Orthodontic Postgraduate Education: A Global Perspective

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Schon beim Lesen des Buchtitels drängt sich unmittelbar die Frage auf, welche Zielgruppe mit dem Werk angesprochen werden soll, und ob das 230-seitige Büchlein wirklich eine ganze Welt erfassen kann. Der Titel lautet übersetzt „Postgraduale kieferorthopädische Ausbildung: ein globaler Ausblick“. Das Wort „perspective“ ließe sich auch mit „Beziehung zwischen unterschiedlichen Aspekten“ übersetzen. So oder so erscheint ein Buch, welches sich mit weltweiten Ausbildungssystemen auseinandersetzen möchte. Eine gewagte Aufgabe.

Es gibt 2 Vor- bzw. Geleitworte. Das erste ist von Professorin Melsen aus Århus in Dänemark. Dieses ist ein geglücktes und mit guten Beispielen untermauertes Plädoyer für eine strukturierte postgraduale Weiterbildung, und das nicht nur in Bezug auf das Fach Kieferorthopädie. Sie warnt zwar explizit vor der Verdrängung der „patient-oriented goal-driven orthodontics“ durch „fast-food appliance-driven orthodontics“, meint aber völlig zu Recht die gerade für Anfänger schwierige Differenzierung zwischen Marktversprechen und zahnmedizinischer Wirklichkeit. Dies lässt sich sicher auf alle Bereiche der Medizin übertragen.

Im zweiten Vorwort schließlich erklären die Herausgeber Ziele und Zielgruppe des Buches. Primär richtet es sich ihrer Ansicht nach an diejenigen Studierenden oder Studierten der Zahnheilkunde, die eine Weiterbildung zum Fachzahnarzt für Kieferorthopädie anstreben. Sekundär sei es für alle, die in akademischen Institutionen oder Berufsverbänden Informationen über kieferorthopädische Weiterbildung auf dieser Welt haben möchten.

Das Buch ist grob in 3 Abschnitte untergliedert: Die historische Entwicklung der Weiterbildung, die Weiterbildungsmodalitäten auf allen Kontinenten sowie eine abschließende Ansammlung von Erörterungen bzw. Bestandsaufnahmen zu Weiterbildungsregeln. Es ist natürlich überflüssig zu erwähnen, dass nicht alle Staaten dieser Erde im Buch abgebildet werden können.

Die ersten 3 Kapitel widmen sich der Entwicklung der postgradualen Weiterbildung im Fach Kieferorthopädie seit dem vorletzten Jahrhundert. Hierbei werden Feststellungen getroffen, die sich sehr gut auf allgemeine Bereiche der Lehre/Ausbildung übertragen lassen. Bezeichnend ist die Erkenntnis, dass „die womöglich größte Herausforderung für kieferorthopädische Weiterbildungsstätten der Mangel an Lehrpersonal und ökonomische Einschränkungen sind“. Dem ist in nahezu allen Bereichen der (zahn-)medizinischen Weiterbildung nichts hinzuzufügen.

Die folgenden 9 Kapitel treten eine Reise um die Welt der KFO-Weiterbildung an. Ab hier wirkt das Buch zuweilen unübersichtlich. Die Beschreibung beginnt mit Europa und geht im folgenden Kapitel auf Großbritannien ein. Nun war zwar wenige Tage vor dem Verfassen dieser Zeilen das Referendum über den Brexit, aber nach derzeitigem Stand liegt Großbritannien noch immer in Europa, woran sich wohl auch nach einem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU nichts ändern dürfte. In Europa befindet sich auch Deutschland, dessen Weiterbildungssystem keine wirkliche Erwähnung findet. Vielleicht, weil ein Föderalstaat sich den Luxus unterschiedlicher Weiterbildungsordnungen leistet? Vielleicht aber auch, weil, und das ist sicher einmalig, hierzulande die Weiterbildung Kammersache ist und nicht primär, wie in den anderen europäischen Staaten, an die Universität gebunden ist. Erwähnung jedenfalls findet dies alles nicht. Von daher ist es vermutlich nicht richtig, von den anderen Texten zu erwarten, dass die landesspezifischen Situationen immer vollkommen korrekt wiedergegeben werden. Herausfinden wird das wohl definitiv nur derjenige, der sehr detaillierte Informationen über den Standort seiner Wahl vor Ort einholt.

Die abschließenden Kapitel widmen sich unter anderem dem ERASMUS-Projekt, der WFO (World Federation of Orthodontists), werfen einen Blick auf die Verwendung des E-Learning in der Weiterbildung sowie auf die Rolle der wissenschaftlichen Fachzeitschriften anhand des Beispiels des American Journal of Orthodontics and Dentofacial Orthopedics. Im Anhang schließlich befinden sich noch die Weiterbildungsrichtlinien des ERASMUS-Programms sowie die WFO-Richtlinien.

Für wen ist dieses Buch nun geeignet? Niedergelassene Kieferorthopäden könnten bei der Anstellung eines im Ausland weitergebildeten Fachzahnarztes dessen (theoretisch) vorhandenes Wissen sowie praktische Fähigkeiten einschätzen. Dies gilt sinngemäß auch für Klinikleiter. Andere Kieferorthopäden dürfte es nicht interessieren. Die im Vorwort genannte Zielgruppe profitiert nicht von dem Buch, sofern sie eine Weiterbildung in Deutschland anstrebt. Vor einem Wechsel ins Ausland kann es hilfreich sein. Solange man aber die Weiterbildung innerhalb der EU erreicht, wird die gegenseitige Anerkennung ohnehin durch die Richtlinie 2005/36/EC geregelt. Diese könnte für die Kollegen, die ihre Weiterbildung in Großbritannien durchführen, in Kürze zu einem Problem werden.

Eine klare Empfehlung für oder gegen den Kauf dieses Buches kann ich nicht geben. Den Interessenten bleibt nichts anderes übrig, als das Buch im lokalen Handel in Augenschein zu nehmen und selbst über den Kauf zu entscheiden.


(Stand: 14.09.2016)

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