Zahnärztliche Chirurgie

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Ein Fach stirbt aus? Oder doch nicht?

Mitten in der politischen Diskussion um die Zukunft der Oralchirurgie hat ein Kompendium seinen feierlichen Auftritt. Ein Buch, auf das ich die letzten Jahre sehnsüchtig gewartet habe. Was ist eigentlich Oralchirurgie? Geht es um das „Zähneziehen“, um die „Implantologie“ oder darum „High-End-Parodontalchirurgie“ zu betreiben? Doch bevor wir das Werk „Zahnärztliche Chirurgie“ von Jackowski, Peters und Hölzle besprechen, schauen wir ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte zurück.

In meinem Studium der Zahnmedizin hielt ich plötzlich ein dreibändiges Buch in der Hand, den „Krüger“. Ein Chirurgielehrbuch, in dem einfach alles zu finden war. Es eröffnete sich mir eine breite Welt vom chirurgischen Handwerk über eine Fülle von Erkrankungen und Mundschleimhautveränderungen bis hin zur großen Chirurgie. Ich bin mir heute fast sicher, dass die Freude an diesem Werk und an der Themenvielfalt meinen Berufswunsch der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie maßgeblich mitgeprägt hat. Für jüngere Generationen war sicherlich der „Schwenzer-Ehrenfeld“ ein ähnliches Schlüsselwerk. Die letzten Jahre ist es allerdings relativ ruhig geworden, und man hätte einen ähnlichen Wurf vielleicht eher aus den Händen eines Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen erwartet. Umso mehr erfreut es nun, dass sich ein Dreigespann aus MKG-Chirurg, Oralchirurg und niedergelassenem Kollegen gefunden hat, das sich des Themas „Zahnärztliche Chirurgie“ annimmt. In meinen Händen liegt ein fast schon unverschämt dickes Taschenbuch aus dem Springer-Verlag, das über 830 Seiten stark ist. Gibt es tatsächlich so viel zum Thema „Zahnärztliche Chirurgie“ zu schreiben? Die Antwort lautet „Ja“. Schon allein der Start mit dem Blick auf die Anatomie ist der Zugang, den der Chirurg oder die Chirurgin immerwährend im Kopf hat; unser Navigationssystem. Dazu illustrieren kleine, aber wohl ausgesuchte grafische Aufarbeitungen die lokale Anatomie des Mundbodens und des Ober- und Unterkiefers. Im Kapitel „Präoperative Grundlagen“ wird nicht nur über Risikostratifizierung bezüglich der Allgemeinerkrankungen geschrieben. Es findet sich auch ein aktueller Teil zum Thema „Hygiene“ und ein Blick auf das Medizinrecht, der so in anderen Lehrbüchern kaum zu finden ist. Mir gefällt der abwechslungsreiche Stil aus Gliederungen, Freitext, Tabellen und Merksätzen. Gerade das Kapitel „Schmerzausschaltung und Lokalanästhesie“ hätte vielleicht auch ein wenig mehr Abbildungen vertragen. Dies insbesondere dann, wenn man das Buch als neuer Leser im Studium einsetzen möchte. Die chirurgischen Prinzipien sind auch inkl. moderner Lasertechnik umfassend dargestellt. Trotz der Fülle der über 160, meist farbigen Abbildungen hätte wahrscheinlich auch das Kapitel „Instrumente“ von etwas mehr Abbildungen profitiert. Sicherlich wird man die Bildgebung/Radiologie in einem solchen Kompendium nur im Überblick abhandeln können. Sehr breiten Raum findet hingegen der Bereich der Pharmakologie, mit umfangreichen Tabellen, die sehr übersichtlich gestaltet sind. Ebenso klar gegliedert und aktuell ist das Thema „Gerinnungsstörungen“. Perfekt gegliedert, gut bebildert und knapp beschrieben sind die Themen „Zahnärztliche Traumatologie“ und „Traumatologie des Gesichtsschädels“. Auch in diesem Zusammenhang wird wieder deutlich, wie schwer eine Abgrenzung zwischen originär zahnärztlicher Chirurgie und den weiterführenden Bereichen, z. B. dem Bereich der Mittelgesichtsfrakturen, zu ziehen ist. Vielleicht ist es ja gerade gut, dass da keine scharfe Grenzziehung besteht und wir uns alljährlich beim Kongress der Arbeitsgemeinschaft für Kieferchirurgie fachübergreifend treffen. Die chirurgischen Techniken erhalten einen erfreulich breiten Raum, wobei auch zu diesem Thema ggf. ein bisschen mehr OP-Lehre im Sinne von Abbildungen wünschenswert wäre.

Abgerundet wird das Buch durch ein aktuelles Kapitel „Orale Pathologie“ sowie Weichteilinfektionen, Speicheldrüsenerkrankungen, internistische und neurologische Erkrankungen sowie Patienten mit speziellem Therapiebedarf. In Letzterem finden sich Hinweise zu Schwangerschaft, behindertenorientierter Zahnmedizin, Patienten mit Bestrahlungstherapie, Patienten mit antiresorptiver Therapie, also Dingen, die in den Fortbildungen regelmäßig zu Diskussionen führen. Auch seltene Erkrankungen sowie kraniomandibuläre Dysfunktionen finden ihren Raum. Dass die Implantologie nur kurz abgehandelt wird, ist sicherlich zu begrüßen, da sonst der Rahmen eines solchen Buches einfach gesprengt wäre. Den Abschluss finden die Autoren mit einem Kapitel zum Thema „Notfallbehandlung“.

Im Englischen gibt es den schönen Begriff „comprehensive“; wahrscheinlich würde man es auf Deutsch mit dem Wort „Kompendium“ am besten beschreiben. Ich habe mich beim Schmökern in diesem wundervollen Buch dabei ertappt, dass ich mir gewünscht hätte, es wäre ein großes Werk und kein Taschenbuch. Aber nachdem mir meine Eitelkeit den Griff zur Lesebrille verziehen hat, erfreut man sich an der Kompaktheit.

Liebe Herausgeber, liebe Autoren dieses Werks, einen herzlichen Glückwunsch. Um die Zukunft der Oralchirurgie mache ich mir bei so viel Aktivität keine Sorgen.

Liebe Studierende, vor Ihnen liegt ein wundervolles, motivierendes Standardwerk. Lassen Sie sich inspirieren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Google weiß eben doch nicht immer alles. Nutzen Sie ein Nachschlagewerk von unzweifelhafter Kompetenz. Viel Spaß mit der „Zahnärztlichen Chirurgie“.

Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas

Jochen Jackowski, Hajo Peters, Frank Hölzle (Hrsg.), 1. Auflage 2017, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg, Seiten: XXVII, 834, 25 Schwarz-Weiß-Abbildungen, 138 farbige Abbildungen, Softcover-ISBN: 978-3-642-54753-9, 49,99 Euro, eBook-ISBN: 978-3-642-54754-6, 39,99 Euro

 

 

 


(Stand: 27.11.2018)

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