Henrys GedankensplitterInvasion der Ideen

Roboter in der Medizin

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Schlüsselwörter: Cyborg Haftungskonzepte Medizin-Roboter Workflow-Systeme Yomi Zivilrechtliche Regelungen

Roboter sind in der industriellen Produktion mittlerweile Alltag, beispielsweise in der Fertigung der Automobilindustrie. Im deutschen verarbeitenden Gewerbe kamen 2019 laut dem World Robotics Report auf 10.000 Beschäftigte 346 Industrieroboter. In absoluten Zahlen ausgedrückt sind hierzulande in diesem Bereich aktuell 221.500 Roboter im Einsatz.

Einen Boom beschreiben die Experten der International Federation of Robotics (IFR) in ihrem unlängst veröffentlichten Jahrbuch World Robotics 2020 vor allem im Bereich der Service- und Assistenzroboter. Diese kommen etwa in der Logistik, im häuslichen Umfeld, in Rehabilitationskliniken oder in Operationssälen zum Einsatz. Die COVID-19-Pandemie sorgt für zusätzliche Impulse. Groß sei die Nachfrage nach Desinfektionsrobotern, Logistik­robotern in Fabriken und Lagerhäusern oder nach Robotern für die Zustellung von Waren bis an die Haustür, berichten die IFR-Experten.

Rekordhalter sind die Medizin-Roboter. Das ertragsstärkste Segment bei den professionellen Service-Robotern sind Medizinroboter mit einem Marktanteil von 47 Prozent im Jahr 2019. Dazu tragen vor allem Robotersysteme bei, die in der Chirurgie eingesetzt werden und die höchsten Einzelpreise erzielen. Der Umsatz bei den Medizinrobotern insgesamt erreichte einen neuen Rekordwert von 5,3 Milliarden US-Dollar. Rund 90 Prozent der Medizinroboter stammen von amerikanischen und europäischen Anbietern. Bis 2022 rechnet die IFR weiterhin mit einem großen Marktpotenzial: Der Umsatz könnte sich auf 11,3 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppeln.

Im Jahr 2016 demonstrierten US-amerikanische Wissenschaftler, dass ein selbstständig operierender Roboter unter hochstandardisierten experimentellen Bedingungen bei bestimmten chirurgischen Arbeitsschritten seinen menschlichen „Kollegen“ überlegen war. Damit autonome Roboter sicher und effektiv auch ohne menschliche Steuerung agieren können, sind jedoch noch weitreichende Entwicklungen erforderlich. Diese könnten – so schätzen Experten – bis zum Ende dieses Jahrhunderts erreichbar sein. Die Kombination von künstlicher Intelligenz (KI) mit der taktischen Präzision des Roboters wird dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Der Robotereinsatz in der Medizin ist vielfältig und entwickelt sich mit enormer Geschwindigkeit. Die Bandbreite lässt sich anhand der Interaktionen beschreiben, die ein Roboter ausführt (s. Brucksch):

Handling- und Assistenzsysteme führen überwiegend Interaktionen mit der physischen Umgebung aus. Sie haben bereits heute eine erhebliche Verbreitung in der Medizin. Hierzu zählen insbesondere Operations-, OP-Assistenz-, Positionierungs- und Bewegungssysteme.

Workflow-Systeme dienen der Interaktion mit und von Maschinen und Materialien. Hierzu zählen insbesondere Laborroboter und Dispositionssysteme. Laborroboter übernehmen die Probenaufbereitung und Probenzufuhr. Dispositionssysteme umfassen Arzneimittel- und Medical Supply-Lager und Transportsysteme.

Servicesysteme lassen sich in reine Servicesysteme und Convenience-Systeme unterteilen. Beide Systeme führen Interaktionen zwischen Menschen und Maschinen aus. Zumeist handelt es sich dabei um eine personen- und aufgabenangepasste Unterstützung oder um Substitutionen manueller Tätigkeiten von Menschen durch eine Maschine. Dies geht deutlich über einfache Hol- und Bringdienste hinaus und umfasst heute bereits Betreuungsaufgaben und therapieunterstützende Maßnahmen. Convenience-Systeme sind auf die Übernahme von Funktionen durch Roboter zur Erleichterung der Lebensführung ausgerichtet. Betreuungsaufgaben und therapieunterstützende Robotiklösungen lassen sich ebenso in diese Kategorie einordnen.

Substitutions- und Ergänzungssysteme bilden die vierte Gruppe der Roboter mit Einsatz in der Medizin. Hierzu zählen u.a. Exoskelette und intelligente Implantate.

Den Cyborgs kommt eine Sonderstellung zu. Ursprünglich waren sie Helden und Fieslinge in großen Hollywoodstreifen. Heute gelten als Cyborgs jene Menschen, in deren Körper technische Geräte nicht ausreichend leistungsfähige Organe unterstützen oder ersetzen. Beispiele für solche künstlichen Bauteile sind Chips oder Implantate, welche die Funktion von sensorischen oder physiologischen Systemen übernehmen, etwa Cochlea- und Netzhaut-Implantate oder eine künstliche Bauchspeicheldrüse.

Zivilrechtliche Regelungen. Die Entwicklung der Robotik stellt die Gesellschaft, die Medizin und nicht zuletzt die Rechtsordnung vor neue Herausforderungen. Der Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments hat beispielsweise „Zivilrechtliche Regelungen im Bereich Robotik“ verfasst, und das Europäische Parlament hat am 16. Februar 2017 dem Bericht zugestimmt. In diesem werden u.a. gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen, Haftungsfragen, der Schutz geistigen Eigentums, Datenschutz- und Datensicherheit, soziale sowie ethische Aspekte der Anwendung intelligenter Robotik behandelt.

Neue Haftungskonzepte. Angesichts der Vielzahl denkbarer Szenarien müssen neue Konzepte für die Haftung und die Haftungsteilung ausgearbeitet werden. Neue Rechtsgrundlagen dafür werden bereits in der Rechtswissenschaft diskutiert, wie z.B. analog der Gefährdungshaftung für neue Technologien, jener im Straßenverkehr, in der Luftfahrt, bei der Verwendung von Kernenergie, dem Betrieb gentechnischer Anlagen, bei Produktfehlern oder der Anwendung von Arzneimitteln. Des Weiteren wird bereits über staatliche sowie ggf. private Entschädigungsfonds, eine Versicherungspflicht für Roboter sowie ein Roboterregister nachgedacht.

Nicht zuletzt gibt es ernst zu nehmende Überlegungen, die rechtliche Trennung von Menschen und Maschinen aufzuheben und dem autonom handelnden Roboter einen Status als neue Entität zuzuschreiben. So könnten neben den existierenden Rechtsformen der natürlichen Person und der juristischen Person den Robotern der neue Status einer „elektronische Person“ (engl. e-person) verliehen und somit Roboter als rechtlich relevante Entität eingestuft werden. Diese eigenständige Konzeption würde die Abgrenzung der Roboter von natürlichen und juristischen Personen erlauben und den autonom handelnden Robotern spezifische Rechte und Pflichten zuweisen können. Hierbei könnte sachgerecht jeweils zwischen den Roboterarten unterschieden werden.

 

Die Zukunft der Chirurgie werde durch den Einsatz robotischer Assistenzsysteme geprägt, prophezeien Experten. In der Tat gewinnen solche Systeme in der Medizin an Bedeutung: Desinfektionsroboter reinigen OP-Säle, auf Berliner Intensivstationen begleiten Roboter im Rahmen eines Telemedizinprojektes die Ärzte bei ihrer Visite.

In der Zahnmedizin steckt die Robotik jedoch noch in den Kinderschuhen. In einer im Juni dieses Jahres veröffentlichten Analyse identifizierte ein Forscherteam nur 49 Publikationen zu diesem Thema in der Datenbank PubMed. „Bislang haben es nur wenige Roboteranwendungen in die Realität geschafft und waren zumeist auf Pilotanwendungen beschränkt“, schreiben die Fachleute. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Tätigkeit von Zahnärzten oder MKG-Chirurgen dereinst von Robotern ausgeführt werde, sei gering“, trösteten die Zahnärztlichen Mitteilungen 2016 ihre Leserschaft aufgrund einschlägiger Untersuchungen. Das scheint noch immer zuzutreffen: Besucht man 2020 die Website des US-amerikanischen Herstellers eines bereits 2017 für die Implantologie zugelassenen Roboterarms (Yomi), steht dort im Bereich „Finden Sie einen Yomi-Zahnarzt“ nur ein Satz: „coming soon“.

→ Barbara Ritzert

Kommentar. Angesichts der Entwicklungen sitzt uns auch hier die Zukunft im Nacken, und wir sollten alles dafür tun, dass wir die Vorteile der Robotik nutzbar machen, Nachteile minimieren und uns dabei ethisch verantwortungsbewusst verhalten. Denn wie sagte schon Victor Hugo 1877: „On résiste á l´invasion des armées; on ne résiste pas á l´invasion des idées” – man kann der Invasion von Armeen Widerstand leisten, nicht aber einer Invasion von Ideen.

Literatur

Beck: Über Sinn und Unsinn von Status­fragen – zu Vor- und Nach­teilen der Einführung einer elektronischen Person, in: Hilgendorf/Günther (Hrsg.): Robotik und Gesetzgebung. Beiträge der Tagung vom 7.−9. Mai 2012 in Biele­feld, Baden-Baden, 2013, S. 255 ff.

Brucksch: KI und Robotik als Innovationstreiber in der Medizin, in: Hanika (Hrsg.): Künstliche Intelligenz, Robotik und autonome Systeme in der Gesundheitsversorgung, 2019, S. 43 ff.

Europäisches Parlament, Bericht mit Empfehlungen a.d. Kommission zu zivilrechtlichen Regelungen im Bereich Robotik (2015/2103(INL), 2017

Fioranelli: Künstliche Intelligenz, Robotik sowie autonome Systeme in der Pflege aus ethischer, gesundheitsökonomischer und rechtlicher Sicht, 2017, S. 68 m.w.N.

Günther: Roboter und rechtliche Verantwortung, 2016

Hanika: Künstliche Intelligenz, Robotik, und autonome Systeme, in: Hanika (Hrsg.): Digitalisierung und Big Data im Universum des Rechts, 2018, S. 268 ff.

Hanisch: Haftung für Automation, 2010, S. 174 ff.

Hugo: Histoire d´un crime – Déposition d´un Témoin, 1877, S. 600

Prof. Dr. iur. Heinrich („Henry“) Hanika ist Seniorprofessor für Wirtschaftsrecht und Recht der Europäischen Union an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. Er leitet an dieser Hochschule auch das DIG-Zentrum für Digitalisierung im Gesundheits­wesen. Das Zentrum bietet Praxisseminare mit Themenfeldern zur digitalen Transformation, zu Datenschutz sowie Informationssicherheit und Datenschutz-Audits für Einrichtungen und Unternehmen im Gesundheitswesen an. Informationen: www.bit.ly/dig-zentrum


(Stand: 25.11.2020)

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