„Ist das Jahrhundert der WSR vorbei?“

Implantologische Schlosstage des MVZI

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Zu den 7. Implantologischen Schlosstagen hatte der Vorstand des MVZI/DGI e.V. in diesem Jahr auf das Schloss Friedenstein nach Gotha eingeladen – eine der kunst- und kulturhistorisch bedeutendsten Schlossanlagen Thüringens. In der spätbarocken Orangerie der Schlossanlage, dem „Lorbeerhaus“, begrüßte Dr. Thomas Barth, Präsident des MVZI/DGI e.V., am 5. September 2014 die mehr als 50 Kolleginnen und Kollegen zum Galaabend, der neben Kulinarik und guten Gesprächen auch mit Mutterwitz geprägte Betrachtungen über das Leben und den Alltag
(Ilse Bähner alias Kabarettist Tom Pauls) bot – eine gute Grundlage für das wissenschaftliche Programm am Folgetag.

Eröffnet wurde der fachliche Teil der Veranstaltung am Samstagmorgen durch Doz. Dr. Michael Fröhlich/Dresden – mit einem Disput, der ein Klassiker in der Zahnheilkunde ist und mit den Jahren dennoch nichts an Aktualität eingebüßt hat: Endo oder Implantat?

Erfolgreichere Therapie einschätzen lernen

Dem Tagungsthema „Back to the roots? Ist das Jahrhundert der Wurzelspitzenresektion vorbei?“ stellte sich als erster Referent Dr. Sebastian Schmidinger/Seefeld, einer der Wegbereiter der modernen Implantologie. Sein Aspekt: Steht jede Endo einem Implantat im Weg? Unterstützt durch eindrucksvoll bebilderte Patientenfälle, zeigte er, mit welcher vorhersagbaren Sicherheit bei entsprechender Indikation Implantate mit langfristigem Erfolg inseriert werden können. Allerdings räumte er auch ein, dass seine momentane endodontische Erfahrung noch nicht die Perfektion des Endospezialisten habe, um eine erfolgreiche Wurzelbehandlung eines Zahns versus erfolgreiche Implantation einschätzen zu können.

Der Gegenfrage stellte sich mit Dipl.-Stom. Michael Arnold/Dresden ein erfahrener Spezialist für Endodontologie und Zahnerhaltung. Bisher sei die Wurzelkanalbehandlung Standardtherapie bei Zähnen mit irreversibler Pulpenschädigung. Die Isolation dentaler Stammzellen und Fortschritte im Bereich des Tissue Engineering eröffneten allerdings neue Möglichkeiten zur Regeneration der Zahnpulpa und des Dentins. Der Therapieerfolg in der Endodontologie sei mit ständiger Fortbildung steigerungsfähig, die Zahl von heute 40–60 % fehlerhafter Behandlungen könne so weiter reduziert werden. Ursachen für fortbestehende Infektionen an endodontisch behandelten Zähnen seien in der Nichtbehandlung von Wurzelkanälen, Perforationen, Stufenpräparationen und nicht aseptischen Behandlungskonzepten zu sehen. Wesentliche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Vorgehen seien das Arbeiten mit Mikroskop und Sehhilfen, mit definierten Feilensystemen und modernem Spülprotokoll. Eine gute Wurzelkanalbehandlung könne den dauerhaften Ersatz eines geschädigten Zahns verhindern. In der Rolle eines dezidierten „Implantatgegners“ sah sich Michael Arnold aber nicht: Bei fehlender Restaurierbarkeit, Wurzel- oder Vertikalfrakturen bzw. negativer Patientencompliance sei das Implantat die wohl erfolgreichere Therapieform.

Röntgenaufnahmen genau betrachten

Dass keines der beiden Fächer Erfolgsgarantien geben kann, gehört zum fachlichen Allgemeinwissen. Wie Erfolg oder Misserfolg nach Implantation, Endotherapie und WSR im Alltag aussehen können, zeigte eindrucksvoll Dr. Edgar Hirsch/Leipzig, Poliklinik für konservierende Zahnheilkunde und Parodontologie anhand von Falldarstellung und Interpretationen röntgenologischer Befunde mit Schwerpunkt auf 3D-Diagnostik. DVT-Technik sei mittlerweile fester Bestandteil der ärztlichen und zahnärztlichen Diagnostik in der Traumatologie, MKG-Chirurgie, Parodontologie, Implantologie und Endodontologie. Dr. Hirsch schärfte mit dem Fokus auf die S2K-Leitlinie der DGZMK für DVT-Indikationen den Blick der Kollegen für genauere Betrachtung der Röntgenaufnahmen. Sein abschließendes Credo hinsichtlich der weiteren Entwicklungen nicht zuletzt bei Implantologie und Endodontologie: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“

Eigene Erfahrungswerte ausreichend würdigen

Der wissenschaftliche Vormittag wurde von Prof. Dr. Dr. Martin Kunkel/Bochum, Direktor der Klinik für MKG-Chirurgie, eindrucksvoll abgerundet. Sein Thema: „Leitlinien, wissenschaftliche Studien und Behandlungsrealität – mehr Konkordanz oder Diskrepanz?“ Die Evidenz generell, insbesondere aber evidenzbasierte Medizin sei kein festes Konzept und unterliege einem steten Wandel. Der momentane Stellenwert der internen Evidenz nehme stetig zugunsten der externen Evidenz ab, d.h., die eigenen Erfahrungswerte werden nicht ausreichend gewürdigt. Passende wissenschaftliche Studien zu den zahnärztlichen Fachgebieten analysierte Professor Kunkel sehr genau und hinterfragte, warum Studienergebnisse zum Teil gravierend voneinander abwichen. Fehlerquellen der externen Evidenz lägen im Wesentlichen im Aufbau der Studien, in der Patientenselektion, in bestimmten Interessenkonflikten, in der Politik und vor allem im wissenschaftlichen Fehlverhalten. Gezielt würden methodische Ergebnisse durch Veränderung der Ein- oder Ausschlusskriterien beeinflusst; Studienergebnisse würden falsch interpretiert und bewertet, oder es würden unerwünschte Ergebnisse weggelassen. Die Erfolgsraten in von der Industrie gesponserten Studien seien um ein Mehrfaches höher als in öffentlich geförderten Arbeiten.

In der Zusammenfassung des Tagungsthemas: „Back to the roots? Ist das Jahrhundert der Wurzelspitzenresektion vorbei?“ traf Professor Kunkel klare Aussagen:

Die WSR als vermeintlich notwendige kausale Therapie jeder periapikalen Pathologie ist biologisch nicht mehr haltbar.

Eine Kompensation einer ungenügenden endodontischen Behandlungsqualität durch eine WSR ist obsolet.

Die WSR als ergänzende Maßnahme eines sicheren apikalen Verschlusses ist weiter indiziert.

Methodische Neuerungen, insbesondere moderne Materialien und piezochirurgische Aufbereitungsverfahren, können die Erfolgsrate verbessern.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit vertiefen

Die abschließende Tagungsdiskussion eröffnete Doz. Dr. Fröhlich mit dem persönlichen Bekenntnis, dass nach dem letzten Vortrag viele Säulen seiner wissenschaftlichen Betrachtungen eingestürzt seien.

In der lebhaften Diskussion waren sich nicht nur die Referenten einig, dass die Generalisierung in der Zahnheilkunde immer mehr und schneller in eine Spezialisierung der Kollegen in die einzelnen Fachbereiche übergehen wird. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Implantologen, Parodontologen und Endodontologen werde und müsse sich auch vertiefen. Studien zu interpretieren sei heute schwieriger geworden, nicht zuletzt durch wiederholt eindeutiges Fehlverhalten. Schlussfolgernd seien Erfahrungsevidenzen von spezialisierten Kollegen zukünftig höher zu bewerten.

„Das Jahrhundert der WSR ist vorbei, aber das Neue hat schon begonnen!“: So verabschiedete MVZI-Präsident Dr. Thomas Barth die Kollegen im Schloss Friedenstein in Gotha und bedankte sich für die rege Diskussion und hervorragende Tagungsdisziplin – und lud zugleich ein zu den bevorstehenden 8. Schlosstagen: „In zwei Jahren werden wir uns im Schloss Meisdorf am Rande des Harzes wiedersehen!“

Uwe Woytinas, Weißenfels


(Stand: 03.12.2014)

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