Prospektive Implantation bei Kindern und Jugendlichen

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Dr. M.Sc. M.Sc. Jan Tetsch

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In der Implantologie sind die Therapieansätze bei adulten und adoleszenten Patienten widersprüchlich. In dem Artikel wird gezeigt, dass mit der prospektiven Implantation bei präziser Planung ein langfristig perfektes Ergebnis auch bei frühzeitiger Implantation erzielt werden kann. Jeder Kollege wird das Problem Frontzahntrauma oder Nichtanlage bei Kindern und Jugendlichen aus seiner eigenen Klientel kennen ?

unstrukturierte, lang andauernde Therapieformen haben häufig ein unbefriedigendes Ergebnis.

Zusammenfassung: Zu dem umstrittenen Thema dentale Implantate im Wachstum wurde vor 15 Jahren ein interdisziplinäres Konzept entwickelt, das zu positiven funktionellen und ästhetischen Ergebnissen im Oberkieferfrontzahnbereich führen sollte. Das chirurgische Vorgehen und die Positionierung der Implantate wurden in Abänderung der anerkannten Regeln für Erwachsene so modifiziert, dass das zu erwartende Kieferwachstum berücksichtigt wurde. Im Adoleszentenalter von 12–17 Jahren wurden bei Nichtanlagen und nach traumatischem Zahnverlust 179 Implantate im Oberkieferfrontzahnbereich inseriert. Halbjährliche Kontrolluntersuchungen mit einer standardisierten Fotodokumentation erlaubten eine Beurteilung des Verlaufs. Bei 46 Patienten mit 67 Implantaten konnten bisher die Untersuchungen bis zum Abschluss des Wachstums durchgeführt und ausgewertet werden. Die Ergebnisse der fotometrischen Analyse zeigen, dass im Vergleich zu den korrespondierenden Zähnen während der Wachstumsphase gewisse ästhetische Kompromisse eingegangen werden müssen, dass aber nach abgeschlossenem Kieferwachstum in allen Fällen im Vergleich der weißen und roten Ästhetik keine signifikanten Unterschiede zu den korrespondierenden Zähnen bestanden. Vor allem bei frühzeitiger Implantation sind in dem Therapiekonzept eingeplante mehrfache Änderungen der prothetischen Versorgung oder Neuanfertigungen der Kronen erforderlich. Die bisherigen Ergebnisse sind sehr ermutigend und sprechen für das neu entwickelte Behandlungskonzept. Auch die Patienten, die sich noch in der Wachstumsphase befinden, zeigen einen bislang positiven Verlauf.

Schlüsselwörter: dentale Implantate im Wachstum; weiße und rote Ästhetik (WES/PES); fotometrische Analyse; Nichtanlagen; traumatischer Zahnverlust; psychosoziale Entwicklung

Zitierweise: Tetsch J: Prospektive Implantation bei Kindern und Jugendlichen. Z Zahnärztl Implantol 2018; 34: 196?204. DOI 10.3238/ZZI.2018.0196?0204

 

EINLEITUNG UND PROBLEMSTELLUNG

Nichtanlagen der seitlichen oberen Schneidezähne und ein traumatischer Zahnverlust sind bei Kindern und Jugendlichen die häufigsten Ursachen für Lücken im Oberkieferfrontzahnbereich [2]. Das Fehlen der Zähne hat vielfältige Folgen, die neben der eingeschränkten Funktion vor allem die Entwicklung des Alveolarfortsatzes, die Ästhetik und die psychosoziale Entwicklung der Kinder bzw. der jugendlichen Patienten betreffen. Die verschiedenen konservativen Versorgungsmöglichkeiten wie herausnehmbarer Zahnersatz oder Adhäsivbrücken sind häufig unbefriedigend und können das Problem der fortschreitenden Atrophie infolge Funktionslosigkeit in der betroffenen Region nicht verhindern [26].

Konventionelle und implantatprothetische Versorgungen vor Abschluss des Kieferwachstums bergen Risiken, da die betroffenen Kieferabschnitte den komplexen dreidimensionalen Kiefer- und Alveolarfortsatzentwicklungen nicht folgen [2, 21, 22]. Daraus können erhebliche funktionelle und ästhetische Nachteile entstehen. Westwood und Duncan [33] sowie Bernard et al. [8] konnten in retrospektiven Studien in einem mehrjährigen Beobachtungszeitraum eine Infraokklusion implantatgetragener Kronen beobachten. Erschwerend kommt hinzu, dass das individuelle Wachstum nur schwer abzuschätzen ist. Diese Risiken haben zu Empfehlungen geführt, erst nach dem 18. Lebensjahr zu implantieren [18, 21, 23]. Demgegenüber stehen positive morphologische und psychosoziale Aspekte einer frühzeitigen Implantation.

Nach Untersuchungen von Björk und Skieller [9] beginnt in der frühen Kindheit das transversale Wachstum des Oberkiefers mit der Verbreiterung der Schädelbasis und dem Wachstum im Bereich der Sutura medialis. Dieser Prozess ist mit der Pubertät weitgehend abgeschlossen. Implantationen vor dem 9. Lebensjahr können zu einem Diastema führen [10, 17]. Das sagittale Wachstum führt zu einer Abwärts- und Vorwärtsentwicklung des Oberkiefers und kann Fehlpositionen bereits gesetzter Implantate zur Folge haben. Das vertikale Wachstum umfasst Veränderungen der Orbita, der Kiefer- und Nasenhöhle und ist als Letztes abgeschlossen [12]. Es wird stark beeinflusst durch den genetisch festgelegten Gesichtstyp (lang oder kurz). Implantate, die vor dem Abschluss des vertikalen Wachstums inseriert werden, können sich später in der Kiefer- oder Nasenhöhle befinden [33]. Ein weiteres Problem besteht darin, dass das Wachstum in individuell sehr unterschiedlichen Phasen abläuft und durch eine kieferorthopädische Behandlung und durch Muskelaktivitäten (z.B. M. masseter) beeinflusst werden kann. Während der Pubertät sind besonders starke Wachstumsschübe zu erwarten. Das Alter der Patienten ist also nicht das alleinige Kriterium bei einer Entscheidung für oder gegen eine Implantation. Es bedarf einer intensiven Planung und einer interdisziplinären Zusammenarbeit, um den richtigen Zeitpunkt festzulegen [19, 32]. Dazu stehen Kinderärzten, Kinderzahnärzten, Kieferorthopäden, Implantologen und Prothetikern Leitlinien und diagnostische Hilfsmittel zur Verfügung, die gemeinsam zu einem Behandlungsplan und Konzept im Sinne des Patienten führen sollen.

Die implantatprothetische Versorgung bei Fehlen von Zähnen nach Trauma oder bei Aplasien ist im Wachstum wegen vieler ästhetischer Misserfolge umstritten. Besonders bei traumatischem Zahnverlust wird die implantatprothetische Versorgung daher meist auf das Wachstumsende verschoben. Im ästhetisch sensiblen Bereich ergeben sich aber aus der oft langen unversorgten Zeit viele nachhaltige Probleme, die bei frühzeitiger Implantation eventuell verhindert werden könnten. Die Abbildungen 1a–f zeigen einen ausgedehnten Defekt, der nach Trauma im Alter von 11 Jahren mit Verlust der Zähne 11–22 und einer 25 Jahre dauernden provisorischen Versorgung mit einer Drahtbogenkunststoffprothese versorgt war. Die morphologischen Defekte durch die Inaktivitätsatrophie sind visualisiert und führen im Alter von 36 Jahren zu einer implantatchirurgischen Herausforderung, die ohne Kompromisse in der Ästhetik nicht durchführbar ist. Eine frühzeitige Implantation hätte zu einem deutlich besseren Ergebnis geführt.

Für die Implantation in der Oberkieferfront bei Erwachsenen sind Standards erarbeitet worden, die bei strikter Einhaltung zu vorhersehbaren ästhetischen Ergebnissen führen [4, 11]. Wenn diese Regeln bei Adoleszenten umgesetzt werden, kann allerdings nicht langfristig mit einem positiven Ergebnis gerechnet werden. Die Implantate persistieren im Wachstum an der eingebrachten Stelle (Abb. 3c) und nehmen am Wachstum des Alveolarfortsatzes wie ankylosierte Zähne nicht teil

(? Abb. 3a, b). Dies führt dann zu den bekannten Bildern mit den zu kurzen Inzisalkanten und dem zu weit kranial verlaufenden Emergenzprofil (Abb. 3c).

Bei Erwachsenen ist im Vergleich zu adoleszenten Patienten ein absolut konträres Behandlungsprozedere als Standard festzustellen. Frühzeitige Maßnahmen wie Socket Preservation mit autologem Knochen oder Knochenersatzmaterialien, Weichgewebsmanagement mit freien oder gestielten Transplantaten sind ebenso Standardkonzepte wie Sofortimplantationen. Alle Maßnahmen dienen dazu, die Atrophie des Hart- und Weichgewebes zu vermeiden oder nach Verlust schnell zu ersetzen. Bei der Sofortimplantation steht der Strukturerhalt im Vordergrund. Durch die Sofortimplantation wird der Alveolenkollaps vermieden, und die Papillen, die bei Zahnverlust noch vorhanden sind, werden über die Implantatschulter und eine intakte Knochenunterlage frühzeitig gestützt.

In derselben Indikation wird bei adoleszenten, also im Wachstum befindlichen Patienten je nach Alter auf das Wachstumsende verwiesen. Ungünstige Provisorien und der funktionell nicht belastete Knochen führen in kurzer Zeit zu einem Wachstumsstillstand und einer Inaktivitätsatrophie, die immer in analoger Weise abläuft. Nach dem Zahnverlust ohne weitere Therapie erfolgen zunächst ein Wachstumsstillstand, danach der Alveolenkollaps (Abb. 1) in Form von lateraler Atrophie und zum Schluss die vertikale Atrophie (Abb. 2) mit Verlust von Weichgewebe und Attachment an den benachbarten Zähnen. Unbehandelt kippen die Nachbarzähne in die Lücke, Antagonisten elongieren und je nach Alter oder Wachstumsschub der durchbrechenden bleibenden Zähne erfolgt ein Mesialschub der gesamten distalen Zähne. Daraus entstehen Asymmetrien und eventuell später funktionelle Probleme. Besonders die Eckzähne haben in der Front-Eckzahnführung eine besondere Position und Stellung und sollten ihre genetisch festgelegte Position nicht verlassen. Ästhetisch ist der Eckzahn an der Position des seitlichen Schneidezahns ebenfalls sehr unbefriedigend (? Abb. 4). Häufig persistieren die Milchzähne bei Nichtanlagen in der Eckzahnregion, und die bleibenden Eckzähne gehen mit ihrer Tendenz der Mesialwanderung spontan in die Position der nichtangelegten seitlichen Schneidezähne. Eine reguläre implantatprothetische Versorgung ist mit Distalisierung der Eckzähne zeitaufwendig. Eine frühzeitige Intervention ist für eine spätere Versorgung sinnvoll.

Das Wachstum des Alveolarfortsatzes ist abhängig vom Wachstum vitaler bleibender Zähne. Im Oberkieferfrontbereich dirigiert der mittlere obere Inzisivus das Wachstum des entsprechenden Areals des Zwischenkiefers. Eine Devitalisierung durch Trauma oder Wurzelkanalbehandlung führt zu einem Wachstumsstillstand des Bereichs und beeinflusst auch den seitlichen Schneidezahn. Auch ein Zahnverlust führt primär zu einem Wachstumsstillstand und sekundär zur Inaktivitätsatrophie mit den oben beschriebenen Folgen (Abb. 2a, b; 3a, b)


ENTWICKLUNG EINES THERAPIEKONZEPTS

Das Hauptproblem bei der Implantation im Wachstum ist die Einschätzung des noch ausstehenden skelettalen Wachstums und des Wachstums des Alveolarfortsatzes. Das skelettale Wachstum ist genetisch festgelegt, kann aber durch frühzeitige funktionskieferorthopädische Maßnahmen beeinflusst werden. Das skelettale Wachstum verläuft unterhalb des Alveolarfortsatzes, betrifft primär die Kieferbasis und nur sekundär den zahntragenden Kieferbereich. Der Alveolarfortsatz wird ausgeprägt durch das Wachstum vitaler bleibender Zähne; bei Anodontie findet man keine Ausbildung des Alveolarfortsatzes.

Es existieren 3 Wachstumsmuster. Der vertikale oder dolichofaziale Typ, der horizontale oder brachiofaziale Typ und der mesiofaziale Typ als Mischform von Wachstumsmuster 1 und 2. Der vertikale oder dolichofaziale Wachstumstyp ist für eine frühzeitige Implantation weniger geeignet, während der horizontale oder brachiofaziale Typ günstige Voraussetzungen bietet. Beide Typen liegen in 12,5 % der europäischen Bevölkerung vor und in je 2,5 % in extremer Ausprägung. 75 % der Bevölkerung zeigen mit dem mesiofazialen Wachstum eine Mischung aus beiden Wachstumsmustern. Zusätzlich existiert die sagittale Wachstumstendenz, die aber selten als hervorstechender Typ primär vorhanden, sondern Teil der beiden vorgenannten Wachstumstypen ist. Die Wachstumstypen spielen eine wichtige Rolle bei der Modifizierung der Implantatposition im Raum. Neben den Wachstumsmustern ist die Rotation der Oberkieferfront von großer Bedeutung. Die Rotation im oder gegen den Uhrzeigersinn (clockwise (cw); counterclockwise (ccw)) bestimmt maßgeblich die vestibulo-orale Position des Implantats und den Implantatinsertionswinkel. Clockwise bedeutet eine palatinale, steile Stellung und counterclockwise eine vestibuläre und flache Position des Implantats (? Abb. 6). Um möglichst viele Daten zu sammeln, wurde eine Checkliste entwickelt, die bei der Therapieplanung unterstützen soll.


OPERATIVES VORGEHEN

Das Konzept der prospektiven Implantation wird wie folgt durchgeführt: Bei einem Zahnverlust infolge eines Traumas oder einer asymmetrischen Nichtanlage folgt frühzeitig eine kieferorthopädische Therapie zur Stabilisierung der Lücke und Harmonisierung des Zahnbogens. Die Therapie beginnt direkt nach dem Zahnverlust, um unkontrollierte Zahnwanderungen zu vermeiden. Nach dem pubertären Wachstumsschub, frühestens ab dem 12. Lebensjahr, wird nach individueller und interdisziplinärer Diagnostik implantiert. Die Implantatposition bei Adoleszenten zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr wird anders als bei Erwachsenen bestimmt. Die ideale Implantatposition bei Erwachsenen haben Buser, Martin und Belser 2004 erstmals beschrieben und bis 2018 modifiziert [5]. Beschrieben werden die mesio-distale, die vestibulo-orale, die apiko-koronare Positionierung und der Winkel des Frontzahnimplantats bei adulten Patienten. Bei der Implantation im wachsenden Kiefer wurde in dem entwickelten Konzept versucht, die Regeln für die Implantatposition mit einigen Modifikationen auf die Adoleszenten zu übertragen.

Die Position der Implantate in mesio-distaler Ausrichtung entspricht der Positionierung der Implantate wie in der 1. Regel nach Buser, Martin und Belser [5].

Die vestibulo-orale Positionierung muss so modifiziert werden, dass das Wachstumsmuster des Mittelgesichts berücksichtigt wird. Bei einem clockwise (cw) Wachstum – im Uhrzeigersinn – muss die Implantatposition weiter palatinal gewählt werden, da das Mittelgesicht und die natürlichen Zähne sich im weiteren Wachstum nach palatinal entwickeln. Das Ausmaß ist bei jedem Patienten individuell und kann bis zu 3 mm betragen. Eine reguläre Implantatpositionierung – wie von Buser, Martin und Belser beschrieben – würde nach Abschluss des Wachstums zu einer zu weit vestibulären Position des Implantats mit entsprechenden Problemen des Emergenzprofils und der prothetischen Versorgung führen [5]. Bei einem counterclockwise Wachstum – gegen den Uhrzeigersinn – entwickelt sich das Mittelgesicht bei den Adoleszenten nach vestibulär, die Implantatposition muss dementsprechend nach vestibulär modifiziert werden. Eine Palatinalstellung des Implantats kann extreme Platzprobleme interokklusal mit sich bringen. Dies macht eine prothetische Versorgung in einem Neutralgebiss unmöglich und würde zwangsläufig entweder zu einer Segmentosteotomie oder einer Explantation führen.

Die 3. Regel von Buser, Martin und Belser betrifft die apiko-koronare Position. Auch diese Regel muss bei den Adoleszenten an das Wachstumsmuster angepasst werden [5]. Das brachiofaziale Wachstumsmuster bedeutet die Ausbildung eines breiten Gesichts und eine niedrige Gesichtshöhe. Das Wachstum ist damit in der vertikalen Position geringer und kann der Position der Erwachsenimplantation ähneln, wenn es sich nur in die Breite entwickelt.

Das dolichofaziale Wachstumsmuster bildet ein schmales Gesicht mit hoher Gesichtshöhe aus. Bei ihm besteht die Gefahr einer vertikalen Fehlpositionierung, wenn die vertikale Mittelgesichtsentwicklung durch das Wachstum der vitalen bleibenden Zähne und dadurch bedingt – metrisch schwer vorhersagbar – vertikales Wachstum des Alveolarfortsatzes stattfindet. Das gesetzte Implantat hat keinen Einfluss auf das Wachstum des Alveolarfortsatzes, und die Position verändert sich in diesem Areal des Kiefers nicht weiter. Mit der Insertion des Implantats ist die Position ohne chirurgische Therapien wie Segmentosteotomie oder Distraktionsosteogenese dauerhaft festgelegt. Dieser Wachstumstyp und die persistierende vertikale Position des Implantats sind das scheinbar größte Problem bei der Implantation im adoleszenten Kiefer. Die metrische Vorhersagbarkeit, um wie viele Millimeter der Alveolarfortsatz in Kombination mit dem skelettalen Wachstum der Kieferbasis Wachstumspotenzial hat, ist bis heute nicht geklärt, beträgt nach dem pubertären Wachstumsschub aber nur noch wenige Millimeter. Vor dem pubertären Wachstumsschub wurden bis 19 mm Wachstum beschrieben. Die Implantatposition sollte so weit kaudal gesetzt werden, wie es die augmentativen Verfahren und der Limbus alveolaris der benachbarten Zähne zulassen. Das Implantat überragt den Alveolarfortsatz nach kaudal und wird mit GBR-Technik überaugmentiert.

Als Standardimplantat hat sich das durchmesserreduzierte „Straumann Bonelevel Roxolid“-Implantat bewährt, das auch im Oberkieferfrontzahngebiet zugelassen ist. Mit dem durchmesserreduzierten Implantat kann man über individuelle Abutments das Durchtrittsprofil steuern.

Mit den aus der interdisziplinären Zusammenarbeit gewonnenen Informationen wurden für jeden betroffenen Patienten eine individuelle Implantatposition und ein geeigneter Zeitpunkt ermittelt. Die Implantatposition sollte so gewählt werden, dass Symmetrien im Emergenzprofil und der Zahnkronen nach Abschluss des Wachstums bestehen (Abb. 5a–f).


ERGEBNISSE

Eine fotometrische Analyse [28] erfolgte nach dem Eingliedern der Implantatkrone und zum Zeitpunkt der letzten Kontrolluntersuchung nach dem Abschluss des Kieferwachstums. Die Patienten waren zum Zeitpunkt der Versorgung durchschnittlich 14,8 Jahre und bei der Abschlussuntersuchung 23,3 Jahre alt.

Die Implantatkronen und die natürlichen Zahnkronen der korrespondierenden natürlichen Zähne nach einem traumatischen Verlust eines mittleren Schneidezahns wurden im gopgiX-Programm vermessen (Abb. 7). Bestimmt wurden Kronenlänge und -breite und daraus wurde das Breiten-Längen-Verhältnis errechnet. Bewährt hat sich bereits in früheren Untersuchungen auch die Kronenfläche zur Beurteilung der weißen Ästhetik. ? Abbildung 8 zeigt die Auswertung der Zahnkronenlänge, die auf der Ordinate in Millimetern angegeben ist. Nach dem Eingliedern der Implantatkrone ist diese Zahnkrone erheblich kürzer als die des korrespondieren Zahns. Die Differenz der Länge erweist sich in der statistischen Analyse als hoch signifikant (p = 0,004). Bei der Abschlussuntersuchung sind nur noch geringe (nicht signifikante) Unterschiede zu erkennen.

Ähnliches gilt für die Ermittlung des Breiten-Längen-Verhältnisses (? Abb. 9). Während sich die Werte nach dem Eingliedern der Implantatkrone im Wachstum signifikant unterscheiden (p = 0,006), sind bei der Abschlussuntersuchung keine statistisch signifikanten Unterschiede nachzuweisen (p = 0,146).

Bei den Kronenflächen beträgt der Unterschied nach dem Eingliedern 6,2 mm2 (p = 0,003). Er liegt nach dem Abschluss des Kieferwachstums noch bei 0,8 mm2 (p = 0,573) (Abb. 10).

Aus den Abbildungen wird deutlich, dass sich ähnlich positive Ergebnisse bei dem Verlauf des Marginalsaums ergeben. Nach dem Abschluss des Kieferwachstums resultieren auch bei der Beurteilung der roten Ästhetik eine Symmetrie und ein harmonisches Ergebnis.


DISKUSSION

Konventionelle Versorgungen bei Nichtanlagen oder nach einem Zahnverlust bei Kindern und Jugendlichen im Oberkieferfrontzahnbereich haben zum Teil gravierende Nachteile und nicht selten negative Folgen für die dentale und psychosoziale Entwicklung der jungen Patienten [2, 12, 29, 30, 31]. Ein gravierendes Problem ist der Knochenverlust in der betroffenen Region, der häufig nur mit aufwendigen und risikobehafteten augmentativen Maßnahmen behoben werden kann [24, 25]. Mit einer frühzeitigen Implantation kann zwar der Knochen erhalten werden, es bestehen aber ebenfalls erhebliche Risiken, da die Implantate der komplexen dreidimensionalen Kiefer- und Alveolarfortsatzentwicklung nicht folgen [21, 22]. Daraus können erhebliche funktionelle und ästhetische Nachteile entstehen. Bernard et al. [8] konnten in einer retrospektiven Studie in einem 4-jährigen Beobachtungszeitraum eine Infraokklusion implantatgetragener Frontzahnkronen beobachten. Die Überlebensrate von Implantaten, die vor dem 13. Lebensjahr inseriert wurden, lag um ca. 20 % unter derjenigen der älteren Patienten [2, 3, 26, 27]. Erschwerend kommt hinzu, dass das individuelle Wachstum nur schwer abzuschätzen ist. So kann die Mesialwanderung der Zähne bis zu 5 mm betragen [9]. Diese Risiken haben zu Empfehlungen geführt, erst nach dem 18. Lebensjahr zu implantieren [18, 21, 23]. Dem gegenüber stehen positive morphologische und psychosoziale Aspekte einer frühzeitigen Implantation. So finden sich in der Literatur zunehmend Berichte über implantatprothetische Versorgungen im Wachstumsalter. Das gilt ganz überwiegend für Patienten mit einer Oligo- oder Anodontie bei Vorliegen einer ektodermalen Dysplasie oder anderen seltenen Krankeitsbildern mit vergleichbarer Problematik [1, 3, 6, 13, 14]. Dafür ist die Datenlage aber noch unbefriedigend. Nach Yap und Klineberg [34] ergab die Analyse von 12 Studien mit 471 Patienten (eine Cross-sectional-Studie (n = 52),

3 prospektive Fallstudien (n = 197), 6 retrospektive Fallstudien (n = 104) und 2 gemischte Studien (n = 118)) bei Patienten mit ektodermaler Dysplasie eine Überlebensrate zwischen 88,5 % und 97,6 % (3 Studien mit 71 Patienten) und bei Nichtanlagen anderen Ursprungs zwischen 90 % und 100 % (178 Patienten in 5 Studien). Dabei wurde in einer Studie (n = 13) kein Unterschied hinsichtlich des Implantatüberlebens in 3 Altersgruppen gefunden (bis 11 Jahre, 11–18 Jahre, über 18 Jahre). In einer anderen Studie (n = 51 Patienten) fanden sich signifikant höhere Verlustraten, wenn die Patienten jünger als 18 Jahre waren. Heuberer et al. [14] versorgten 18 Oligodontie-Patienten mit 71 Implantaten bei einem Durchschnittsalter von 12,5 Jahren. Sie fanden eine Überlebensrate von 89 % nach 11 Jahren. Klineberg et al. [15, 16] versuchten in einer internationalen Delphi-Studie mit 11 internationalen erfahrenen Teams einen Konsens für die Rehabilitation von Kindern mit einer ektodermalen Dysplasie zu finden. Die Behandlung mit Implantaten sollte unter ethischen Aspekten im besten Interesse der Kinder gemäß der „United Nations Convention on the Rights of the Child“ durch speziell ausgebildete und erfahrene Zahnärzte aus einem multidisziplinären Team erfolgen, das die Fachrichtungen Kinderzahnheilkunde, Kieferorthopädie, Prothetik und Kieferchirurgie umfassen sollte. Ein Konsens zu dem optimalen Patientenalter für implantologische Maßnahmen konnte nicht erzielt werden.

Der Zeitpunkt der Implantation ist abhängig vom Wachstum des Patienten. Dabei spielen das Körperwachstum und der Dentitionszustand eine wichtige Rolle. Die individuelle Betrachtung der Patienten ist entscheidend, eine Verallgemeinerung und ein Festlegen auf ein bestimmtes Alter der Patienten sind nicht sinnvoll. Die Therapie hängt von dem Ausmaß der zu therapierenden Voraussetzungen, vom Zeitpunkt des Zahnverlusts und dem Ergebnis einer interdisziplinären Wachstumsanalyse ab.

Implantate im Wachstum müssen in Abweichung von den bekannten Regeln für die Frontregion [4, 8] in der Vertikalen so positioniert werden, dass das noch zu erwartende Kieferwachstum berücksichtigt wird. Auch die zu erwartende Rotation ist in vestibulo-oraler Richtung zu berücksichtigen. Mit zunehmendem Alter wird die Wachstumsanalyse einfacher und sicherer. Bei frühzeitiger Implantation sind in der Regel nur umschriebene augmentative Maßnahmen und ein kleiner chirurgischer Eingriff erforderlich, der auch bei der speziellen jungen Klientel in Lokalanästhesie bedenkenlos durchgeführt werden kann. Besonders hilfreich für die Positionsbestimmung sind die Untersuchung der Eltern und Geschwister und eine längere Beobachtung der betroffenen Patienten. Nach der Implantation werden bis zum Abschluss des Kieferwachstums klinisch im marginalen Bereich zu kurze Kronen eingegliedert und damit bewusst ästhetische Kompromisse eingegangen. Die Kronen müssen in der weiteren Wachstumsphase unter Umständen mehrfach den geänderten Verhältnissen angepasst werden. Nach eigenen Erfahrungen ist ein günstiger Zeitpunkt für die Implantation der Inzisivi die komplette Einstellung der oberen Eckzähne; damit ist ein Alter von 12 Jahren der früheste Zeitpunkt einer Implantation. Die bisherigen klinischen Erfahrungen in dieser Indikation haben gezeigt, dass mit diesem Vorgehen auch nach dem Verlust mehrerer Schneidezähne der Alveolarfortsatz erhalten und langfristig ein gutes ästhetisches Ergebnis erzielt werden kann.

Diskutiert wird häufig die Frage, ob ggf. einteilige Miniimplantate eine positive Auswirkung zur Risikominimierung ergeben können. Diese Implantate werden nach Abschluss des Wachstums durch definitive Implantate ersetzt und erfordern einen zweiten chirurgischen Eingriff. Funktionell wirken die Miniimplantate ebenfalls der Inaktivitätsatrophie entgegen, sind aber wegen des einteiligen Konzepts häufig unbefriedigend in der prothetischen Versorgung und zeigen eine erhöhte Bruchgefahr. Hilfreich können diese Implantate gerade beim dolichofazialen Wachstumsmuster sein, wenn noch viel Wachstumspotenzial zu erwarten ist.

Interessenkonflikt: Der Autor Dr. Jan Tetsch gibt an, dass im Zusammenhang mit diesem Beitrag kein möglicher Interessenkonflikt besteht. Außerhalb der eingereichten Arbeit gibt er an, Honorare für Vorträge erhalten zu haben.?

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(Stand: 17.09.2018)

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