Ausgeprägte Oligodontie

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Franziska Hensel, Dr. Thomas Barth, Christian Barth, Dr. Anke Steiniger

Warum Sie diesen Beitrag lesen sollten?

Auf Aplasien permanenter Zähne trifft man im Praxisalltag häufiger. Wenn es sich dabei um eine ausgeprägte Form handelt, ist ein interdisziplinäres Behandlungskonzept notwendig. Dieser Fall soll zeigen, wie wichtig die Planung und die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche sind und wie individuell mit solchen Fällen umgegangen werden muss, damit das Ergebnis sowohl funktionell als auch ästhetisch optimal gestaltet werden kann.

Hintergrund: In diesem Fall wird eine damals 12-jährige Patientin, die eine multiple Aplasie mit 17 fehlenden permanenten Zähnen und ebenso der Nichtanlage aller 4 Weisheitszähne aufwies, vorgestellt. Die Situation erforderte eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie eine umfassende und lange Behandlung .

Methode: Nach Abschluss der Kieferorthopädie und daraus resultierender Lückenöffnung für Implantate erfolgte eine Stabilisierungsphase, da die Patientin noch zu jung für die geplante Implantation war. 5 Jahre nach Behandlungsbeginn begann die eher zurückhaltende Implantation. Nach der Einheilungsdauer von ca. 3 Monaten bekam die Patientin Langzeitprovisorien auf die vorhandenen Seitenzähne und die eröffneten Implantate, da die vorgenommene Bisshebung zunächst stabilisiert werden sollte. 6 Monate später wurde die Patientin dann mit dem definitiven Zahnersatz versorgt.

Ergebnis und Schlussfolgerung: Bei der Patientin konnte trotz der umfangreichen Aplasie ein funktionell und ästhetisch höchst zufriedenstellendes Ergebnis erzielt werden.

Um frühzeitig ein individuelles Behandlungskonzept erstellen zu können, ist eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche dringend erforderlich. Ein zu beachtender Aspekt ist zudem das junge Alter der Patientin, das ein minimalinvasives Vorgehen fordert.

Schlüsselwörter: Aplasie; Oligodontie; Kieferorthopädie; Implantation; Behandlungskonzept

Zitierweise: Hensel F, Barth T, Barth C, Steiniger A: Ausgeprägte Oligodontie ? Komplexe orale Rehabilitation einer Patientin. Z Zahnärztl Implantol 2018; 34: 206?210 DOI 10.3238/ZZI.2018.0206?0210

 

EINLEITUNG

Die Aplasie von Zähnen der permanenten Dentition ist eine der häufigsten dentalen Anomalien des Menschen [3, 8]. Eine Differenzierung der Aplasie erfolgt unter den Begriffen Hypodontie, Oligondontie und Anodontie.

Die Anodontie beschreibt das Fehlen aller Zähne und die Hypodontie das Fehlen von bis zu 5 Zähnen einer Dentition. Letztere betrifft ca. 4–5 % der Bevölkerung mit Ausnahme der dritten Molaren [2]. Bei der Oligodontie handelt es sich um eine Aplasie von mehr als 6 Zähnen im permanenten Gebiss exklusive der Weisheitszähne mit einer Häufigkeit von ca. 0,14 % [4, 5].

Diese Diagnose erfordert eine frühzeitige und umfassende interdisziplinäre Behandlung. Wichtig ist dabei, eine möglichst minimalinvasive Therapie zu planen, damit letztlich wenig Implantate für die definitive Versorgung notwendig werden. Zuerst muss entschieden werden, welche Lücken kieferorthopädisch geschlossen oder auch geöffnet werden können. Da eine Implantation erst nach abgeschlossenem Gesichtswachstum empfohlen wird, ist meistens auch eine provisorische Versorgung der Lückensituation bis zu diesem Zeitpunkt notwendig. Bei Frauen ist dieser Zeitpunkt im Durchschnitt mit dem 17. Lebensjahr und bei Männern mit dem 21. Lebensjahr erreicht [1]. Bei Abwägung der Therapiemöglichkeiten ist daher eine enge Absprache zwischen Kieferorthopädie, Chirurgie und Prothetik nötig.

Die Leitlinie der DGI zu Zahnimplantatversorgungen bei multiplen Zahnnichtanlagen und Syndromen gibt Empfehlungen zur kaufunktionellen Rehabilitation von Patienten mit Aplasien unter Verwendung von Implantaten bzw. weist ebenso auf andere mögliche Therapieoptionen hin.


FALLBESCHREIBUNG

Im Juni 2011 wurde eine 12-jährige Patientin von ihrem Hauszahnarzt in unsere Praxis überwiesen, da sie eine stark ausgeprägte Oligodontie mit 17 fehlenden permanenten Zähnen und ebenso der Nichtanlage aller 4 Weisheitszähne aufwies. Anamnestisch auffällig war, dass es sich um ein Drillingskind handelte. Ihre Schwester hatte eine Nichtanlage von 12 und 22, und ihr Bruder hatte eugnathe Bissverhältnisse mit 32 Zahnanlagen. Wunsch der Mutter war vor allem eine minimalinvasive Therapie mit möglichst wenig Implantaten.

Klinisch zeigte sich die ausgeprägte Aplasie folgender Zähne: 18–14, 12, 22, 25, 27, 28, 38, 37, 35, 32–42, 44, 45, 47 und 48. Persistierende Milchzähne waren zu diesem Zeitpunkt 55, 54, 53, 65, 75, 74, 72, 82, 83–85 (? Abb. 1, 2). Die Patientin hatte zudem eine Angle-Klasse II/1 mit traumatischem Tiefbiss und großer sagittaler Stufe. Auch typische Symptome der Oligodontie, wie Anomalien in Zahnform und Zahngröße, waren im klinischen Befund ersichtlich.

Nach der Vorstellung bei der Kieferorthopädin erfolgten zunächst die Unterkiefer-Vorverlagerung, eine Bisshebung und eine Harmonisierung des Gesichtsprofils mit einem Bionator.

Anfang 2013 wurde erneut ein Orthopantomogramm angefertigt, und nach Absprache mit der behandelnden Kieferorthopädin wurden die Patientin und ihre Mutter über das weitere Behandlungskonzept aufgeklärt (? Abb. 3). Sie sollte eine Multibracketbehandlung erhalten, um für die spätere Implantatversorgung einige Lücken zu öffnen. Dafür wurden im Mai 2013 die persistierenden Milchzähne 53, 54, 63 und 84 entfernt. Ziel der kieferorthopädischen Therapie waren die Aufrichtung von Zahn 11 und 21 und die Distalisierung von 13, 23 und 43, um die Lücken für die spätere Implantation Regio 12, 22 und 42 zu öffnen.

In regelmäßiger Absprache mit der Kieferorthopädin und der Patientin wurde der Verlauf der Behandlung kontrolliert und gesteuert. Da die Patientin mit 16 Jahren noch zu jung für eine Implantation war, musste zunächst das Ergebnis stabilisiert werden. Dazu empfiehlt sich eine kieferorthopädisch kombinierte, temporäre Lückenversorgung. Im März 2015 wurde ein Langzeitprovisorium in Form einer einflügeligen Klebebrücke an 13 und 23 zum Ersatz von 12 und 22 befestigt und gleichzeitig die Multibandapparatur zur Stabilisierung belassen (? Abb. 4).

Nach ca. 1,5 Jahren wurden ein präimplantologisches Orthopantomogramm und ein Fotostatus erstellt (? Abb. 5–7) und die implantologische Auswertung und Planung mit der Patientin und ihrer Mutter besprochen.

Im Oktober 2016 erfolgten die umfassende Implantation des Ober- und Unterkiefers mittels „Camlog Screw-Line Promote Plus“-Implantaten (Regio 14 : Ø 3,8 Länge 13 mm, Regio 12 : Ø 3,8 Länge 16 mm, Regio 22 : Ø 3,3 Länge 16 mm, Regio 33 : Ø 3,8 Länge 16 mm, Regio 31 : Ø 3,8 Länge 16 mm, Regio 42 : Ø 3,8 Länge 16 mm, Regio 44 : Ø 3,8 Länge 16 mm) sowie die Extraktion von 81, 83, 71 und 73 (? Abb. 8). Implantiert wurde im Oberkiefer Regio 14, 12 und 22 in Verbindung mit lateralen Augmentationen (Geistlich Bio-Oss und Bio-Gide) und einem internen Sinuslift Regio 14. Im Unterkiefer wurde in Regio 42 und 31 in distaler Position implantiert. Da durch die kieferorthopädische Therapie 33 mesialisiert und 43 distalisiert wurde, erfolgte in der Regio 33 und in etwas mesialer Position Regio 44 eine weitere Implantatinsertion mit zeitgleicher lateraler Augmentation (Geistlich Bio-Oss und Bio-Gide).

In einer Folgesitzung bekam die Patientin die Langzeitprovisorien in Form zweier Flügelbrücken im Oberkiefer zum Ersatz von 12 und 22 und einer Frontzahnbrücke im Unterkiefer zum Ersatz von 32–42 eingesetzt.

Nach komplikationsloser Einheilung wurde im Januar 2017 die Eröffnung der Implantate mit gleichzeitiger Weichgewebsplastik in Form einer supraperiostalen Verschiebelappenplastik von palatinal nach bukkal durchgeführt. Zur selben Zeit wurden die Implantate zur Ausheilung des Weichgewebes und zur Verbesserung des ästhetischen Ergebnisses mit PEEK-Kronen versorgt. Gleichzeitig erfolgte die komplette kieferothopädische Entbänderung. Da die Patientin aufgrund der jahrelang fehlenden Seitenzahnabstützung im Biss um ca. 2 mm gehoben werden musste, erfolgte ebenso in diesem Zusammenhang die Stabilisierung der Bisshebung mit provisorischen Non-Prep-Onlays auf den Zähnen 55, 13, 23, 24, 65, 26, 75, 36 und 85. Die Zähne 11 und 21 wurden zur Verbesserung des ästhetischen Ergebnisses mittels Kompositfüllungen verbreitert und verlängert (? Abb. 9).

Die anschließende Phase einer Stabilisierung des insbesondere kieferorthopädischen Behandlungsmarathons halten wir für essenziell, vor allem da sich erst jetzt bei der noch jungen Patientin ein Äquibrillium der kaufunktionellen Führung und Belastung des Ober- und Unterkiefers in dieser provisorischen Behandlungsphase einstellen kann.

Deshalb begann für die Patientin erst nach ca. 6 Monaten die definitive Zahnersatzbehandlung. Die Versorgung der Implantate regio 14, regio 33, 44, 42 erfolgte mittels individualisierter Abutments und e.max-Kronen und in regio 31 mittels einer e.max-Krone mit mesialem Anhänger. Die Implantate 12 und 22 wurden mit Zirkonabutments und Zirkonkronen versorgt. Die provisorischen Onlays wurden nach einer minimalinvasiven Präparation durch Keramik-Teilkronen ersetzt (? Abb. 10–14).

Ausgehend von der Ausgangssituation konnte für die Patientin eine hochwertige und ästhetische Versorgung realisiert werden, mit der sie sehr zufrieden ist.


FAZIT

Im vorliegenden Fall zeigt sich, wie wichtig eine frühzeitige Erarbeitung des äußerst individuellen Behandlungskonzepts sowie eine sehr enge interdisziplinäre Zusammenarbeit sind, um für die Patientin das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Gerade bei Patienten mit ausgeprägten Aplasien erfordert die Therapie oftmals umfassende und langwierige Behandlungen. Nichtanlagen sind frühzeitig erkennbar, und die Implantation wird frühestens ab dem 17. Lebensjahr empfohlen. Wird vorher eine Implantation angestrebt, ist diese in der Regel je nach Kieferregion komplizierter und risikobehafteter als bei Erwachsenen. Grund dafür sind die ankolytische Einheilung und die in den darauffolgenden Jahren mögliche Infraokklusion der Implantate infolge fehlenden Kieferwachstums des betroffenen Bereichs [7|. Im Vergleich der Implantatüberlebensraten bei vorhandenen Nichtanlagen zeigte sich bei Kindern bis 12 Jahren mit 72,4% und bei Patienten von 12–18 Jahren mit 93 % eine schlechtere Überlebensrate als bei jungen Erwachsenen ab dem 18. Lebensjahr mit 97,4 %. Die Prognose von Zahnimplantaten ab dem 18. Lebensjahr bei Patienten mit multiplen Aplasien gleicht somit der von normal bezahnten Erwachsenen [6].

Aufgrund des jungen Alters sollten auch stabile, persistierende Milchzähne in die definitive Versorgung eingebunden werden, damit die Therapie möglichst minimalinvasiv erfolgen und die Implantatzahl – ggf. vorerst – reduziert werden kann.

Außerdem empfehlen wir nach einer immer langwierigen kieferorthopädischen und ggf. chirurgischen Therapie unbedingt eine ausreichende Stabilisierungsphase, zunächst mittels u.U. kombiniert kieferorthopädisch und prothetisch langzeittherapeutischer Lückenversorgung. Hat sich das individuelle kaufunktionelle Äquibrillium der Patienten eingestellt, können die Patienten definitiv versorgt werden. Das längere Verweilen von Retainern, vor allem im OK-Frontbereich, ist in derartigen Behandlungsfällen u.U. ebenso indiziert.

Trotz der umfangreichen Aplasien konnte in diesem doch sehr speziellen Behandlungsgeschehen dank einer sehr guten interdisziplinären Zusammenarbeit ein höchst ästhetisches und funktionelles Ergebnis erzielt werden.

Interessenkonflikt: Die Autorin Franziska Hensel und die Co-Autoren Dr. Christian Barth, Dr. Thomas Barth sowie Dr. Anke Steiniger geben an, dass kein möglicher Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Beitrag besteht.?

Literatur

Fudalej P, Kokich VG, Leroux B: Determing the cessation of vertical growth of the craniofacial structures of facilitate placement of single-tooth implants. AM J Orthod Dentofacial Orthop 2007; 131 (Suppl): 59–67

Harzer W: Lehrbuch der Kieferorthopädie. München: Hanser Fachbuch, 1999; 222

Nunn JH, Carter NE, Gillgrass TJ et al.: The interdisciplinary management of hypodontia: background and role of paediatric dentistry. Br Dent J 2003; 194: 245–251

Pannu P, Galhotra V, Ahluwalai P, Gambhir RS: Non-Syndromic Oligodontia in permanent Dentition. Ghana Medical Journal 2014; 48: 173–176

Schalk-van der Weide Y: Oligodontia. A clinical, radiographic and genetic evaluation. Thesis 1992; The Netherlands: University of Utrecht

Terheyden H, Wüsthoff F: Occlusal rehabilitation in patients with congenitally missing teeth-dental implants, conventional prosthetics, tooth autotransplants, and preservation of deciduous teeth – a systematic review. Int J Implant Dent 2015; 1: 30

Thilander B, Odman J, Lekholm U: Orthodontic aspects of the use of oral implants in adolescents: a 10-year follow-up study. Eur J Orthod. 2001; 23: 715–731

Vastardis H: The genetics of human tooth agenesis: new discoveries for understanding dental anomalies. Am J Orthod Dentofacial Orthop 2000; 117: 650–656

 

 

 


(Stand: 17.09.2018)

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