Bei der Patientenselektion sollte man seine Checkliste im Kopf haben

30. Kongress der DGI in Hamburg

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Experten diskutieren beim 30. DGI-Kongress in Hamburg das Thema Erfolgsfaktoren einer Implantattherapie. Prof. Dr. Dr. Henning Schliephake, Göttingen, wird dabei den Faktor Patientenselektion beleuchten. Die Redaktion hat bei ihm nachgefragt, worauf es dabei ankommt.

Wann haben Sie das letzte Mal einem Patienten nach entsprechender Analyse von einer Implantation abgeraten?

Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, wann das war, aber es handelte sich um einen Patienten, der intravenös mit Bisphosphonaten behandelt wurde. Ebenso habe ich einem Patienten von Implantaten abgeraten, der eine intensive Strahlentherapie mit 70 Gray im Kieferbereich hinter sich hatte und bei dem die Extraktionsalveolen nur sehr langsam geheilt sind. Auch in diesem Fall hätte man mit Problemen rechnen müssen.

Müssen Sie heute rückblickend häufiger oder eher seltener abraten – und woran liegt dies?

Ich muss heute eher selten von einer Implantation abraten. Wenn Patienten beispielsweise keine Augmentation wollen, was keine Seltenheit ist, wissen wir inzwischen, dass auch die kürzeren Implantate funktionieren.

Wie hat sich die Patientenauswahl in den letzten Jahren entwickelt? Kommen aufgrund neuer Möglichkeiten in der Implantologie mehr Patienten für Implantate infrage als früher?

Eigentlich hat sich die Auswahl der Patienten in den letzten zehn Jahren vor allem durch die Therapie mit Antiresorptiva geändert. Denn ansonsten wissen wir, dass Erkrankungen wie Osteoporose oder Diabetes keine Kontraindikationen darstellen, wie die Erfahrung und auch Daten mittlerweile zeigen. Früher galten auch die Sklerodermie oder Kollagenosen als absolute Kontraindikationen, diese Aussage findet man in Lehrbüchern aus den 1980er Jahren. Heute gibt es eine Menge Fallbeschreibungen, die zumindest in Einzelindikationen zeigen, dass auch bei diesen Erkrankungen eine Implantatbehandlung erfolgreich sein kann – selbst wenn das nicht bedeutet, dass die Behandlung bei jedem Patienten möglich ist. Hier ist einfach die Erfahrung gewachsen. Hinzu kommen Metaanalysen zu hormonellen Erkrankungen wie Diabetes, die zeigen, dass unter bestimmten Bedingungen, vor allem bei einem gut eingestellten Diabetes, eine Implantattherapie erfolgreich ist.

Gibt es eine Art Checkliste, die Ihre Kolleginnen und Kollegen bei der Risikoanalyse abarbeiten sollten?

Jeder Zahnarzt sollte seine eigene Checkliste im Kopf haben, und jeder, der anfängt zu implantieren, sollte sich eine schriftliche Checkliste erstellen, die er dann abarbeiten kann. Auf diese Liste gehört zunächst der Parodontalstatus. Denn der Parodontitispatient von heute, der ohne Sanierung implantologisch versorgt wird, hat ein hohes Risiko, der Periimplantitispatient von morgen zu sein. Unbedingt gefragt werden muss nach der Behandlung mit Antiresorptiva, die auch bei Osteoporosepatienten mittlerweile zum Teil alle drei Monate intravenös und aus Gründen der Compliance oft nicht mehr oral gegeben werden. Wir haben zwar auch in diesen Fällen heute eine sehr differenzierte Betrachtungsweise, wir sehen eine Implantattherapie in solchen Fällen nicht mehr schwarz-weiß, aber die Erhebung der Medikation eines Patienten gehört zur Anamnese mit dazu. Auch eine Kortikoidtherapie muss beachtet werden, da diese eine sekundäre Osteoporose auslösen kann, die dann wiederum oft mit Bisphophonaten behandelt wird.

Die Therapie ist differenzierter geworden. Was sind die Konsequenzen für die Patientenaufklärung?

Auch die Patientenaufklärung muss natürlich heute differenzierter erfolgen. Wenn man einem Patienten sagt, dass man natürlich Implantate setzen kann, vorher aber zehn Millimeter Knochen aufgebaut werden müssen, ist dies allein nicht mehr ausreichend. Auch die andere Information gehört dazu, dass in einem solchen Fall kürzere Implantate mit einer Länge von acht oder sechs Millimetern durchaus eine Alternative sein können, wie Daten belegen.

Gibt es neben bestimmten Erkrankungen und Therapien, die man beachten sollte, weitere Aspekte bei der Patientenauswahl?

Natürlich muss man vor allem die Motivation des Patienten für eine konsequente Mundhygiene und regelmäßige Nachsorge beachten. Wir alle kennen Patienten, die mit viel Mühe und großem Aufwand saniert wurden, dann abtauchen und nach fünf Jahren mit schweren Entzündungen und abgeschmolzenem Kieferknochen wiederkommen. Darum ist es wichtig, auch diesbezüglich die Patienten zu screenen. Wenn man einen Patienten vor sich hat, der bezüglich seiner Mundhygiene eher unzuverlässig wirkt, tut man als Zahnarzt erst einmal gut daran, diesen Patienten etwas näher kennenzulernen, bevor man implantiert.


(Stand: 14.09.2016)

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