Thema: Die Verwendung kurzer Implantate

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Für eine erfolgreiche implantatprothetische Versorgung ist u.a. eine ausreichende Knochenhöhe im Implantationsgebiet die Grundlage. Im klinischen Alltag sind jedoch häufig Patienten mit einer entsprechend geringen Restknochenhöhe anzutreffen. Hierbei ist die Verwendung von Implantaten, deren Länge die Restknochenhöhe überschreiten, nicht ohne Weiteres möglich. In der Regel sind hierzu Augmentationen mit autologem Knochen oder Knochenersatzmaterialien erforderlich. Diese zusätzlichen chirurgischen Maßnahmen sind mit entsprechenden Risiken und Kosten von Knochenaufbauverfahren verbunden. Darüber hinaus sind augmentative Maßnahmen häufig mit einer längeren Einheilzeit verbunden. Seit mehreren Jahren sind daher vergleichsweise kurze Implantate erhältlich, mithilfe derer die Problematik einer vorliegenden geringen Restknochenhöhe umgangen werden soll. Dieser Trend verstärkte sich, insbesondere in den letzten Jahren, da die Akzeptanz kurzer Implantate durch die Patienten, aufgrund der Vereinfachung und Kostenreduktion, zunehmend steigt. Allerdings werden neben dem Vorteil eventuell nicht erforderlicher Augmentationen oder Nervverlagerungen auch Aspekte, wie ein ungünstiges Kronen- zu Implantatlängenverhältnis oder auch eine verringerte Belastbarkeit diskutiert.

n Gentile M. A., Chuang S. K., Dodson T. B.

Überlebenserwartung und Risikofaktoren für den Verlust von 6x5,7 mm Implantaten

Survival estimates and risk factors for failure with 6x5.7 mm implants

Int J Oral Maxillofac Implants 2005;20:930–937

Studientyp

Retrospektive Kohortenstudie

Studiengruppen

Es wurde anhand von Bicon 6x5,7 mm Implantaten, (1) auf einen Vergleich der Einjahresüberlebensrate von 6x5,7 mm Implantaten mit Implantaten anderer Längen (8–14 mm) abgezielt und (2) Risikofaktoren, welche mit dem Implantatverlust assoziiert waren, beschrieben.

Jeder Patient erhielt mindestens ein Implantat der Größe 6x5,7 mm. Die Einflussvariablen waren Patientendaten (Alter, Geschlecht, Allgemeinzustand) sowie anatomische, implantatspezifische, prothetische, perioperative und rekonstruktive Aspekte.

Zielkriterien

Die primäre Ergebnisvariable war Implantatversagen, d.h. Explantation.

Wesentliche Ergebnisse

Es wurden bei 35 Patienten 172 Implantate inseriert, wobei hiervon 45 die Größe 6x5,7 mm aufwiesen. Die 1-Jahres-Überlebensrate für Implantate der Größe 6x5,7 mm unterschieden sich mit 92,2 % nicht signifikant von Implantaten anderer Größen (95,2 %). Implantate, die per zweizeitigem Vorgehen inseriert worden waren, hatten gegenüber den einzeitigen Implantaten eine 80%ig höhere Erfolgsrate.

Schlussfolgerung

Implantatverlust kam in dieser Untersuchung bei Implantaten der Größe 6x5,7 mm im Vergleich zu Implantaten der Längen 8–14 mm nicht häufiger vor.

Beurteilung

Vorteilhaft bei dieser Studie ist die Tatsache, dass es sich um eine klinische Untersuchung handelt, wobei diese jedoch retrospektiver Natur ist. Aus diesem Studiendesign resultiert die Variabilität von Behandlern und Implantaten, die beispielsweise 3 verschiedene Beschichtungen aufwiesen. Weiterhin wird nicht klar, was die Indikationen für die Verwendung kurzer Implantate waren. Die Autoren schreiben, dass die meisten Implantate mit Einzelkronen versorgt wurden, allerdings wird nicht darauf eingegangen, wie die Verteilung der jeweiligen prothetischen Versorgungen bei den kurzen Implantaten war. Dieser Parameter könnte einen entscheidenden Einfluss auf den Implantatverlust haben.

Die Auswertung mittels einer multivarianten Auswertung ist positiv zu bewerten, da so entsprechende Zusammenhänge zwischen den einzelnen Untersuchungen herausgearbeitet werden können. Vor dem Hintergrund zahlreicher Einflussparameter relativieren sich jedoch die Aussagen.

n Anitua E., Piñas L., Orive G.

Retrospektive Studie zu kurzen und besonders kurzen Implantaten im Seitenzahngebiet: Einfluss des Kronen- zu Implantatverhältnisses auf den marginalen Knochen

Retrospective study of short and extra-short implants placed in posterior regions: influence of crown-to-implant ratio on marginal bone loss

Clin Implant Dent Relat Res. 2013;8. doi: 10.1111/cid.12073. [Epub ahead of print]

Studientyp

Retrospektive, klinische Untersuchung

Studiengruppe

Mindestens ein kurzes Implantat (? 8,5 mm) im Ober- oder Unterkieferseitenzahnbereich mit einem Kronen-Implantat-Verhältnis von ? 1, die seit mindestens 6 Monaten prothetisch versorgt worden waren. Mit einer Nachbeobachtungszeit von 28,9 Monaten konnten so 182 Implantate bei 43 Patienten nachuntersucht werden. Die Implantate wurden mit festsitzendem Zahnersatz, wie Brücken und Einzelkronen, aber auch mit implantatgetragenen Vollprothesen versorgt.

Zielkriterien

Es wurde durch Längenmessung anhand von Röntgenaufnahmen das Kronen-Implantat-Verhältnis und der marginale Knochenverlust ermittelt. Insbesondere wurde auch der Einfluss eines Freiendglieds analysiert.

Wesentliche Ergebnisse

Es gab keinen signifikanten Unterschied bezüglich des marginalen Knochenverlustes in Abhängigkeit des Längenverhältnisses von Krone zu Implantat. Im Gegensatz dazu ergab sich jedoch bei Vorliegen eines Freiendglieds ein erhöhter marginaler Knochenabbau, der jedoch nach 3 Jahren nicht mehr signifikant war.

Schlussfolgerung

Nach Erkenntnissen dieser Studie spielte das Kronen-Implantat-Längenverhältnis im Hinblick auf den marginalen Knochenabbau keine Rolle.

Beurteilung

Die Aussagekraft der hier betrachteten Untersuchung wird durch den retrospektiven Charakter und die nicht standardisierte Versorgung der Implantate relativiert. Dennoch konnte statistisch belegt werden, dass das Krone-Implantat-Längenverhältnis im Hinblick auf den marginalen Knochenabbau eine untergeordnete Rolle spielte, wodurch ein zurzeit häufig diskutierter Aspekt im Rahmen der zahnärztlichen Implantologie beleuchtet wird.

n De Santis D., Cucchi A., Rigoni G., Longhi C.

Kurze Implantate mit oxidierten Oberflächen im Seitenzahngebiet atrophierter Kiefer: 3- bis 5-Jahresergebnisse einer multizentrischen Studie

Shortimplants with oxidized surface in posterior areas of atrophic jaws: 3- to 5-year results of a multicenter study

Clin Implant Dent Relat Res 2013;5. doi: 10.1111/cid.12123. [Epub ahead of print]

Studientyp

Prospektive, klinische Untersuchung

Studiengruppe

Teilbezahntes und zahnloses Patientenkollektiv von 44 Patienten mit Resorption des Alveolarknochens, welche mit 102 kurzen Implantaten, die Einzelkronen und Brücken trugen, versorgt wurden. Der residuale Knochen betrug mindestens 5 mm im Oberkiefer und 8 mm im Unterkiefer.

Zielkriterien

Überlebens- und Erfolgsrate, mittlerer Knochenabbau

Wesentliche Ergebnisse

Die Überlebensrate betrug 96,1 %, die Erfolgsrate lag bei 93,1 % und der mittlere Knochenabbau 0,9 ± 0,6 mm.

Schlussfolgerung

Die Ergebnisse dieser Untersuchung deuten darauf hin, dass die Verwendung kurzer Implantate eine Option zur Versorgung zahnloser und teilbezahnter Patienten darstellt.

Beurteilung

Diese Untersuchung zeichnet sich positiv durch das prospektive Studiendesign und die einheitliche Versorgung mit festsitzendem Zahnersatz aus. Überlebens- und Erfolgsraten sowie die Werte des periimplantären Knochenabbaus sind ähnlich denen von längeren Implantaten. Die Ergebnisse sind jedoch aufgrund des kurzen Nachbeobachtungszeitraums von maximal 5 Jahren noch mit Vorsicht zu sehen.

n Ellingsen J. E., Stanford C., Oates T. W., Osswald M., Huynh-Ba G., Estafanous E. W.

Kurze Implantate – Eine Alternative für Patienten mit reduzierter Knochenhöhe?

Short implants – a valuable alternative in patients with reduced bone height?

Int J Oral Maxillofac Implants 2013;28:950–953

Studientyp

Abstract-Review

Suchkriterien

Eine Pubmed-Recherche mit dem Fokus auf dem klinischen Ergebnis durch Verwendung kurzer Implantate unter Berücksichtigung des Jahres 2012 und der ersten Monate des Jahres 2013 wurde durchgeführt.

Resultate

Aus initial 16 Veröffentlichungen wurden 7 relevante Abstracts extrahiert.

Wesentliche Ergebnisse

Die ausgewählten Publikationen repräsentieren klinische Untersuchungen, Reviews und eine Metaanalyse. Die Autoren der hier vorgestellten Veröffentlichung geben bei sämtlichen berücksichtigten Studien einen relativ kurzen Untersuchungszeitraum der evaluierten Implantate an und kommen zu dem Ergebnis, dass der klinische Erfolg im Hinblick auf das klinische Überleben kurzer Implantate im Oberkiefer- und Unterkieferseitenzahnbereich mit dem längerer Implantate vergleichbar ist.

Schlussfolgerung

Kurze Implantate stellen unter Berücksichtigung der im Rahmen dieser Studie herangezogenen Untersuchungen eine Option zur Vermeidung invasiver und zeitintensiver augmentativer Verfahren dar.

Beurteilung

Die hier vorgestellte Publikation zeigt deutlich, dass zu der Thematik noch nicht ausreichend Untersuchungen zur Verfügung stehen. Somit ist die geringe Zahl berücksichtigter Veröffentlichungen kein methodischer Nachteil. Aufgrund dieser geringen Zahl an verfügbaren Publikationen sowie des Designs als „Abstract-Review“ ist jedoch die Aussagekraft dieses Artikels als gering zu betrachten.

Synopsis

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stellt die Verwendung kurzer Implantate grundlegend eine Behandlungsoption zur Umgehung langwieriger und zeitintensiver Augmentationen dar. Es zeigte sich in zahlreichen Untersuchungen ein mit längeren Implantaten vergleichbarer marginaler Knochen- und Implantatverlust. Insbesondere, wie häufig vermutet, scheint das erhöhte Krone-Implantat-Längenverhältnis diesbezüglich keinen negativen Einfluss auf den marginalen Knochenabbau zu haben. Hierbei ist jedoch zu erwähnen, dass diese Erkenntnisse auf einer geringen Anzahl an Untersuchungen mit verhältnismäßig kurzen Untersuchungszeiträumen beruhen und noch nicht in ausreichendem Maße Langzeitergebnisse zur Verfügung stehen. Besonders der Einfluss der prothetischen Versorgung auf den Erfolg kurzer Implantate verlangt weitere Untersuchungen. Daher bleibt es die nächsten Jahre abzuwarten, inwieweit sich diese positiven Ergebnisse bestätigen werden. Sicherlich ist bezüglich eines Langzeiterfolges kurzer Implantate ebenfalls der reguläre Knochenabbau an Implantaten zu diskutieren, der, sofern er bei kurzen Implantaten gleichermaßen stattfindet, hier früher das Implantatüberleben gefährdet. Weiterhin liegen bei kürzeren Implantaten geringere zur Osseointegration vorhandene Implantatoberflächen vor. Hier könnten fortschrittliche, aktive Oberflächenbeschichtungen in der Zukunft von Vorteil sein.

K. M. Lehmann, Mainz

P. W. Kämmerer, Boston, USA, und Mainz


(Stand: 16.06.2015)

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