Implantologie zwischen Empirie und Evidenz

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Jahrzehntelang resultierte der Erkenntnisgewinn in der Implantologie aus zufälligen Beobachtungen und dem mutigen Vorangehen einzelner Kollegen. Diese Art des Erkenntnisgewinns – auch Empirie genannt – hat über Jahrhunderte den medizinischen Fortschritt geprägt. Anderseits wollen wir und unsere Patienten langfristig sichere Behandlungen mit geringem Risiko und einem möglichst vollständig kalkulierbaren Behandlungserfolg. So wird mehr und mehr der Ruf nach der gegenwärtig besten wissenschaftlichen Evidenz laut, was zunehmend auch in der Implantologie zur Erarbeitung von wissenschaftlichen Leitlinien führt.

Ein Abweichen von diesen Leitlinien, die eine Behandlungsempfehlung darstellen und keinesfalls Richtlinien sind, wird zwar ausdrücklich befürwortet, fällt aber dem einzelnen Behandler zunehmend schwer. Das 24. Sommersymposium des MVZI im DGI e.V. widmete sich dieser Problematik, um sie aus den verschiedensten Blickrichtungen unseres Fachgebiets zu beleuchten.

In den Räumen des Hotels Bellevue mit seinem unvergleichlichen Canaletto-Blick auf die Dresdner Altstadt trafen sich am 16. und 17. Juni 270 Zahnärzte, Zahntechniker und MKG-Chirurgen. Parallel gab es ein gesondertes Programm, an dem 115 zahnärztliche Helferinnen teilnahmen.

Konzepte für Einsteiger zum Einstieg

Bereits am Donnerstag konnte der Vorkongress mit einem Novum aufwarten: Die Veranstaltung „Next Generation – Implantologie im Praxisalltag“ war vor allem für die jungen Kollegen und Implantologie-Einsteiger gedacht. Unter der erfrischenden Moderation des Kongresspräsidenten Matthias Schneider, Dresden, präsentierten junge niedergelassene Kollegen in vier Vorträgen konkrete Beispiele, wie man chirurgische und prothetisch-implantologische Leistungen in das eigene Praxiskonzept implementieren kann. Auch in dieser Sitzung lag der Fokus schon auf dem Kongressthema – Empirie und Evidenz der Therapieentscheidungen im implantologischen Alltagsgeschäft. Daraus entwickelte sich eine sehr offene Diskussion, welche bei herrlichem Wetter und einem Grillbuffet im historischen Biergarten oberhalb der Elbwiesen einen geselligen Ausklang nahm.

Nach diesem Auftakt wurden die Teilnehmer am Freitagmorgen durch die Mitglieder des VARIOSO Ensemble musikalisch begrüßt. Als Vertreter der Stadt Dresden beschrieb Bürgermeister Hartmut Vorjohann in seinen Grußworten die Bedeutung des Medizinstandortes Dresden und seine ganz persönlichen Erfahrungen als Patient.

Nach der offiziellen Begrüßung durch den Tagungspräsidenten und Präsidenten des MVZI Matthias Schneider sowie den Tagungsleiter Falk Nagel, Dresden, startete das wissenschaftliche Programm mit einer profunden Standort- und Begriffsbestimmung durch Dominik Groß, Aachen. Als inhaltliche Fortführung des Themas und klinisch-praktische Konsequenz stellte acht verbindliche Parameter einer ethisch korrekten Implantologie vor.

Mit Hans-Jürgen Hartmann, Marbella, war es den Organisatoren gelungen, ein „Urgestein“ der deutschsprachigen Implantologie einzuladen. Er berichtete aus seinem reichen Erfahrungsschatz aus über 30 Jahren praktischer Implantologie, den Irrungen und Wirrungen der Frühphase und der natürlichen Notwendigkeit des empirischen, ärztlichen Handelns bei der Entwicklung einer relativ jungen Disziplin wie der Implantologie. Aktuelle Versuche, das gesamte zahnärztliche Handeln rein auf evidenzbasierte Therapien zu beschränken wurden vom Referenten mit sachlicher vorgetragener Skepsis bewertet.

Auch der nächste Referent, Martin Brückner aus Dresden, blickte auf seine langjährige, zu großen Teilen empirisch gewonnene implantologische Erfahrung in der eigenen Praxis zurück. Sein Fazit für langfristigen Erfolg: wenige Systeme gute beherrschen und „üben-üben-üben!“.

Die Tücke steckt immer im Detail

In Ihren Vorträgen zu „kurzen und dünnen Implantaten“ sowie zu „konischen vs. parallelwandigen Implantaten“ gaben die erfahrenen Referenten Bilal Al-Nawas, Mainz/Halle und Knut A. Grötz, Wiesbaden, einen perfekten Überblick über Indikationen, Vorteile und Grenzen der unterschiedlichen Implantatdesigns. Auch hier wurde klar herausgearbeitet: die Tücke steckt im Detail. Vor allem machen es individuelle, allgemeinmedizinische Begleitumstände unserer Patienten oft nicht möglich, sich bei Therapieentscheidungen auf evidentes Wissen zu berufen.

Der Nachmittag startete mit einem Streitgespräch zwischen Jörg Wiltfang, Kiel, und Knut A. Grötz zur aktuell viel diskutierten Frage „Sind Implantate bei Bisphosphonat-Patienten kontraindiziert?“. Die erfahrenen Kollegen diskutierten dabei die vorliegenden Leitlinien, gaben klinische Empfehlungen und mussten doch feststellen, dass im klinischen Alltag die Therapieentscheidung in diesem Risikobereich momentan nicht unbedingt evidenzbasiert getroffen werden kann. Die Experten betonten, dass der Knochen aufgrund der gehemmten Resorption nekrotisch wird und sich somit ein typischer periimplantärer Abbau röntgenologisch nicht unbedingt zu erkennen ist. Zur Verlaufskontrolle ist daher die Sondierungstestung auf Blutung das wichtigste Kriterium bei der Beurteilung der individuellen Risikolage.

Über „etwas andere Implantate“, nämlich das sogenannte Zygoma-Implantat, berichtete Alfons Eißing aus Lingen. Wie später im Programm nochmals ausführlich thematisiert, zeigte sich schon hier, dass angulierte Implantate mittlerweile einen festen Indikationsraum im implantologischen Therapiespektrum einnehmen. Eine Einschätzung zu möglicherweise später auftretenden Veränderungen der periimplantären Strukturen lässt sich bei der aktuellen Datenlage allerdings noch nicht treffen.

Hygienesicherung auf dem Prüfstand

Spannend wurde es beim Vortrag von Lutz Jatzwauk, Krankenhaushygieniker aus Dresden, der die Evidenz und Empirie in der Hygiene beleuchtete. Der Experte setzte sich kritisch mit scheinbar feststehenden und oftmals sehr kostenintensiven Maßnahmen zur Hygienesicherung in der zahnärztlichen Praxis auseinander. Zu diesen gehören etwa Maßnahmen zur Verhinderung einer Legionellenbesiedlung der wasserführenden Systeme, die Sterilisation von Implantatabutments, die präoperative Hautdesinfektion oder die Anwendung von Chlorhexamed zur Implantatdesinfektion.

Aus seiner niedergelassenen Praxis präsentierte Jörg Wiegner aus Saalfeld eine ambitionierte Studie zum Auftreten periimplantärer Infektionen. Anhand von prospektiv erhobenen Daten bei seinem umfangreichen Patientenklientel konnte er klar herausarbeiten, dass im Vergleich zu anderen Faktoren wie etwa dem Rauchen, das Risiko für periimplantäre Infektionen bei parodontal vorerkrankter Patienten signifikant am höchsten lag.

Zum Abschluss des Nachmittagsprogramms gab Wolfram Knöfler aus Leipzig einen Einblick in die Ergebnisse einer weiteren, sehr umfangreichen Versorgungs-Studie. Auch hier konnte er typische Risikomerkmale für einen langfristigen Erfolg von Implantaten, auch an kompromittierten Patienten, herausstellen.

Das gesellschaftliche Highlight bildete auch in diesem Jahr wieder die MVZI-Party. Vor allem der mittlerweile deutschlandweit bekannte Dresdner Comedian Olaf Schubert begeisterte bei diesem Heimspiel die Partygäste mit seinem „implantologisch angehauchten“ Programm nachhaltig.

Die Rolle der Zähne für die Evolution

Der zweite Kongresstag startete mit dem traditionellen, besonderen Vortrag. Entsprechend dem Kongress Thema wurde die Rolle der Zähne für die menschliche Evolution durch den Zahnarzt und Archäologen Kurt W. Alt aus Krems (Österreich) in beindruckender Breite näher beleuchtet. Das Auditorium war begeistert von der großartigen und kurzweiligen Erweiterung des Allgemeinwissens in nur 45 Minuten.

Der weitere Sonnabendvormittag stand unter dem Vorzeichen implantatprothetischer Themen. Torsten Mund, Greifswald, beleuchtete „Mythen und Wahrheit zur Periimplantitis“ aus prothetischer Sicht. So sollten bei parafunktionell aktiven Patienten Implantatkronen prophylaktisch mit sehr flachem Höckerprofil und schmalen, wenig konturierten Kronen im Seitenzahnbereich versorgt werden. Entgegen noch oftmals bestehenden „empirischen“ Vorurteilen, ginge, so der Referent, von einem Kronen-Implantat-Verhältnis von 2:1 hingegen kein höheres „evidenzbasiertes“ Risiko aus.

Über den „Mut zu haben, etwas nicht zu tun“ sprach der Dresdner Prothetiker Michael Walther. Er stellte seinen Fokus auf Konzepte mit reduzierter Implantatanzahl. So ist dies bei festsitzenden Versorgungen die mittlerweile wissenschaftlich gut untersuchte verkürzte Zahnreihe.

Aspekte für und wider dem kieferorthopädischen Lückenschluss wurden von der langjährigen Klinikoberärztin und nun in Dresden niedergelassenen Kollegin Eve Tausche sehr strukturiert und fundiert vorgetragen.

Periimplantitis nicht immer bakteriell verursacht

Klar prothetisch fokussiert gab im Anschluss Peter Pospiech aus Berlin einen Überblick über die Rolle von Evidenz und Empirie bei keramischen Abutments und Suprastrukturen. Sein Lob galt dem einteiligen Standardaufbau auf Weichgewebeniveau – dem „VW-Käfer“ der Implantatprothetik. Eher kritisch betrachtet er moderne Hybridkomposite – oft fälschlich als Keramiken beworben – als Gerüst- und Kronenmaterial.

Dass eine periimplantäre Erkrankung nicht immer primär bakteriell hervorgerufen wird, stellte Thomas Barth, Leipzig, anhand von gut dokumentierten Fällen aus dem klinischen Alltag eindrucksvoll dar.

Einen weiteren Höhepunkt stellte der im letzten Teil des wissenschaftlichen Programms platzierte Übersichtsvortrag von Markus Schlee, Forchheim, zur Ätiologie und Pathogenese der Periimplantitis dar. Neben einem hervorragenden und kritischen Überblick über die aktuelle Literatur, gab er klare Empfehlungen für die tägliche Praxis. So sind nach seiner Einschätzung lediglich fünf Prozent aller Periimplantitisfälle tatsächlich primär bakteriell entzündlich verursacht. In diesen Fällen ist für ihn mangels aktuell bereits funktionierender Techniken zur intraoralen Dekontamination der Implantatoberflächen die konsequente Explantation die Therapieempfehlung.

Patientenrechtegesetz und Aufklärung

In ihrem Vortrag „Evidenz und Empirie im Recht“ führte Rechtsanwältin Kerstin Peschel, Meißen, die Teilnehmer dann zu den Notwendigkeiten und Konsequenzen, welche sich aus dem aktuellen Patientenrechtegesetz im klinischen Alltag ergeben. Kommt es zum Streitfall, erscheint mangelnde oder mangelhafte Aufklärung weiterhin als das bedeutsamste Problem.

Zum Abschluss des wissenschaftlichen Programms wurde einerseits mit der Darstellung von Matthias Schulz, Dresden, von Ergebnissen der Grundlagenforschung zu systemischen Glukokortikoidgaben und andererseits mit klinischen Beispielen zum Weichgewebemanagement um Implantate durch den Dresdner Martin Brückner noch einmal die ganze Spannbreite der Implantologie dargestellt.

Neben dem traditionell sehr gut besuchten, zweitägigen Helferinnenprogramm erhielten die von Seiten der Industriepartner an beiden Kongresstagen ausgestalteten und mit erfahrenen Referenten besetzten Hands-On-Kurse und Tischdemonstrationen wieder einen hohen Zuspruch von Seiten der Kongressteilnehmer. Auch die parallel zum Kongress stattgefundene Industrieausstellung war gut besucht.?

PD Arne Boeckler

Fotos: Stefan Sachs

 

 

 


(Stand: 27.11.2017)

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