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? Dr. Sonia Mansour, MSc.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin CharitéCentrum Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde CC 3,

Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre

sonia.mansour@charite.de

Die Digitalisierung ist oft Fluch und Segen zugleich. Ein regelrechter „Hype“ ist ausgebrochen, dass nur noch digital das „Wahre“ sei. Bei der Implementierung von digitalen Prozessketten stehen heutzutage nicht die Erhöhung der Präzision und Qualitätsverbesserung im Vordergrund, sondern technische Spielereien, die voreilig in der Praxis umgesetzt werden. Dabei hat die Automatisierung besonders lästiger Behandlungsschritte Priorität. Wie bei vielen Entwicklungen in der Zahnmedizin soll der Intraoralscanner (IOS) klinische Probleme lösen, die auch in der analogen Welt bestehen. Der IOS schafft aber auch ganz neue Fallstricke.

Zunächst kann die digitale Abformung nicht universell eingesetzt werden. Die sichere Indikation ist immer noch auf kleine Restaurationseinheiten begrenzt. Ein „Full- Arch“-Scan ist hinsichtlich der Genauigkeit beispielsweise noch reines Glücksspiel. Weiterhin begegnen dem Zahnarzt bei der Anwendung des IOS Komplikationen, die bei der konventionellen Abformung nicht ansatzweise eine Rolle spielen. Das Scannen von ausgedehnten zahnlosen Kieferabschnitten ist nach wie vor ein Problem, da die Kameras nicht ausreichend Differenzierungspunkte erfassen können. Damit ist der IOS für die Herstellung von herausnehmbarem Zahnersatz praktisch nicht einsetzbar. Bei mehrflächigen, gut polierten metallischen Restaurationen streiken die Scanner oftmals durch die entstehenden Reflexionen und machen die digitale Abformung zum Geduldsspiel. Dass die Präzision dabei negativ beeinträchtigt wird, davon ist auszugehen.

An eine zeitliche Ersparnis im Vergleich zur konventionellen Abformung ist überhaupt noch nicht zu denken. Im Gegenteil, die zusätzlichen technischen Komplikationen verzögern den Scan oft erheblich, erst recht, wenn am Ende doch eine konventionelle Abformung mit Abformträger und Elastomer erfolgen muss. Gerade auch die Anschaffungspreise der derzeitigen IOS rechtfertigen in keinster Weise eine breite Anwendung in der zahnärztlichen Praxis.

Die von der Industrie viel zitierte „unkomplizierte digitale Weiterverarbeitung“ der Daten wird oft durch „geschlossene“ Systeme behindert, sodass der Anwender gezwungen wird, innerhalb des Systems einer Firma zu bleiben. Sonst sind viele Optionen nur eingeschränkt oder überhaupt nicht nutzbar. Und auch die Nachhaltigkeit im Sinne der immer wieder verfügbaren Datensätze ist dann in der Praxis doch nicht so einfach. Datensätze, die sich aus unerfindlichen Gründen nicht abrufen lassen, sind dann genauso hilfreich wie das bereits entsorgte Sägeschnittmodell.

Ein ungelöstes Problem ist der Datenschutz. Viele Systeme sind über das Internet vernetzt und sensible Patientendaten werden über das Datennetz verbreitet. Die Industrie hat dazu keine Antwort, außer dass die Verschlüsselung „sicher“ sei. Ebenfalls ist unsicher, was bei einem Hackerangriff auf die Praxissoftware oder gar den zentralen Server der Firmen passieren kann. Szenarien, die in der heutigen Welt leider überhaupt nicht mehr ausgeschlossen werden können.

Die IOS sind die nächste logische Weiterentwicklung in der Zahnheilkunde, aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht praxisreif. Die Industrie ist gefordert, die Anwendbarkeit zu vereinfachen und vor allem die Anschaffungspreise zu reduzieren. Allem voran sollten die mit konventionellen Mitteln erzielten, ausgefeilten Qualitätsanforderungen auch in der digitalen Abformung der Maßstab sein.?


(Stand: 11.01.2018)

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