„Zahnlosigkeit? – Wir haben die Lösung!“

PDF

Unter dem Motto „Zahnlos? – nicht planlos!“ traf sich die mitteldeutsche „DGI-Gemeinde“ in Gera zu ihrer Jahrestagung. Wieder waren es fast 300 Teilnehmer, die der Tagung einen bemerkenswerten Rahmen bescherten. Dem Vorstand ist es wiederholt gelungen, ein vielseitiges und praxisorientiertes Programm mit hochkarätigen Referenten aus Praxis und Wissenschaft auf die Beine zu stellen. Herrn Dr. Rolf Koschorrek, ehemaliger Zahnarzt, jetzt Mitglied des Bundestags (MdB), war es vorbehalten, die Tagung mit einem Festvortrag zur Gestaltung der Gesundheitspolitik in Deutschland zu eröffnen. Dass viele strukturelle Verbesserungsvorhaben im Gesundheitswesen an der Uneinigkeit der politischen Parteien, selbst in der regierenden Koalition, scheitern, war nur ein ernüchterndes Fazit der Eröffnungsrede. Am ersten Konferenztag begrüßte der Präsident des MVZI im DGI e. V., Dr. Thomas Barth (Leipzig), die Teilnehmer auf das herzlichste. Bevor das wissenschaftliche Programm beginnen konnte, nutzte OB Dr. Norbert Vornehm die Gelegenheit, die Teilnehmer in der Otto-Dix-Stadt Gera zu begrüßen und über die vielfältigen Bemühungen der Kommune zu berichten, Gera zu einer lebenswerten und dienstleistungsorientierten Stadt zu entwickeln.

Epidemiologie zur
Totalprothetik von Senioren

Tagungspräsident Prof. Dr. em. Edwin Lenz (Kiliansroda) eröffnete den Vortragsreigen mit epidemiologischen Daten zum Zahnverlust im höheren Lebensalter. Implantatgetragener Zahnersatz macht gegenwärtig nur 0,1 % prothetischer Versorgungen aus. Lediglich zwei von 1000 alten Patienten tragen Implantatprothetik. Allein diese Zahlen verdeutlichen das ungeheure Potenzial unseres Tuns. Der Referent rief die Zahnärzteschaft eindringlich auf, die Implantologie stärker denn je als integralen Bestandteil einer befundorientierten Prothetik konsequent weiterzuentwickeln. Dr. Stefan Wentaschek (Mainz) vertrat kurzfristig Prof. Dr. Nikolaus Behneke mit einem Abriss über aktuelle Behandlungsstrategien bei zahnlosem Kiefer. Nach exakter Befunderhebung sollten ganz besonders die individuell subjektiven und objektiven Voraussetzungen der Patienten bei der Therapieauswahl Berücksichtigung finden. Unter dem Motto „Teamwork in der Totalprothetik“ stellten Dr. Volker Ulrici und ZTM Walter Böthel (Leipzig) die Systematik einer systemorientierten Totalprothetik vor, mit der einerseits eine konservative Totalprothetik optimierbar ist, andererseits für die Ankopplung auf Implantaten optimierte Voraussetzungen geschaffen werden können und mit der beide im Team sehr erfolgreich sind. Laut Prof. Dr. Dr. Ingrid Grunert (Innsbruck) werden in Deutschland 1 Mio. Totalprothesen und 60 Tonnen Prothesenhaftvermittler pro Jahr produziert. Der Hinweis, dass neben der weiten Verbreitung von generationsübergreifender Übergewichtigkeit auch Mangelernährung von betagten Senioren infolge schlecht funktionierender Prothesen in unseren Breitengraden ein Thema ist, hat bestimmt nicht nur den Autor dieses Kongressberichts nachdenklich gestimmt. Wir sind aufgerufen, uns mit den sehr vielschichtigen Aspekten der Gerostomatologie zu befassen, um unsere älteren, alten und sehr alten Patienten individuell abgestimmt und geeignet versorgen zu können. Die Entwicklung der präprothetischen Chirurgie zur Implantatchirurgie aktueller Prägung stellte Dr. Lutz Tischendorf (Halle/S.) sehr übersichtlich und anschaulich dar. Es wurde deutlich, dass die Versorgung des zahnlosen Kiefers trotz aller konservativ-prothetischen Möglichkeiten hinsichtlich Komfort und Sicherheit verbesserungsbedürftig war und ist. Dr. Edgar Hirsch (Leipzig) setzte sich mit Vor- und Nachteilen der 3D-Diagnostik auseinander. Er verwies auf den klaren Vorteil durch ein Mehr an Information im Zusammenhang mit dem Schutz schonungspflichtiger Strukturen (z. B. Sinus maxillaris, N. mandibularis usw.) auch ein Mehr an chirurgischer Sicherheit zu erlangen. Prof. Dr. Andreas Schlegel (Erlangen) unterzog die verschiedenen Augmentationsverfahren im zahnlosen Kiefer einer kritischen Bewertung und äußerte sich zu deren Indikation. Bei allen augmentativen Therapiemöglichkeiten rief er dazu auf, in ausgewählten Indikationen auch die Option kurzer Implantate („shorties“) zu prüfen. Implantologische Erfolgsraten im augmentierten Kiefer stellte Prof. Dr. Germán Gómez-Román (Tübingen) zur Diskussion. Demnach zeigten Implantate im augmentierten Sinus maxillaris und im ortsständigen Knochen nach Bone-Spreading sehr gute Erfolgsraten. Der Langzeiterfolg nach Blockaugmentation wird kritischer bewertet. Auch in diesem Referat wurde auf die Möglichkeit der kurzen Implantate verwiesen. Doz. Michael Fröhlich und Dr. Falk Nagel (Dresden) stellten als Novum verschiedene Therapiekonzepte im zahnlosen OK und UK interaktiv zur Diskussion. Auf diesem Wege hatten die Zuhörer die Möglichkeit, klinische Herangehensweisen zu bewerten und gleichzeitig Trends des Auditoriums mit publizierten Empfehlungen zu vergleichen. Tolle Idee, die künftig häufiger genutzt werden sollte! Mit dem Wunsch vieler Patienten, die Invasivität implantatchirurgischer Eingriffe möglichst gering zu halten, befassten sich Dr. Robert Böttcher (Ohrdruf), der ein anspruchsvolles Behandlungskonzept für den zahnlosen Unterkiefer mit anguliert gesetzten Implantaten zur Schonung der Nn. mentalia vorstellte, sowie Dr. Roland Streckbein (Limburg) und Dres. Andreas Hentschel und Jan Herrmann (Zwickau), die die Einsatzmöglichkeiten von sehr schmalen Implantaten anhand ausgewählter Fabrikate diskutierten. Den ersten Sitzungstag beendete Dr. Joachim Eifert (Halle/S.) mit einer umfangreichen Darstellung zur Vielfalt implantatprothetischer Komplikationsmöglichkeiten.

Nach erstem Kongresstag und MVZI-Mitgliederversammlung kamen die Teilnehmer im wunderschönen Theater von Gera zusammen. Dass Zahnärzte auch feiern können, zeigten sie beim „Opernball“ mit Musical-Highlights, der eröffnet wurde von Komödiant Josef Ertl. Mit sprachlicher Brillanz trug er nicht immer ernst zu nehmende Höhepunkte unseres Berufslebens vor.

Behandlungskonzepte
und Leitlinien

Prof. Dr. Ina Nitzschke (Zürich, Leipzig) eröffnete den zweiten Konferenztag mit nachdrücklichen Ausführungen zu den Besonderheiten im Umgang mit betagten Patienten. Sie verwies darauf, dass einfühlsame Kommunikation und ein angemessenes Aufwand-Nutzen-Verhältnis unverzichtbar für den Behandlungserfolg sind. Dr. Arne Boekler (Halle) referierte über Attachments für mobilen, implantatgetragenen Zahnersatz. Er betonte, dass Wiederherstellungs- und Wandelfähigkeit in diesem Zusammenhang als wichtige Auswahlkriterien herangezogen werden sollten. Mit informativen Ausführungen und perfekten Darstellungen zum Galvanoforming auf verschiedensten implantatgetragenen Sekundär- und Mesostrukturen beeindruckte ZTM Matthias Gürtler (Arnsdorf) das Auditorium, bevor Dr. Rolf Rössler (Ludwigshafen) zur Diagnostik des Parodontitis- bzw. Periimplantitisrisikos wichtige und praxisrelevante Fakten vorstellte. Dr. Karl-Ludwig Ackermann (Filderstadt) folgte mit seiner individuell geprägten Darstellung der ca. 30-jährigen Geschichte der Implantologie/Implantatprothetik bis hin zu den heute aktuellen sicheren perio-implantat-prothetischen Behandlungskonzepten. Unter dem Motto „Sehen macht einsichtig“ beschrieb er sehr anschaulich den Konzeptwandel bis in die Gegenwart. Die Vision, dass „Zahnersatz ohne Implantate eigentlich nicht mehr denkbar sei“, möge Referenten und Zuhörer in ihrem wissenschaftlichen und praktischen Tun täglich vorantreiben. Im Rahmen der Langzeitbewertung implantatgetragenen Zahnersatzes berichtete Dr. Helmut Steveling (Gernsbach), dass die Mehrzahl der Patienten tendenziell mobile Lösungen auf Implantaten bevorzuge, obwohl die biologischen Vorteile eher bei der festsitzenden Versorgung liegen (z. B. Knochenapposition im atrophierten Kiefer). Sein Statement zur Implantatlänge „the shorter – the better“ folgt seiner individuellen Erfahrung und aktuellen Trends zur Vermeidung von Zweitmorbiditäten. In sehr origineller Form setzte sich Dr. Tobias Schneider (Hechendorf) mit den Problemen auseinander, die ein junger Kollege mitunter mit „betagten“ Implantatsystemen zu lösen hat. „Heute ist die gute alte Zeit von morgen!“ – der Austausch mit erfahrenen Fachleuten in Foren der verschiedensten Art ist in diesem Zusammenhang unverzichtbar. Prof. Dr. Stefan Wolfart (Aachen) verstand es, den Teilnehmern das Thema Evidenzkriterien in der Implantatprothetik auf unterhaltsame und einprägsame Weise näherzubringen. Mit dem Fazit, dass fehlende externe Evidenz lediglich Leitlinien für Behandlungskonzepte erlaubt, die jedoch individuell abgestimmte Therapiekorridore zulassen, konnte er den Zuhörern die Furcht nehmen, in ein starres Korsett einzelner, ausgewählter Therapieverfahren gezwängt zu werden. Die Empfehlung von Dr. Frank Müller (Flöha), dem Einsatz von hochwirksamen Antibiotika in der Parodontologie und Implantologie eine spezifische mikrobiologische Analyse voranzustellen, bezog sich auf eigene Untersuchungen und sollte den Praktiker veranlassen, das eigene Verordnungsverhalten zu überprüfen. In der Abteilung „Service“ wurden die Möglichkeiten des DGINet (Felix Steinert, München), die Vorzüge einer Kooperation mit einer Abrechnungsgesellschaft (Matthias Godt, DZR, Stuttgart) und die Vorteile von Gruppenverträgen im Bereich Versicherungen (Peter Heesen, Hannover) kurz und präzise präsentiert. Den Weg der eigenen Praxis zu einer individuellen „Corporate Identity“ schilderte Stefan Sachs (Leipzig).

Implantologie in
Grenzsituationen

Kommunikationsfehler zwischen überweisendem Zahnarzt und Kieferchirurg sind häufige Ursache für Misserfolge der verschiedensten Art. Dr. Matthias Brückner (Dresden) setzt auf den zuverlässigen Informationsaustausch zwischen den Partnern, um die Vorstellungen von Patient und Zahnarzt in ein schlüssiges und tragfähiges Behandlungskonzept münden zu lassen.

Kurze Implantate lassen sich laut Dr. Friedemann Petschelt (Lauf) erfolgreich, wenn indikationsgerecht, in der Implantatprothetik einsetzen. Adäquater Durchmesser, Vermeidung von Knochenabbau durch präzises Arbeiten (3D-Planung) und Platform Switching sind u. a. seine probaten Empfehlungen für die Verwendung der sog. „shorties“. Obwohl es noch keine evidenzbasierten Empfehlungen zur Periimplantitistherapie gibt, sehen wir uns einer steigenden Inzidenz von Periimplantitisfällen gegenüber. Dr. Gerrit Schauermann (Saalfeld) stellte ein Behandlungskonzept vor, das mit vielversprechendem Erfolg auf abrasiver Behandlung der kontaminierten Implantatoberfläche, Antibiose und GBR aufbaut. Zur Verwendung von Teleskopen und Locatorattachments präsentierte Dr. Stefan Janke (Hamburg) mehrere interessante klinische Fälle. Den Vormarsch von Zirkonoxid und CAD/CAM-gefertigten Strukturen im Rahmen der Implantatprothetik demonstrierte Dr. Hansjörg Heidrich (Gera) anhand eigener Fälle sehr eindrucksvoll. Die Heterogenität klinischen Herangehens war in den folgenden Referaten besonders spürbar. Während Dr. Uwe Solcher (Gera) anhand verschiedener Kasuistiken die Möglichkeiten beschrieb, auch in Grenzsituationen auf augmentative Maßnahmen zu verzichten, zeigte Dr. Joachim Hoffmann (Jena) die technisch anspruchsvolle Inversionsplastik zur Kammverbreiterung des zahnlosen Unterkiefers anhand instruktiver Bilder und Filmsequenzen. Das wissenschaftliche Programm beendete Dr. Michael Gey (Chemnitz) mit Ausführungen zum Einsatz von Hilfsimplantaten in der Totalprothetik. Mit der Überbrückung von Einheilzeiten nach Implantation und Augmentation, der wirtschaftlichen Pfeilervermehrung, der Fixierung von Scan- und Bohrschablonen und der Stabilisierung von Prothesen im Zuge von Bissrekonstruktionsmaßnahmen besitzen diese Implantatformen ein nicht zu unterschätzendes Potenzial in der Implantatprothetik.

Ausklang

Nach Abschluss des Hauptprogramms sorgte der Tagungspräsident Prof em. Edwin Lenz (Kiliansroda) noch einmal für einen emotionalen Höhepunkt der Tagung, indem er Veranstaltern, Organisatoren, Teilnehmern, Sponsoren und Gästen für das Erlebnis dieser 18. MVZI-Jahrestagung dankte. In anrührenden Worten würdigte er den erlebbaren Schulterschluss von Wissenschaft und Praxis, von Kompetenz und Kollegialität, Disziplin und Lebensfreude. Er forderte uns auf, diesen Weg im Interesse unserer Patienten fortzusetzen. Es endete eine Tagung, die von zahlreichen Workshops, einem vielseitigen Helferinnenprogramm, einer großen Industrieausstellung und einem „Opernball“ vom Feinsten würdig umrahmt wurde. Der Dank gilt dem Vorstand, den vielen genannten und ungenannten Helfern, den Mitarbeitern des „Penta Hotels“ Gera und ganz explizit den zahlreichen Referenten, die sich ausnahmslos in kaum gekannter Weise an den Zeitplan gehalten haben. Die Vielfalt der behandelten Problemkreise zum Rahmenthema „Totalprothetik“ hatte mich im Vorfeld schon neugierig gemacht. Viele Fragen wurden beantwortet, Anregungen für die eigene Praxis sind notiert. Ich sehe dem 19. Sommersymposium vom
14. bis 16. Juni 2012 in Magdeburg mit Vorfreude entgegen.

„Lücken ? Rücken ? Brücken“ ? Implantatprothetische Ansätze im Lückengebiss, wird sicher nicht minder spannend.

 

L. Krause, Chemnitz


(Stand: 25.08.2011)

DGI Nachrichten aktuell

In Memoriam an Karl-Ludwig Ackermann. Ein Nachruf von Prof. Dr. Günter Dhom und Gedenken an einen ganz „Großen“ der Zahnmedizin. 

zum Nachruf an Dr. Ackermann

Aktuelle Ausgabe 4/2021

Im Fokus

  • Implantologie in der allgemeinen Zahnarztpraxis
  • Anwendung filamentgedruckter Bohrschablonen
  • Full-mouth-Rehabilitation bei komplexen Fällen

FORTBILDUNGSANGEBOTE DGI

Die DGI bietet ein umfassendes und überregionales Fortbildungsangebot an. 

WERDEN SIE AUTOR

Sie haben ein spannendes Thema aus dem Bereich der Implantologie und würden gerne einen Artikel dazu in der ZZI veröffentlichen? Dann nutzen Sie unseren Editorial Manager und reichen Sie ihr Manuskript direkt bei uns ein.

Manuskript einreichen