Angulierte versus axial inserierte Implantate

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Einleitung

Implantate werden entsprechend den prothetischen Voraussetzungen und anatomisch bzw. therapeutisch umsetzbaren Möglichkeiten inseriert, optimaler Weise im Rahmen eines implantat-prothetischen Backward-Plannings. Hierbei kann es erforderlich sein, dass Implantate nicht nur axial, sondern auch schräg inseriert werden, um eine implantatprothetische Versorgung ohne zusätzlichen chirurgisch rekonstruktiven Aufwand und Schonung sensibler Nachbarstrukturen zu ermöglichen. Konzepte wie die implantatgetragene Versorgung zahnloser Kiefer weisen unter Umständen sogar eine relativ ausgeprägte Angulation der distalen Implantatanker auf.

So kann bei einer Versorgung im Oberkieferseitenzahnbereich die Versorgung mittels schräg inserierten Implantaten als Alternative zu augmentativen Verfahren im Sinne eines internen bzw. externen Sinuslifts dienen. Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass für die nachfolgende prothetische

Versorgung unter Umständen auch veränderte Komponenten, zum Beispiel Abformpfosten und Abutments sowie entsprechende Hinweise für das hierfür veränderte klinische Vorgehen erforderlich sind.

Inwieweit die schräge Insertion von Implantaten einen Einfluss auf funktionelle Aspekte und die periimplantären Weich- und Hartgewebe haben kann, wurde bereits in diversen Studien untersucht. Fragestellungen, ob sich bei angulierten Implantaten zum Beispiel entsprechende Hygienemaßnahmen realisieren lassen oder der periimplantäre marginale Knochenabbau im Vergleich zu orthograd inserierten Implantaten vergleichbar ist, sind wichtige Punkte, welche es zu klären gilt.

Literaturübersicht

Hopp M, de Araújo Nobre M, Maló P

Vergleich des marginalen Knochenverlustes und Implantaterfolgs zwischen axial und schräg inserierten Implantaten bei Oberkiefer All-on-4-Versorgungen nach 5 Jahren

Comparison of marginal bone loss and implant success between axial and tilted implants in maxillary All-on-4 treatment concept rehabilitations after 5 years of follow-up

Clin Implant Dent Relat Res 2017; 19: 849?859

Studientyp:

In-vivo-Studie

Material und Methode:

Es handelt sich um eine retrospektive klinische Untersuchung, bei der insgesamt 2379 Implantate bei 626 Patienten (1201 axial und 1178 schräg inserierte Implantate), welche in einer Klinik im Zeitraum 2002 bis 2010 eingebracht worden waren, einbezogen wurden. Dabei wurden 2 Gruppen im Rahmen dieser Untersuchung gebildet, wobei die erste Gruppe axial inserierte und die zweite Gruppe schräg inserierte Implantate aufwies.

Wesentliche Zielgrößen:

Evaluation des Knochenniveaus, Überlebensrate

Wesentliche Ergebnisse:

Im Hinblick auf den marginalen Knochenverlust gab es nach 5 Jahren keinen signifikanten Unterschied (p = 0,503). Bei den Überlebensraten bestand ebenfalls kein bedeutsamer Unterschied zwischen beiden Gruppen.

Zusammenfassung:

Im Hinblick auf die Implantatausrichtung, d.h. die axiale und schräge Implantatinsertion, zeigte sich weder ein signifikant unterschiedlicher Knochenabbau noch ein signifikanter Unterschied in den Überlebensraten.

Bewertung:

Positiv bei dieser Untersuchung ist, dass diese wertvolle Hinweise zu einer relevanten Thematik gibt, zu welcher die Literaturlage tendenziell übersichtlich erscheint. Sicherlich würde sich die Aussagekraft der Studie erhöhen, wenn weitere dieses Gebiet betreffende wichtige Faktoren, zum Beispiel die Sondierungstiefe im marginalen Bereich sowie Blutungs- und Plaqueindizes, erhoben worden wären. Inwiefern die Förderung der Studie durch die Industrie und die Durchführung an einem renommierten, auf die Insertion angulierter Implantate spezialisierten Institut in Portugal die Ergebnisqualität beeinflusst hat, lässt sich hier nicht klären.

 

Sugiura T, Yamamoto K, Horita S, Murakami K, Tsutsumi S, Kirita T

Auswirkungen des Neigens von Implantaten und der Belastungsrichtung auf die Auslenkung und Mikrobewegung von sofort belasteten Implantaten: ein In-vitro-Experiment und Finite-Element-Analyse

Effects of implant tilting and the loading direction on the displacement and micromotion of immediately loaded implants: an in vitro experiment and finite element analysis

J Periodontal Implant Sci 2017; 47: 251–262. doi: 10.5051/jpis.2017.47.4.251. Epub 2017 Aug 28

Studientyp:

In-vitro-Analyse und Finite-Element-Analyse

Material und Methode:

Bei dieser Untersuchung wurden in vitro axial und schräg in künstlichen Knochenblöcke eingebrachte Implantate zum einen axial und zum anderen schräg (aus 45° in mesiodistaler Richtung einwirkende Kraft) belastet. Zusätzlich wurde das Experiment im Rahmen einer Finiten-Element-Analye simuliert.

Insgesamt wurden 6 Implantate (10,0 mm Länge, 4,3 mm Durchmesser) in künstlichen Knochenblöcken verwendet, wobei 3 Implantate axial (Gruppe 1) und 3 um 30° schräg (Gruppe 2) inseriert wurden.

Zielgrößen:

Auslenkung und die Mikrobewegung der Abutments

Wesentliche Ergebnisse:

Die Abutmentauslenkung war größer unter schräg einwirkender im Gegensatz zur axialen Belastung und bei den schräg eingebrachten Implantaten größer im Vergleich zur Auslenkung der Abutments bei den axial inserierten Implantaten. Die In-vitro- Analyse und die Finite-Elemente-Simulation zeigten eine entsprechende Übereinstimmung. Die Mikrobewegung war bei Schrägbelastung im Vergleich zur axialen Belastung bis zum 4,1-fachen höher. Die maximale Mikrobewegung der Abutments unter vertikaler Belastung war bei den schräg und axial eingebrachten Implantaten ähnlich. Interessanterweise war unter Schrägbelastung bei den anguliert inserierten Implantaten die maximale Mikrobewegung der Abutments um 38,7 % geringer als bei den axial inserierten Implantaten.

Zusammenfassung:

Die maximale Mikrobewegung der Abutments war unter mesio-distaler Belastung bei den schräg inserierten Implantaten geringer als bei den axial inserierten Implantaten. Hierbei wurde die maximale Mikrobewegung im Wesentlichen durch die Belastungsrichtung bestimmt.

Bewertung:

Bekannt ist, dass entsprechend des Charakters einer In-vitro-Untersuchung diese Erkenntnisse natürlich nicht direkt auf die klinische Situation übertragen werden können. Dennoch liegt hier eine Besonderheit vor, da eine In-vitro-Studie in Kombination mit einer Finite-Elemente-Analyse durchgeführt wurde. Zumeist finden sich solche Untersuchungen lediglich separat. Diese Kombination steigert die Aussagekraft der Ergebnisse, wobei es sich zeigen wird, inwieweit sich diese Ergebnisse, zum Beispiel geringere Mikrobewegungen, auch in geringeren Dezementierungsraten bei zementierten prothetischen Versorgungen widerspiegeln werden. Diesbezüglich ist allerdings abschließend anzumerken, dass diese Versuchsbedingungen nur bedingt die klinische Realität widerspiegelt, da in dieser Untersuchung einzelne Implantate verwendet bzw. simuliert wurden, welche nicht verblockt waren, was jedoch in der Regel im klinischen Alltag der Fall ist.

 

Testori T, Galli F, Fumagalli L, Capelli M, Zuffetti F, Deflorian M, Parenti A, Del Fabbro M

Beurteilung des Langzeitüberlebens von sofortbelasteten und angulierten Implantaten im Rahmen von festsitzenden Oberkiefertotalprothesen

Assessment of Long-Term Survival of Immediately Loaded Tilted Implants Supporting a Maxillary Full-Arch Fixed Prosthesis

Int J Oral Maxillofac Implants 2017; 32: 904–911. doi: 10.11607/jomi.5578.

Studientyp:

Klinische Langzeituntersuchung (10 Jahre)

Material und Methode:

Im Rahmen der Anfertigung von sofortversorgten implantatgetragenen Oberkieferprothesen wurden bei jedem Patienten insgesamt 6 Implantate inseriert, wobei die distalen Implantate anguliert eingebracht wurden. Bei insgesamt 24 zahnlosen Patienten wurden 144 Implantate und deren prothetische Versorgung nach 10 Jahren nachuntersucht.

Primäre Zielgrößen:

Beurteilung der Lebensqualität und der Überlebensrate der Implantate

Wesentliche Ergebnisse:

Die Überlebensrate der Implantate betrug 95,1 %, wobei die anguliert eingebrachten Implantate keine signifikant höhere Verlustrate aufwiesen. Bei der Beurteilung ergab sich je nach Fragestellung eine Patientenzufriedenheit von 8,4 bis 8,8 von maximal 10 erreichbaren Punkten.

Bewertung:

Wie bei Untersuchungen zu dieser Thematik üblich, waren die evaluierten Implantate im Rahmen der implantatprothetischen Versorgungen miteinander verblockt. Dies schränkt naturgemäß die Aussagekraft der Untersuchung ein, da es sich hierbei in der Regel um die distalen Anker einer kompletten Kieferversorgung handelt, welche insbesondere einer zu den restlichen Implantaten nicht vergleichbaren funktionellen Belastung ausgesetzt sind. Allerdings bietet die Untersuchung Langzeitergebnisse, welche in der Literatur eher selten sind, und besitzt daher einen entsprechend hohen Stellenwert.

 

Sannino G, Barlattani A

Axial versus angulierte Abutments auf angulierten Implantaten bei festsitzenden Sofortversorgungen des zahnlosen Unterkiefers: Eine retrospektive vergleichende 3-Jahresuntersuchung

Straight Versus Angulated Abutments on Tilted Implants in Immediate Fixed Rehabilitation of the Edentulous Mandible: A 3-Year Retrospective Comparative Study

Int J Prosthodont 2016; 29: 219–26. doi: 10.11607/ijp.4448

Studientyp:

Klinische Studie

Material und Methode:

Bei 85 Patienten erfolgten bei einer zahnlosen Unterkiefersituation im Rahmen einer All-on-Four-Versorgung primär Versorgungen mittels Interimsversorgungen mit nachfolgender Implantatinsertion und entsprechender prothetischer Versorgung.

Wesentliche Zielgröße:

Marginaler Knochenabbau

Wesentliche Ergebnisse:

Der marginale Knochenabbau bei den schräg inserierten Implantaten betrug nach 3 Jahren 1,19 mm ± 0,33 mm und bei den axial eingebrachten Implantaten (1,00 mm ± 0,37 mm).

Zusammenfassung:

Neben der Erhebung weiterer Parameter wurde gezeigt, dass der marginale Knochenabbau an den schräg inserierten Implantaten signifikant größer war als an den axial inserierten Implantaten.

Bewertung:

Im Rahmen dieser Untersuchung wurden relevante implantatprothetische Parameter analysiert. Sicherlich ist die Aussagekraft aufgrund der kurzen Beobachtungszeit begrenzt. Positiv ist die einheitliche prothetische Versorgungsform im Sinne der All-on-Four-Versorgung zu nennen.

Synopsis

Unter bestimmten Gegebenheiten und je nach Versorgungskonzept kann es von Vorteil sein, dentale Implantate anguliert zu inserieren, um bei möglichst geringem chirurgisch rekonstruktivem Aufwand und ohne sensible Nachbarstrukturen wie den Sinus maxillaris oder das Foramen mentale zu gefährden, möglichst viel Stützfläche im Rahmen der prothetischen Versorgung erzielen zu können. Die hier aufgeführten Untersuchungen belegen klinisch akzeptable Resultate für angulierte Implantate, wobei diese in der Regel im Rahmen von festsitzenden Versorgungen beim zahnlosen Kiefer als distale Stützpfeiler Verwendung finden. Hierbei gilt es zu betonen, dass vor der angulierten Insertion von Implantaten eine entsprechende 3D-basierte Planung durchgeführt werden sollte, wobei dabei auch diesbezügliche Ungenauigkeiten dieser Planungsvariante bedacht werden müssen. Ebenso sollte bei Insertion von zwei angulierten Implantaten im Rahmen einer Versorgung darauf geachtet werden, dass diese Angulationen aufeinander abgestimmt sind, d.h. die Angulationen möglichst in einer Ebene erfolgen. Die Tatsache, dass in den letzten Jahren kurze Implantate mit hohem klinischen Erfolg eingesetzt wurden, führt zu der Überlegung, inwieweit die Verwendung eines oder mehrerer orthograd belasteter und verkürzter Implantate eine Alternative zu einer möglichen Angulation von Implantaten darstellt.

 

 

 


(Stand: 28.11.2017)

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