Mensch-Implantat-Umgebung

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Dogmen, Konzepte und Werte auf dem Prüfstand bei der 23. Jahres?tagung des Landesverbandes Berlin-Brandenburg im DGI e.V.

Im sogenannten IDS-Jahr lädt der Landesverband Berlin-Brandenburg des DGI e.V. immer im Mai statt im März in die Hauptstadt ein, um implantologisch tätigen und interessierten Zahnmedizinern, aber auch Studierenden spannende neue implantologische Themen zu offerieren. Für das Motto „Mensch-Implantat-Umgebung; Dogmen, Konzepte, Werte auf dem Prüfstand“ hatte der Vorstand des Landesverbandes das sehr zentral und schön gelegene Melià Hotel in der Friedrichstraße als Tagungsort gewählt. Dieser sollte Treffpunkt für eine besondere Art von Fortbildung sein. Namhafte auch internationale Referenten aus verschiedenen Bereichen wie der Biologie, Infektiologie und Zahnmedizin sowie Zahntechnik wurden eingeladen, um aus verschiedenen Blickwinkeln die Wechselbeziehung zur dentalen Implantologie mit anderen Fachgebieten zu beleuchten.

Im Rahmen des Vorprogramms am Freitag fanden drei sehr gut besuchte industriegeförderte Workshops statt. In einem zweigeteilten Workshop der Firma Geistlich gab die sehr erfahrene MKG-Chirurgin Dr. Dr. Irina Brzenska (Berlin) einen spannenden Überblick über die derzeitigen GBR-Verfahren bei extremen Alveolarkammatrophien und stellte das Yxoss CBR-Konzept mit allen Indikationen, Vorteilen und Risiken praxisnah und sehr verständlich vor. In einem zweiten Workshop beleuchtete sie im Besonderen das Weichgewebs- und Komplikationsmanagement nach Augmentation und gab umfassend Antwort und praktische Anwendertipps zum Yxoss CBR-System.

Alexander Fischer, ebenfalls aus Berlin, gab im Rahmen eines Dentsply-Workshops einen detaillierten Überblick über Vor- und Nachteile eines analogen vs. digitalen Workflows, immer in Bezug auf die Praktikabilität. Wertvolle Tipps zu digitalen Kommunikationsmöglichkeiten, insbesondere auch zwischen Zahnarzt und Labor, wurden von allen Zuhörern als sehr positiv bewertet.

„Nichts ist so beständig wie der Wandel“ – dieses Zitat von Heraklit von Ephesos sollte dann der Inbegriff für das Haupt- und Rahmenthema „Wertewandel“ am Samstag sein. Prof. Dieter Bosshardt aus Bern referierte in diesem Sinn über die Grundlagen der Osseointegration und Remodellierungsprozesse. An sehr eindrucksvollen histologischen Bildern veranschaulichte er die Ereigniskette der Integration von Implantaten in den Knochen aus mikroskopischer Sicht: dies sowohl an Titan- als auch Zirkonoxidimplantaten. So zeigen diese anhand seiner Tierstudien keine Unterschiede bezogen auf das Ausmaß des Implantat-Knochen-Kontakts nach 16 Wochen. Berücksichtigt werden sollte trotzdem die auch von ihm nachgewiesene höhere Frakturanfälligkeit von Zirkonoxidimplantaten. Darum propagiert der Experte einen engmaschigeren Recall bei diesen Implantaten.

Im zweiten Hauptvortrag befasste sich Dr. Jochen Tunkel (Bad Oeynhausen) mit dem das Implantat umgebenden Weichgewebe und dessen Einfluss auf Ästhetik und Funktion. „Manchmal ist weniger mehr“, so das Credo von Dr. Tunkel. Er betonte dabei besonders die Bedeutung einer schonenden Vorgehensweise mit dem Weichgewebe bei der Implantation an sich, aber auch bei der Freilegungstechnik. Aus seinem großen Erfahrungsschatz gab er viele praktische Hinweise zu Vor- und Nachteilen von Schnittführungen, Vestibulumplastiken, die zu langfristig suffizienten Ergebnissen führen.

In eine vollkommen andere Welt entführte den Zuhörer dann Dr. Derk Siebers, Berlin, der den erkrankten Professor Buß in äußerst würdiger Weise vertrat.

„... Der Mensch will immer, dass alles anders wird, und gleichzeitig will er, dass alles beim Alten bleibt ...“, unter diesem Motto gab Dr. Siebers eine sehr eindrucksvolle Präsentation über Wertvorstellungen und Wertewandel, gepaart mit historischen Rückblicken und Wertesynthesen anerkannter Soziologen und Sozialpsychologen. Ziel seiner sehr verständlichen und „wertvollen“ Ausführungen war es, dem Publikum selbst Hilfestellungen zu geben, sich zu reflektieren, und dies nicht nur in Bezug zum persönlichen, sondern auch zum beruflichen Miteinander in der eigenen Praxis. Der Vorstand nutzte diese Abhandlungen anschließend in einer Diskussion mit dem Auditorium, um zukünftige Wünsche, Anregungen und Inhalte für anstehende Tagungen zu thematisieren. Das sehr positive Feedback zeigte, dass neben spezialisierten Fachvorträgen auch sozialpolitische Themen sinnvoll und damit Bestandteil zukünftiger Planungen bei Fortbildungskonzepten sein sollten.

Nach der Mittagspause referierte dann PD Dr. Andrej Trampuz (Berlin) über seine Forschungen bei der Detektion von Biofilmen auf Implantaten. Er stellte dabei Konzepte wie die Synchronisation zur Evaluierung der Bestandteile des Biofilms nicht nur auf dentalen, sondern auch auf anderen Implantaten wie Gelenkprothesen aus der Sicht eines Mikrobiologen vor.

Im Anschluss daran präsentierte PD Dr. Tabea Flügge (Freiburg) spannende Konzepte der digitalen Implantologie. Sie thematisierte dabei wichtige Parameter wie die Präzision digitaler Abformungen: Was geht, was geht noch nicht? Ist vielleicht die dentale MRT die Zukunft mit strahlungsfreier Diagnostik zur Planung von oralchirurgischen und implantologischen Eingriffen? Erste gut dokumentierte wissenschaftliche Daten lassen Positives hoffen. Als erfahrene Oralchirurgin auf dem Gebiet der digitalen Welt weist sie trotzdem darauf hin, dass der zwingende Blick in das reale operative Geschehen neben allen Vorteilen der digitalen Arbeitsschritte immer notwendig bleiben wird.

Als letzte Vortragende stellten dann Dr. Martin Gollner und ZM Stefan Picha (Bayreuth) ihr eindrucksvolles und erfrischendes Praxiskonzept anhand gut dokumentierter Praxisfälle vor. Fast jede Indikation war dabei und ermöglichte dem Zuhörer ein optimales Nachvollziehen etwaiger Behandlungsschritte. Gerade auch die spürbare wertvolle Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und Techniker zeigte, dass damit auch schwierige Situationen einen positiven Abschluss finden können.

Im Anschluss an die Tagung hatte das Publikum die Möglichkeit, mit den Referenten in die Diskussion zu gehen und das Erlernte im Rahmen eines Wissenstransfers zu vertiefen. Es wurden auch Anregungen und Empfehlungen aus dem Publikum für zukünftig anstehende Tagungen zahlreich abgegeben. Insgesamt sollte das Konzept der Fortbildung interaktiver im direkten Austausch mit den Studenten, Wissenschaftlern und Praktikern stattfinden – und dies ist bei dieser Tagung dem Feedback des Auditoriums zufolge gelungen.

Unterstützt wurde die erfolgreiche Veranstaltung traditionell auch durch den aktuellen Input aus der Industrie. Trends und Neuheiten an Instrumentarien, Materialien, Geräten und Software wurden gezeigt und demonstriert. Im kommenden Jahr findet im Herbst die Gemeinschaftstagung EAO und DGI mit den Landesverbänden Berlin-Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern statt. Trotzdem lädt der LV BBI des DGI e.V. am 07.03.2020 zu einem eintägigen Symposium nach Berlin ein. Das Thema: „Keramikimplantate – auf Biegen und Brechen?“.

PD Dr. Susanne Nahles, Berlin

 

 

 


(Stand: 18.09.2019)

Die beiden Ausgaben der Kongresszeitung SPECTATOR CONGRESS zur DGI-Jahrestagung 2019 bietet einen umfassenden Ausblick auf das Implantologie-Event in Hamburg.

1. Ausgabe (September 2019)
2. Ausgabe (November 2019)

Aktuelle Ausgabe 1/2020

Im Fokus

  • Periimplantäres Weichgewebe
  • Implantate bei Behandlung mit Knochenantiresorptiva
  • Forcierte Extrusion bei Längsfraktur

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