Qualitätssteigerung durch Digitalisierung

Symposium der DGI „Update digitale Implantologie“

PDF

Die faszinierenden neuen Möglichkeiten der digitalen Implantologie standen im Zentrum des
2. DGI-Symposiums am 23. Juni 2012 in Kassel. Tagungsleiter und DGI-Präsident Professor Dr. Dr. Hendrik Terheyden hatte sechs renommierte Experten geladen und diese um eine kritische Bestandsaufnahme und Orientierung entlang des implantologischen Workflows
gebeten.

„Die abdruckfreie Praxis wird es durch den Vormarsch der Digitalisierung ebenso wenig geben wie das papierlose Büro“, schmunzelte ein Teilnehmer am Ende des DGI-Symposiums, das rund 150 Teilnehmer nach Kassel gelockt hatte. Dennoch zeigten die Vorträge, dass der Zug in Richtung Digitalisierung an Fahrt aufnimmt, selbst wenn die eine oder andere Weichenstellung noch erforderlich ist. PD Dr. Ronald R. Jung von der Klinik für Kronen- und Brücken-Prothetik am Zahnmedizinischen Zentrum der Universität Zürich brachte sein Fazit so auf den Punkt: „Ich kann mich zurzeit vor der Digitalisierung allenfalls verstecken, nicht aber davonrennen.“ Denn die Digitalisierung mache die Implantologie auf Dauer nicht nur schneller und billiger, sondern man werde auch schneller und besser, wenn man etwas gerne mache, motivierte Jung die Zuhörer. Denn von einer Qualitätssteigerung durch Digitalisierung ist der Schweizer Experte überzeugt.

In der Ausbildung
angekommen

Am „Academisch Centrum Tandheelkunde Amsterdam“ (ACTA), einer eigenständigen zahnmedizinischen Fakultät, getragen von der Universität von Amsterdam und der VU Universität von Amsterdam, gehören die verschiedenen digitalen Verfahren inzwischen zum Lehrstoff. Prof. Dr. Daniel Wismeijer ist an diesem Zentrum Professor für Orale Implantologie und Zahnprothetik. Sein Credo: „Der ganze Workflow ändert sich und dies hat Auswirkungen auf alle beteiligten Berufe.“ Dass die modernen Techniken „kinderleicht“ zu bedienen sind, demonstrierte Professor Wismeijer mit einem kleinen Film: Dieser zeigte den 12-jährigen Sohn eines Kollegen, der einen einwandfreien oralen Scan produzierte. Gleichwohl betonte Wismeijer auch die Schnittstellenproblematik: „Die einzelnen Komponenten passen noch nicht zusammen.“ Hier sahen alle Referenten klaren Optimierungsbedarf.

Die digitale Praxis

Dr. Elmar Frank aus Besigheim gehört zu den Pionieren der digitalen Praxis. Er gehöre, wie er schmunzelnd anmerkte, zu jenen Menschen, die Lösungen sammeln und danach die dazu passenden Probleme suchen. Dr. Frank setzt digitale Verfahren ein in der Fortbildung, in der Werbung („60–70 Prozent der neuen Patienten kommen über Website und Internet.“), in der Befundung und Beratung, in der Planung, beim Eingriff, in der Nachsorge und in der Verwaltung. Bei der Untersuchung erscheinen in der Praxis Frank die Aufnahmen der Intraoralkamera direkt auf den Computerbildschirm vor dem Patienten, die Aufklärung erfolgt mithilfe des iPads, mit den digitalen Verfahren lassen sich auch Versorgungsalternativen simulieren, was das Patientengespräch erleichtert.

Zwar setzt Dr. Frank auch noch Postkarten im Recallverfahren ein, doch E-Mail und SMS sind genau so wichtig. In der Planung setzt Frank noch auf die analogen Strategien: „Wir konstruieren auf analogen Modellen und kontrollieren digital.“ Auch der versierte Digitalexperte kämpft mit der Schnittstellenproblematik: „Die Insellösungen müssen verschwinden, es muss alles innerhalb einer Softwarelösung funktionieren“, betonte er.

Intraorale digitale Erfassung wird Zahnmedizin verändern

Für PD Dr. Florian Beuer von der Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München steht zweifelsfrei fest, „dass die intraorale digitale Erfassung die Zahnmedizin stärker beeinflussen wird, als es die Digitalisierung im zahntechnischen Labor getan hat.“ Beuer verortet die digitale Technik inzwischen mitten im Labor, „dort ist sie angekommen, während sie in der Praxis gerade auf der Schwelle steht und ihren Einzug vorbereitet. Wir sind mit dem Intraoral-Scan nicht schlechter als mit dem Standard“, lautete Dr. Beuers Fazit aus verschiedenen Untersuchungen. So betrage die klinische Überlebensrate von keramischen Inlays 88,7 Prozent nach
17 Jahren. „Das ist ein echter Benefit, wenn man in office arbeitet“, so Beuer. CAD/CAM-Abutments seien heute Standard, Zirkonoxid-Abutments ohne Klebebasis allerdings kritisch.

Der Beitrag mit der Maus

„Bin ich veraltet, wenn ich meine Implantate zweidimensional am Röntgenbild plane? Wie sieht die Diagnostik und Implantation mit digitalen Methoden aus und was ist wirklich mein Vorteil gegenüber konventionellen Verfahren?“ Mit diesen Fragen eröffnete PD Dr. Ronald E. Jung, Zürich, seinen Vortrag. Und dann schickte er Bohrer und Computermaus auf die Rennstrecke. In der Diagnostik sei es zurzeit – bezogen auf die Zahl der Arbeitsschritte – noch egal, ob man digital oder konventionell vorgehe: „Sechs bis sieben Schritte sind erforderlich.“ Doch dies werde sich ändern, davon ist Dr. Jung überzeugt.

Schon heute ist es möglich, die klinischen Daten mit DVT-Daten zu kombinieren. Resultat: „Die Computer-assistierte Implantation liefert Überlebensraten von 91 bis 100 Prozent nach 12 bis 60 Monaten mit einer klinisch akzeptablen Exaktheit“, zitierte Jung das Ergebnis von Untersuchungen.

Allerdings betonte Jung, dass der Einsatz des Computer Aided Impressioning (CAI), das das virtuelle Arbeiten von der digitalen Abformung über die digitale Bearbeitung des virtuellen Modells bis zum Gerüstdesign ermöglicht, mit einer Lernkurve verbunden sei und dass es nach wie vor Schnittstellenprobleme gebe.

Gleichwohl ist Jung davon überzeugt, dass die Zahl der Arbeitsschritte weiter sinken wird und dass am Ende die Maus das Rennen gewinnt.

DVT: Die Leitlinien beachten

PD Dr. Ralf Schulze von der Röntgenabteilung der Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten der Universität Mainz präsentierte das Thema Digitale Volumentomographie (DVT) sofort mit einer Empfehlung: Man solle kein Gerät mit Bildverstärker kaufen. Ebenso machte er deutlich, dass man „unendlich viele Chancen für Fehlmessungen“ habe, der Sitz der Schablone extrem wichtig und es aus technischen Gründen wahrscheinlicher sei, sich mehr Knochen dazuzudichten. Seine Warnung lautete: „Man sieht nie die Realität, sondern nur das, was gerechnet wird.“ Zwar ist auch Schulze sicher, dass die DVT in Zukunft sicherlich immer häufiger eingesetzt wird, doch mache die durchschnittlich deutlich höhere Strahlendosis im Vergleich zu den etablierten 2D-Verfahren eine wissenschaftlich gerechtfertigte Anwendung im Elektivgebiet der Zahnheilkunde zwingend notwendig. Darum empfahl Schulze, die Leitlinien zu beachten, die von der DGI unlängst veröffentlicht wurden. „Richter orientieren sich an diesen“, betonte Schulze. Verfügbar sind die Leitlinien im Mitgliederbereich auf der DGI-Website, dem DGINET (Bereich Wissen/DGI-Empfehlungen).

Die Zukunft wird spannend

Dr. Timo Dreiseidler von der Klinik für MKG-Chirurgie und Implantologie warf unter dem Titel „Update Gesichtsästhetik und Implantologie“ einen weiten Blick in die Zukunft: die Integration des Gesichtsscanners zur Analyse der Weichteile in den Workflow. Erprobt wird das Verfahren beispielsweise bei der Planung von Korrekturen bei Dysgnathien. „Wir integrieren dabei sämtliche Oberflächendaten und die Kausimulation“, so Dr. Dreiseidler. Und am Ende formulierte er, was die digitale Zukunft in der Zahnheilkunde verspricht: Zielsetzung der Computer-assisitierten Implantatplanung (CAI ) sei eine größtmögliche Planungs- und Umsetzungsgenauigkeit unter Berücksichtigung aller anatomischen und prothetischen Aspekte. Das digitale Vorgehen diene dem Schutz wichtiger Strukturen, könne dazu beitragen, unnötige Eingriffe und Augmentationen zu vermeiden, ermögliche minimalinvasive transgingivale Eingriffe und stabile Langzeitergebnisse.

Doch bis dieses Versprechen eingelöst wird, dürfte noch einige Zeit vergehen, wie Tagungspräsident Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden in seiner Zusammenfassung betonte. Die Entwicklung sei noch im Fluss, ein durchgängig digitaler Workflow noch Zukunftsmusik. Doch ebenso steht fest: Diese Zukunft hat an der Tür der zahnärztlichen Praxis bereits vernehmlich angeklopft.

 

B. Ritzert, Pöcking


(Stand: 19.09.2012)

DGI Nachrichten aktuell

Implantieren in Zeiten von Corona? 
Der Präsident der DGI, Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz mit einem Statement

zum Statement Prof. Grötz

Aktuelle Ausgabe 2/2020

Im Fokus

  • CMD: Implantatprothetische Therapie
  • Zahnimplantate bei Diabetes mellitus
  • Zirkonoxid in Einzelzahnlücken

FORTBILDUNGSANGEBOTE DGI

Die DGI bietet ein umfassendes und überregionales Fortbildungsangebot an. 

WERDEN SIE AUTOR

Sie haben ein spannendes Thema aus dem Bereich der Implantologie und würden gerne einen Artikel dazu in der ZZI veröffentlichen? Dann nutzen Sie unseren Editorial Manager und reichen Sie ihr Manuskript direkt bei uns ein.

Manuskript einreichen