Neue Implantate, Patientenwünsche und möglicher Paradigmenwechsel

MVZI-Sommersymposium 2015

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Es war an der Zeit, dass sich ein Fachkongress der Vielzahl aktuell diskutierter Innovationen bei Implantaten und Insertionen widmet und in einem kurzen Überblick seitens erfahrener Experten skizziert, wo die Implantologie heute steht – als Leitschnur für die Kolleginnen und Kollegen, die zwischen Marketing und Wissenschaft stehen und damit zwischen attraktiven neuen Produkten und sicherheitsbezogener Langzeiterfahrung.

Der MVZI hat vor wenigen Wochen diese Aufgabe übernommen. Das nunmehr 22. Sommersymposium vom 18. bis 20. Juni in Halle unter wissenschaftlicher Leitung von Kongresspräsident PD Dr. med. dent. habil. Arne F. Boeckler/Halle legte genau die vier Stichworte unter die Lupe, die derzeit die Diskussionen in der Implantologie prägen: kürzer, dünner, schneller, weißer. Mit rund 240 Teilnehmern war das Sommersymposium hervorragend besucht und zeigte, dass der MVZI unter Leitung seines Präsidenten Dr. Thomas Barth erneut das richtige Thema zur richtigen Zeit gewählt hatte.

Kurze und dünne Implantate

Zusammen mit Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas/Mainz, Prof. Dr. Dr. Norbert Enkling/Bern, PD Dr. Frank P. Strietzel/Berlin, PD Dr. Torsten Mundt/Greifswald widmeten sich Dr. Sonia Mansour/Halle, Jan Herrmann/Zwickau und Dr. Michael Gey/Chemnitz den kurzen und dünnen Innovationen und vermittelten, teilweise auf der Basis hauseigener Studien, ihre Bilanz. Dünn sollte nicht zu dünn sein, mit 3,5 mm bewähren sie sich, so die Referenten, durchaus in allen Indikationsklassen. Bei guten Voraussetzungen und angepasstem Vorgehen könnten im UK auch 1,6 mm (Mindestdurchmesser) reichen und im OK 2,4 mm. Vorteil der Dünnen: Eine Implantation in ortsständigen Knochen mit ausreichend periimplantärer Stärke ist sinnvoller als ein dickeres Implantat, wenn dafür eine Augmentation erforderlich wäre. Was „zu dünn“ ist, war durch die bisher vorliegenden Studien nicht zu klären, es wurde aber vermutet, dass der Langzeiterfolg bei sehr dünnen Implantaten eventuell nicht ausreichend sicher vorhersagbar ist. Auch was „kurz“ und dennoch voraussagbar zuverlässig ist, konnte nicht auf den Millimeter fixiert werden. Dennoch zeigte sich, dass „kürzer“ als die früheren Klassiker bei passender Indikation Sinn macht. Kurze bzw. dünne Implantate kämen, so die Referenten, Patientenwünschen eindeutig sehr entgegen, steigerten die Lebenszufriedenheit, zeigten über den derzeit noch begrenzten Beobachtungszeitraum durchaus motivierende Erfolge und erforderten daher mehr Studien hinsichtlich des spezifischen Vorgehens.

Weiß: Keramikimplantate

Auch „weiß“ zählt zu den Patientenwünschen, nicht nur hinsichtlich der Zahnfarbe. Neu seien „weiße Implantate“ nicht, aber mittlerweile auch durch internationale Premiumhersteller mit wissenschaftlichem Anspruch im Markt angekommen. Prof. Dr. Ralf J. Kohal/Freiburg, Prof. Dr. Florian Beuer/Berlin und Dr. Michael Gahlert/München berichteten über klinische Studien und eigene Erfahrungen. Die Einsatzgebiete sind, das wurde deutlich, eindrucksvoll, aber nach wie vor nicht durch langfristige Studienergebnisse untermauert, auch bestehe Bedarf nach einem zweiteiligen Keramik-Implantat. Bei den Suprakonstruktionen habe sich im Frontzahnbereich Zirkonoxid für Abutment und Brückengerüst bewährt, im Seitenzahnbereich eher die klassische Metallkeramik. Bei monolithischen Zirkonkronen bestehe das Risiko eines Implantatbruchs. Die Verschraubung sei technisch einfacher geworden, reduziere das Periimplantitisrisiko aufgrund von Zementresten und sei bei einer Einzelimplantatkrone zu favorisieren.

Schnell: Sofortversorgung und -belastung

Da heute „alles schnell gehen muss“, wie Tagungspräsident Dr. Boeckler es formulierte, stand auch die Frage im Raum, wo denn mittlerweile Sofortversorgung und -belastung in der Implantologie stehen. Prof. Dr. Robert Haas/Wien, PD Dr. Stefan Fickl/Würzburg, Dr. Robert Nölken M.Sc./Lindau und Dr. Dr. Günter Nahles/Berlin stellten den aktuellen Stand anhand spezieller Subaspekte dar. In der Oberkieferfront sei das sofortige Vorgehen kritisch zu betrachten, bei dünnen Implantaten, palatinaler Positionierung und der Auffüllung des bukkalen Spalts mit „schwer resorbierbarem Augmentat“ aber unter Beachtung zahlreicher Vorgehensanforderungen machbar. Deutlich wurde, nicht zuletzt an eindrucksvollen histologischen Bildern, eine große interindividuelle Variabilität der ossären Neuformation – ein kontrolliertes Vorgehen in der Praxis sei daher unumgänglich. Eine Datenübersicht über zehn Jahre zeigte bei Sofortimplantation und Sofortversorgung im zahnlosen Kiefer eine gute, aber doch gegenüber später und verzögerter Implantation leicht abfallende Erfolgsrate. Um der Resorption der bukkalen Wand vorzubeugen, scheinen Profilimplantate günstige Ergebnisse zu bringen: Sie vollziehen die Schräge des Kieferkamms nach.

Generelles: Spalt, Mittelimplantat und Periimplantitis

Um die Kernfelder des Symposiums gruppierten sich weitere relevante und auch spannende Themen wie die Frage, ob es inzwischen eine Lösung gibt für die bakteriellen Belastungen durch den Spalt zwischen Implantat und Abutment: Nein, machte Prof. Dr. Katja Nelson/Freiburg eindringlich deutlich. Spannend waren die Erfahrungen von Dr. Nicole Passia/Kiel mit ihrem Konzept des mittigen Einzelimplantats im Unterkiefer zur Stabilisierung einer Totalprothese über eine Locatorverbindung – hier zeigte die Diskussion, dass es durchaus verschiedene Positionen unter den Tagungsteilnehmern dazu gab. Periimplantitis war das Thema von Dr. Jörg-Ulf Wiegner/Saalfeldt, die, so seine Beobachtung, entgegen anderslautenden Veröffentlichungen nicht zunehme, jedenfalls in seiner Praxis nicht bei gleichzeitig deutlich gesteigerten Implantationszahlen. Die bekannten Risiken von Rauchen bis Diabetes könne er aufgrund eigener Beobachtungen erneut untermauern.

Neben weiteren Vorträgen zu verschiedenen Subaspekten und dem beim MVZI traditionell kultivierten kollegialen Austausch, nach schwungvollem Gesellschaftsabend mit renommierter Band gab es zum Abschluss am Samstagmittag noch einen Fachvortrag, der zugleich auf das Sommersymposium 2016 verwies: Unter der Überschrift „Implantatprothetik im digitalen Workflow – Schneller? Sicherer? Besser?“ skizzierte Dr. Tim Joda/Bern Vor- und Nachteile der digitalen Prozesskette und machte damit Lust auf das bevorstehende
23. Sommersymposium am 27. und 28. Mai 2016 in Zwickau, das unter dem Motto „Bit Biss Bytes“ steht und wie immer viele unterschiedliche Aspekte zu einem runden Gesamteindruck verbinden wird.

Birgit Dohlus, Berlin


(Stand: 25.11.2015)

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