Implantologie ist Teamwork

DGI-DENTAGEN-CURRICULUM

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Das DGI-DENTAGEN-Curriculum Implantatprothetik für die Zahntechnik nimmt nach einem gelungenen Start im vergangenen Jahr weiter Fahrt auf. Aus ihrem jeweiligen Blickwinkel beleuchteten Prof. Dr. Axel Zöllner, Witten, und ZTM Hans-Jürgen Stecher, Wiedergeltingen, im dritten Modul des Curriculums, das Mitte August in München stattfand, was Zahnarzt und Zahntechniker allein und im Team tun können, damit Patienten mit ihrer Versorgung zufrieden sind und Misserfolge vermieden werden.

ZTM Hans-Jürgen Stecher eröffnete seine Präsentation mit einem Satz aus der Grundversorgung im Lateinunterricht: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“ – auf Deutsch: „Was du auch tust, tue es klug und bedenke das Ende.“ Sein zahnärztlicher Partner, Prof. Dr. Axel Zöllner, griff ebenfalls zu einem Zitat. Es hatte dieselbe Botschaft, war allerdings sprachlich deutlich salopper formuliert: „Erst grübeln, dann dübeln.“ Damit hatten die beiden Experten eine wichtige Botschaft für die Kursteilnehmer formuliert: Eine implantatprothetische Versorgung sollte immer vom Ende und vom Ergebnis her gedacht und geplant werden – wobei das „Ende“ nicht dann erreicht ist, wenn die endgültige Versorgung aufgeschraubt oder einzementiert ist. Vielmehr gelte es, auch die Zeit danach im Auge zu haben, wie beide Referenten deutlich machten.

Implantatprothetik im Aufwind. Stecher ist überzeugt: „Bis zum Jahr 2020 wird der prothetische Behandlungsbedarf – trotz aller Erfolge der Prävention – nicht sinken.“ Angesichts der demographischen Entwicklung werde vielmehr die Zahl komplexer Versorgungen zunehmen. Ebenso prognostiziert der Experte beim Zahnersatz eine Verlagerung zu implantatgetragenen Restaurationen.

Auch Umfragen untermauern diese optimistische Einschätzung: Der Mehrzahl der Senioren waren bei einer Befragung eine gute Qualität und Funktion sowie ein natürliches Aussehen wichtiger als Kostenaspekte. Insbesondere Frauen (76 %) ist das ästhetische Behandlungsergebnis beim Thema Zahnersatz sehr wichtig. Hoch ist auch die Zuzahlungsbereitschaft insbesondere bei den mittleren Jahrgängen. Nicht zuletzt belegt die mit 14 Millionen Verträgen hohe Zahl der Zahnzusatzversicherungen, dass den Bundesbürgern eine gute zahnmedizinische Versorgung wichtig ist. „Es gibt also keinen Grund für die Annahme, dass alle Patienten nur Billigangebote wollen“, betont Stecher.

Was die Kosteneffektivität betrifft, fällt der Vergleich zwischen konventioneller Brücke und Einzelzahnimplantat zugunsten des Einzelzahnimplantats aus. Das belegen Studien, die Professor Zöllner vorstellte. Auch wenn multiple Lücken versorgt werden müssen, sind implantatgetragene Rehabilitationen initial zwar teurer, verbessern aber die mundbezogene Lebensqualität deutlicher als konventioneller Zahnersatz.

Implantattherapie ist etablierte Option. In der Tat ist implantatgetragener Zahnersatz für viele Patientinnen und Patienten eine etablierte Option. „Geht ein Zahn in jungen Jahren verloren, dominiert bei den 25- bis 45-Jährigen die Ästhetik“, weiß Prof. Dr. Axel Zöllner. „Doch bei aller Ästhetik muss der Zahnersatz auch funktionieren – und zwar über viele Jahre oder Jahrzehnte hinweg.“ Denn die Demografie führt nicht nur dazu, dass die Zahl älterer Menschen wächst, die auf dem Behandlungsstuhl Platz nehmen, sondern verändert auch die Therapieperspektive: „Ein funktionell rehabilitierter 60-jähriger Patient ist bald 70 Jahre alt“, lenkte Professor Zöllner den Blick der Kursteilnehmer weiter nach vorn. Dann sind die medizinischen Rahmenbedingungen oft ganz anders, viele Patienten haben dann chronische Erkrankungen und nehmen häufig eine Vielzahl von Medikamenten ein. „Es ist wichtig, die Erweiterbarkeit einer Versorgung zu beachten und gegebenenfalls eine frühe Umstellung auf einen abnehmbaren Zahnersatz zu planen.“

Solide wissenschaftliche Basis. Die wissenschaftliche Basis der Implantologie ist in den vergangenen Jahren breiter und kräftiger geworden. In die Zahnmedizin hat die kurz EbM genannte evidenzbasierte Medizin Einzug gehalten. Diese ruht auf drei Säulen: erstens auf der individuellen klinischen Erfahrung des (Zahn-)Arztes (interne Evidenz), zweitens auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis (externe Evidenz) und drittens auf den Werten und Wünschen des Patienten.

Entsprechend solide ist auch die Basis der Empfehlungen der Fachgesellschaften zur Zahl der Implantate, die in den verschiedenen Fallkategorien gesetzt werden sollten. Hinzu kommen verschiedene Leitlinien der DGI.

Die Zahl der Studien wächst, die hohe Überlebensraten von mehr als 95 Prozent nach fünf und von rund 80 Prozent nach zehn Jahren belegen. „Gleichwohl sollte man sich von diesen Erfolgsraten nicht blenden lassen“, darin waren sich die beiden Referenten einig. „Die Studien belegen immerhin Komplikationsraten von 33 Prozent“, wie Professor Zöllner betonte. Registriert werden vor allem Frakturen der Verblendung (13 %), Entzündungen der Weichgewebe (8,5 %) oder Abutment- und Schraubenlockerungen (5,3 %); Implantatfrakturen sind mit 0,5 Prozent demgegenüber selten.

Dies hat mit der fehlenden Rückmeldung eines Implantats über die Kaukraft zu tun. „Der natürliche Zahn warnt, wenn man zu fest zubeißt, das Implantat nicht mehr“, sagt Hans-Jürgen Stecher. Darum wirken auf implantatgetragenen Zahnersatz Kräfte ein, die acht- bis zehnmal so hoch sind wie jene bei natürlicher Bezahnung. „Da knallen 2000 PS aufeinander – und dann Keramik oben und unten“, bringt Stecher die Herausforderung auf den Punkt. Darum ist es nicht verwunderlich, dass technische Komplikationen bei implantatgetragenem Zahnersatz häufiger sind als biologische. Hinzu kommt, dass zahntechnische Verfahrensfehler auch bei entzündlichen Prozessen ursächlich beteiligt sein können.

Zur Qualitätssicherung ist darum die intensive Zusammenarbeit von Zahnarzt und Zahntechniker erforderlich. Und die beginnt bereits lange vor der Behandlung, nämlich bei der Patientenkommunikation. „Je komplexer der Fall, desto mehr Gesprächsbedarf besteht“, so Stecher. Allerdings sei es wichtig, zunächst die klinische Situation zu klären. „Sprechen Sie nie mit einem Patienten ohne vorherige klinische Absprache mit der Zahnärztin oder dem Zahnarzt“, warnte Stecher seine Kolleginnen und Kollegen.

„Nicht ohne mein Modell“. Was die Planung der Behandlung betrifft, ist es bis zur vollen Digitalisierung noch weit. Auch darin waren sich die beiden Experten einig. „Die Digitalisierbarkeit des Workflows von der Planung bis zur Insertion wird zur Zeit noch überbewertet“, so Stecher. „Bei komplexen Behandlungsfällen fehlt noch die Alltagstauglichkeit“, ergänzte Professor Zöllner.

Dennoch stehen vielfältige zahntechnische Instrumente für die Planung zur Verfügung. Eine Orientierungsschablone ist die einfachste Möglichkeit, einen Eingriff vom Ende her zu planen („Backward Planning“). Die Herstellung ist einfach und kostengünstig im Labor möglich, die Schablone ist für den „normalen Behandlungsfall“ meistens ausreichend und lässt dem Behandler chirurgische Freiheiten. Kritischer sieht Stecher den Einsatz von Führungsschablonen. Diese erlauben zwar die präzise Positionierung eines Implantats, doch ist die Herstellung im Labor komplex und kostenintensiv. Aus einer Röntgenschablone wird eine Bohrschablone, die die chirurgische Freiheit limitiert und eine vorausgegangene 3D-Diagnostik erfordert. Die Abweichungen sind beim Einsatz dieser Schablonen teilweise extrem hoch, sie können bis zu zwei Millimeter betragen.

Traditionell setzen sich bei den Kursen der kollegiale Austausch und das Gespräch mit den Referenten am Abend fort – so auch bei diesem Kurs in München. Die Gruppe bekämpfte gemeinsam und in bester Stimmung die Auswirkungen der hochsommerlichen Außentemperaturen von weit über 30 Grad erfolgreich mit dem einen oder anderen kühlen Münchener Bier, bei dem sich bekanntlich gut miteinander reden und auch grübeln lässt.

Barbara Ritzert, Pöcking


(Stand: 25.11.2015)

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