Was ist für die Praxis wirklich relevant?

 

18. Jahrestagung des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen im DGI e.V. Essen · 24./25.05.2019 · Dr. Jan Tetsch berichtet

Zur Volljährigkeit des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen im DGI e.V. haben die Kongresspräsidenten Prof. Dr. Michael Augthun und Prof. Dr. Thomas Weischer mit dem Thema „Was ist für den Praktiker wirklich relevant?“ nach Essen eingeladen. Trotz der vielen Fortbildungsveranstaltungen und der Tatsache, dass das Rad nicht neu erfunden werden kann, haben dennoch knapp 200 Kollegen den Weg in das Messecenter Süd gefunden und den Saal bis zum Ende gut gefüllt. Das attraktive hochkarätige Programm wurde von den Teilnehmern gelobt: Mehr Fortbildung und mehr Qualität gehen an einem Tag nicht. Neben dem offiziellen Programm werden gerade bei den Landesverbänden die Pausen in der Industriemesse zum interkollegialen Austausch genutzt, um Freunde und Kollegen zu treffen sowie den Praxisalltag und Patienten zu diskutieren.

Nach der Begrüßung durch den 1. Vorsitzenden des Landesverbandes Prof. Dr. H.-J. Nickenig, die Tagungspräsidenten Prof. Dr. Michael Augthun und Prof. Dr. Thomas Weischer und den Grußworten des DGI-Präsidenten Prof. Dr. D. Knut. A. Grötz hat dieser mit dem ersten Vortrag des Tages ein spannendes Thema bearbeitet: „Mundschleimhauterkrankungen und Implantate – was ist für den Praktiker relevant?“ Mundschleimhahuterkrankungen, Mundtrockenheit und Wechselwirkungen der Mundschleimhaut mit der allgemeinen Gesundheit spielen bei den immer älter werdenden Patienten eine immer größere Rolle in der Therapie. Grundsätzlich ist die Mundschleimhauterkrankung keine Kontraindikation zur Implantation, aber strenge sterile Kautelen und intraoperativ und postprothetisch enge Recall-Termine sind wichtig, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen und zu therapieren. Eine gute Prognose der Implantate kann so auch langfristig gewährleistet werden. Die Medikation mit Antiresorptiva, Immunsuppressiva und Angiogenesehemmern macht Patienten zu Hochrisikopatienten und erfordert eine strenge und engmaschige Nachsorge sowie geschultes Personal in der Prophylaxe.

Im zweiten Vortrag des Vormittagsprogramms gab Prof. Dr. Dr. Stefan Schulze-Mosgau aus Jena Antworten auf die ewig junge Frage nach der Bedeutung der attached Gingiva und der keratinisierten Durchtrittsstelle der Implantate. In seinem Referat präsentierte er die Möglichkeiten und Techniken der unterschiedlichen Vestibulumplastiken und gab den Praktikern Tipps zur Vermeidung von Fehlern an die Hand. Die Vestibulumplastik mit freiem Schleimhauttransplantat vom Gaumen spielt gerade bei extrem atrophierten Ober- und Unterkiefern eine wichtige Rolle. Nachblutungen und postoperative Schmerzen sind mögliche unangenehme Nebenwirkungen an der Entnahmestelle. Die Vestibulumplastik ohne freies Schleimhauttransplantat ist zwar initial erfolgreich, hat aber laut Prof. Schulze-Mosgau eine starke Rezidivneigung und Schrumpfungstendenz um bis zu 70 Prozent. Die Langzeitstabilität und das Implantatüberleben haben bei Patienten mit Vestibulumplastiken laut Datenlage eine höhere Erfolgsrate. Marginaler Knochenabbau kann reduziert werden. Alloplastische Membranen zur Vermeidung der postoperativen Probleme an der Entnahmestelle zeigten deutlich höhere Entzündungszeichen und konnten von dem Referenten nach seinen Erfahrungen damit nicht empfohlen werden.

Prof. Dr. Peter Pospiech aus Berlin gab in einem lebendigen Vortrag einen Überblick über 20 Jahre Erfahrung mit Zirkoniumdoxid und über die Möglichkeiten und Grenzen des weißen Stahls bei implantat-prothetischen Versorgungen. Ziel sollte der Metallersatz auch bei den Instrumenten sein, aber der Werkstoff Keramik ist spröde und nicht rissfest. Die Biegefestigkeit fehlt und das kann beim Zahnersatz zu Rissen und dementsprechend zu Problemen führen. Die Biegekräfte müssen unbedingt verhindert werden. Bei richtiger Handhabung ist die Passgenauigkeit durch die moderne Frästechnik perfekt und kann zu einem langlebigen Zahnersatz führen. Probleme wie Chipping sind mittlerweile nur noch selten – vergleichbar jenen bei alten keramisch verblendeten Metallkronen. Bruxismuspatienten sind bei implantatprothetischen Versorgungen ohne Toleranz des Zahns wegen fehlender Resilienz problematisch. Hier muss die Okklusion perfekt ausgearbeitet sein, um Misserfolge zu vermeiden. Die Take-Home-Message von Prof. Pospiech umfasste fünf Punkte: Zirkongetragene Restaurationen haben sich bewährt, Chippingprobleme sind beherrschbar, Keramik ist kein Stahl, funktionelle Probleme sind nicht dem Material anzulasten und Bruxismus ist nicht heilbar.

Prof. Dr. Peter Thomas als Dermatologe und Allergologe lieferte einen spannenden Beitrag zum Thema Titanallergie. Mögliche Probleme von Patienten und eventuelle Allergien sollten vor Therapiebeginn abgeklärt werden, lautete sein Rat zu Beginn. Die Titanexposition des Körpers ist im Alltag vielfältig. Neben Implantaten – egal in welcher Region – ist Titan in vielen Medikamenten, Nahrungsmitteln, Pflegemitteln, Sonnencremes und anderen Produkten des alltäglichen Lebens vorhanden und wird vom Körper aufgenommen. Prof. Thomas stellte die heute üblichen Testverfahren vor und gab eine kritische Bewertung der einzelnen Testverfahren. Das Wichtigste in seinem Vortrag war, dass Titan nach heutiger Kenntnis keine kanzerogene Wirkung hat. Jedoch können Allergien und Unverträglichkeiten im Einzelfall zu Komplikationen führen. Problematisch ist die Tatsache, dass aussagekräftige Testverfahren fehlen. Ein Lymphozytentransformationstest (LTT) ist kein Allergietest und hat keine Aussagekraft; eine Epikutantestung ist für Titan im Moment noch nicht als Standardtestung möglich. Allerdings werde, so der Referent, an einer funktionierenden Testung in vielen Studien gearbeitet. Bei der Titantestung bleiben also letztlich weiter viele Fragen offen, und es existiert zum jetzigen Zeitpunkt keine standardisierte Testung.

Vor der Mittagspause zauberten die Tagungspräsidenten zur Volljährigkeit des Landesverbandes einen besonderen Festvortrag aus dem Hut. Prof. Dr. M. Tolan aus Dortmund unterhielt ein wenig fachfremd, aber sehr kurzweilig das Auditorium zum Thema „James Bond: geschüttelt, nicht gerührt“, der seine Wurzeln – für viele nicht bekannt – in Wattenscheid im Ruhrgebiet hat.

Prof. Dr. Dr. Jósef Piffkó aus Szeged in Ungarn eröffnete die Nachmittagssession. Thema des Referats war die navigierte Implantation. Wann ist diese möglich, wann sinnvoll und wann sogar zwingend? Einführend stellte Prof. Piffkó die rasante Entwicklung der Technologie heraus: Eine computergestützte Planung und Umsetzung in der Navigation ist kaum mehr aus der täglichen Praxis wegzudenken. Implantate sollen ideal positioniert und nach Möglichkeit von intaktem Knochen umgeben werden. Denn schlecht positionierte Implantate sind der Grund für viele Misserfolge. Auch in Standardsituationen wünscht sich der Referent die dreidimensionale Planung und Umsetzung mit der Navigation, um mit Sicherheit nachhaltig zu implantieren. „Perfektion geht nur navigiert“, so sein Fazit.

Prof. Dr. Daniel Edelhoff aus München diskutierte in seinem Vortrag drei Themen, die immer wieder zu Streitgesprächen führen. Wie versorgt man am besten und sinnvollsten eine Frontzahnlücke? Die verschiedenen Therapiemöglichkeiten – Adhäsivbrücke, konventionelle Brücke und die Implantatversorgung – wurden vom Experten auf ihre Praxistauglichkeit geprüft und mit Empfehlungen für die einzelnen Indikationen versehen. Im Ergebnis führen alle Wege nach Rom. Metallfreie monolithische Versorgungen sind der Weg in die Zukunft, um atraumatisch und substanzschonend präparieren zu können. Um ästhetische Perfektion zu erhalten, ist jedoch eine Planung und Visualisierung der Zielvorgabe zwingend notwendig. Je mehr Zähne fehlen, desto wünschenswerter ist eine implantologische Pfeilervermehrung.

Prof. Dr. Dr. Henning Schliephake bildete als „Altmeister der Augmentation“ den krönenden Abschluss des Kongresses. Das Thema Knochenaugmentation in der Implantologie – was ist bewährt, risikoreich, experimentell – ist ein immer junges Thema. Die vielen Methoden und Ideen hinter den neuen Augmentationstechniken zeigen, dass für die Praxis gerade auf diesem Gebiet im Sinne des Patienten noch einiges in der Pipeline steckt. Ridge Preservation, Alveolar

Bone Split und die Augmentationen zeigen die zeitlichen Augmentationsmöglichen. Die Ridge Preservation hat sich direkt nach der Extraktion bewährt, um einen Resorptionsschutz zu erhalten. Prof. Schliephake: „Substanz, die nicht verloren geht, muss nicht ersetzt werden.“ Das Material scheint für diese Therapie zweitrangig zu sein, genauso das Abdecken mit einer Membran, die keine signifikante Verbesserung mit sich bringt. Biologika wie PRF scheinen Vorteile zu haben, wenn es darum geht, die Resorption zu vermeiden. Zur Verbreiterung des Knochens favorisiert Prof. Schliephake den Alveolar Bone Split, mit dem eine Verbreiterung um drei Millimeter gut möglich ist. Entsprechend den Defektklassen hat Prof. Schliephake die praxisrelevanten Augmentationen besprochen und bewertet. Dreidimensionale Augmentationen mit partikulärem Material sind begrenzt sinnvoll, auch dann, wenn sie mit einem Titan-Mesh eine Zeltwirkung und das Sintern verhindern. Sechs Millimeter Höhengewinn sind die maximale Ausdehnung und werden nur in wenigen Fällen bei hoher Komplikationsrate erreicht. Die Augmentationsdefekte wurden von Prof. Schliephake in innerhalb und außerhalb des „skelettalen Envelopes“ unterschieden. Innerhalb des skelettalen Envelopes ist partikuläres Material erfolgversprechend, außerhalb sind Knochenaugmentationen mit Blocktransplantaten oder Schalentechniken besser geeignet.

Zum Abschluss des Programms hatten die Tagungspräsidenten Prof. Dr.

Michael Aughtun und Prof. Dr. Thomas Weischer Grund zur Zufriedenheit und verwiesen schon auf die 19. Jahrestagung am 24./ 25. April 2020.

Dr. Jan Tetsch, Münster

 

 

 


(Stand: 14.10.2019)

Die beiden Ausgaben der Kongresszeitung SPECTATOR CONGRESS zur DGI-Jahrestagung 2019 bietet einen umfassenden Ausblick auf das Implantologie-Event in Hamburg.

1. Ausgabe (September 2019)
2. Ausgabe (November 2019)

Aktuelle Ausgabe 1/2020

Im Fokus

  • Periimplantäres Weichgewebe
  • Implantate bei Behandlung mit Knochenantiresorptiva
  • Forcierte Extrusion bei Längsfraktur

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