Sicher implantieren

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Herr Dr. Bergmann, ist das Eindrehen von Implantaten per Handratsche mit der neuen Chirurgieeinheit Implantmed endgültig vom Tisch?

Bergmann: Die Handratsche wird zum Auslaufmodell. Nahezu alle Implantate werden heute maschinell mit einer Drehmomentkontrolle gesetzt. Wir nutzen die Implantmed-Einheit beim konventionellen Inserieren, beim navigierten Implantieren und beim Einsatz von Bohrschablonen mit einer Drehmomentbegrenzung und einer langsamen Umdrehungszahl von 15 bis 20 Umdrehungen pro Minute. Die Drehmomentkurve, der Verlauf und das finale Drehmoment – wenn das Implantat in der Endposition ist – erscheinen auf dem Display. Der Behandler erhält somit eine präzise Verlaufskontrolle über den gesamten Eindrehvorgang.

Die beim Eindrehen per Handratsche fehlt?

Bergmann: Richtig, aber sie ist wichtig, weil die Primärstabilität gleichmäßig, also linear ansteigen sollte. Bei konischen Implantaten, die am oberen Ende etwas aufgetulpt sind, kann das bei einer unterdimensionierten Aufbereitung zu Probleme führen. Es presst sich am Ende der Insertion der obere breitere Teil gegen den Knochen und es entsteht erst ganz zum Schluss eine hohe Primärstabilität.

Und mit der Implantmed-Einheit lässt sich das kontrollieren bzw. verhindern?

Bergmann: Korrekt, denn man sieht den gesamten Verlauf. Ein weiterer Vorteil ist ein eigener Modus für die Gewindeschneidefunktion, der das Inserieren in hartes Knochenmate-rial erleichtert. Das Vorschneiden reduziert die Kompression auf den Kieferknochen beim Eindrehen des Implantats.

Bei welchen weiteren Indikationen nutzen Sie Implantmed?

Bergmann: Letztlich bei allen oralchirurgischen Standardeingriffen von Knochenaugmentationen über Wurzelspitzenresektion bis hin zur Weisheitszahnentfernung. Bei Weisheitszahnentfernungen verwendet man natürlich statt des klassischen FG-Winkelstücks ein Handstück mit höherer Drehzahl. Dank verschiedener Programme können die Chirurgieprotokolle voreingestellt und programmiert werden.

Wann wechseln Sie zur Piezo-Technik?

Bergmann: Beim Sinuslift, beim Bone Splitting und Spreading sowie bei Knochenblocktransplantaten – also immer dann, wenn es um eine präzise Bearbeitung der Knochensubstanz geht und gleichzeitig Weichgewebe geschont werden muss.

Die Piezo-Technik gilt zwar als minimalinvasiv, dürfte aber auch mehr Zeit in Anspruch nehmen …

Bergmann: Nein, aktuelle Piezo-Einheiten arbeiten inzwischen zügig, das Argument ist angestaubt. Mit Piezomed gelingt der Sinuslift heute ähnlich schnell wie mit den rotierenden Einheiten, aber wesentlich sicherer. Denn die Piezo-Technik schneidet nur das Hartgewebe, das Weichgewebe wird nicht verletzt. Selbst wenn ein Knochenblock retromolar gehoben wird, besteht im Gegensatz zu einer rotierenden Scheibe oder einem Diamanten nicht die Gefahr einer Nervschädigung. Bei der Präparation der Sinusbodenelevation wird so die Verletzung der Schneiderschen Membran quasi ausgeschlossen. Das ist ein Riesenvorteil.

Dennoch wird die Piezo-Technik noch immer nicht flächendeckend eingesetzt. Warum nicht?

Bergmann: Piezo-Technik setzt sich mehr und mehr durch, selbst ehemalige Piezo-Kritiker schwenken inzwischen um. Ein echter „Hit“ aus meiner Sicht: Mit der neuen kabellosen Fußsteuerung lassen sich Implantmed und Piezomed mit nur einer Steuerung nutzen. Nichts liegt mehr im Weg, nichts verheddert sich, die OP-Position bleibt stets konstant. Man kann sich voll und ganz auf den Patienten und den oralchirurgischen Eingriff konzentrieren. Wer damit einmal gearbeitet hat, will das nicht mehr missen.

Zurück zur Implantmed-Einheit. Ab Januar 2017 sollen Behandler auch die Osseointegration nach der Implantatinsertion kontinuierlich prüfen und gemeinsam mit dem Drehmoment dokumentieren können. Osstell ISQ heißt dieses neue Modul zur Messung der Stabilität. Was sind die Vorteile?

Bergmann: Osstell ist die einzige metrisch reversible und wissenschaftlich anerkannte Methodik, um eine Primärstabilität eines Implantats oder Abutments zu prüfen. Und das nicht nur beim Setzen des Implantats, sondern auch nach der Einheilung.

Also etwa beim Abdruck …

Bergmann: … und in der Verlaufskontrolle. Damit prüfen wir, wie fest das Implantat im Knochen ist. Das ist eine sehr einfache Messung, ich nenne es Ultraschallwiderstandsmessung.

Wie funktioniert das genau?

Bergmann: Nachdem das Implantat gesetzt wurde, wird ein spezieller Messstab eingedreht. W&H kooperiert mit dem Unternehmen Osstell. Ab Januar wird man beim Osstell-Onlineshop für jedes Implantatsystem einen Messstab, den sogenannten SmartPeg der Firma Osstell, für fast alle gängigen Implantatsysteme erhalten können. Diese Einmalprodukte schraubt man auf das Implantat, hält das Osstell – sieht aus wie ein Kugelschreiber – in einem bestimmten Abstand an und auf dem Display erscheint ein Wert, der linear zum Ausmaß der Festigkeit und der Osseointegration ist.

Und was ist daran so spannend?

Bergmann: Dass man so die Stabilität in der späteren Verlaufskontrolle betrachten kann, nicht nur während des Inserierens. Ist die Primärstabilität des Implantats zum Beispiel gering, weil es noch mit dem Knochenaufbau versorgt werden musste, prüft man nach drei oder sechs Monaten erneut, um sicherzugehen, dass die Primärstabilität für die spätere Versorgung wirklich ausreichend ist. Gerade bei der Sofortversorgung ist das von entscheidender Bedeutung. Die einzige Möglichkeit, die Osseointegration später noch einmal nachzumessen, bietet das Osstell-Modul. Das lässt sich in eine Verlaufskontrolle integrieren und hilft enorm beim Bestimmen des Belastungszeitpunkts.

Kann man nachjustieren, wenn es nach fünf Jahren mit der Osseointegration nicht so toll steht?

Bergmann: Der Behandler kann zum Beispiel die Superkonstruktion, oder, wenn auch noch eine Entzündung vorliegt, eine Periimplantitisbehandlung in Erwägung ziehen. Solche Überlegungen fußen natürlich nicht nur auf dem Osstell-Wert, sondern auch auf klinischen Untersuchungen und Röntgenaufnahmen.Anne Barfuß, Köln


(Stand: 14.12.2016)

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