Ästhetik: Der Bruchteil eines Millimeters kann den Unterschied machen

Treffen der DGI-Master

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Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Implantation im Frontzahnbereich? Die Antworten hochkarätiger Experten auf diese Frage lockten im vergangenen November mehr als 100 DGI-Master aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland sowie viele andere Interessenten nach Berlin. Dort veranstalten die Alumni des postgraduierten Masterstudiengangs von DGI und Steinbeis-Hochschule inzwischen traditionell um diese Zeit ihre jährliche Tagung, die „Reunion“.

„Wenn es um die Ästhetik geht, ist ein Zehntelmillimeter relevant.“ Fast mantra-artig wiederholte Dr. Stephen J. Chu, New York, diesen Satz beim Treffen der DGI-Master in Berlin. In seinem Vortrag „Prosthetic Strategies in Mucosal Tissue Preservation“ setzte er sich wie alle Referenten bei dieser prominent besetzten Veranstaltung mit dem Thema „Timing in der Implantologie“ auseinander. Die Organisatoren Dr. MSc. Derk Siebers, Dr. MSc. Jörn Werdelmann und MSc. Peter Albrecht hatten Ende letzten Jahres zum achten Mal ihre Kollegen und interessierte Gäste zu einem Mastertreffen eingeladen. Inzwischen im Fortbildungsreigen fest etabliert, lockt die eintägige Veranstaltung mit ihrem Konzept – vier bis fünf renommierte Referenten mit einer Redezeit von jeweils 90 Minuten – stets deutlich mehr als 100 Teilnehmer in die Bundeshauptstadt.

Im Mittelpunkt stand die Frage: „Wann implantieren und wann versorgen?“ Natürlich ging es dabei um die Implantation im Frontzahnbereich, „die Königsdisziplin in der Implantologie“, wie Derk Siebers bei der Begrüßung betonte. Bewusst hatten die Organisatoren Referenten eingeladen, die diese Frage durchaus unterschiedlich beantworteten, was zu intensiven und interessanten Diskussionen führte.

Sofort ersetzen, was entfernt wurde. Dr. Chu und Dr. Marco Degidi aus Bologna sprachen sich primär für eine Sofortimplantation und provisorische Sofortversorgung aus – „gleich ersetzen, was man entfernt hat“, so Dr. Chu. Um das Risiko des Verlusts der bukkalen Lamelle zu minimieren, propagierte der US-Experte die Flapless Surgery.

Warten auf mehr Weichgewebe. Demgegenüber plädierte Prof. Dr. Bjarni E. Pjetursson, Reykjavik, für eine verzögerte Implantation mit Ridge Preservation. Diese favorisierte er nicht nur bei seinem Einstiegsfall, „der 32-jährigen hübschen Juristin“, welcher das erwünschte Schmunzeln im Auditorium auslöste. Zwar habe man bei einer Sofortimplantation ausreichend Knochen, doch die Frage sei, ob dieser bleibe: Bei 87 Prozent der Patienten ist die bukkale Knochenlamelle dünner als ein Millimeter. Professor Pjetursson: „Wenn diese, vor allem bei Patienten mit einem dünnen Biotyp, wegschmilzt, haben wir ein ästhetisches Problem.“ Die in einer Studie verzeichnete Komplikationsrate von 17 Prozent hält der Experte für inakzeptabel. Sechs bis zwölf Wochen nach der Extraktion stehe mehr Weichgewebe zur Verfügung. Kommt es zu einer Rezession oder geht die vestibuläre Lamelle verloren, augmentiert Prof. Pjetursson und deckt das Augmentat mit einer Kollagenmembran ab. Drei Monate lässt der isländische Implantologe das Implantat schleimhautgedeckt einheilen. Erforderliche Weichgewebekorrekturen erfolgen vor der Freilegung falls notwendig.

Humorvoll merkte Pjetursson mit Blick auf die unterschiedlichen Vorgehensweisen an, dass es in der Implantologie prinzipiell zwei Erklärungen dafür gebe, warum eine Methode reüssiere: „Entweder etwas funktioniert oder wir wiederholen den gleichen Fehler immer wieder mit stetig steigendem Selbstvertrauen.“

Befundbezogene Therapie. Die Brücke zwischen den teilweise gegensätzlichen Positionen zum Implantationszeitpunkt schlug Priv.-Doz. Dr. Arndt Happe aus Münster mit seiner Empfehlung, das Vorgehen an die Situation anzupassen – und präsentierte entsprechend befundbezogene Behandlungsoptionen. Zwar setzt auch er – wenn möglich – auf die Sofortimplantation mit Augmentation der vestibulären Anteile und Membranabdeckung und versucht das Risiko einer Rezession durch die palatinale Orientierung zu mindern. Für eine Sofortversorgung plädiert Dr. Happe allerdings nur bei ausgeprägter Primärstabilität.

Biotyp: Augenmaß genügt nicht. „Geht es um Sofortimplantation und Rezession, ist der Biotyp entscheidend wichtig“, so Dr. Happe. Allerdings warnte er davor, sich bei der Beurteilung des Biotyps auf den bloßen Augenschein zu verlassen. „Die visuelle Untersuchung ist nicht verlässlich“, betonte er. Der Einsatz der Parosonde sei, wie eine Untersuchung belege, hingegen verlässlich. Bindegewebstransplantate zur Verdickung der Gingiva simultan zur Implantation sind bei kompromittierter Situation für Dr. Happe ständige Praxis.

Die richtige Implantatposition. Trotz unterschiedlicher Ansichten über den richtigen Zeitpunkt einer Implantation waren sich die Referenten alle einig, dass der dreidimensionalen Positionierung des Implantats eine entscheidende Bedeutung zukommt. Chu empfahl die Positionierung drei bis vier Millimeter unter dem Gingivalrand und eine palatinale Platzierung; ebenso füllt er den Spalt zwischen Implantat und Lamelle immer mit Knochenersatzmaterial auf. Dr. Degidi setzt auch auf Flapless Surgery und inseriert das Implantat extrem tief – etwa einen Millimeter unter den crestalen Knochenrand und bis zu fünf Millimeter unterhalb des Gingivalsaums.

„Ästhetik“, so formulierte Dr. Happe in seinem Vortrag, „ist schon lange kein nice to have mehr, sondern ein wesentlicher Faktor der Implantatbehandlung.“ Schon längst spiele nicht nur die Überlebensrate eines Implantats eine Rolle, sondern auch das ästhetische Behandlungsergebnis.

Aus diesem Grund wohl haben sich die Organisatoren des jährlichen Mastertreffens für ihr nächstes Treffen wieder ein Thema aus dem Bereich der Ästhetik ausgesucht.Barbara Ritzert, Pöcking

„Prinzipiell gibt es zwei Erklärungen dafür, warum eine Methode erfolgreich ist: Entweder etwas funktioniert oder wir wiederholen den gleichen Fehler immer wieder mit stetig steigendem Selbstvertrauen.“
[Prof. Dr. Bjarni E. Pjetursson, Reykjavik]

Treffen der DGI-Master 2015

„Rot-Weiß-Ästhetik – sicher und langfristig etablieren.“

13.–15. November 2015, Berlin; Informationen: www.mastertreffen.de


(Stand: 08.09.2015)

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