Gibt es das „ideale Implantat“?

19. Jahrestagung des DGI-Landesverbandes Berlin-Brandenburg

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Spannend, wenn ein Kongress sich ein einzelnes Produkt vornimmt und dieses von hochkarätigen Experten von allen Seiten beleuchten lässt – so geschehen bei der 19. Jahrestagung des DGI-Landesverbandes Berlin-Brandenburg am 25. April 2015. Das Programm des Kongresses und sicher auch die trendige Location am Bahnhof Zoo sorgten dafür, dass neben vielen traditionellen Teilnehmern auch eindrucksvoll viele junge Zahnärzte zu den Gästen gehörten.

Nach arbeitsreichen Hands-on-Kursen am Freitag bei den Workshops ausgewählter Sponsoren startete PD Dr. Frank P. Strietzel, Vorsitzender des DGI-Landesverbandes, in den Kongress-Samstag mit einem Dank an seinen Vorgänger und Landesverbands-Gründer Prof. Dr. Dr. Volker Strunz, der, so Strietzel, schon immer über den berühmten Tellerrand geschaut habe, was die Themen der zurückliegenden Jahrestagungen zeigten. „Wir haben eine großartige Tradition – und der neue Vorstand führt sie weiter“, sagte er. Komplimente für das Tagungsthema gab es bereits im Grußwort des Präsidenten der Zahnärztekammer Berlin, Dr. Wolfgang Schmiedel. Er sei kürzlich bei der IDS schier „erschlagen“ worden von der Vielfalt der Produkte und der Informationen: „Ich hoffe, dass Ihnen durch die heutige Tagung Ihre Entscheidungen erleichtert werden!“ Er sei als Kieferorthopäde keineswegs ein Feind der Implantate, in seinem Herzen aber ein Präventionszahnmediziner: „Das ideale Implantat ist das, das man gar nicht erst setzen muss!“ Für den Fall, dass aber doch ein Implantat inseriert werden muss, gaben die fünf Referenten in vier Themen-Facetten Erfahrungen, Meinungen, Empfehlungen und Positionierungen weiter.

I Die ideale Implantatoberfläche

Dem Auditorium stellte sich Dr. Dirk Duddeck/Berlin als „selbsternannter CSI-Agent“ vor (CSI = check the surface of implants), der mit dem Rasterelektronenmikroskop Implantat-Oberflächen und auch -Verpackungen verschiedenster Hersteller untersuche. Seine Erfahrung: Systematische Verunreinigungen – z.B. durch Kohlenstoff – finden sich auf vielen Implantaten, haben aber keinen Einfluss auf die Osseointegration. Aus seiner Sicht gebe es eine „ideale Implantatoberfläche“ gar nicht: Das schwächste Glied in der Kette sei nicht das Implantat, der Werkstoff oder die Industrie, sondern der Behandler. Duddeck: „Und auch das ist nicht so dezidiert zu sehen, wie es klingt, denn es gibt für den Implantatverlust multifaktorielle Gründe!“

II Der ideale Implantat-Werkstoff

Dass die Keramik inzwischen zu einer Alternative zu Titanimplantaten avancieren könnte, ist eine durchaus bemerkenswerte Entwicklung. PD Dr. Dietmar Weng/Starnberg zeigte dafür sprechende Argumente: „Im tierhistologischen Versuch fand sich kein Unterschied bei beiden Materialien hinsichtlich der Implantat-Knochen-Kontakt-Fläche“ – und zog das Fazit: „Keramik zeigt ein gutes Hart- und Weichgewebeverhalten.“ Dennoch setze er Keramik-Implantate nur auf Patientenwunsch: Bislang sei die Studienbasis zu dünn. Seine Empfehlung für die Kolleginnen und Kollegen, die Keramik einsetzen wollen: Es sei chirurgisches Umdenken und Arbeiten mit wenig Druck notwendig: „Sonst erzielen Sie ein Osteoblasten-Barbeque!“

III Die ideale Implantat-Abutment-Verbindung

Zu diesem Thema stellten sich gleich zwei renommierte Wissenschaftler gegeneinander auf, Dipl.-Ing. Holger Zipprich/Frankfurt/M. und Prof. Dr. Katja Nelson/Freiburg. Beide berichteten von ihren Forschungsergebnissen – und waren sich dann letztlich doch in ihrer Kerneinschätzung einig: Eine ideale Implantat-Abutment-Verbindung gibt es (bislang) nicht. Ebenfalls einig trotz unterschiedlicher Herangehensweise waren sie sich zudem darin, dass ein Mikrospalt zwischen Implantat und Abutment offenbar unvermeidbar ist und kein System einen tatsächlich bakteriendichten Innenraum aufweist. Während Zipprich von den Herstellern Systeme einforderte, die eine Fehlmontage und das Vertauschen von Komponenten nicht zuließen, gab Nelson den Ball zurück in die Praxis: Viel entscheidender als das System sei die Erfahrung des Behandlers. Allerdings betonte auch sie: Die Präzision ist abhängig von der Geometrie. In beiden Fällen wurden allerdings nur Titan-Titan-Verbindungen geprüft; bei einer Titan-Keramik-Verbindung müsse mit erhöhter Frakturgefahr gerechnet werden.

IV Die ideale Implantat-Dimension

Auf dieses Thema und die Meinung von Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas/Mainz dürften viele der Kongressteilnehmer ganz besonders gespannt gewesen sein – hatte die zurückliegende IDS doch eine Vielzahl verschiedener Implantat-Dimensionen gezeigt und zudem erste Studien mit kurzer Laufzeit, aber bemerkenswerten Ergebnissen. Gerade weil es Patienten „minimalinvasiv“ mögen, sollten sie in die Entscheidung mit einbezogen werden, wenn es um kurz, lang, dick oder dünn gehe. Al-Nawas: „Wir sind auf dem Weg in die personalisierte Medizin.“ Schon recht gut etabliert seien 8 mm lange Implantate, auch für 6 mm lange Implantate gebe es gute Erfahrungen, für 5-mm-Produkte und noch kürzeren Systeme lägen dagegen noch keine mittelfristigen oder gar Langzeiterfahrungen vor. Gut etabliert seien die durchmesserreduzierten Implantate. Seine Bilanz: „Noch wichtiger als die Dimension des Implantats ist die Dimension des Weichgewebes – auch das Weichgewebe entscheidet über den Implantaterfolg!“

Das Tagungs-Resümee

Das ideale Implantat ist dasjenige, das in Dimension, Material und hinsichtlich seiner Oberfläche zur individuellen Situation des Patienten passt. Und: Diese Aspekte treten sogar mitunter in den Hintergrund, wenn der Behandler über große Erfahrung verfügt.

Die Entscheidung, die Anzahl der Vorträge und der Referenten zugunsten ausführlicherer Beiträge zu reduzieren, fand allgemein sehr positive Rückmeldung: Der Vorstand wurde zu seinem Konzept beglückwünscht. Dabei haben nicht nur die „alten Hasen“ profitiert: Zahnarzt Christian Goy, wissenschaftlicher Mitarbeiter/Charité, sprach wohl für viele seiner jüngeren Kolleginnen und Kollegen, wenn er die Jahrestagung als „sehr informativ und praxisnah“ bezeichnete und zudem hilfreich für die Auswahl eines Implantatsystems für die eigene Praxis. Es sei anregend, sich in den Pausen mit den Referenten auch direkt austauschen zu können: „Der eher persönliche Charakter dieser Tagung hat mir sehr gut gefallen! Nächstes Jahr bin ich gern wieder dabei!“ Das wird dann ebenfalls wieder spannend werden, denn PD Dr. Strietzel hat bereits für den 5. März 2016 das kommende Kongress-Thema vorgestellt: „Wir sind dann, turnusgemäß, wieder in Potsdam, und dann geht es um den idealen Implantat-Patienten! Unsere Referenten stehen schon fest – es dürfen sich alle auf eine hochinteressante Debatte freuen!“

Birgit Dohlus, Berlin


(Stand: 08.09.2015)

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