Grundlagen der artikulatorischen Phonetik der deutschen Sprache für die prothetische Rehabilitation

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X. Hu1, C. Hunn-Stohwasser2, J. Mehrhof3, P. Schaller4, F. Beuer5, K. Nelson6, S. Nahles7

Sprechen ist wesentlich für die menschliche Kommunikation, häufig wird das Sprechen aber als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Anpassung des Sprechens nach Zahnersatzversorgung beruht auf einer komplexen Wechselwirkung zwischen artikulatorischen, myofunktionellen und psychosozialen Faktoren. Ein Verständnis der grundlegenden artikulatorisch phonetischen Prinzipien kann Zahnärzte dabei unterstützen, Sprechschwierigkeiten im Verlauf der prothetischen Behandlung zu lösen. Ziel dieser Studie sind die Darstellung phonetischer Eigenschaften der deutschen Sprache und die Identifikation von Sprechproblemen, die bei Patienten mit Zahnersatz auftreten können. Ebenfalls sollen allgemeine Ansätze und Hilfsmittel zur Beurteilung und Verminderung dieser Probleme vorgestellt werden.

Schlüsselwörter: phonetisch; Deutsch; prothetisch; Artikulator (ling.); Sprachpathologie; Logopädie

Einführung

Sprechen ist grundlegend für menschliches Tun und sollte neben der Ästhetik und Kaufunktion als ein wichtiger Faktor angesehen werden, der zum Erfolg des Zahnersatzes in der prothetischen Praxis beiträgt [19]. Fehlende Zähne und dadurch bedingte Dimensionsveränderungen nach Zahnverlust können die Artikulation beeinflussen [3, 9, 10, 12, 19]. Die Rehabilitation mit implantatgestütztem Zahnersatz weist eine hohe Erfolgsquote auf [2]. Es ist allerdings darüber berichtet worden, dass Patienten mit implantatgestütztem Zahnersatz nach der prothetischen Versorgung Schwierigkeiten beim Sprechen haben können [4, 6, 7, 8, 11]. Kenntnisse der Grundlagen der Physiologie des Sprechens sollten eine Grundvoraussetzung für Zahnärzte sein, um Sprechschwierigkeiten im Zusammenhang mit Zahnersatz beurteilen und behandeln zu können.

Die Literatur zeigt, dass sich die Mehrzahl der existierenden Studien mit dem Einfluss von prothetischen Rekonstruktionen auf phonetische Probleme der englischen Sprache bezieht. Nur wenige Studien befassen sich mit der deutschen artikulatorischen Phonetik, obwohl die deutsche Sprache in Europa die am weitesten verbreitete Muttersprache ist und die Deutsch-Amerikaner mit 23,3 % die größte ethnische Gruppe in den Vereinigten Staaten darstellen [1, 3, 5, 9, 10, 12, 16, 17, 19, 24]. Es kann also von Nutzen sein, grundlegende Prinzipien der Phonetik der deutschen Sprache und ihre Relevanz für die prothetische Behandlung darzustellen. Das Ziel dieses Artikels sind die Beschreibung charakteristischer Laute der deutschen Sprache und die Veranschaulichung der anatomischen Strukturen, die an der Bildung des Lautes beteiligt sind, so dass Artikulationsprobleme während der prothetischen Behandlung beurteilt und verhindert werden können.

 

Allgemeine Grundlagen

Die genaue Analyse von Sprechstörungen ist eine Voraussetzung, um geeignete Lösungsansätze zu formulieren, mit denen diese beseitigt werden können. Das Prinzip der Lautbildung und ihre spezifischen Mechanismen sollten in der Zahnmedizin bekannt sein.

An der Lautbildung sind fünf wesentliche Komponenten beteiligt: (1) Die Lunge und die Atemmuskulatur, die den Luftstrom erzeugen, (2) die Stimmbänder, die die Energie in hörbare Laute verwandeln, (3) Nasenhöhle, Mundhöhle, Pharynx und Nasennebenhöhlen, die als Resonanzräume wirken, (4) die Artikulatoren, zu denen die Lippen, Zunge, weicher Gaumen, harter Gaumen, Oberkiefer, Unterkiefer und die Zähne gehören. Sie formen muskuloskelettale Ventilklappen, die den Atemtrakt verschließen, die Töne abtrennen und die einzelnen Sprachlaute bilden, (5) das motorische Sprachzentrum und die Nervenbahnen, die die motorischen Sprechimpulse zu den Sprechmuskeln weiterleiten [3, 10, 12, 19].

Bestehende Erkrankungen, etwa Funktionsstörungen der Atemwege oder der Stimmbänder, können zu einer schwachen, zitternden, rauen Stimme oder Heiserkeit führen. Dieser Abschnitt der Sprachbildung steht in der Regel nicht in Zusammenhang mit zahnmedizinischen Aspekten.

Konsonanten

Vom zahnmedizinischen Standpunkt aus gesehen, sind die Konsonanten phonetisch am wichtigsten. Jeder Konsonant wird durch aktive und passive Artikulatoren gebildet: der aktive Artikulator ist üblicherweise die Unterlippe oder ein Zungenbereich. Die Vor- und Rückverlagerung des Unterkiefers unterstützt die Koordination der übrigen Artikulatoren, insbesondere die der Zunge. Zu den passiven Artikulatoren gehören Oberlippe, Oberkiefer, Unterkiefer, die Zähne und die obere Abgrenzung der Mundhöhle (Gaumen) [19]. In der Phonetik der deutschen Sprache können die Konsonanten entsprechend den anatomischen Strukturen eingeteilt werden: (1) alveolare Konsonanten, (2) palatal-linguale Konsonanten, (3) linguo-velare Konsonanten, (4) post-alveolare Konsonanten, (5) labio-dentale Konsonanten, (6) bi-labiale Konsonanten, (7) uvulare Konsonanten, und (8) linguo-palatale Konsonanten [25].

(1) Linguo-alveolare Konsonanten: /s/, /z/

Die deutschen Laute /s/ und /z/ werden gebildet, indem die Zungenränder die Oberkieferseitenzähne berühren und der Luftstrom in einem dünnen, geraden Kanal entlang der medianen Zungenfurche geführt wird. Die Zunge sollte während der Aussprache von /s/ die mittleren Oberkieferschneidezähne nicht berühren. /s/ ist stimmlos und /z/ ist stimmhaft, was bedeutet, dass die Stimmbänder während der Bildung dieses Lautes schwingen. Diese Laute gehören zu den Frikativen. Sie werden gebildet, indem der Luftstrom durch eine von den Artikulatoren gebildete Verengung des Vokaltraktes gepresst wird. /s/ und /z/, die eine besonders präzise Einstellung der Zunge für ihre deutliche Aussprache erfordern, sind in der deutschen Sprache weit verbreitet und wichtig. Am häufigsten wird der Laut /s/ verzerrt. Seine Aussprache wird von vielen Faktoren beeinflusst, die die korrekte Furchung der Zunge beeinträchtigen oder den Luftstrom behindern.

Zu den häufigen Einflussfaktoren gehören: Stärke der Prothesenbasis im vorderen Gaumenbereich, Stellung der Frontzähne, palatinale Vorwölbungen in der Prämolarenregion des Oberkiefers beidseitig, die vertikale Kieferrelation und die Schneidekantendistanz.

Der /s/-Laut ist oft in Form von Lispeln oder Pfeifen verzerrt. Ein Lispeln kommt durch eine verminderte Tiefe der Zungenfurche zustande, Pfeifen durch eine stärkere Vertiefung [12, 19]. Eine zu große Stärke der Prothesenbasis im vorderen Gaumenbereich kann zu einem Lispeln führen [5, 19]. Zahnärzte können den /s/-Laut verwenden, um den entsprechenden Bereich der Prothese zu prüfen und korrekt zu gestalten. Tabelle 1 gibt Beispiele für deutsche Test-Wörter an.

Auch die Stellung der Unterkieferfrontzähne beeinflusst die Bildung des /s/-Lautes [16, 19, 20]. Wenn die Unterkieferschneidezähne zu weit lingual aufgestellt werden, wird die Zunge nach hinten gedrängt, dadurch wird die Zungenfurche flacher, der /s/-Laut wird abgeschwächt und nähert sich dem Lispeln.

Werden umgekehrt die Unterkieferschneidezähne zu weit nach labial aufgestellt, wirkt der /s/-Laut als Pfeifen, denn die Zunge wird nach vorne überstreckt und dadurch die Zungenfurche stärker ausgeprägt. Runte et al. zeigten einen Zusammenhang zwischen der Position des mittleren oberen Schneidezahns und der Bildung des /s/- Lautes im Deutschen. Bei einer zu weit labialen Aufstellung traten größere Beeinträchtigungen (Pfeifen) auf als bei einer Aufstellung dieser Zähne zu weit nach palatinal (Lispeln) [20].

Eine nicht ordnungsgemäße Gestaltung des Gaumenbereichs von Zahnersatz kann ebenfalls eine anomale /s/-Lautbildung verursachen. Das Palatogramm (Abb. 1) demonstriert, dass die seitlichen Zungenränder den Alveolarkamm palatinal berühren, neben den Molaren bis zu den seitlichen Schneidezähnen. Zur Formung eines normalen /s/-Lautes ist eine optimale Stellung der mittleren oberen Schneidezähne wichtig, damit der Luftstrom über den Zungenrücken fließen kann [16, 19, 21]. Die palatinale Konturierung des Zahnersatzes, aber auch ein lückenloser Übergang zwischen Zahnersatz und Gaumen sind entscheidend, um ein Entweichen von Luft zu vermeiden, das den /s/-Laut zu einem verschwommenen /sh/ verzerren kann

Die vertikale Kieferrelation spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Bildung des /s/-Lautes. Ist die Vertikaldimension zu groß, kommen die Zähne in Kontakt und erzeugen ein Klicken. Zur Kontrolle dienen Wörter mit vielen Zischlauten (Sibilanten) (Beispiel „Mississippi“) [22]. Ein zu großer Interinzisalabstand (geringe Bisshöhe) kann zu einem Pfeifen führen. Während der Bildung des /s/-Lautes sollte idealerweise eine Kopfbissstellung der Frontzähne bestehen und ein vergrößerter Interinzisalabstand vermieden werden [15, 21]. Der Patient wird dazu aufgefordert, die Wörter, die den /s/-Laut enthalten, in normaler Geschwindigkeit auszusprechen. So können entsprechende Bereiche des Zahnersatzes überprüft und verändert werden, um eine korrekte Aussprache zu erreichen (Tab. 1).

(2) Linguo-alveolare Konsonanten: /t/, /d/, /n/, /l/

Im Deutschen werden diese Laute gebildet, indem die Zunge den Gaumenfalten angelegt wird, gleichzeitig berühren die seitlichen Zungenanteile den Gaumen im Frontzahnbereich [25]. Die Darstellung des Sagittalschnitts und des Palatinalbereichs zeigt die für die Bildung dieser Laute entscheidenden Abschnitte (Abb. 2).

Die Laute /t/ und /d/ sind Plosive. Das bedeutet, sie werden dadurch gebildet, dass die Zunge gegen den Kieferkamm und die Gaumenfalten im Oberkiefer gedrückt wird. Die Passage des Luftstroms durch den Vokaltrakt ist damit unterbrochen, die Freigabe bewirkt eine kleine „Explosion“.

Der deutsche Konsonant /l/ ist ein lateraler Approximant. Das bedeutet, bei seiner Bildung fließt die Luft seitlich ab, denn die Seiten der Zungen bleiben unten, während das Zungenblatt den Kieferkamm des vorderen Gaumens berührt. (Abb. 3). Das deutsche /n/ ist ein alveolärer nasaler Laut und wird erzeugt, indem die Zungenspitze oder das Zungenblatt fest an den Kieferkamm gepresst wird und die Luft bei gesenktem Velum nasal entweicht.

Eine vergrößerte Protrusionstellung der Schneidezähne, eine vergrößerte vertikale oder sagittale Frontzahnstufe und eine von der Norm abweichende Gestaltung der Gaumenfalten können die korrekte Aussprache der linguo-alveolaren Konsonanten behindern.

So kann beispielsweise bei einer Dysgnathie der Angle-Klasse II, die durch eine ausgeprägte Protrusion des Oberkiefers und deutliche vertikale und/oder horizontale Frontzahnstufen gekennzeichnet ist, die Bildung der Laute /t/ und /d/ beeinträchtigt sein. Die fehlerhafte Aufstellung von Prothesenzähnen im Frontbereich kann auch die korrekte Positionierung der Zunge stören und aus dieser Fehllage eine mangelhafte Bildung der linguo-alveolaren Konsonanten resultieren.

Daneben kann auch das Fehlen von Gaumenfalten, an denen sich die Zunge abstützen kann, um den Luftstrom aufzustauen, dazu führen, dass /t/ und /d/ schlecht ausgesprochen werden können [18].

Anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen zeigt sich eine kontroverse Diskussion der Frage, ob die Gaumenfalten rekonstruiert werden sollten oder nicht [12, 14, 17]. Es wird allerdings darauf hingewiesen, dass die Zunge Oberflächen mit stärkerer taktiler Stimulation ähnlich einer Papilla incisiva, Gaumenfalten oder einfach eine raue Stelle auf der Prothese benötigt, um sich zur Abdämmung abstützen zu können [12, 14]. In der klinischen Praxis ist es am wichtigsten, festzustellen, ob ein Hart- und/oder Weichgewebsverlust vorliegt oder nicht. Hat dieser nicht stattgefunden, sollte die Prothesenbasis in diesen Bereichen dünn oder ausgespart sein, um der Zunge mehr Platz zu geben. Liegen bei Patienten Hart- und Weichgewebsdefekte vor, wie etwa bei angeborenen Erkrankungen (Gaumenspalten), nach Tumorresektion oder Unfällen, sollten die Bereiche durch augmentative Verfahren rekonstruiert werden, um die reguläre Anatomie wieder herzustellen und die taktile Wahrnehmung der Zunge zu ermöglichen.

Tabelle 1 führt die vorgeschlagenen deutschen Test-Wörter auf.

(3) Linguo-velare Konsonanten: /k/, /g/, /

?

/, /x/

Die Laute /k/ und /g/ werden gebildet, indem der Zungenrücken gegen den weichen Gaumen gedrückt und dann schnell abgesenkt wird, dies erfolgt bei /k/ ohne und bei /g/ mit Stimmbeteiligung. Durch die plötzliche Freigabe des Luftstroms werden schwache Explosivlaute erzeugt (Abb. 4) [25]. Zur Bildung des velaren Nasals /?/ wird der weiche Gaumen abgesenkt und der hintere Zungenrücken hochgewölbt, um ihn zu berühren, die Luft strömt durch die Nase aus [25]. Der frikative Laut /x/, wie in dem deutschen Wort „Buch“, wird erzeugt, indem sich der Zungenrücken zum weichen Gaumen anhebt, ohne ihn zu berühren, das Ausströmen von Luft erfolgt ohne Vibration der Stimmbänder (stimmloser Frikativ) [25].

Um die Laute /k/ und /g/ zu bilden, ist ein vollständiger velopharyngealer Verschluss erforderlich, um im Mund den Druck für Plosive aufzubauen [18, 19]. Sämtliche Faktoren, die den vollständigen Verschluss beeinflussen, können zu einer Sprechstörung führen, wie beispielsweise oft bei Patienten mit angeborenen oder erworbenen Gaumenspalten. Der Laut /k/ kann verzerrt sein, wenn eine überextendierte Oberkieferprothese das Gaumensegel irritiert oder die Prothese am dorsalen Ventilrand keinen dichten Verschluss aufweist.

Um festzustellen, ob eine adäquate Randabdichtung vorliegt, können die aufgelisteten Wörter verwendet werden, die die Laute /k/ und /g/ enthalten (Tab. 1).

(4) Postalveolare Konsonanten: /?/, /

?

/

Diese postalveolaren Konsonanten werden erzeugt, indem der Mund fast geschlossen wird, der vordere Anteil der Zunge verbreitert wird und die Luft durch die Oberkiefer- und Unterkiefer-Schneidezähne ausgeatmet wird [17]. /?/ und /?/ sind Frikative und gehören zu den Sibilanten. /?/ ist stimmlos, /?/ dagegen stimmhaft.

Auch der /?/-Laut ist im Deutschen sehr häufig und wird durch vertikale Kieferrelation, Gaumenform und die Stellung der Frontzähne beeinflusst. Lagebeziehungen oraler Strukturen bei korrekter Aussprache: Der /?/-Laut wird gebildet, indem die seitlichen Zungenabschnitte den Kieferkamm vorne im Bereich der Eckzähne beidseits berühren (Abb. 5). Die empfohlenen Test-Wörter sind in Tabelle 1 aufgeführt

(5) Labio-dentale Konsonanten: /f/, /v/

Diese labio-dentalen Frikative werden produziert, indem die Unterlippe an die Inzisalkanten der Oberkieferschneidezähne angelegt wird, um einen sich verengenden Raum zu schaffen, durch den die Luft hindurchströmt [25]. /v/ ist die stimmhafte Variante, d. h., die Stimmbänder werden eingesetzt, um den Laut /v/ zu bilden.

Die korrekte Bildung eines labio-dentalen Lautes ist abhängig von der dreidimensionalen Stellung der Oberkieferfrontzähne [19]. Wenn diese so angeordnet sind, dass die Inzisalkanten mit der Unterlippe dicht abschließen, können /f/ oder /v/ korrekt ausgesprochen werden. Sind die Oberkiefer-Frontzähne zu weit nach labial aufgestellt, gleitet die Unterlippe unter die Schneidezähne und die Artikulation von /f/ ist gestört.

Werden die Oberkieferfrontzähne zu weit nach palatinal gestellt, gleitet die Oberlippe über die Labialfläche der Oberkieferfrontzähne, der Laut /f/ ist gedämpft.

Auch wenn die Oberkieferfrontzähne unterhalb oder oberhalb der Okklusionsebene angeordnet werden, wird der Laut /f/ undeutlich.

(6) Bilabiale Konsonanten: /b/, /p/, /m/

Die bilabialen Konsonanten /b/ (stimmhaft) und /p/ (stimmlos) sind bilabiale Plosive. Durch den kurzzeitigen lockeren, aber vollständigen Verschluss der Lippen wird der Luftstrom zunächst gestoppt. Durch das Lösen dieses Verschlusses entsteht das typische Plosivgeräusch. Auch beim /m/ werden die Lippen komplett geschlossen, jedoch ermöglicht die gleichzeitige Senkung des Gaumensegels das Ausströmen der Luft durch die Nase. Dieses erfolgt unter der Beteiligung der Stimmbänder (Abb. 6) [25].

Die entscheidenden Faktoren für die bilabialen Konsonanten sind die Bisshöhe und die vestibulo-orale Position der Frontzähne [12, 18, 19].

Ist die Bisshöhe zu hoch, kann der Patient die Lippen nicht ohne Mühe luftdicht schließen, wohingegen die Lippen bei einer zu geringen Bisshöhe vorzeitig in Kontakt kommen. Jeder dieser beiden Fehler führt zur Verzerrung dieser Laute.

Eine ähnliche Schwierigkeit ergibt sich für die Anordnung der Frontzähne in vestibulo-oraler Richtung. Sind die Zähne zu weit nach labial ausgerichtet, können die Lippen sich nicht mühelos berühren; bei zu weit oral stehenden Zähnen berühren sich die Lippen vorzeitig. Dementsprechend können die bilabialen Konsonanten eingesetzt werden, um die vertikale Kieferrelation und die labiale Kontur zu überprüfen (Tab. 1).

(7) Uvularer Konsonant: /R/

Der deutsche Laut /R/ wird im hinteren Anteil des Vokaltraktes erzeugt, der hintere Zungenanteil ist in Richtung Uvula angehoben, so dass ein enger Durchlass entsteht [25]. Wenn die Luft durch diesen Kanal fließt, bewirkt die auf diese Weise erzeugte Reibung, dass die Zunge entweder einmal (uvularer Flap) oder mehrmals (uvularer Vibrant) die Uvula berührt.

Dieser Laut /R/ wirkt rau und räuspernd und lässt sich mit dem weniger stark ausgeprägten Laut vergleichen, der beim Gurgeln entsteht. Bei der Bildung des deutschen /R/ berührt die Zunge an keiner Stelle Gaumen oder Zähne. Patienten mit einem Uvula-Defekt können gegebenenfalls das /R/ nicht korrekt aussprechen

(8) Linguo-palatale Konsonanten: /ç/, /j/

Diese Konsonanten werden gebildet, indem die Zungenspitze den vorderen Anteil des Unterkiefer-Alveolarkamms und die seitlichen Anteile der Zunge den Gaumen im Bereich der Oberkieferprämolaren berühren [25]. Der Laut /ç/ ist stimmlos, der Laut /j/ dagegen stimmhaft. Diese Laute gehören zu den Frikativen, dabei wird /j/ häufig zu einem Approximanten vermindert. Eine nicht korrekte Aussprache dieser Laute ist hauptsächlich auf eine falsche Positionierung der Unterkieferzähne zurückzuführen.

Vokale

Ein Vokal ist ein Laut, der typischerweise bei offenem Vokaltrakt ausgesprochen wird, so dass kein Luftdruck an irgendeinem Punkt in der Umgebung der Stimmbänder aufgebaut wird. Konsonanten hingegen werden durch eine Verengung oder einen Verschluss im Verlauf des Vokaltraktes erzeugt [25]. Bei der Bildung der Vokale im Deutschen dichtet der weiche Gaumen mithilfe der Pharynx-Muskulatur den Pharynx ab, so dass keine Luft in die Nasenhöhle strömen kann [18, 25]. Überextendierte Prothesen, die den nasalen Verschluss durch das Gaumensegel verhindern, können die Aussprache der Vokale beeinträchtigen [13, 14, 19, 23, 24]. Tabelle 1 zeigt die typischen deutschen Vokale. Sie können beim Sprachtest mit Konsonanten kombiniert werden.

Allgemeine klinische Vorgehensweisen

Die Intention dieses Artikels besteht nicht darin, Maßnahmen zur Beseitigung sämtlicher Sprechschwierigkeiten bei Prothesenpatienten anzugeben, sondern einige allgemeine Vorschläge oder Hinweise für die alltägliche Praxis zu geben.

Eine Beurteilung des Sprechens vor der Behandlung ist von entscheidender Bedeutung, um einen Akzent, ein vom Zahnbefund unabhängiges artikulatorisches Problem oder eine Hörbehinderung zu erkennen.

Die normale intraorale Untersuchung erstreckt sich auch auf Form und Funktion von Zunge, Lippen und Gaumen, die im Endeffekt ursächlich für eine Sprechschwierigkeit sein können.

Im Verlauf der Behandlung kann das Sprechen mit einfachen Wörtern und Phrasen überprüft werden (Tab. 2). Der Patient sollte diese Wörter und Phrasen in einer normalen Geschwindigkeit sprechen.

Zusammenfassung

Ein Grundverständnis der Lautbildung und der daran beteiligten anatomischen Strukturen sollte für jeden prothetisch arbeitenden Zahnarzt zum klinischen Alltag gehören. Der vorliegende Artikel ermöglicht es, wichtige Lautbildungsschwierigkeiten und deren Störfaktoren zu erkennen.

 

Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass keine Interessenkonflikte im Sinne der ICMJE bestehen.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. Katja Nelson

Universitätsklinikum Freiburg

Hugstetter Str. 55, D-79100 Freiburg

Tel.: +49 761 270 47790, Fax: +49

katja.nelson@uniklinik-freiburg.de

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25. Wängler HH: Grundriss einer Phonetik des Deutschen. 4. überarbeitete Auflage. Elwett,1983. p. 90–161

Fussnoten

1 Privatdozent, Abteilung für Implantologie der zahnmedizinischen Fakultät und Klinik der Universität Peking, Peking, Volksrepublik China 100081

2 Logopädin, Klinik und Poliklinik für Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie, Campus Virchow-Klinikum der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin, Deutschland

3 Dentalmanufaktur Mehrhof, Reuchlinstr. 10 11, 13353 Berlin, Deutschland

4 esthetic concept GmbH, Fraunhoferstraße 23i, 80469 München, Deutschland

5 Privatdozent, Poliklinik für zahnärztliche Prothetik, Ludwig-Maximilians-Universität, Goethestraße 70, 80336 München

6 Professorin, Klinik für Mund-, Kiefer-, Gesichts-Chirurgie, Universitätsklinik Freiburg, Hugstetter Str. 55, 79100 Freiburg, Deutschland

7 Oberärztin, Implantologie und Spezialprothetik, Klinik und Poliklinik für Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie, Campus Virchow-Klinikum der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin, Deutschland

DOI 10.3238/ZZI.2012.0304–0313


(Stand: 28.11.2012)

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