichkeit ab, eine vorhandene Wirksamkeit mit Hilfe wissenschaftlich anerkannter Prinzipien überprüfen zu können, so neigen die Gegner oftmals dazu, in einer Art „Festungsdenken“ alles kleinzureden, was außerhalb der konventionellen Medizin steht (Argumente beider Lager und passende Antworten darauf finden sich auf den Seiten 6–8 und 28–29).

Angesichts dieser für einen Informationssuchenden unbefriedigenden Situation ist es erfreulich, dass mit dem „Oxforder Handbuch der Komplementärmedizin“ eine aus berufener Quelle stammende seriöse Bewertung der gängigen Diagnostiken und Heilmethoden zur Verfügung steht. Das Buch besteht aus sieben Kapiteln unterschiedlicher Länge. Den Kern bilden die drei Kapitel „Diagnostic methods“, „Complementary therapies“ und „Complementary medicines“, in denen Edzard Ernst und seine Mitarbeiter 10 diagnostischen und 32 therapeutischen Verfahren sowie 78 Einzelsubstanzen – von der Afrikanischen Pflaume bis zur Yohimbe-Rinde – auf den Zahn fühlen. Dabei folgen sie durchweg den Grundsätzen einer nachweisgestützten Medizin.

Das Ergebnis ihrer Analyse stellt sich wie folgt dar:

Alle 10 Diagnostikmethoden – Bioresonanz, chiropraktische Techniken, Irisdiagnostik, Kinesiologie, Kirlianfotografie, chinesische Pulsdiagnostik, Radionik (Pendeln etc.), Fußreflexzonendiagnostik, chinesische Zungendiagnostik, Vega-Test – fallen durch: Entweder messen sie nicht das, was sie zu messen vorgeben (d.h., sie sind nicht valide), oder sie sind bislang nicht auf ihre diagnostische Validität geprüft worden.

Die Reaktion der Anwender solcher Verfahren auf diesen Befund ist absehbar: Sie werden höchstwahrscheinlich keine Konsequenzen ziehen, obwohl bei Verwendung dieser Diagnostikmethoden Patienten aufgrund eines falsch-positiven Resultats (d.h., der Patient ist in Wirklichkeit gesund) medizinisch unnötigen, möglicherweise risiko- und nebenwirkungsbehafteten und nicht selten kostspieligen Behandlungen ausgesetzt werden – oder im Fall eines falsch-negativen Ergebnisses die Einleitung notwendiger Therapien unterbleibt. Damit öffnet sich die Türe zu einem rechtlich und ethisch-moralisch gefährlichen Terrain, dessen Boden nicht selten mit dem Gegenteil der Formel „Ethik statt Monetik“ (Zahnärztl Mitt 2008;98:422) ausgekleidet ist – übrigens ein interessantes Thema für den Ende März 2010 gegründeten DGZMK-Arbeitskreis Ethik. Ernst et al. stellen jedenfalls klar: Patienten sollen komplementärmedizinische Behandlung (und zwar solche, für deren Wirksamkeit es Belege gibt) erst erhalten, nachdem eine konventionelle Diagnostik betrieben wurde.

In günstigerem Licht steht ein Teil der 110 komplementärtherapeutischen Verfahren und Einzelsubstanzen, deren Nutzen und Risiken jeweils dargestellt werden. Für die Nutzenbewertung versehen Ernst und Mitarbeiter jede therapiespezifische Indikation mit einer von fünf Bewertungen: „nützlich“, „wahrscheinlich nützlich“, „unbekannte Wirksamkeit“, „wahrscheinlich nicht nützlich“, „unwirksam oder schädlich“. In die Gruppe der nützlichen Verfahren fallen – bei (im Handbuch nachzuschauenden) definierten Gesundheitsstörungen bzw. Krankheiten – folgende Verfahren: Akupunktur, Aromatherapie, Biofeedback, Hypnotherapie, Massage, Musiktherapie, Entspannungstherapie.

Als grundsätzlich unwirksam oder schädlich wurden Applied Kinesiology, Bachblütentherapie und Chelattherapie gewertet. Bei anderen Therapiemethoden gilt diese Bewertung nur für ausgewählte Indikationen, im Falle der Akupunktur beispielsweise für die Raucherentwöhnung und die Behandlung gegen Drogenabhängigkeit.

Überraschend viele der 78 Einzelsubstanzen erhielten das Prädikat „nützlich“ oder „wahrscheinlich nützlich“. Dabei schneiden in deutschen Landen beliebte Mittel, wie Arnika, Eukalyptus, Haifischknorpel, Mistel und sibirischer (!) Ginseng, leider nicht so gut ab, wie so manche erhofft haben mögen.

Im Klinikbetrieb als besonders wertvoll erweist sich das Kapitel „Conditions“, weil darin auf knapp 150 Seiten klare komplementärtherapeutische Empfehlungen (und Nicht-Empfehlungen) für 62 Diagnosen aus 15 medizinischen Bereichen ausgesprochen werden. Wie bereits in den Kapiteln zuvor werden auch dort Literaturhinweise für die weitergehende Lektüre gegeben. „Well done!“, kann der Rezensent da nur sagen … und darf abschließend noch einige Ernstsche Artikel in deutscher Sprache empfehlen, die sich zum Einstieg in das Themengebiet eignen.

Fazit: Dieses in jede Kitteltasche passende Handbuch erlaubt eine rasche und kompetente Abschätzung bei komplementärtherapeutischen Fragen. Es ist für Ärzte und Patienten gleichermaßen geeignet – für letztere auch als wirkungsvoller Selbstschutz gegenüber Therapeuten, „die“, wie Michael Noack (Köln) neulich in einem Leitartikel (Quintessenz 2009;60:127) formulierte, „irgendwelche obskuren Heilmethoden bar jeder nachweisbaren wissenschaftlichen Absicherung verkaufen möchten“. Darauf erst einmal ein Glas Grüntee! (Urteil: „nützlich“ zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen und Tumoren.)

Jens C. Türp, Basel

(Dtsch Zahnärztl Z 2010; 65:234)


(Stand: 23.03.2011)

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