Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien

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Die Reihe Farbatlanten der Zahnmedizin gehört zu den beeindruckendsten Büchern in der Zahnheilkunde – weltweit. Die Herausgeber haben mit den Farbatlanten der Zahnmedizin dabei ein Buchformat entwickelt, das auch komplexe inhaltliche Zusammenhänge in eine Vielzahl hochwertiger eigens geschaffener Abbildungen und Illustrationen übersetzt. Begonnen haben die Herausgeber mit dem Farbatlas Parodontologie, in der Schifffahrt spräche man vom „Typschiff“ der Reihe.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Verlag und Herausgeber sich auch dem Gebiet der Funktionsdiagnostik und -therapie zuwandten. Der entsprechende Farbatlas ist bereits anno 2000 erschienen und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sechzehn Jahre später hat der Verlag eine inhaltlich unveränderte (!) kartonierte Sonderausgabe herausgebracht. Diese unterscheidet sich vom ursprünglichen Großformat in der Größe und in der kartonierten Bindung (wie ein hochwertiges Taschenbuch). Das Format ist dabei deutlich geschrumpft: Im Original war der Farbatlas höher als DIN A4 und ca. 3 cm breiter. Dies passte zu Sonderausgaben aus der Kunstwelt und kam der Detailwiedergabe zugute. Den Rezensenten gestört hat dabei aber das im abendlichen Lampenschein spiegelnde Hochglanzpapier. Die kartonierte Sonderausgabe hingegen ist 2 cm niedriger als DIN A4 und 1 cm schmaler. Damit passt sie in meine Aktentasche, reist mit in den Urlaub und hat so schon viel von der Welt gesehen. Echte Freude kommt auf durch das Papier; dieses spiegelt nicht mehr, und insofern lassen sich die kartonierten Atlanten auch abends lesen. Da braucht man dann aber eine sehr gut eingestellte Brille, denn die zahlreichen Abbildungslegenden liegen infolge der Verkleinerung des Satzspiegels in der Schriftgröße gefühlt unterhalb der Reclam-Taschenbuchausgaben.

Inhaltlich ist der Farbatlas Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien in 9 Abschnitte aufgeteilt. Eine explizite Zuordnung zu den beiden Autoren besteht nicht. Wer die Autoren kennt, erlangt aber eine Vorstellung davon, welcher der Autoren welche Abschnitte bearbeitet hat.

Im ersten Abschnitt „Einführung“ wird in übersichtlichen Schaubildern ein Verständnis der Ursache funktioneller Störungen und möglicher Vorgehensweisen hinsichtlich der diagnostischen Strategien und der Vorgehensweise zur zahnärztlichen Primärdiagnostik vermittelt. Es folgt ein extrem sorgfältig bearbeiteter und sehr gut illustrierter Abschnitt zur Anatomie des Kauorgans, speziell mit Blick auf die funktionellen Implikationen. Allein schon dieser Abschnitt rechtfertigt den Kauf des Buchs und die diesbezüglichen Bilder sind in dem nicht spiegelnden Papier noch besser zu erkennen als im ursprünglichen Original. Wer einen exzellenten Atlas zur funktionellen Anatomie des Kauorgans sucht, wird hier fündig.

Es folgt ab Seite 53 ein Abschnitt zur „Manuellen Funktionsanalyse“. Die unveränderte Beibehaltung dieser Nomenklatur aus der mittlerweile 16 Jahre alten Originalausgabe erscheint hier unglücklich, weil sie den in Verkehrskreisen mittlerweile üblichen Bezeichnungen nicht mehr entspricht. Der Begriff „Manuelle Funktionsanalyse“ war seinerzeit in Deutschland von Bumann und Groot-Landeweer eingeführt worden. Die Entwicklung der Untersuchungstechniken geht aber auf eine Vielzahl internationaler Autoren, vornehmlich in den Niederlanden, zurück. Die Autoren sind in der Einleitung des Kapitels sorgfältig aufgeführt, die genannten Publikationen sind im Literaturverzeichnis des Atlas allerdings vielfach nicht enthalten. Seinerzeit gab es vorübergehend die Vorstellung, die klinische Funktionsanalyse durch die neuen „manuellen“ Untersuchungstechniken zu ersetzen, daher resultierte denn auch der Begriff der „Manuellen Funktionsanalyse“. Aus den Ergebnissen der auch in dem Atlas zitierten Forschungsarbeiten ergibt sich aber, dass die heute unter der Bezeichnung „Manuelle Strukturanalyse“ zusammengefassten Untersuchungstechniken bei geringerer Sensitivität insbesondere eine hohe Spezifität haben. Sie eignen sich daher insbesondere als weiterführende Untersuchungen nach einer vorangehenden klinischen Funktionsanalyse. Deren wissenschaftliche Evidenz wiederum ist in der Zwischenzeit durch entsprechende Untersuchungen enorm verbessert worden. Insofern ist heute ein mehrstufiges Untersuchungskonzept etabliert, bei dem nach einem initialen CMD-Screening im weiteren Verlauf eine klinische Funktionsanalyse und auf deren Grundlage eine manuelle Strukturanalyse erfolgt. Es wäre wünschenswert gewesen, für die aktuelle Ausgabe hier eine Aktualisierung vorzunehmen. Inhaltlich sind die entsprechenden Abschnitte gleichwohl lesenswert. Die Abbildungen gehören seit der Erstpublikation zum internationalen Standard in der diesbezüglichen Diagnostik.

Ein Highlight ist das nachfolgende Kapitel zur bildgebenden Diagnostik, in dem die verschiedenen Untersuchungsverfahren, ihre Stärken, Schwächen, Besonderheiten eindrucksvoll beschrieben werden. Wer einen Atlas zur Anatomie des Kiefergelenks in magnetresonanztomografischen Darstellungen sucht, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Insbesondere der Bezug der Position von Kondylus, Diskus und Fossa zur damit abgebildeten Position des Unterkiefers ist beispielhaft und findet derzeit seine Entsprechung in der neuen Leitlinie der DGFDT und zahlreicher anderer Fachgesellschaften zur instrumentellen Funktionsanalyse (dort Abschnitt II).

Auf Seite 201 fängt der Buchabschnitt zur instrumentellen Funktionsdiagnostik an, beginnend mit einem Kapitel zur Modellherstellung, gefolgt von Hinweisen zur Kieferrelationsbestimmung, zur Modellmontage im Kausimulator (Artikulator) sowie zur Auswertung der Kieferposition mittels Modellmontage und Kondylenpositionsanalyse. Auch hier ist das Buch illustrativ und einprägsam. Es folgen Abschnitte zum diagnostischen Aufwachsen, zur Bewegungsaufzeichnung und deren Auswertung mittels mechanischer und elektronischer Aufzeichnungsverfahren. Die Darstellungen sind gut nachvollziehbar und ermöglichen eine hervorragende Vorbereitung auf Fortbildungskurse bzw. dienen deren Rekapitulation.

Im Verhältnis zum Gesamtumfang des Buchs ist der Abschnitt zur Funktionstherapie, deren Grundlage ja die Diagnostik sein sollte, vergleichsweise klein. Auf den Seiten 301 bis 322 werden schließlich verschiedene Therapieprinzipien dargestellt.

Insgesamt ist der Farbatlas insofern eher eine Referenz zu den verschiedenen Verfahren der Funktionsdiagnostik, auf dem Stand des Jahres 2000, in einer preiswerten Ausgabe. Wer am Thema Funktionsdiagnostik interessiert ist und den Atlas in der Originalausgabe noch nicht hat, kommt an der kartonierten Sonderausgabe nicht vorbei.


(Stand: 15.04.2017)

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