Sollen Studenten implantieren?

Eine Meinungsumfrage

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Schlüsselwörter: Approbationsordnung für Zahnmediziner DGI-Mitglieder Implantate Martin-Luther-Universität Online-Meinungsumfrage SoSciSurvey Umfrage

Sucht man nach Gemeinsamkeiten von Fliegen, Mücken und Meinungsumfragen, landet man schnell beim Attribut „lästig“. Bei differenzierter Betrachtung lassen sich ihnen jedoch auch nützliche – oder im Falle letzterer – informative Aspekte abringen. Vielleicht erscheint es weitläufig als düstere Prophezeiung einer kleinen Gruppe von Sonderlingen, dass die neue Approbationsordnung für Zahnmediziner grundlegende Änderungen des Berufsbildes und seines Verständnisses bewirken wird. Die Zeit wird es zeigen.

Jedenfalls wurde der Versuch gestartet, ein Meinungsbild der DGI-Mitglieder über die Bedeutung des Fachs Implantologie hinsichtlich seines Inhalts und Umfangs im Studium der Zahnmedizin zu eruieren. Der praktische Hintergrund ergibt sich möglicherweise aus Gedanken wie diesen: Welche Fähigkeiten kann ich von einem Vorbereitungsassistenten erwarten? Wird die junge Absolventin im neuen MVZ an der Ecke implantologisch tätig sein? Wie viel postgraduale Weiterbildung werde ich in Zukunft brauchen, um auf dem Stand der aktuellen universitären Ausbildung zu praktizieren? Mit dem eingeschränkten Blick eines Hochschullehrers steckt in diesen Fragen durchaus Brisanz. So lohnt es sich, mindestens über den Zeitraum eines Augenblicks die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken.

Mit Verabschiedung der Approbationsänderung durch den Bundesrat im Juni dieses Jahres wird das Studium der Zahnmedizin in den kommenden zwei Jahren wesentlich umgestaltet. In diesem Zusammenhang finden zahlreiche Diskussionen um die künftigen Lehrinhalte statt. Zeitgemäße Themen, die in der alten Ordnung von 1955 bislang kaum Berücksichtigung fanden, sollen nun stärker in den Fokus rücken. Dies betrifft im hohen Maße auch die Implantologie. In Erwartung dieser Entwicklung lief – von der Martin-Luther-Universität angestoßen – zwischen Juni und Dezember 2018 eine Online-Meinungsumfrage auf der Plattform SoSciSurvey, deren Link über die ZZI, den DGI-Newsletter und Social-Media-Netzwerke verbreitet wurde. Studierenden, in freier Praxis arbeitenden Zahnärzten und Hochschullehrern wurden verschiedene Fragen zu implantologischen Lehrinhalten gestellt: Sollten Studierende implantieren und Implantate versorgen dürfen? Wenn ja, welche Kenntnisse bzw. Fertigkeiten müssten sie vorher nachweisen und mit welchen Techniken sollten welche Indikationen versorgt werden?

An der Umfrage beteiligen sich von den derzeit rund 8500 Mitgliedern der DGI weniger als 3 %. Die Ergebnisse können daher zumindest quantitativ nur begrenzt als repräsentativ betrachtet werden. Zu Auswertungszwecken wurden die 208 Teilnehmer in drei Gruppen eingeteilt: Anfänger (Studierende und Vorbereitungsassistenten: 41 %), Zahnärzte (angestellte und selbstständige Zahnärzte: 50 %) sowie Lehrende (an einer Universität/Hochschule angestellte und in der zahnärztlichen Ausbildung tätige Zahnärzte: 9 %). Zum Umfragezeitpunkt hatten 51,4 % der Teilnehmer noch keine Implantationserfahrung, während 20,2 % bereits über 500 Implantate inseriert hatten (vgl. Abb. 1).

Die Gruppe der Anfänger war überaus positiv gegenüber einer umfangreichen Implementierung implantologischer Lehrinhalte eingestellt. Deutlich weniger euphorisch positionierten sich die Gruppe der Zahnärzte und, fast skeptisch, die Gruppe der Lehrenden (vgl. Abb. 1). Grundsätzlich zeigte sich: Je mehr Implantaterfahrung, desto kritischer die Position.

Während alle Gruppen die Sinnhaftigkeit einer soliden Grundlagenvermittlung, der Implantatplanung und der Vermittlung profunder Kenntnisse zur Implantatnachsorge übereinstimmend bejahten, bestanden deutliche Differenzen hinsichtlich der Fragestellung, ob Studierende Implantate inserieren oder gar Knochen augmentieren sollten. Dies wurde von der Mehrzahl der Lehrenden und Zahnärzte strikt abgelehnt. Diejenigen, die eine Implantatplanung und -insertion durch Studierende befürworteten, präferierten mehrheitlich eine DVT-gestützte digitale Implantatplanung und Implantation nach Lappenbildung unter Verwendung einer DVT-gestützt geplanten CAD/CAM-gefertigten Bohrschablone. Die ersten Schritte sollen folglich mit Netz und doppeltem Boden erfolgen.

Hinsichtlich der prothetischen Versorgung wurden die Anfertigung von Einzelzahnkronen und Brücken im Seitenzahnbereich sowie die Herstellung von Deckprothesen auf Einzelverbindungselementen von allen drei Gruppen befürwortet (vgl. Tab. 1).

Bezüglich der als erforderlich erachteten Voraussetzungen vor einer ersten Implantation bzw. Implantatversorgung bestanden ebenfalls deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen (vgl. Tab. 2). Während die Anfänger zwar Extraktions- und Abformerfahrungen sowie chirurgische und prothetische Assistenzen als sinnvoll erachteten, forderten die Zahnärzte erweiterte chirurgische Kenntnisse und Fertigkeiten auch im Bereich der operativen Weisheitszahnentfernung und Wurzelspitzenresek­tionen sowie der präprothetischen Chirurgie. Lehrende maßen der operativen Weisheitszahnentfernung und Wurzelspitzenresektion weniger Bedeutung bei, forderten allerdings ebenfalls praktische Erfahrungen in präprothetischer Chirurgie und in der Herstellung von konventionellem festsitzendem und herausnehmbarem Zahnersatz.

Aus den Ergebnissen wird deutlich, dass bei Anfängern großes Interesse an einer umfangreichen implantologischen Ausbildung in Theorie und Praxis besteht. Der dafür erforderliche Rahmen an praktisch-chirurgischer Erfahrung sollte in der Wunschvorstellung dabei allerdings nicht zu weit gesteckt sein. Dieser Gesichtspunkt bedarf einer unbequemen Anmerkung: Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Implantationsanfänger mit größerer Berufserfahrung und längerer oralchirurgischer Praxis ihre eigenen Implantationsergebnisse kritischer bewerten als weniger erfahrene Kollegen. Darauf aufbauend, bleibt zu hinterfragen, ob nicht auch das Erkennen interventioneller Komplikationen einer gewissen Erfahrung bedarf. Hochschullehrer und erfahrene Kolleg(inn)en könnten unterschwellig die mit einer Implantation einhergehenden Risiken aus der Erfahrung heraus als bedeutsamer einschätzen. Unter Beachtung des Indikationsspektrums lässt sich dank moderner Planungs- und Operationsmöglichkeiten das Gefahrenpotenzial einer Implantation jedoch wesentlich eingrenzen. Eine der wichtigsten Aufgaben der studentischen Ausbildung – bezogen auf die Implantation – wird daher wohl in Zukunft darin bestehen, Berufsanfängern diesen Fachbereich nicht vorzuenthalten, sondern die zweifelsohne vorhandene hohe Motivation zu nutzen und einen behutsamen und risikoarmen Weg zum ersten Implantat aufzuweisen.

Fazit: Zweifellos steht die Grundausbildung im Fachbereich Implantologie vor dem Umbruch. Für das Zahnmedizinstudium werden sowohl von Anfängern als auch von Lehrenden und in freier Praxis arbeitenden Zahnärzten solide theoretische Kenntnisse und Fertigkeiten im Bereich der Implantatplanung und Nachsorge sowie Versorgung einfacher Restaurationen (Einzelkronen und Brücken im Seitenzahnbereich, SAC-Klasse I) gefordert. Unter Berücksichtigung moderner Planungs- und Implantationstechniken (DVT-gestützte Implantatplanung und Herstellung von Bohrschablonen) könnten auch einfache Implantationen unter direkter Supervision umgesetzt werden. Gerade von den erfahrenen Zahnärzten werden dabei jedoch profunde chirurgische und prothetische Vorerfahrungen gefordert. Inwiefern sich dieser Anspruch im curricularen universitären Alltag in einer begrenzten Ausbildungszeit und mit begrenzten Lehrkapazitäten und begrenztem Lehrpersonal umsetzen lässt, bleibt abzuwarten. →


(Stand: 26.11.2019)

Die beiden Ausgaben der Kongresszeitung SPECTATOR CONGRESS zur DGI-Jahrestagung 2019 bietet einen umfassenden Ausblick auf das Implantologie-Event in Hamburg.

1. Ausgabe (September 2019)
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